7.10.2015: Von Biarritz ins Baskenland oder was Grenzen eigentlich sind.

Ich frühstücke mit meinem Zimmergenossen, einem Programmierer aus Paris, ungefähr mein Alter. Patrick ist ein ganz feiner Mensch. Unscheinbar, leise, überlegt. Wir legen eine seltene Weise, zu kommunizieren, an den Tag. Er lässt mich aussprechen, wartet und versucht zu verstehen, ich sehe geradezu, wie er meine Worte und Sätze erst „schmeckt“, bevor er darauf antwortet. Pausen zwischen Wortmeldungen tun gut, merke ich. Das ist ein seltener Genuss, auf den ich mich nur allzu gern einstelle. Das ist Zuhören zum Wohlfühlen, was wir da zelebrieren: Nachfragen, verstehen wollen, ausreden lassen, Nachdenkzeiten geduldig abwarten.

Wir unterhalten uns über Grenzen. Warum es sie gibt und ob es sie überhaupt geben muss. Das Bewahren von Kulturen fällt uns ein. Doch was ist das, Kultur? Vorstellungen von Normen, Vorlieben für Musik, bildende Kunst, Sprache, Essen, Trinken, Filme, Kleidung, und so weiter? Patrick meint, Kultur sei menschverbunden, also eigentlich alles, was Menschen denken, glauben, wissen, tun. Hmm, ist mir jetzt ein wenig abstrakt. Wenn das so wäre, gäbe es ja keine Kultur-Unterschiede zwischen Menschen sondern höchstens Unterschiede in den Ausprägungen von Kultur. Und die fangen ja schon bei mir und meinen Kindern an. Wir haben völlig unterschiedliche Kulturen, da wir unterschiedlich denken, glauben, wissen, tun. Der Große findet Technik spannend, ich das Reisen. Der Kleine will ins Business rein, ich will eher raus. Meine Tochter liebt Pferde, ich finde Hunde spannender. Wenn das keine Kultur-Unterschiede sind. Muss ich jetzt Grenzen ziehen zwischen meinen Kindern und mir? Da kann es doch sein, dass ein afghanischer Mittvierziger mehr gemeinsame Kultur mit mir hat als einer meiner Söhne. Auch wenn das alles plakativ klingt, stellen wir fest, dass Kulturunterschiede kein ausreichender Grund sein kann und darf, um Grenzen zu ziehen und abzusichern.

Nachdem wir festgestellt haben, dass sich per definitionem jeder Mensch von jedem anderen Menschen kulturell unterscheidet und abgrenzen lässt, wollen wir mal auf die Gemeinsamkeiten schauen.

Ich frage den Franzosen, ob er schon mal anhand von Kleidung, Frisuren, Essgewohnheiten und der Art, wie die jungen Leute auf ihre Telefone starren zumindest erste Hinweise auf die Nationalität der jungen Leute hätte. Hat er nicht. Ich auch nicht. Es ist doch egal, ob ich in Berlin, Madrid, Paris, Istanbul, Hongkong oder Stockholm bin – alles sieht gleich aus, alle – zumindest die jungen Leute – sehen gleich aus. In der Lost-and-Found-Lodge in Panama konnte ich nicht erkennen, woher die Leute kamen. Und sie kamen aus allen, wirklich allen, Gegenden der Welt. Und sie hatten alle den gleichen Habitus. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, gleichen Telefone, auf denen die gleichen Apps und die gleiche Musik laufen. Alles gleich. Wozu also noch Grenzen? Unterhalten wird sich auf englisch, so wie wir beiden hier in Biarritz das jetzt auch tun. Durch die großen Konzerne und Franchise-Ketten sehen die Innenstädte der europäischen Länder auch mittlerweile alle gleich aus. Und dank IKEA wohl auch die Wohnungen in den Städten auf der ganzen Welt.

Patrick fragt sich laut, ob wir den großen Konzern-Multis dankbar sein müssten für das Angleichen von Kulturen und somit das Niederreißen von Grenzen.

So – da sitzen wir nun und schauen uns ratlos an. Sind Grenzen anachronistisch?

Nein, wohl nicht. Hier, im Baskenland, lehrten sie wieder auf baskisch an den Schulen, sagt der Franzose. Und in Deutschlands Osten schreiben sie zweisprachige Ortsschilder, sage ich. Deutsch und Sorbisch, einer Sprache, von der ich nie was hörte, bis ich in der Zeitung las, dass sie jetzt in Cottbus und Bautzen auf dem Ortseingangsschild steht. Und im Sommer sah, dass das so ist. Wobei das Sorbische in Bautzen mit Farbe übersprüht war.

Sind das jetzt Gegenbewegungen gegen die Globalisierung? Baskisch in Schulen, sorbisch auf Ortsschildern?

Pflanzen, sagt mein Frühstückspartner. Die bräuchten bestimmte regionale Bedingungen und wahrten die Kulturen. Monsanto, sage ich. Die sorgen dafür, dass es bald gleiche Pflanzen auf der ganzen Welt gibt, die überall wachsen können. Außerdem haben wir noch Laster, Schiffe und Flugzeuge. Im Januar kann ich in Deutschland frische Äpfel aus Chile essen. Jim Blocks argentinisches Steakhaus in Hannover ist stolz darauf, dass argentinische Steaks in Kühlflugzeugen eingeflogen werden. Ägyptische Grabräuber sorgen dafür, dass in den Wohnzimmern der Bonzen sich Kulturen aus dem Orient mit hipper Modern Art vermischen.

Wir beschließen: Wenn schon alles auf der Welt gleich ist und Kulturen hin und her transportiert werden, können wir die Grenzen eigentlich auch auflösen. Grenzen sollten – zumindest als Ergebnis unseres Gesprächs – durchaus mal einer eingehenden Paradoxie-Prüfung unterzogen werden. Das schaffen wir jetzt nicht.

Patrick will aufbrechen, er wandert in dieser Gegend. Will heute noch auf dem Küsten-Jakobsweg nach Saint Jean de Luz. Ich auch, nur nicht zu Fuß sondern mit dem Rad.

Draußen regnet es. Es ist bereits elf Uhr und ich will heute noch nach Pamplona, über die Pyrenäen. Ich ziehe meine Regenklamotten an und fahre los. Das Wetter über dem Atlantik ist schon dramatisch. Düstere graue Regenwolken bilden sich neben weißen Haufenwolken und zwischendurch sogar mal eine blaue Lücke mit freier Sicht ins Weltall.

Weil es permanent hoch und runter geht, schwitze ich und ziehe meine Plastiksachen aus. In einer Bäckerei in Saint Jean de Luz komme ich mit der Bäckerin ins Gespräch. Sie ist Baskin, spricht spanisch und redet ein wenig baskisch, um mir zu zeigen, wie anders diese Sprache ist. In der Tat: Ich verstehe rein gar nichts. Nicht mal das Wort für „Guten Tag!“ kann ich mir länger als zwei Sekunden merken. Niemand wüsste, woher diese Sprache käme, meint sie. Sie sei kompliziert und würde nur hier in den fünf Verwaltungsbezirken des französischen und spanischen Baskenlandes gesprochen. Vergleiche mit anderen Sprachen könne man nicht ziehen. Ich bin verwundert: Wie das Französische oder Spanische sollte diese Sprache doch einen romanischen Stamm haben, zumindest einen indogermanischen. Nein, meint die Bäckerin, die gerade leckerste Croissants für ihren Ofen rollt. Ich lerne, dass das Baskische von den anderen Sprachen verdrängt worden wäre und nur noch hier, in der früher – und auch heute noch – unwirtlichen Gegend am Atlantik und in den Pyrenäen überlebt hätte. Vor tausend Jahren hätten die meisten Menschen in Spanien arabisch gesprochen. Und heute? Nur noch die Einwanderer und Migranten aus arabischen Staaten. Und die würden sich anpassen und Spanisch lernen. Die Basken würden so was nie tun, sagt meine Gastgeberin, sie hätten ein so starkes Selbstbewusstsein, dass diese Sprache niemals aussterben würde. Selbst wenn es nur noch hundert Basken auf der Erde geben würde, würden diese untereinander niemals eine andere Sprache sprechen. Ich frage, wieviele Basken es denn überhaupt gebe. Keine Million, sagt sie. Das muss ein wirklich stolzes Volk sein, denke ich.

Sie bestätigt, was ich von dem Basken, den ich in Guatemala traf, auch hörte: Ein Baske kommt nicht aus Frankreich oder aus Spanien. Er kommt aus Pais Vasco. Und spricht Spanisch oder Französisch höchstens als Fremdsprache.

Ich frage, warum die Spanier und die Franzosen den Basken nicht einfach ihr Land lassen. Wenn wir schon Grenzen ziehen, dann können es doch auch beliebig viele sein. Die Augen der Frau fangen an zu glänzen. Das wünschen sich alle hier, meint sie. Die Basken seien so viel anders als die Franzosen und erst recht als die Spanier. Hmm, ich nehme das einfach mal so hin und werde aufmerksam vergleichen. Mein Gespräch mit Patrick von heute morgen wird gerade konterkariert.

Saint Jean ist ein malerischer Fischerort, wie er in den Prospekten der Tourismus-Industrie nicht schöner hätte fotografiert werden können. In der Altstadt reihen sich Fachwerkhäuser aneinander wie ich sie sonst in Frankreich höchstens an der Loire oder im Elsass mal gesehen habe, aber hier im Süden nie erwartet hätte.

Auf meiner Weiterfahrt frage ich mich, warum es überhaupt Gründe gibt, einen Staat zu gründen. Und was denn dann so ein Staat darf und was nicht. Und ob Staaten – wir sprechen von ihnen ja manchmal wie von Individuen – sich nicht auch so verhalten könnten wie Personen. Das wäre spannend. Wir alle ächten die Sklaverei. Kein Mensch darf einen anderen Menschen als Sklave halten. Jetzt frage ich mich, was denn Sklaverei ausmacht. Der Sklavenhalter sieht seine Sklaven als Eigentum, als reine Ressource, als kauf- und verkaufbares Mittel – nicht als Zweck. Essen, Trinken, Regeneration – alles das dient lediglich dem Erhalt der Ressource, nicht der Erbauung des Menschen.

So. Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel das Verhältnis der USA zu Kuwait anschaue oder von Apple zu Foxconn, um mal Firmenbeziehungen mit ins Spiel zu bringen, dann kann ich durchaus Parallelen ziehen. Das sind sklavenähnliche Beziehungen – nennen wir es von mir aus auch Zwangsarbeit (was keinen signifikanten Unterschied in den Gedanken ausmacht), die dort aufgebaut und gepflegt werden. Was für Menschen verboten ist, ist Unternehmen und Staaten erlaubt. Nehmen wir mal an, ich gründe einen Staat in Europa und in Afrika gründet ein Afrikaner einen anderen Staat. Wenn dieser Afrikaner nun seine wirtschaftliche oder militärische Überlegenheit nutzt, um mich als Mittel für seine Zwecke einzusetzen, dann ist das zwischenmenschlich gegen die Menschenrechte und sogar strafbewehrt, aber zwischenstaatlich legitim und legal. Warum eigentlich? Und welche Sicht gilt? Warum ist Firmen und Staaten erlaubt, was einzelnen Menschen verboten ist?

Direkt an der Steilküste erwischt mich ein Hagelschauer. Ich schaffe es nicht mal, meine Regensachen aus den Satteltaschen zu holen und überzuziehen sondern hocke mich hinter einen Busch, da die Hagel horizontal vom Atlantik geflogen kommen. Der eingemischte Regen tropft dann vertikal vom Busch und somit bin ich dann doch auch nass. Nach einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei und der Atlantik raunt ruhig vor sich hin.

Nun kann ich die Pyrenäen schon sehen. Bald biege ich links ab, lasse den Ozean hinter mir und fahre in das erste Tal. Hier ist es kalt und nass und ungemütlich und meine Erkältung meldet sich noch mal mit den letzten Ausläufern. Auf einen weiteren Hagel- oder Regenschauer habe ich keine Lust, ich nehme mir ein Hotelzimmer, koche mir auf dem Zimmer meinen Abendbrei, dusche heiß und gehe früh ins Bett. Dann mache ich die Pyrenäen eben einen Tag später. Ich bedauere, dass es wieder kälter wird. Das Wetter ist schon ein bedeutender Wohlfühlfaktor für mich als Radreisender. Und das Wetter kennt keine Grenzen. Oder doch? Ich bin zufrieden mit meinem Tag. Einem grenzenlos lehrreichen Tag, der jetzt seine zeitliche Grenze erreicht.

Dienstag, 6.10.2015: Keine Schlangen am Anfang, dafür Quallen zum Schluss oder: Warum Kinder kriegen?

Das war eine erholsame Nacht! Es windete laut und regnete, aber das waren alles Geräusche der Natur. Und wenn Wind und Regen aussetzten, hörte ich das Meeresrauschen.

Ich schaue in meine Schuhe und Strümpfe, kein Reptil in Sicht.

Das verbliebene Wasser in meinen Flaschen reicht leider nicht mehr für einen Frühstücksbrei plus Tee, also koche ich nur den Tee, esse den Rest Baguette mit Fromage Blanc (eine Art Joghurt), Honig und Nüssen. Auch lecker.

Der Wald hier spendet Ruhe. Eine momentane äußere Ruhe, die auch nach innen strahlt. Die auch eine endgültige Ruhe sein kann. Der Wald flößt mir Respekt ein und fasziniert mich. Ich fühle mich irgendwie in den Wald gehörig. Ich bin kein Wüstenmensch, kein Bergmensch, kein Steppenmensch. Ich bin ein Waldmensch. Der Wald wird sich sein Terrain zurückholen, wenn wir Menschen nicht mehr sein werden. Der Wald muss nur warten, dann wird er seine leise Kraft, seine unaufhaltsame Expansion ansetzen. Dann wird es wieder undurchdringliches Dickicht geben, karge Lichtungen, Wildwechselpfade, Brunft- und Vogelschreie, dann wird der Wald wieder der Hänsel-und-Gretel-Wald sein, wie ich ihn mir als Kind ausmalte. Nur ohne Hänsel und Gretel.

Wie ich hier so sitze, frage ich mich, ob wir eigentlich eine Aufgabe im Leben haben sollten. Nicht Sinn, sondern Aufgabe. So wie Schriftsteller manchmal getrieben sind, ein bestimmtes Buch (über wen auch immer) zu schreiben. Oder Wissenschaftler, etwas Bedeutendes (für wen auch immer) herauszufinden. Eine Aufgabe, die uns abhält, in Prokrastenie, also in sinnloses Streichholzschachtelsammeln oder Internetsurfen oder Fernsehgucken zu verfallen. Eine Aufgabe, die uns treibt. Aber wohin treibt? Eine Aufgabe als Trieb? So wie der Sexualtrieb? Der Sexualtrieb ist für die Menschheit der wichtigste Trieb. Und wenn wir alles, was uns treibt, als Aufgabe sähen (Fatalisten mögen Auftrag meinen), dann wäre Fortpflanzung zumindest aus Sicht der Gattung Mensch eine Aufgabe. Es deutet vieles darauf hin, dass das eigentlich unsere einzige – zumindest unsere wichtigste – Aufgabe ist. Die Aufgabe hätte ich persönlich dann in ausreichender Quantität und hervorragender Qualität erledigt. Jetzt muss ich noch so lange Verantwortung für meine Nachkommen übernehmen, bis sie selbst Kinder haben. Zumindest in der Lage sind, welche zu haben. Meine wichtigste Lebensaufgabe hat zwei Stufen: 1.) Kinder kriegen und großziehen (anteilig). 2.) Großvater werden. Diese zweite Stufe erfordert allein schon aufgrund der eigenen Passivitätsrolle ein großes Maß an Gelassenheit. Denn was kann ich schon tun, außer meine Kinder mit Wohlwollen ins Elternwerden zu begleiten? Ich kann ihnen von ihren Aufgaben erzählen und sie von der Erfüllung begeistern, die zumindest die erste Stufe bereit hält. Wenn dieser Funke überspringt, wäre Stufe zwei meiner Aufgabe angegangen.

Nun frage ich mich aber, ob eine Motivation von außen für meine Kinder und deren Kinderwunsch sinnvoll ist oder ob deren eigene Aufgabe nicht aus ihnen selbst heraus entspringen muss. Denn nur die Aufgaben, die ich mir selbst gebe, versprechen die Erfüllung, die sie haben müssen, um überhaupt als Lebensaufgaben angegangen sowie mit Ausdauer und Mühe vollendet zu werden.

Außerdem müsste ich mich fragen, ob es nicht noch eine dritte Stufe zum Urgroßvater gäbe. Und noch eine und noch eine und… ad infinitum. Absurd. Ich will ja gar nicht ewig leben.

Also kann ich Teil zwei meiner Lebensaufgabe streichen.

Was bleibt von diesem Gedankengang?

Ich kann jetzt hier im Wald sitzen und mich über die Ruhe freuen, die er mir gibt. Voller Zufriedenheit auf mein Leben schauen, in dem ich die wichtigste Aufgabe erfüllt habe. Da ich meine Aufgabe erfüllt habe, kann ich nun auch los lassen. Wohlwollender Beobachter und Begleiter werden. Verantwortung wieder abgeben, nur noch für mich übernehmen müssend. Das ist schön. Dann kann ich jetzt auch weiterfahren.

Die Radwege hier in Südfrankreich sind abseits der Straßen grandios schön. Zwischen Arcachon und Bayonne ist es paradiesisch. Düfte von Pinienwäldern und Kräuterfeldern wechseln sich immer wieder ab und vermischen sich mit der Gischt-Luft der Atlantikwellen, die der Westwind herüberträgt.

Am Nachmittag wechseln sich Schauer und Sonne ab. Direkt an der Steilküste zur spanischen Grenze hin erwischt mich ein Hagelschauer auf offener Strecke. Ich hocke mich neben mein Rad, der Hagel fliegt horizontal, so dass mich meine Packtaschen und der Gepäckträgeraufbau schützen. Ich habe nicht mal Zeit, meine Überlebensdecke rauszuholen und sie über mich und die Fuhre zu werfen, so schnell geht das.

In Biarritz laufe ich auf dem hiesigen Golfplatz ein. Unabsichtlich. Der Nobelort bietet spektakuläre Blicke auf den Atlantik – vor allem heute, wo fette Regenwolken über dem Ozean hängen. Da es wieder zu regnen beginnt, beschließe ich, in der Jugendherberge zu übernachten. So kann ich vor der ersten Pyreneen-Etappe nochmal warm duschen, Wäsche waschen und das nasse Zeugs trocknen lassen.

In der Jugendherberge blättere ich in meinem Tagebuch. Darin finde ich einen Zettel aus einem Glückskeks, den ich irgendwann mal öffnete: „Sie wissen sich auf stille Art durchzusetzen.“ steht da drauf.

Ich dichte ein Haiku, eine japanische Versform, daraus. Ein Haiku hat vier Zeilen, die erste bestehend aus drei Wörtern, die zweite aus vier, die dritte aus fünf und die vierte aus einem Wort.

QUALLEN

Sie wissen sich
auf stille Art durchzusetzen.
Streben mit Tentakeln jeden Fisch
durchzuätzen.

4./5.10.2015: Krank in La Rochelle, ein amerikanischer Weinkenner in Medoc und endlich Wärme!

4.10.2015

Nachts wache ich immer wieder auf. Weil entweder die Leute so laut sind oder weil die Nase zu ist und zu tropfen beginnt. Es geht mir besser als gestern, aber noch nicht gut genug, um bei den angesagten Wetterbedingungen an der Atlantik-Küste entlang zu radeln. Ich frühstücke erstmal in Ruhe und werde dann entscheiden, wie es weiter geht.

Das fällt mir extrem schwer, diese Entscheidung. Einerseits will ich radeln, andererseits sind alle äußeren Umstände gegen meinen Willen. Also befrage ich mal meine Vernunft. Die fragt mich, was ich denn zu verlieren hätte, wenn ich noch einen Tag hier bliebe. Hmm, nichts. Ich kann ja morgen nochmal ein paar Kilometer mit dem Zug fahren, um meinen Rad-Kilometer-Druck etwas zu entlasten. Eine Zugfahrt Richtung Süden, Richtung Sonne, Richtung Wärme. Das klingt gut, Vernunft, ich hör auf dich. Das Wetter soll zwischen Bordeaux und La Rochelle in den nächsten Tagen übel sein. Also lautet der Plan jetzt: Heute nochmal ausruhen, auskurieren. Morgen so weit wie möglich mit dem Zug nach Süden fahren, um es wärmer zu haben. Lieber in der spanischen Sonne ein paar Umwege radeln als im französischen Regen hetzen.

Ich lese. Ich lese über das Nichts. Das ist spannend. Wie klein muss das kleinste Kleine werden damit es vom Nichts nicht mehr unterschieden werden kann? Ist es nicht paradox, wenn man vom „Nichts“ redet? Ist das Nichts das Gegenteil von Unendlichkeit? Brauchen wir Raum und Zeit, um über diese beiden Begriffe zu denken?

Ich lese und lerne über die Leere in einem Atom, die nicht da ist, über elektromagnetische Wellen und Felder, Zeiten und Räume, gekrümmte Zeiten und Räume, das expandierende Universum, das Higgs-Vakuum und schließlich etwas über meine eigene Vorstellung von dem, was ich mir nicht mehr vorstellen kann: Weitere Dimensionen, neben Raum und Zeit. Spannend. Denkstoff ohne Ende für die nächsten Kilometer.

Im aktuellen Raum und Zeit, also hier und jetzt, regnet es. Ich ziehe meine Regensachen an und mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um mir eine Fahrkarte für morgen nach Bordeaux zu kaufen.

Der Zug wird um acht Uhr siebzehn abfahren.

5.10.2015

Die Nacht ist wieder unruhig, Jugendherberge eben. Während des Frühstücks regnet es. Für die zehn Minuten, die ich mit dem Rad zum Bahnhof brauche, hört es auf. Glück!

Aber der Zug nach Bordeaux fällt aus. Pech!

Hier ist es ein wenig chaotisch, weil gleichzeitig heftige Unwetter in Nizza und Cannes den kompletten Bahnverkehr dort lahm gelegt haben und das Auswirkungen bis hier her hat. Jetzt verstehe ich auch, warum das Wetter hier so schlecht ist – das sind die Ausläufer des Unwetters südlich der französischen Seealpen.

Eine halbe Stunde später fährt ein anderer Zug in irgendeine andere Stadt, in der ich umsteigen muss und von wo aus ich dann doch irgendwie in Bordeaux ankomme.

Es regnet.

Auf dem Gleis gegenüber fährt in zehn Minuten der Zug nach Arcachon. Ich steige ein, keine Lust auf Regen in Bordeaux.

Im Zug sitzen mir gegenüber ein älteres Ehepaar aus USA und auf der anderen Gangseite ein jüngeres Ehepaar aus USA und eine ältere Frau, die südamerikanisch aussieht. Die Reisegesellschaft kommt aus dem kalifornischen Napa Valley, dem ihrer Meinung nach besten Weinanbaugebiet der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, wir fahren am Rothschild-Weingut vorbei. Für einen kalifornischen Opus One zahlt man international zwischen 200 und 300 Euro die Flasche. Für einen 2012er Rothschild allein um die 500. Und eine Flasche Petrus aus der Region hier kostet ab 2.000 Euro. Nun ist Geld für mich kein Kriterium für Güte, aber für die Amerikaner schon. Ich lasse meine Gedanken bei mir. Die Leute sind nett. Das junge Paar hat gestern in Paris geheiratet, der Ehemann ist der Sohn des älteren Paares. Die ältere Frau ohne Mann ist die Mutter der Ehefrau und kommt aus Mexiko. Jetzt haben wir’s. Ich beglückwünsche das junge Paar und denke an John aus Nebraska, den ich im Kangaroo in Guatemala traf. Er wollte eine attraktive Frau, heiratete ebenfalls eine Latina samt Familie mit 16-jährigem Sohn, Schwager, mehreren Schwägerinnen und einer Schwiegermutter. Alle Letztgenannten bestimmen seit sechs Jahren sein Leben. Dann ist er für zwei Wochen ins Paradies ausgewandert, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der lateinamerikanische Familiensinn ist zumeist anders als unserer. Zumindest als Johns oder meines.

Egal, wir quasseln – mal auf spanisch, mal auf englisch – ganz interessiert und so geht die Fahrtzeit auch schnell rum. Der junge Ehemann arbeitet in einem Nobelrestaurant als Kellner und meint, dass er mittlerweile im Norden Kaliforniens ohne Spanischkenntnisse seinen Job nicht auführen könnte. Auch die älteren meinen, dass die spanische Subkultur aus dem Süden immer weiter in den Norden vordringen würde. In Los Angeles gebe es mittlerweile ganze Stadtteile, in denen gar nicht mehr englisch gesprochen werde. In Kalifornien lebten über zehn Millionen spanisch sprechende Menschen, insgesamt über ein drittel der Gesamtbevölkerung des goldenen Staates. Das finde ich spannend. Und insgesamt seien die USA mittlerweile das Land mit der zweithöchsten Zahl an spanisch sprechenden Menschen auf der Welt – nach Mexiko.

In Arcachon ist Endstation. Hier geht es mit dem Zug nicht mehr weiter, höchstens zurück nach Bordeaux. Jetzt muss ich also radeln – egal wie das Wetter ist. Ich fühle etwas, was meine Laune extrem anhebt und was mir den Regen auch egal sein lässt: Wärme! Mein Tacho zeigt 22 Grad!

Ich ziehe meine Rad-Klamotten an und fahre ganz locker los – schließlich bin ich noch erkältet.

Aus Arcachon raus führt ein Radweg durch ein Wald-Naturschutz-Gebiet, direkt am Atlantik entlang, perfekt, genial. Dann folgen hohe Dünen, dann wieder Wald. Ich pedaliere und genieße Landschaft und Temperaturen. Der Nieselregen, der sich hin und wieder einstellt, macht mir nichts aus. 25 Grad hat’s hier. Wow! Ich muss nicht um sechs Uhr abends mein Zelt aufstellen, weil es sonst kalt wird – nein, ich kann bis sieben mit Genuss fahren.

Heute campe ich im Wald, will mal wieder absolute Ruhe haben.

Auf einem Baumstamm sitzend und mein Abendessen vertilgend kriecht mir eine Schlange über den nackten Fuß. Aaaah, was für ein Schreck. Und es ist schon dunkel, meine Stirnlampe kann nichts mehr fokussieren. Mal sehen, wer mich heute nacht noch so alles besucht. Morgen früh schaue ich mir jedenfalls meine Schuhe ganz genau an, bevor ich sie anziehe.

3.10.2015: Erst ein Arzt, dann krank.

Meine Nase läuft, mein Hals tut weh. Aber das Frühstück ist sehr gut hier. Es gibt frisches Obst und alle möglichen französischen Back-Spezialitäten. Lecker.

Das Wetter schlägt nun auch um, so dass ich im Regen vom Hotel zum Bahnhof fahre.

Ich will erstmal nach La Rochelle und dann schauen, wie es mit meiner Gesundheit weiter geht.

Im Zug sitze ich neben einem seriösen Herrn in meinem Alter. Nach dem Bon Jour ist er zunächst – wie alle Franzosen den Ausländern gegenüber – etwas reserviert. Er fragt mich irgend etwas auf französisch, ich stammele zusammen, dass ich einfaches Französisch zwar verstehen, aber nicht sprechen kann. Er antwortet mir auf deutsch, dass mein Französisch besser sei als sein Deutsch. Das zweifel ich erstaunt an. Wir einigen uns auf Spanisch als Konversationssprache, obwohl er meint, er würde das nicht so gut sprechen. Diese Tiefstapler: Auf nahezu perfektem Spanisch erklärt er mir, dass seine Frau aus Guatemala kommt, er Arzt in Le Mans ist, eine Tochter in Deutschland studiert und eine in Mexico.

Und auf seinen Beinen liegen Musiknoten für spanische Gitarrenmusik in Englisch, die er für seinen privaten Unterricht bei einem Musikprofessor studiert.

Eric erzählt, dass er – genauso wie ich auf Reisen – ebenfalls jeden Tag spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen erlebt – als Arzt. Wieder einmal erfahre ich wichtiges über eine komplett andere Sichtweise auf die Welt und ihre Menschen und dass sie – die Einstellung zur Welt – den Unterschied zwischen Horror und Erfüllung ausmacht. Was mich nervt – das ständige Lamentieren über Krankheiten, Medikamente und Behandlungen – das ist für Eric fachliches und spannendes Tagesgeschäft. Was und vor allem wie Menschen über ihre Krankheiten und Befindungen erzählen, sage viel über sie aus, meint der Franzose. Das gebe viele Hinweise darüber, wie sie am besten zu behandeln seien. Als Landarzt hat Eric nicht den gleichen Zugriff auf die Hochtechnologie der Medizin, wie seine Kollegen in den großen Städten. Umso wichtiger sei das aufmerksame und konzentrierte Zuhören. Ich glaube ja, dass das sogar noch viel wichtiger ist als die Apparatemedizin. Auch Eric meint, dass der eigene Körper und dessen Wahrnehmung die beste Apotheke sei und die Ernährung die beste Medizin.

Wir kommen zur Musik. Ich selbst bin ebenfalls fasziniert von klassischer Gitarrenmusik und mag im Jazz-Bereich Charlie Byrd, den genialen Interpreten auch lateinamerikanischer Stücke. Schon sind wir tief im nächsten Thema. Eric liebt den argentinischen Tango und ich verrate, dass ich in meinem Gesangsunterricht mit meiner Lehrerin ebenfalls Tango-Lieder singen möchte, was allerdings viel Übung und Koordination braucht.

Die zwei Stunden Zugfahrt dauern gefühlt genau zehn Minuten.

Wahrscheinlich werden Eric und ich uns nie wiedersehen – dennoch gebe ich ihm eine Karte mit meinen Kontaktdaten. Vielleicht bleiben wir ja per Mail in Verbindung. Diese Vorstellung ist schön.

In La Rochelle regnet es, es ist kalt und der Wind vom Atlantik her ist durchdringend.

Als erstes kaufe ich mir einen Pullover. Jetzt weiterzufahren wäre Harakiri. Also suche ich mir ein Hotel. Durch Zufall fahre ich an einem Auberge-Jeunesse-Schild vorbei, das den Weg zur französischen Version der Jugendherberge zeigt. Dort fahre ich hin, quartiere mich ein und gönne mir in meinem Zustand ein Einzelzimmer. Ich packe meinen Kocher aus, bringe einen Topf Wasser zum Kochen, salze es und inhaliere eine viertel Stunde auf klassische Art. Mit dem Bettlaken über dem Kopf.

Das hilft mir mehr als jede Medizin. Danach lege ich mich schlafen. Ob ich morgen weiterfahre, weiß ich nicht. Mañana, mañana – das habe ich in Zentralamerika gelernt. Und wenn ich morgen nicht weiterfahre, dann halt nochmal mañana.

Nach dem Mittagsschlaf will ich ein wenig Bewegung, gehe mit der Kamera zu Fuß in die alte Festungsstadt. Die Früchte des Herbstes werden auf dem Bauernmarkt angeboten. Das Wetter vermiest ein echtes Sightseeing, und so kehre ich wieder um, gehe zurück in die Jugi und lese ein wenig.

Meine Bronchen signalisieren mir, dass die Entscheidung, hier zu bleiben, richtig ist. Es ist das erste Mal, dass ich auf Reisen krank bin. Abwarten und Tee trinken ist da eine gute Idee.

30.9.-2.10.2015: La Vie est belle! und ein Brief an die Franzosen

30.9.2015

La vie est belle! Die Bedingungen hier an der Loire sind im Moment zum Radeln einfach perfekt. Warmes Licht, Herbsstimmung, Rückenwind, der Fluss, die kleinen französischen Dörfer, das Essen – toll. Am liebsten würde ich diese Augenblicke, dieses Erleben mit der ganzen Welt teilen. Oder mit einem einzigen Menschen. Auf jeden Fall teilen. Das tue ich ja – über mein Reisetagebuch. Und später werde ich wieder zuhause von meiner Reise erzählen. Und sie dann nochmal erleben.

Jetzt sitze ich an der Loire und koche Risotto. Bin müde und freue mich auf meinen Schlafsack.

1.10.2015

Liebe Französinnen und Franzosen,

eigentlich wollte ich nur zu Lennart nach Madrid. Und eigentlich wollte ich mit dem Flieger von zuhause aus nach Faro fliegen und von dort losfahren. Eigentlich. Aber das Wetter war zu gut vorhergesagt und ich fuhr in Deutschland los. Und muss durch Euer Land. Seit Maubeuge fahre ich jetzt durch Frankreich. Und zwar quer durch, ohne auf touristische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen – na gut, Paris hab ich mitgenommen, aber es lag auch so’n bisschen auf dem Weg. Es ist ja auch schwer, an Paris einfach nur so vorbei zu fahren.

Na ja, jedenfalls bringt mich diese Reise Euch näher. Oder Euch mir näher. Ich habe den Eindruck, wir nähern uns an. Und das finde ich sehr überraschend. Weil, eigentlich mochte ich Euch nicht sonderlich. Vielleicht weil Ihr uns Deutsche nicht mögt. Ach was, weil Ihr niemanden mögt, außer Euch selbt. Le Grande Nation!

Vielleicht braucht es aber auch genau das, um so zu sein, wie die Gallier, die ich liebe, seit ich Asterix und Obelix lese. Und schließlich heißt es ja auch, dass nur derjenige andere lieben kann, der sich selbst liebt. Vielleicht mögt Ihr Franzosen uns ja doch und Ihr wisst es nur nicht? Auf jeden Fall habt Ihr das Zeug dazu, die Welt zu lieben. Versucht’s doch mal.

Ich mag mich jedenfalls auch und nutze das jetzt mal, Euch zu mögen.

Ihr lasst Euch auch nix sagen, weder von irgendwelchen amurösen Präsidenten in Paris noch von den Bürokraten in Brüssel oder einer deutschen Kanzlerin in Berlin.

Ihr macht Euer Ding, Euch kann man noch anmerken, ob Ihr gut drauf seid oder nicht.

Bei uns hat selbst bei der Laune der Kommerz Einzug erhalten. Wir müssen immer freundlich sein, wenn wir professionell sein wollen und uns das Geschäft oder der Kunde das diktiert. Da müssen gerade wir uns ganz schön verbiegen. Aber das Wachstum gebietet uns das. Und wachsen müssen wir, sagen die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler und die Unternehmer sowieso. Und da folgen wir Deutsche gerne den Diktaten unserer Eliten. Ihr seid da irgendwie rebellischer.

Kein Wunder bei Euren Vordenkern.

OK, mit Eurer Einstellung zur Kernkraft und zu Euren Atomwaffen kann ich nicht viel anfangen – da glaube ich, dass Ihr Eure Prioritäten noch mal überdenken solltet. Wäre doch schade um die Loire und Euer Land, wenn Euer Kraftwerk in Saint Laurent hochgehen sollte. Und bei starkem Westwind wäre das für uns Deutsche auch katastrophal.

Aber ich glaube, in ein bis zwei Politiker-Generationen seid Ihr so weit. Mitte der neunziger Jahre habt Ihr ja Euer Atombomben-Testprogramm nach den schweren Unruhen in Tahiti, die ihr damit verursacht habt, ja auch aufgegeben. Und in ein paar Jahren werdet Ihr auch Euer Schweigen dazu aufgeben und vielleicht sogar Euren Atommüll vom Mururoa-Atoll nach Frankreich zurückholen und die Menschen dort entschädigen, da bin ich mir sicher.

Ich bezeichne mich als Randonneur – das klingt irgendwie schöner als Radwanderer oder Radreisender. Danke an Euch für dieses schöne Wort. Für mich ist es unübersetzbar. Ihr warnt ja sogar Eure Autofahrer, wenn ein Rad-Schnellweg die Straße kreuzt. Das hat mich sehr begeistert.

Na ja, ich habe jedenfalls beschlossen, im nächsten Frühjahr gleich mal eine Woche Urlaub zu nehmen und einen Französisch-Intensivkurs zu belegen. Wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich Eure Sprache ja schon immer.

Ich bin froh, jetzt hier zu sein, das herausgefunden zu haben und freue mich darauf, über Eure Sprache noch ein wenig mehr Eurer Kultur kennen zu lernen.

Schönen Gruß erstmal!

2.10.2015

Der Tag an der Loire ist ein typischer Fluss-Radel-Tag. Die Bedingungen sind immer noch perfekt. Ich genieße immer wieder den leckeren Kaffee, die Croissants, Pain au Chocolat und die mit Äpfeln gefüllten Blätterteigtaschen. Das können nur die Franzosen so gut.

In Nantes komme ich ziemlich fertig an – ich habe mir eine Erkältung eingefangen. So beschließe ich, heute mal ausnahmsweise in einem Hotel zu übernachten und morgen mit dem Zug nach La Rochelle zu fahren, um während der Fahrt ein wenig auszuspannen und zu kurieren.

Das IBIS-Hotel in Nantes ist sehr luxuriös und ich genieße die heiße Dusche und das kuschelige Bett.

29.9.2015: Sightcycling durch Paris, einige Gedanken zur Zeit und dann an die Loire

Das Frühstück im Hotel ist gut, meine Wäsche ist gewaschen und trocken, die Batterien aufgeladen, die Sonne scheint, es ist wesentlich wärmer als im französischen Nordosten, kurz: es kann los gehen.

Ich rollere einfach durch die Stadt, lasse alles auf mich wirken. Einen Plan habe ich nicht, will nur den Montmartre mal wieder sehen und ansonsten an der Seine entlang fahren.

Montmartre ist nicht mehr wie ich es in Erinnerung habe. Früher saßen hier die Künstler auf dem zentralen Platz und malten oder verkauften ihre Werke wie auf einem großen Flohmarkt.

Heute ist der Platz zugestellt mit Tischen und Stühlen der anliegenden Cafés und Restaurants für die Touristen. Die Künstler sind weg. Wegkommerzialisiert. Ich bin enttäuscht. Vor der Kirche tummeln sich Japaner, Koreaner und Chinesen, unterhalten von rumänischen und bulgarischen Straßenmusikern. Das brauche ich nicht, ich lasse mich wieder runter rollen, nächste Station: Moulin Rouge.

Da war ich noch nie, bin überrascht, wie klein das Häuschen ist.

Ach, ich fahre jetzt zur Seine und dann an ihr entlang zum Eiffelturm. Vorher schaue ich mir noch den Louvre an, um dessen Pyramide herum allerdings eine einzige Baustelle ist. Irgendwie habe ich mir Paris gemütlicher und pariserischer vorgestellt.

Also gleich zur Seine. Dort kriege ich dann doch noch mein Paris. Ein Maler sitzt in der Sonne und malt das andere Ufer. Schräge Käuze pflegen ihre Hausboote, alte Frachtkähne, die sie mühe- und liebevoll umgebaut haben. Der Eifelturm steht vor der Mittagssonne, die mich wärmt. Ja, ich setze mich auf eine Kai-Mauer und genieße. La vie est belle.

Nach dem Eiffelturm fahre ich auf der anderen Seine-Seite wieder in Richtung Nordosten, Richtung Notre Dame. Unterwegs besuche ich eine großartige Foto-Ausstellung, Photoquai. Jetzt passt alles mit Paris. Stadt, Kultur, Sonne, Menschen, ich, Rad, Urlaub noch vor mir.

Genauso, wie ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris rein gespart habe, will ich mir die Fahrt aus Paris raus mit dem Rad durch die Vororte ebenfalls sparen und setze mich in einen Zug in Richtung Orleans.

Ich mag Paris, aber ich möchte in so einer großen Stadt nicht leben. Hier müssen die Müll-Leute nachts kommen, damit sie überhaupt durchkommen. Das war letzte Nacht so, von dem Krach bin ich kurz aufgewacht. Die Stadt ist voll, laut und leidet unter chronische Verstopfung. Die Verkehrsregeln werden befolgt, wenn’s passt oder extrem teuer wird. Die Polizei sieht’s locker, fährt selbst bei rot über die Ampeln.

Ich folge meinen Gedanken und bin überrascht, dass ich unterwegs so viele Einzelheiten, Details und Besonderheiten sehe. Diese machen die Tage unterwegs so kurzweilig, so schnell. Schneller als die, an denen ich zuhause bin, im Internet surfe oder lese oder arbeite. Reisetage sind kürzer als Routinetage. Dafür sind erstere voller und deren Zeit ist etwas besonderes.

Paradox: Wenn ich dann Ende 2015 zurückdenke an meine Reisen durch Zentralamerika, die Lausitz, an der Ostsee entlang, über den Rennsteig, vom Bodensee nach Wien oder die jetzige, dann kommt mir das Jahr so voll und so lang vor. Länger als ein reines Routinejahr. Das wird wohl damit zusammenhängen, dass ich so viel zum Erinnern habe. Und da ja das Leben für mich das ist, das ich erinnere und wovon ich erzählen kann, ist es durch meine Reisen länger.

Ach, was ist das überhaupt, die Zeit?

Seit dem Club der toten Dichter sollen wir im hier und jetzt leben, den Tag leben. carpe diem! Aber was ist das „Jetzt“ denn? Das „Jetzt“ bezeichnet einen Zeitpunkt, suggeriert, dass ich die Zeit anhalten könnte, indem ich „jetzt“ lebe. Geht das? Es gibt nur Vergangenheit und Zukunft. Jedes „Jetzt“ ist in dem Augenblick, in dem ich es ausgesprochen habe, Vergangenheit. Oder ist „jetzt“ doch ein Zeitraum? Wie lang soll der denn dann sein? Eine Sekunde, eine Minute, ein Tag? Ach ja, carpe diem, lebe den Tag! Das suggeriert, ich könnte die Zeit für einen Tag anhalten. Der Tag als Zeitpunkt.

Ist es nicht absurd, im Jetzt leben zu wollen? Wir sind Treibholz im Fluss der Zeit. Ich kann zwar nicht sagen, was passiert, wenn die Zeit irgendwann mal aufhört zu existieren (das wird sie, sie hat ja irgendwann auch mal angefangen, zu existieren), aber ich kann sagen, dass ich mein Leben im 2o. und 21. Jahrhundert leben muss und daraus das Beste mache. Nicht im Jetzt und nicht den Tag. Sondern das Leben insgesamt, als untrennbare Gesamtheit aller bisher erlebten und noch zu erlebenden Zeit, als in meiner Zeit lebend. Ich fülle es mit Erinnerungen an die Vergangenheit, Erwartungen an die Zukunft und treffe so und verantworte meine Entscheidungen.

In Orleans kaufe ich noch ein paar Lebensmittel und fahre zur Loire. Nach ein paar Kilometern suche ich mir ein schönes Plätzchen am Fluss zum Zelten.

28.9.2015: Morgens Kühe, abends Paris

Herrje, es ist ja noch kälter als letzte Nacht – Faro, ich hätte dich so gern besucht.

Am Morgen werde ich von der Kälte geweckt, kuschel mich noch ein wenig in den Schlafsack und raffe mich dann aber auch auf. Zum Glück scheint gleich die Sonne, der Nachtnebel ist schon verzogen.

Ich bekomme Besuch. Mindestens zwanzig Kühe stehen um mich herum. Ich weiß, dass die manchmal gar nicht so friedvoll sind wie sie immer tun. Aber ich bin schon als kleiner Stöppke auf den Kuhwiesen meines Onkels rumgelaufen und habe versucht, die Kälber zu reiten. Was mir natürlich nie gelungen ist.

Ich packe ruhig und gelassen meine Sachen zusammen, schiebe mein Rad – ein komplettes Kuhrudel hinter mir herziehend – über die Wiese zur Straße, passe auf, dass die Kühe nicht mit durch’s Gatter huschen und fahre weiter Richtung Südwesten.

Ich beginne, die Franzosen zu mögen. Es gibt hier noch viele kleine Höfe, Felder, Weiden und Wiesen. Ich habe das Gefühl, dass Brüssel hier in Frankreich viel weiter weg ist als in Deutschland. Es gibt auch immer wieder Plakate, die den Unmut der französischen Bauern gegenüber der Standardisierung, Normierung und Subventionierung von Großbetrieben verdeutlichen. Die Franzosen scheinen sich nicht alles gefallen zu lassen, was aus Europa kommt. Sehr sympathisch, das Volk. Ich bin überzeugt: Wenn es in Europa irgendwann mal wieder zu einer Revolution kommt – wofür oder wogegen auch immer – sie wird ihren Ursprung in Frankreich haben. Die Deutschen können Gehorsam, die Franzosen Revolution. Die Deutschen können Vernunft, die Franzosen Skepsis.

Die Sträßchen hier lassen sich gut beradeln, es herrscht nur wenig Verkehr und die Autofahrer sind freundlich und rücksichtsvoll.

Ich stelle fest, dass ich gestern nur sechs Euro ausgegeben habe.

Dafür kaufe ich mir auf einem Hofladen jetzt einen Rochefort und einen Chausson und ein frisches Baguette und beschließe, fortan nicht mehr aufs Geld zu achten oder an es zu denken. Ach ja, Gott in Frankreich, guten Appetit.

In Sant Quentin komme ich direkt am Bahnhof vorbei und überlege, ob ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris nicht spare und direkt von hier mit dem Zug in die französische Metropole fahre. Außerdem spare ich dann einen Radtag und könnte den durch eine Radtour durch Paris ersetzen.

Ja, das hört sich attraktiv an und so sitze ich bald im Zug nach Paris, Gare du Nord.

Ganz in der Nähe nehme ich mir ein kleines Hotel mit dem typischen Über-den-Dächern-von-Paris-Blick, wasche meine Wäsche, lade meine Batterien auf und stelle mal wieder fest, dass Paris schon ’ne geile Stadt ist.