Donnerstag, 19.2.2015: Von Masatepe nach Granada

Eigentlich will ich um sechs Uhr losfahren, aber mein Magen macht mir zu schaffen. Außerdem habe ich schlecht geschlafen, die Laster fahren fast durch’s Hotelzimmer. Und private Probleme aus der fernen Heimat sorgen für einen stetes Kopfkino.

Um sieben stehe ich dann doch auf, schmeiße eine Imodium ein und packe meine Sachen. Nützt ja nix, wie der Münsterländer so schön zu sagen pflegt.

Ich beschließe, heute nur rund 25 Kilometer bis Granada zu fahren und morgen dann weiter zur Isla Ometepe. Meine Nicaragua-Karte zeigt mir, dass ich von den Pueblos Blancos einfach auf die Hauptstraße abbiegen kann und dann direkt über einen kleinen Knick nach Granada gelange. Die Routingfunktion meines GPS schlägt mir allerdings einen Weg im Hinterland, direkt an der Laguna Apoyo entlang, vor. Ich bin skeptisch, schließlich hat mich bisher jede Routingfunktion irgendwann in eine Sackgasse, vor einen Bahndamm oder in militärisches Sperrgebiet gelotst. In Kuba endeten Lennart und ich schließlich im Gefängnis.

Aber warum nicht? Schließlich habe ich heute genügend Zeit für die paar Kilometer und selbst wenn ich 25 Kilometer schieben müsste, wäre ich in 5 Stunden in Granada.

Und siehe da: die Route ist zwar sehr holprig und staubig, aber es fahren weder Laster noch Autos hier. Hin und wieder kommt mir mal ein Tucktuck entgegen oder ein Ochsengespann oder Kinder auf ihren Farrädern. Ich habe stets wunderbare Blicke in die Lagune. Diese ist ein Kratersee, der rund 200 Meter unter mir die Sonne spiegelt. Leider ist es ziemlich diesig, so dass ich nicht so schöne Fotos schießen kann.

Und da ich gestern auf rund 500 Meter Höhe geklettert bin, geht es heute weitestgehend bergab. Also: Fahrradfahren kann ich auch. Aber das Material, die Arme, die Schultern und mein Kreuz werden ganz schön durchgerüttelt.

Gegen Mittag erreiche ich die älteste Kolonialstadt Zentralamerikas und suche mir ein Hostal in einem dieser alten Gebäude, das viele Zonen zum Chillen bietet. In einer Hängematte döse ich dann ziemlich schnell ein und werde erst am späten Nachmittag wieder wach.

In Granada selbst findet gerade eine Buchmesse statt. Ich schlendere auf die Plaza Central, stöbere ein wenig in den Regalen und bin überrascht, wie viele politische Bücher hier verlegt werden. Viele von ihnen setzen sich mit der gewalttätigen Vergangenheit dieses Landes auseinander. Nicaragua selbst hatte nie eine Chance, sich von den Interessen großen Mächte zu befreien. Beim Blättern in den Büchern erinnere ich mich wieder an viele Schlagworte aus den achtziger und neunziger Jahren. Die Geschichte der sandinistischen Bewegung, der Iran-Contra-Skandal unter Reagan, der Versuch der CIA, die nicaraguanischen Häfen zu verminen, die Somoza-Diktatur mit der Aneignung von Ländereien, so groß wie El Salvador. Aber auch die deutsche Geschichte wird beleuchtet: Wie konnte ein Familienmensch wie Himmler eine solch menschenverachtende Idee wie die “Endlösung” entwickeln und zur Umsetzung anweisen?

Ich glaube, ich unterschätze dieses Land und sehe es “nur” als Transit nach Costa Rica an. Nicaragua hat eine sehr lebendige Kunstszene, auch das zeigen die Bücher. Und es hat Natur, ist sehr dünn besiedelt. Die komplette Atlantikseite ist zum größten Teil unberührter Regenwald. Aber da kommt man nur per Schiff oder Flugzeug hin.

Vielleicht fahre ich dann nach dem Lago Nicaragua mal in Richtung Karibik, bevor ich nach Costa Rica einreise.

An meine kulturellen Eindrücken schließen sich noch einige soziale und kulinarische Eindrücke an. Ich habe Lust auf einen Kaffee und gehe ins Café de las Sonrisas, das Café der (verschiedenen Arten zu) Lächeln. Dieses Café wird von einer Organisation betrieben, die taubstummen Menschen eine Erwerbsarbeit ermöglicht. Hier wird neben dem Cafébetrieb auch produziert. Hängematten, Sitzkissen und Decken stellen die zumeist jungen Leute her. Im Café selbst sind die wichtigsten Gebärdensprach-Gesten an die Wand gemalt. Sie reichen aus, um zu zeigen, wie man aus der Speise- und Getränkekarte des Cafés bestellt, die Rechnung ordert und Höflichkeiten ausdrücken kann. Es wird ausdrücklich darum gebeten, sich vor der Bestellung mit der Gebärdensprache auseinanderzusetzen. Und die einfachste Geste ist ein Lächeln. Daher der Name des Cafés.

Ich versuche es mit einem normalen gebrühten Nicaragua-Kaffee in Gebärdensprache und bin gespannt, was ich nun kriege.

Es hat funktioniert, vor mir duftet eine Tasse schwarzen Kaffees mit wunderbar kräftigem Aroma.

In einer der selbst gemachten Hängematten liege ich nun und lese noch ein wenig im Reiseführer. Am liebsten würde ich gern ein wenig wegdösen, aber dazu ist es schon zu spät, das Café schließt gleich.

Auf dem Rückweg zum Hostal begegnet mir ein Trauerzug. Ohje, allein die Musik macht mich traurig – egal, wer da gestorben ist. Das nenne ich mal stilvolle Beerdigung. Eine Leichenkutsche mit Trauerzug hinten dran, angeführt von einer Kapelle mit Jungs, die so spielen, dass man nicht weiß, ob die Musik jetzt so gespielt werden muss, wie sie gespielt wird, damit sie traurig klingt oder ob sie so verzweifelt gespielt wird, dass sie so traurig klingt, wie sie eigentlich gar nicht klingen sollte, da das ganze eigentlich gar keine Trauermusik ist. Am Ende ist das unwichtig und einfach nur Trauer.

Dienstag und Mittwoch, 17./18.2.2015: Von Choluteca / Honduras über Chinandega / Nicaragua an die Laguna de Apoyo

In der Nacht wache ich immer mal wieder durch irgend einen krähenden Hahn auf. Und die Angst vor weiteren Ameisenbissen macht die Nacht nicht ruhiger.

Gegen halb sieben stehe ich dann auch auf, das Leben hier findet schon seit rund einer Stunde statt. Es ist einfach nur heiß. Gestern schon den ganzen Tag, in der Nacht hat es sich kaum abgekühlt. Der Ventilator läuft die ganze Zeit auf höchster Stufe. Normalerweise dusche ich immer abends, aber an diesem Morgen verlangt mein Körper eine zusätzliche kühle Erfrischung.

Um halb acht gehe ich rüber in den Comedor, um ein Frühstück “con todo”, also mit allem, zu bestellen. Nach rund 15 Minuten erhalte ich einen voll gepackten Teller mit einem Rinderschnitzel, einem Spiegelei, Bohnen, Reis, gebratenen Bananen und Tortillas. Dazu gibt es einen Riesenpott überzuckerten Kaffee. Da muss ich jetzt durch. Morgen früh esse ich Brot mit Marmelade!

Der Sohn der Inhaberin setzt sich zu mir und ist an meinem Fahrrad interessiert. Wie so viele Männer hier. Alle fragen immer bloß nach dem Preis. Dass man sein Auto verkaufen kann, um sich ein gutes Fahrrad zu kaufen, versteht hier niemand. Also sage ich immer, dass das Fahrrad ziemlich teuer ist, ich aber nicht weiß, was es momentan wert ist. Die genaue Preisangabe würde wohl zu großem Unverständnis führen. Lügen um des lieben Friedens Willen möchte ich aber auch nicht.

Ich will losfahren und merke, dass mein Leatherman fehlt, den ich in einer kleinen Ledertasche direkt am Fahrrad befestigt hatte. Das ist schlecht und beunruhigt mich, da er Teil meiner technischen Ausrüstung ist und ich die Werkzeuge häufig benötige. Außerdem hat er mich seit Alaska auf allen meinen Reisen begleitet und mir stets gute Dienste geleistet. Wahrscheinlich wurde das Teil gestern im Bus geklaut. Denn gestern Mittag habe ich damit noch eine Mango aufgeschnitten.

Ich fahre zu einer Ferreteria, einer Eisenwarenhandlung, die gleichzeitig auch ein Reparaturbetrieb für Motorräder ist. Erwarten tue ich allerdings nichts. Der Besitzer telefoniert gerade, ich warte ein paar Minuten und will gerade wieder wegfahren, als er das Telefon aus der Hand legt und mich fragt, was ich denn wolle. Ich frage nach einem “cuchillo por multi uso”, einem Messer für vielfältigen Gebrauch, der Verkäufer geht in sein Büro und ich bin absolut erstaunt, als er mit einem Leatherman Wave zurückkommt. Ich frage, ob er dieses Werkzeug auch verkauft, er nickt kurz mit dem Kopf, nennt mir seinen Preis und ich sage ihm, dass er für mich heute das Glück sei. Wir diskutieren noch ein wenig über Länder und Diktaturen, er ist der erste Mensch hier in Lateinamerika, der mich auf Hitler anspricht. Wir sind beide der Meinung, dass es schwierig ist, als Teil der Bevölkerung eines Landes Verantwortung für das Handeln der Regierung des Landes zu übernehmen. Und dennoch kommt man als Bürger nicht darum herum.

Honduras ist das erste Land Zentralamerikas, dessen Bürger nicht stolz sind auf ihr Land, sondern es fürchten. Im Gespräch mit diesem Mann aus der Eisenwarenhandlung merke ich wieder, wie ohnmächtig sich die Bevölkerung den Militärs, der Polizei und den mächtigen Familien gegenüber fühlt. Denn das ist jedes Mal ein Thema, wenn ich länger als zwei Minuten mit jemandem aus diesem Land rede.

Auch wenn es immer wieder ganz liebenswerte Menschen gibt, denen ich begegne und mit denen ich rede: Die Gewalt, die sich von oben nach unten durchsetzt, kommt irgendwann unten bei der normalen Bevölkerung an und wird dort zur Normalität. Das merke ich hier, in Honduras, stärker als in El Salvador oder Guatemala. Nicht umsonst ist dieses Land das mit der höchsten Kriminalität und Mordrate der Welt.

Gegen Mittag erreichte ich die Grenze zu Nicaragua. An den zentralamerikanischen Landesgrenzen versammeln sich immer ganz viele Menschen, die meisten sicherlich mit ehrbaren Absichten, aber eben auch einige zwielichtige Gestalten. Daher bin ich immer sehr aufmerksam, wenn ich von Menschentrauben umringt werde, die mir entweder Cashewkerne verkaufen oder bei der “schnellen” Migration helfen wollen oder die Geld aus allen möglichen Währungen tauschen möchten. Aber auch hier funktioniert alles ohne Probleme.

Was mich heute noch stärker als gestern beschäftigt, ist die Hitze unterwegs. Ich habe ziemlich heftigen Gegenwind und das ist so, als wenn jemand einen riesengroßen Föhn auf höchster Luft- und Hitzestufe einschaltet. Ich glaube, meine Haut brennt und meine Kehle ist mit Sand bestreut. Mein Wasserbedarf steigt von normalerweise zwei bis drei Litern pro Tag auf sechs bis acht.

Die Umgebung hier hat etwas von einer Mondlandschaft. Ich sehe immer wieder hohe Vulkane um mich herum. Der San Cristobal begleitet mich den ganzen Tag, ich fahre dreiviertel um ihn herum.

In Chinandega endet mein bisher längster Radtag kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Ich suche ein kleines Hotel und bin überrascht, wie teuer Nicaragua ist. Hier kostet die Nacht 25 Dollar, wo ich doch in allen anderen Ländern bisher immer mit rund zehn Dollar, häufig auch weniger, auskam.

Egal, ich bin viel zu fertig, um hier irgendwie zu diskutieren oder etwas anderes zu suchen.

Am nächsten Morgen sehe ich erst so richtig, wie schön das Hotel ist. Es hat einen geruhsamen Garten fürs Frühstück, welches “a la cortesia” ist – freie Auswahl. Ich nehme nach der Fleisch-Bohnen-Reis-Erfahrung von gestern gerne zwei Scheiben ordinären Toast mit Butter, Marmelade und Kaffee. Den künstlichen Orangensaft, den sie mir hinstellen, tausche ich in einen weiteren Kaffee ein.

Eigentlich will ich die großen und vor allem die Hauptstädte meiner Reiseländer meiden. Doch heute bin ich absolut fertig und nehme nochmal einen Chicken-Bus, um rund 130 Kilometer zu überbrücken. Diese Busse hier fahren allerdings alle über und nach Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Die Fahrt dorthin dauert gut zwei Stunden und ist recht abenteuerlich. An jeder größeren Haltestelle kommen irgendwelche fliegenden Händler mit allen möglichen Waren in den Bus. Ich kaufe gerne immer mal ein wenig Obst von ihnen. Meistens sind es junge Kerle oder Mütter mit ihren Kindern, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen.

Managua selbst ist aus meiner Sicht hässlich, dreckig und laut. Und es stinkt. Selbst die nicht restaurierten Teile Havannas haben wesentlich mehr Charme als die schönsten Viertel der Hauptstadt Nicaraguas. Im Lonely-Planet-Reiseführer steht, man solle sich auf die Stadt einlassen und mal drei Tage bleiben. No way for me! Niente, nada, nunca, no!

Ich brauche rund sechzehn Kilometer, bis ich draußen bin. Dann wird’s schön. Nachdem ich die große Ausfallstraße verlasse und in die Berge abbiege, Richtung Laguna de Apoyo, fahre ich über ein idyllisches Landsträßchen mit wenig Verkehr und immer wieder kleineren Ananas-Plantagen. Hier fühle ich mich wohl. Die Plantagenbesitzer haben an der Straße Verkaufsstände aufgebaut, an denen ich dann und wann anhalte und frische Früchte esse. Sehr lecker. Ich kaufe ungesehen – besser: unprobiert – fermentierten Ananassaft, der mir als – mit Zucker und Wasser vermischt – wohlschmeckende Erfrischung (“Refresco”) angepriesen wird. Am Ende ist das Essig, den ich wohl eins zu hundert verdünnen müsste, um ihn trinken zu können. Nun gibt es aber minimal nur einen halben Liter zu kaufen, also könnte ich fünfzig Liter Wasser mit einem Kilo Zucker zu Refresco veredeln, was ich allerdings nicht mit dem Fahrrad transportieren will. So kippe ich einen kleinen Schluck Essig in eine meiner Wasserflaschen, bereue das nach rund einer Stunde und stelle die angebrochene Essigflasche dann an den Straßenrand.

Es ist schon spät, ich will zu einem See, der hier ausgeschildert ist, um dort wild zu zelten. Auf der Abfahrt zum See treffe ich einen jungen Jogger, den ich frage, ob ich hier richtig bin. Der Mann rät mir dringendst davon ab, um diese Zeit dorthin zu fahren. Und als er erfährt, dass ich zelten möchte, empfiehlt er mir ein kleines Hotel im nächsten Dorf. Ich überlege nicht lange, drehe um und schiebe mit ihm den steilen Berg hoch, den ich eben noch runtergerollt bin.

Wir quatschen noch ein wenig über Nicaragua und die Kriminalität dort. Sie ist wohl nicht so hoch wie in Honduras, doch Honduras exportiert einen beträchtlichen Teil seiner Kriminalität in das südliche Nachbarland. So ist der See, an dem ich zelten wollte, ein beliebter Ausflugsort und abends treffen sich dann dort eben “mala gente”, schlechte Leute, um die Gegend unsicher zu machen.

Kriminalität – immer wieder dieses Thema. Ich bin froh, bisher noch keine Erfahrungen damit gemacht zu haben (bis auf ein geklautes Werkzeug). Und ich hatte bisher auch noch nie den Eindruck, in einer gefährlichen Situation gewesen zu sein. Dennoch ist das Thema permanent um mich herum. Ich darf nicht den Fehler begehen, meine Vorsicht aufzugeben, nur weil ich so langsam glaube, dass die Leute ein wenig übertreiben und wohl gerne auch mal Geschichten erzählen. Nein – an allem mag wohl was dran sein. Auch Nicaragua hat eine Zeit heftigster Bürgerkriege hinter sich, und das ist gerade mal gut zwanzig Jahe her.

Nach einer viertel Stunde verabschiede ich mich von meinem Begleiter und folge seiner Empfehlung in das kleine Hotel in Masatepe.

Montag, 16.2.2015: Von El Cuco/El Salvador nach Choluteca/Honduras

Jeans Situation beschäftigte mich noch eine ganze Weile in der Nacht – ich frage mich, wie es denn sein muss, wenn die Partnerin in der Beziehung keine Perspektive für sich sieht.

Was treibt uns denn nach vorn, wenn nicht die Perspektiven, die Erwartungen für und an die Zukunft? Ja, wenn in einer wichtigen und wesentlichen Situation für uns keine Perspektive erkennbar ist und sich das auf das gesamte Leben auswirkt, dann müssen wir uns wieder Perspektiven verschaffen. Oder wir werden depressiv oder verzweifelt oder fatalistisch.

Und da hat Hermann Hesse dann Recht (und meine Mutter auch): Ein Ende ist immer auch ein Anfang, etwas Neues mit neuer Perspektive.

Jean und ich umarmen uns zum Abschied. Er ist der erste Franzose, den ich kenne und der richtig sympathisch ist. Das sage ich ihm. Er weiß, wie ich das meine. Vielleicht sehen wir uns wieder in La Union oder in Nicaragua.

Ich bin im Brutkasten Zentralamerikas. Aus meiner Haut dringt höchstens noch das Mineralsalz, das ich eigentlich dringend brauche. Ablecken kann ich’s nicht, weil ich mich mit Sonnenschutz eingecremt habe. Wieder fahre ich von Kiosk zu Kiosk, von Wasserstation zu Wasserstation.

El Salvador ist ein stolzes Land. Seine Bewohner sind stolz auf ihr Land. Und sie wissen, dass der Frieden, den sie haben, noch sehr jung ist. “El respeto al derecho ajeno es la paz” steht auf einem Bordstein. Der Respekt vor dem Recht des anderen ist Frieden. Benito Suarez hat das als ehemaliger mexikanischer Präsident und Freiheitskämper mal gesagt. Und dann die Erschießung des einzigen Kaisers von Mexiko persönlich angeordnet und überwacht.

Mir stellt sich bei solchen “Helden” und “Kämpfern für die Freiheit” wie Suarez oder Che Guevara oder auch Obama immer wieder die Frage, wann es gerechtfertigt ist, Menschen wissentlich und absichtlich zu töten – noch perfider: Töten zu lassen – und das als legitim und sogar legal zu verkaufen. Ist das Mord? Nein, Mord verlangt ja einen niederen Beweggrund. Und die Freiheit ist natürlich kein niederer Beweggrund. Also: Wenn ich im Namen der Freiheit töte, ist es kein Mord. Es ist – aus Sicht der Tötenden – ja sogar legal. Also kann es dann auch kein Totschlag sein.

Ja, was ist Töten im Namen der Freiheit denn dann, wenn es legal ist? Dann muss es wohl Notwehr sein. Wenn ich jemanden töte, der die Freiheit bedroht, dann handele ich also aus Notwehr.

Bleibt die offene Frage: Wessen Freiheit und überhaupt: Was ist das, Freiheit? Ist dieser Begriff überhaupt für alle Menschen auf dieser Welt mit einer einzigen Definition greifbar zu machen? Wenn ja, dann weiß jeder Mensch auf dieser Welt, wann er töten darf. Und weil er sich nur im Namen der Freiheit wehrt, muss er nicht mit Strafe rechnen.

Suarez den Kaiser, Guevara die Anhänger von Batista, Obama den Anführer von Al Quaida. Alles Notwehr. Alles legal. Alles für die Freiheit.

War Mexico danach freier? Kuba? Die USA?

Ich glaube, die Sonne kocht gerade mein Hirn im Kopf.

In La Union will ich mit irgendeinem Boot nach Honduras. Im Hafen findet gerade ein Fest statt. Ich frage nach einer Fähre. Es gibt keine, ich soll die Jungs auf den Lanchas fragen. Die Fischer sagen das typische “mañana, quizas” – morgen, vielleicht. Damit fahre ich wieder raus aus La Union, nehme den Landweg in Richtung Grenze.

Die restliche Fahrt durch El Salvador bis Honduras ist eher unspektakulär. Ich bin bald auf der Panamericana, die erstaunlich ruhig ist: Kaum Verkehr.

An der Grenze in El Amatillo fallen die Geldhändler wie die Fliegen über mich her. Tauschen? Superkurs! Hast Du noch Quetzales? Tausche gegen Lempiras! Dollares? Kein Problem! Superkurs! Ich bleibe freundlich und wehre alle und alles ab. Passe auf, dass mir niemand zu nahe kommt.

Ein junger Mann mit irgendeiner Karte um den Hals kommt auf mich zu und überreicht mir ein Einreise-Formular, das ich auszufüllen habe. Er sei ein Grenzpolizist, das Formular koste zehn Dollar. Ich lasse mich auf nix ein und erwidere, dass ich erstmal die Formalitäten der Ausreise aus El Salvador klären müsse, bevor ich in Honduras einreise.

Und da habe ich tatsächlich ein kleines Problem am offiziellen Schalter. Ich bin bei der Einreise von Guatemala nach El Salvador wohl an der Einreisekontrolle vorbeigefahren, habe wohl vergessen, mir einen Stempel in meinen Pass drucken zu lassen.

Ich erscheine der Frau hinter der Scheibe aber offensichtlich harmlos. Sie fragt mich, wann ich ungefähr eingereist wäre, drückt mir zwei Stempel in den Pass und winkt mich durch. Ich gehe zum offiziellen Honduras-Einreise-Büro, zahle drei Dollar – honduranische Lempiras nehmen die gar nicht an – für den Stempel, nicht für das Formular, und fahre dann weiter. Mit Stempel, ohne Lempiras.

Es ist jetzt vier Uhr nachmittags, bis Choluteca, dem nächsten Ort mit Hotel, sind es noch rund 35 hügelige und heiße Kilometer, mein Hirn ist durchgegart und hier fahren permanent irgendwelche Busse nach Choluteca. Ich frage den Fahrer eines wartenden Chicken-Busses – so heißen die alten ehemaligen US-Schulbusse hier – ob ich mit meinem Fahrrad einsteigen könne. Kein Problem, anders als in Guatemala oder in El Salvador. Der Fahrer steigt aus, öffnet die hintere Tür und hilft mir beim Reinschieben des Rades.

Ich selbst setze mich weiter vorn hin, nah beim Fahrer.

So langsam füllt sich der Bus mit Einheimischen. Ein junger Mann setzt sich neben mich und beginnt ein Gespräch. Nach dem üblichen Wokommstduher, Wasmachstduhier, Wowillstduhin, Woistdeinefamilie frage ich nach dem Land Honduras und seinen Verhältnissen. Ich habe ungute Nachrichten gelesen über diesen Staat, der nach Haiti der zweitärmste in Mittelamerika ist und in dem mit San Pedro Sula die Stadt mit der wahrscheinlich höchsten Mordrate pro Einwohner liegt.

Mein Sitznachbar schämt sich für sein Land, in dem Polizei und Militär extrem korrupt sind. Er erzählt von einem zweijährigen Mädchen aus Choluteca, unserem Fahrtziel, dem von Polizisten die Kehle durchgeschnitten wurde, weil sein Vater kein Schutzgeld zahlen konnte. Ich kann das nicht nachprüfen, aber komplett verwerfen kann ich den Gedanken an solch grausame Taten auch nicht.

In Choluteca suche ich ein Hotel, möglichst nah an der Bushaltestelle. Es ist mitlerweile dunkel und da will ich mich nicht weiter in der Stadt aufhalten. Wie üblich, kriege ich nur vage Beschreibungen über die Richtungen, in die ich fahren sollte. Ich fahre einfach zur Hauptstraße und schaue rechts und links nach Schildern. Mein Hotel ist diesmal zwar kein Stundenhotel, aber ein Fahrerhotel. Hier übernachten LKW-Fahrer, denen es in ihren Kabinen zu gefährlich ist. Ich beziehe ein Zimmer, mein Fahrrad stelle ich in einem Abstellraum ab, das mir der Hotelmanager zeigt. “¡No hay problemas con ladrones!” sagt der Manager, kein Problem mit Dieben hier. Etwas besorgt gehe ich ins Zimmer. Vorher frage ich noch, ob ich hier im Hotel etwas essen kann. Hier nicht, aber nebenan gibt es einen Comedor, eine Küche, die warmes Essen anbietet.

Nach der kalten Dusche – herrlich – gehe ich dann rüber. Der Comedor ist abgeschlossen, ein großes Gitter ist davor. Ich gehe zurück ins Hotel. Der Manager fragt mich, ob ich doch keine Lust hätte. Doch, antworte ich, aber es sei eben geschlossen. Er kommt mit mir mit und ruft einen Namen durch das Gitter. Eine ältere Frau erscheint, sie fragt er, ob es noch Essen gäbe. “¡Claro que sí!”

Mir wird aufgeschlossen, ich gehe in die Küche und setze mich an den großen Küchentisch. Werde gar nicht gefragt, was ich denn essen wolle, da es sowieso nur ein einziges Gericht gibt. Warum, weiß ich nicht, aber ich fühle mich vom ersten Moment an als würde ich in der großen Küche meiner Großmutter sitzen. “Junge, setz Dich erstema hin, denn krisste au was zu essen, damitte groß un stark wirs!”

Ich frage, ob es ein Bier gibt oder eine Kola – Nein, nur Wasser. Ist gut. Kurze Zeit später kommt eine jüngere Frau – so um die dreißig – in die Küche. Sie fängt sofort an, mit ihrer Mutter zu quatschen, begrüßt mich dann aber auch ganz freundlich. Wir kommen schnell ins Gespräch.

Margarita ist politisch sehr engagiert und arbeitet für eine Organisation, die Frauen hilft, die Gewalt in der Familie erfahren. Insbesondere die Ehemänner, die arbeitslos und perspektivlos sind, lassen ihre Wut und Verzweiflung häufig an den schwächsten Familienmitgliedern aus. Gewalt gegen Frauen ist in Honduras an der Tagesordnung. Wenn Frauen verschwinden oder gar getötet werden, interessiert das hier niemanden. Die Kinder werden dann von einer der Großmütter aufgezogen, Fragen nicht gestellt.

Mein Essen kommt. Es gibt – wie üblich – Reis mit schwarzen Bohnen und Rindfleisch. Lecker, aber ich kann mich gar nicht auf das Essen konzentrieren, bin gefesselt von dem Gespräch mit Margarita.

Sie muss extrem vorsichtig sein bei dem, was sie erzählt und vor allem, wem sie das erzählt. Politischer Widerstand wird im Keim erstickt in Honduras. Nirgendwo in Zentralamerika ist die Ungleichheit größer als hier, sagt sie. Es gibt wohl fünf Familien hier, in deren Händen Geld und Land liegen. Diese Familien steuern das Militär und den Politikbetrieb. Das Militär ist hier noch gefährlicher als die Polizei. Die Polizisten sind insofern korrupt, als sie selbst hin und wieder als Verbrecher, Räuber, Entführer oder Handlanger der Drogenmafia agieren. Das Militär hingegen läuft nicht wegen der Verbrecher oder fremder Mächte durch die Straßen sondern um Umsturztendenzen sofort zu erkennen und zu unterdrücken. Am schlimmsten sind die Militärs ohne Uniform. Sie spionieren das Volk aus und schicken dann ihre Kollegen in Uniform mit Waffen, um “aufzuräumen”.

Das Leben in Honduras ist schwer. Die Preise rennen davon, selbst wenn Geld vorhanden ist, muss das nicht heißen, dass es dafür etwas zu kaufen gibt. Wer etwas verkaufen will, muss vermehrt Schutzgelder zahlen. An die Jugendbanden, die Maras. Hier in Choluteca machen sie sich auch langsam breit, importiert aus Tegucigalpa und San Pedro Sula, der Hochburg der Drogenmafia hier in Honduras – wenn nicht in ganz Zentralamerika. Das Volk wird ungeduldig.

Man bräuchte jemanden wie Merkel. Die ist berühmt hier. Deutschland kommt extrem gut weg – in allen Ländern, in denen ich bisher war. Es fällt mir schwer, von unserer eigenen Korruption zu berichten, die bei uns nicht Korruption heißt sondern Lobbyismus und eine noch viel perfidere Art von Manipulation und Vetternwirtschaft darstellt als die offene Korruption.

Meistens gelingt mir das dann doch anhand der Beispiele, die ich ja selbst kenne – schließlich arbeite ich in der Energiewirtschaft. Da gibt es einen ehemaligen Ministerpräsidenten, der plötzlich Vorstand bei einem großen Baukonzern ist. Da gibt es einen ehemaligen Bundeskanzler, der seine Verbindungen zu Putin nutzt, um in irgendwelchen Gremien und Vorständen russischer Energiefirmen zu sitzen, die er vorher bereits als Bundeskanzler “wohlwollend” begleitet hat. Da gibt es einen ehemaligen grünen Außenminister, der lukrative Pöstchen bei BMW und Siemens hat. Da gibt es einen ehemaligen Kanzleramtsminister, der jetzt Bahnvorstand ist. Das alles ist abstoßend, diese Menschen erniedrigen sich letztlich selbst und machen sich und ihre ehemalige Sache klein.

Aber im Gegensatz zum honduranischen Volk hungert das deutsche Volk nicht und akzeptiert diese Maschen klaglos. Ein sattes Volk rebelliert eben nicht.

So kann ich diesen bewundernden, durch die eigene Situation verklärten Blick auf mein eigenes Land immer mal wieder klären und die moralische Differenz, die die Menschen hier gegenüber uns Deutschen fühlen, etwas verkleinern. Ich halte das für angemessen und zeige damit, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die politisch denken und nicht immer alles abnicken, was die Regierung und die Medien ihnen hinwerfen.

Margarita und ich verabreden uns für halb acht morgen zum Frühstück.

In der Nacht beißt mich eine dieser großen roten Ameisen tatsächlich genau in den Sack. Das tut höllisch weh, ich schrecke aus dem Schlaf und bin erstmal hellwach. Der Schmerz verfliegt schnell, aber die Sorge um eine Invasion der Riesenameisen begleitet mich in einen unruhigen Restschlaf.

Sonntag, 15.2.2015: Ruhe für den Körper, Tumulte für die Gefühle

Noch vor dem Frühstück gehe ich zum Strand. Schwimme das erste Mal in meinem Leben im Pazifik. Kraft pur. Das, was ich gestern schon gesehen und geahnt habe, kann ich jetzt mit meinem Körper fühlen.

Als Triathlet und Ironman kann ich gut schwimmen und bin auch schon Wettkämpfe mit knapp vier Kilometern im Meer geschwommen. Nie hatte ich mir Gedanken gemacht über Strömungen, Wellen, Salzwasser. Viel gehört hatte ich schon von Leuten, denen vom Wellengang beim Schwimmen schwindlig oder schlecht wurde. Oder beides. Ich kenne das nicht.

Aber ich bin bisher auch noch nicht im Pazifik geschwommen. Hier ist ein Surferparadies. Das heißt, dass die Wellen schon recht ordentlich und kraftvoll sind. Und so gehe ich voller Respekt ins Wasser. Am Strand sind die Wellen eher klein und unscheinbar. Das ändert sich nach rund fünfzig Metern im Wasser. Jetzt werde ich zum Treibholz. Ich gehe mit den Wellen hoch und runter, schwimme den Stellen entgegen, wo sich die Wellen brechen. Die erste Welle kommt auf mich zu, die sich wahrscheinlich genau über mir überschlagen wird. Ich tauche ab. Ich höre erst das normale Gluckern, dann ein Rauschen und dann ist Ruhe. Über mir wurde es dunkel, jetzt ist es wieder hell. Ich tauche wieder auf. Wie gerne würde ich surfen und mit diesen Wellen spielen können. Die nächste Welle kommt, ich versuche, mich steif zu machen und einfach nur mit meinem Körper auf ihr zu surfen. Kläglich, der erste Versuch. Die Gischt zieht mir fast die Badehose aus. Auch der zweite und der dritte Versuch enden ähnlich. Ich versehe mich wieder auf’s Drunterdurchtauchen.

Nach einer halben Stunde lasse ich mich mit den Wellen wieder zum Strand treiben und gehe in mein Zimmer, um zu duschen. Jean, mein französischer Zimmergenosse, ist mittlerweile auch wach und wir gehen gemeinsam zum Frühstücken. Jean spricht nur wenig englisch, dafür allerdings sehr gut spanisch. Ich verstehe sehr gut spanisch und spreche sehr gut englisch. Wir einigen uns auf spanisch als Hauptsprache und ich darf hin und wieder ins Englische wechseln, wenn ich auf spanisch nicht weiterkomme. Das funktioniert gut.

Tortuga Verde I

Tortuga Verde I

Jean kommt aus Lyon und ist seit Weihnachten in Zentralamerika unterwegs. Allein, wie ich.

Seine Freundin, mit der er seit drei Jahren zusammenlebt, hat ihm gestern per Mail geschrieben, dass sie keine Perspektive mehr für eine gemeinsame Zukunft sieht und die Beziehung somit beendet. Jetzt ist mir auch klar, warum er so traurig und wortkarg ist. Und jetzt sitzt er hier mit einem Deutschen, der kein Wort französisch spricht und legt seine Gefühle auf spanisch offen. Ich weiß gar nicht wie ich reagieren soll, höre aber einfach mal zu.

Was ich verstehe, ist, dass es eine sogenannte Patchwork-Problematik ist. Jeans Freundin hat Kinder aus einer früheren Beziehung, Jean sieht sich nicht als Vater oder Vater-Ersatz. Sie fordert Entwicklung, er weiß gar nicht was damit gemeint ist. Sie fordert emotionale Resonanz, er weiß gar nicht was damit gemeint ist. Ich selbst kann mit diesen ganzen therapeutischen Begriffen sowieso nicht viel anfangen. Wenn eine Beziehung therapeutisch seziert wird, ist das meist der Anfang vom Ende.

Ich selbst kenne das mit diesen Patchwork-Beziehungen auch, bei mir hat es ebenfalls nicht funktioniert. Jean meint allerdings, dass das bei ihm gut funktionieren würde und dass diese Trennung absolut unnötig sei.

Dazu kann ich nicht viel sagen. Was mich aber wütend macht, ist die Tatsache, dass er mitten im Urlaub – aus heiterem Himmel – eine Mail erhält, die mit dutzenden verklärenden Worten irgendwelche Alibis auflistet. Ich finde so etwas feige. Ich bin für ehrliche Worte und für klare Trennungen, wenn es nicht mehr passt oder wenn die Gefühle weg sind. Aber per Mail über zehntausend Kilometer nach drei Jahren Beziehung? Und dann mit Begründungen, die der Gegenüber gar nicht versteht? Die auch noch suggerieren sollen, dass es an seiner mangelnden “Entwicklung” liegt? Klar – ich kenne die Beziehung nicht und auch Jeans Freundin nicht. Aber die Art und Weise dieser Trennung finde ich nicht in Ordnung.

Was Jean am meisten zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass er hier keine Freunde hat, denen er sich anvertrauen kann, die ihn kennen und die mit ihm seinen Schmerz, seine Wut, seine Trauer teilen können. Das ist das Los des Weltenbummlers: Man lernt zwar überall tolle Menschen kennen, aber echte Freundschaften entwickeln sich daraus kaum. Die besten Freunde, die eigene Familie, die soziale Basis – alles ist zuhause, wo auch immer das ist. Ich weiß, dass ich Jean nie diese Rolle bieten kann. Er weiß das auch, fühlt sich aber dennoch erleichtert – allein dadurch, dass jemand zuhört und seine Gefühle und Gedanken nachvollziehen kann.

Das Leben meint es manchmal gut mit einem und manchmal nicht. Und Jeans Leben ist gerade nicht gut zu ihm. Aber er kommt am Ende klar, sagt er. Das erleichtert mich. Als Individualist, der er als Reisender nun mal ist, kann er immer wieder auf sich zurückfallen, sich immer wieder auf sich selbst und seine eigene emotionale Stabilität verlassen. Das kann ich nachvollziehen und von mir selbst auch so sagen.

Ich frage mich, wie ich in seiner Situation reagieren würde, was das mit mir machen würde. Ich weiß es nicht.

Manche Trennungen fielen mir leicht, manche schwer. Egal, ob von Frauen, Freunden, Jobs oder Möglichkeiten. Was haben sie letztlich gemacht? Mich stabiler. Und – komischerweise auch Lust auf mich selbst. Sie haben mir immer gezeigt, dass ich mich am Ende auf mich und mein Selbstwertgefühl verlassen kann. Bei aller Trauer oder aller Erleichterung war ich hinterher zwar immer allein, aber niemals einsam. Und habe immer eher die neuen Perspektiven für mich gesehen als die Verluste. Wer sagt denn, dass ein Glück immer ein Glück ist? Ein Unglück immer ein Unglück? Eine Trennung immer eine Trennung? Ein Anfang immer ein Anfang?

Ich versuche, Hermann Hesse auf englisch zu zitieren: “Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!”

Tortuga Verde II

Tortuga Verde II

Ich suche mir eine Hängematte im Schatten und genieße die Stimmung. In mir und um mich herum.

Menschen und Beziehungen. Ich glaube, es gibt nichts, was uns mehr beschäftigt als wir uns gegenseitig untereinander miteinander. Vor allem, wenn wir diese Dynamik aufbauen, die Beziehungen haben können. Dynamik heißt immer auch Energie. Diese kann einen hoch hinaus tragen und auch tief fallen lassen.

Alleine können wir nunmal nicht. Selbst der überzeugteste Globetrotter braucht Menschen, braucht den anderen, in dem er sich wiederfinden kann. Wer in eine Reise oder in die Wildnis flüchtet, kommt nicht weit. Weil er sich selbst ja immer dabei hat. Wer hingegen eine Reise oder die Wildnis sucht, um sich selbst zu deuten, hat gute Chancen, etwas Wertvolles zu finden.

Den ganzen Tag chille ich ab, wie meine Söhne sagen würden. Hier passt dieser Begriff ganz gut.

In der Tortuga-Cosmic-Cocina koche ich mir immer wieder mal einen Tee oder einen Kaffee, allesamt von Kooperativen aus Zentralamerika. Tom, der Gründer dieses Kleinods ist etwas jünger als ich und ein schwuler Amerikaner von der Westküste. Wir schwärmen von der Flowerpower-Zeit der Siebziger, die er als Kalifornier natürlich viel intensiver erlebt hat als ich. Tom lebt ein tolles Prinzip: Wenn junge Leute – egal aus welchen Teilen der Welt – hierher kommen und irgendwelche Fähigkeiten mitbringen, die hier irgendwie verwendet werden können, dann zahlt Tom Essen und Aufenthalt und lässt die Leute einfach machen. So hat die Tortuga einen Web-Auftritt durch einen jungen Kerl aus Maine, einen Kompost durch einen Wissenschaftler aus Kalifornien, eine Küche durch einen Mexikaner, der auch noch Yoga für die Gäste anbietet. Comunity at it’s best.

Tom erzählt auch von den Anfängen der Tortuga, kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs. Was heute als Paradies durchgeht, war noch vor zehn Jahren ein einziger Improvisationskraftakt. Es gab nichts. Kein Geld, kein Material, kein Werkzeug, kaum Gäste. Aber es gab Idealismus, es gab Aufbruchstimmung. Und Nachbarn und Freunde. Das hat die Tortuga zu dem gemacht, was sie heute ist. Und Tom gibt viel von dem, was er von den El Salvadorianern bekommen hat, an sie zurück.

Am Abend, als alle Gäste weg sind, liege ich direkt am Strand in einer Hängematte und hänge meinen Gedanken nach. Sie kommen und gehen im Takt des Rauschens der Pazifikwellen. Ich schaue in den Sternenhimmel, sehe erstmals in meinem Leben einen Sternennebel. Ich erahne, warum unsere Galaxie Milchstraße heißt.

Freitag, Samstag, 13./14. Februar 2015: Costa de Bálsamo bis Zacatecoluca und in die grüne Schildkröte

Warm ist es nachts im Zelt. Der Fels ist von der Sonne aufgeheizt und gibt diese Wärme gerade wieder ab. Außerdem fahren die Laster hier die ganze Nacht durch, so dass ich schlecht schlafe.

Na ja, meist ist es so, dass ich dann zwar nachts nicht ganz so tief schlafe, aber frühmorgens nochmal so richtig weg bin. Dann drehe ich mich auf den Bauch, zupfe mir mein Seiden-Inlett auf der Isomatte zurecht, schmeichel mich mit meiner Wange dran und falle wunderbar tief in den letzten Schlaf der Nacht – schon in der Vorfreude auf den kommenden Tag.

Meistens ist die Freude auch gerechtfertigt, so auch heute.

Ich frühstücke – wie verabredet – wieder im Comedor. Esekiel ist schon da und bedient einen Tisch mit guatemaltekischen Lastwagenfahrern. Ich setze mich zu ihnen, um ein wenig über das Leben der Trucker in Mittelamerika zu erfahren.

Die Jungs sind total nett, ich werde ausgefragt über meine Ziele, meine Familie und bis hin zur letzten Schraube meines Fahrrads. Somit kriege ich von deren Leben gar nicht so viel mit.

Am Ende ist es ein herzlicher Abschied: Der Chef des Comedor fühlt sich sehr geehrt, umarmt mich. Ich bin sehr überrascht, freue mich und lasse noch ein ordentliches Trinkgeld für Esekiel da.

Jetzt geht’s erstmal wieder weg von der Küste, in die Hügel der Costa de Bálsamo. Anstrengend ist es, und schön. Die Landschaft ist grandios, der Pazifik, den ich immer wieder sehe, strahlt eine ruhige Kraft aus, eine Kraft, deren Gewalt sich erahnen lässt.

Die Menschen sortieren sich ja gerne ein. Der eine Hamburger ist ein Alster-Hamburger, der andere ein Elbe-Hamburger. Der eine Berliner ist ein Wessi, der andere ein Ossi. Ich bin ein Pazifik-Möger, im Gegensatz zu den Atlantik-Mögern. Gut, der Atlantik bietet die Karibik. Aber ich halte den Pazifik für ruhiger, für gelassener, für kraftvoller und mächtiger als den Atlantik. Ich mag ruhige Kraft. Ich mag Leute und Sachen, die nicht angeben. Ich mag Leute und Sachen, die nicht launisch sind. Und der Pazifik ist weniger launisch als der Atlantik.

Heiß, es ist heiß. Es ist heiß und einer dieser heißen Tage, an denen ich eine übergroße Lust auf kalte Cola habe. Ich komme an einem Kiosk vorbei und kaufe mir eine kalte Cola. Das mache ich allerdings nur, wenn sie die heimischen Colas haben. Die heißen dann Tu-Cola oder Big Cola oder irgendwie anders. Kein Geld nach Atlanta, was nicht hierbleiben könnte. Außerdem sind mir noch die Human-Rights-Watch-Bilder der Kinderarbeiter auf den Zuckerplantagen El Salvadors im Kopf. Coca-Cola wurde damals als Killer-Coke angeprangert. Mittlerweile werden die sich wieder ein wenig grün gewaschen haben, aber die vielen Grundübel, die von dem US-Multi ausgehen, bleiben.

Ich sehe, dass der Kiosk gleichzeitig ein Friseurladen ist und spüre im Geiste kaltes Wasser über meinen Kopf fließen. Die Friseurin bittet mich in ihren Laden und freut sich auf die allerersten blonden Haare, die sie schneiden darf. Ich winke gleich ab: Einfach nur mit der Maschine oder Abstandhalter rüber. Kahl rasieren, das soll sie mich. Auf dem Kopf. Und den Urwald an Kinn und Wangen zurechtstutzen.

Ich genieße die Behandlung. Zum ersten Mal seit 1999 oder so sitze ich wieder mal auf einem Friseurstuhl. Seither rasiere ich mir den Kopf immer selber. Und zum ersten Mal lasse ich mir mit einem Rasiermesser den Bart stutzen. So ein Messer, mit dem die Handlanger der Mafia den Handlangern der Justiz gerne mal die Kehle durchschneiden. Ich bin in El Salvador und hier gibt es eine Mafia. Ich gebe mich der Auslieferung hin und stelle mir vor, in Palermo als kleiner Dealer im Salon von Don Corleone rasiert zu werden.

Meine Mafia-Patin schäumt meinen Bart ein und schärft das Messer auf klassische Weise an einem Ledergürtel.

Diese Plastikschürze, die die Friseure einem immer umwerfen, klebt an meinen verschwitzten und schweißgesalzenen Armen, ein ekliges Gefühl. Jetzt, wo ich jeden Luftzug als Erfrischung nehmen würde, staut diese Folie meine eigene Hitze unter sich und um mich.

Aber ich vergesse dieses Gefühl, da ich meinen Kopf jetzt nach hinten lege und kühles Wasser über Stirn und Schläfen an den Ohren vorbei über den Hinterkopf rinnt. Herrlich.

Nach einer halben Stunde ist diese Wellness-Behandlung vorbei und ich kann erstmals die Leute verstehen, die gerne in diese Wohlfühltempel gehen, um sich berühren und verwöhnen zu lassen. Ich zahle eineinhalb Dollar und nehme mir vor, meine Freundin mit Wasser zu massieren, wenn ich wieder nach Hause komme. Wellness im Fitness-Studio? Alles schön. Aber wie schön ist es, das von einem Menschen zu erhalten, den man liebt? Haben die Wellness-Fans niemanden zuhause, der das kann?

Nach neunzig anstrengenden Kilometern komme ich in Zacatecoluca an, einer größeren Provinzhauptstadt. Gleich hinter dem Ortseingang finde ich ein Hotel, das damit wirbt, 24 Stunden am Tag geöffnet zu haben. Ich frage nach einem freien Zimmer und zahle acht Dollar für die Nacht. Die kalte Dusche ist herrlich: Wellness, Teil zwei für heute.

Auf Wellness, Teil drei verzichte ich dankend. Ich wohne in einem Stundenhotel, in dem man mich normalerweise mit weiblicher Begleitung erwarten würde. Da ich die nicht habe, bietet mir der Mann an der Rezeption eine Gelegenheit, das auszugleichen. Gegen Geld, versteht sich. Ich lehne dankend ab und kaufe mir dafür eine kühle Flasche Pilsener.

Am Ende ist es in Ordnung. Ich kann meine Wäsche waschen und werde heute nacht von einem Rent-a-Cop bewacht. Mit Gewehr im Anschlag mal wieder.

Ich schlafe gut, auch wenn nachts immer mal wieder irgendwelche Gestalten an meinem Fenster vorbei huschen.

Frühstück gibt es hier – wie in den meisten Hotels – keins. Also mache ich mich fertig und fahre durch die Stadt. In einem Supermarkt hole ich mir Bananen, Kuchen und einen Kaffee. Mein Rad lasse ich einfach unbewacht draußen stehen. Das mache ich immer so. Selbst hier, in El Salvador, ist das kein Problem. Draußen schaue ich auf die Karte. Ich will in die Tortuga Verde, die grüne Schildkröte. Das ist ein Hostel, das im Reiseführer als Top-Spot angepriesen wird. Auch deren Internetseite verspricht langsames Leben und einfache Dinge, die einen sauberen und grünen Lebensstil in Harmonie mit grünen Schildkröten und anderen Meerestieren ermöglichen. Na, das ist doch mal was.

Allerdings sagen Straßenkarte in der Lenkertasche und Sonne am Himmel rund 120 heiße Kilometer voraus.

Ich suche nach einer Bus-Station, um vielleicht mit dem Bus nach Usulutan zu fahren und ein wenig abzukürzen. Aber hier in Zacatecoluca verstehe ich das Bus-System nicht. Es gibt mehrere Gesellschaften, die die Routen unter sich aufgeteilt haben. Ich finde heraus: Einen Bus nach Usulutan gibt es nicht. Nur nach Santa Ana. Da war ich aber schon. Ich könnte nach San Miguel fahren, über Apastepeque. Da will ich aber nicht hin. Und natürlich nach San Salvador. Da will ich erst recht nicht hin, außerdem liegt das hinter mir und nicht vor mir. Und außerdem nehmen die Busse hier keine Fahrräder mit.

Ich setze mich auf mein Rad, pfeife auf die 120 heißen Kilometer und fahre einfach mal los. Richtung Usulutan. Würde ich gerne. Also frage ich einige Leute nach dem Weg. Einige? Ja, einige. Wenn ich hier irgendwen nach dem Weg frage, sagen sie immer “Alla, alla, recto!” (frei übersetzt: “Da so”),  mit einer winkenden Handbewegung, die so ausgeführt wird, dass alle Himmelsrichtungen gemeint und richtig sein könnten. “Este calle?” frage ich dann mit einem ausgestreckten Zeigefinger in irgendeine Richtung und hoffe auf ein binäres “Si” oder “No”. Meistens ist das Fehlanzeige. “Alla, alla, recto!” heißt es. Dann schalte ich mein GPS ein.

Der Vulkan begleitet mich. Den ganzen Tag. Volcan de San Miguel. Majestät mit Krone, Orientierung für mich. Seine Erscheinung ist meine Richtung. Ich wundere mich über die Spiritualität meiner Gedanken. Die Menschen, die hier vor hunderten und tausenden von Jahren lebten, lebten mit den Meeren, den Wäldern und den Vulkanen. Diese Berge mit ihrer heißen Glut hatten besondere Bedeutungen für ihre Anwohner. Erhaben, bedrohlich, zumeist friedlich, manchmal mit einer Macht vernichtend, die unergründbar, unermesslich, unverstehbar war und immer noch ist. Also lasse ich mich vom Volcan leiten.

Und vertraue auf seine wohlmeinende Sicht auf mich.

Den ganzen Tag versuche ich, eine Mitnahmegelegenheit zu finden. Manchmal stelle ich mich an die Straße, wenn da schon andere stehen und auf den Bus warten, nur um festzustellen, dass dieser große Bus rappelvoll ist und mein Fahrrad auch nicht mitnimmt. Manchmal halte ich den Daumen raus, wenn ein Pick-Up vorbeikommt, nur um festzustellen, dass die Leute keine Lust haben, andere Leute mit Fahrrad mitzunehmen. Einer hält an und sagt, dass er mich gerne mitnehmen würde, aber es nicht darf, da er ein offizielles Auto der Regierung fährt.

Ich weiß nicht, was das Thermometer sagt. Viel, glaube ich. Weit über dreißig Grad. Die Leute in Zacatecoluca sagten, dass das hier der Hitzegürtel Zentralamerikas sei. Ich glaube ihnen. Und ich fahre erstmals trocken. Kein Wasser mehr an Bord und keine Ahnung, wie weit es bis zum nächsten Ort oder Kiosk ist. Mein Durst meldet sich und in einem dieser lang gezogenen Orte an der Straße frage ich eine Frau, wo ich das nächste Wasser bekommen könnte. Sie sagt, sie könne meine Flaschen mit ihrem Wasser füllen, sie hätte gerade frisches geliefert bekommen. Ich nehme das Angebot gerne an, zahle einen Dollar und fahre weiter.

Kurz darauf erreiche ich ein Kiosk, kaufe mir ausreichend Wasser für mich und meine Flaschen und lasse mir eine frische Ananas aufschneiden. Ich muss heute so ungefähr schon sechs Liter Wasser und Cola getrunken haben und war noch nicht einmal pinkeln unterwegs. Die Sonne zieht mir die Flüssigkeit aus der Haut, ohne dass ich schweißnass wäre. Zum Glück macht mir das nicht viel aus.

Noch rund zehn Kilometer bis zur Tortuga Verde. Selbst jetzt, am späten Nachmittag, kennt die Hitze keine Gnade. Und die Landschaft auch nicht. Es geht bergauf. Ich schiebe. Ich schiebe hoch, rolle kurz runter und schiebe wieder hoch. Pausenlos. Dann kommt ein hoher Hügel. Ich schiebe. Ein Pickup überholt mich und hält vor mir. Ich bin zu sonnensediert, um mir irgendwelche Sorgen oder Hoffnungen zu machen. Ein Salvadorianer steigt aus und empfiehlt mir, mit ihm über diesen Hügel zu fahren. Er fährt nach El Cuco, also ganz in die Nähe der grünen Schildkröte. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mitfahren will oder selber fahren will oder einfach nur hier stehen bleiben will. Das scheint er zu merken und klappt die Heckklappe seines Autos runter. Gemeinsam heben wir mein Rad mitsamt Gepäck auf die Ladefläche, steigen in die Fahrerkabine und fahren los.

So langsam begreife ich das Ganze und bedanke mich erstmal richtig. El Salvador habe sich in den letzten Jahren gemacht, sagt Jorge, mein Namensvetter aus El Cuco. Er spricht Englisch mit mir, hat zwanzig Jahre in Maryland, USA, gelebt. Dort sei es ihm jetzt zu gefährlich, sagt er. Als Nicht-Weißer könntest Du Dir nicht mehr sicher sein in manchen Gegenden der Staaten. Und das sagt einer, der dann nach El Salvador zieht. Weil es dort sicherer scheint als in USA! Na das ist doch mal eine verkehrte Welt. Ich denke ein wenig nach und kann nachvollziehen, dass aus Jorges Sicht das durchaus ernst gemeint ist.

Kurz vor El Cuco lässt Jorge mich dann raus und ich fahre locker bergab zur Tortuga, meiner Hoffnung, meiner Tagesinspiration, meinem Ziel!

Eine übergroße Flagge El Salvadors erwartet mich am Eingang zur Hostel-Anlage und mit ihr auch der Stolz eines geschundenen und ausgebeuteten Landes. Und Tom, ein freundlicher Amerikaner mit dem Esprit der 70er Jahre, der dieses kleine Paradies hier direkt am Pazifik-Strand aufgebaut hat.

Mein Zimmer teile ich mir mit Jean, einem Franzosen mitte dreißig, der zu Fuß und per Bus durch Mittelamerika reist. Er ist ein sympathischer Zeitgenosse, ruhig und ein wenig traurig wirkend. Er mag heute nicht viel reden, wir verschieben das Kennenlernen auf morgen früh beim Frühstück.

Donnerstag, 12. Februar 2015: Von Ahuachapán über die Ruta de Flores an die Costa de Bálsamo

Bumm! Peng! Sechs Uhr in der Früh. Bummbumm! Peng!

“Fuck, eine Schießerei!”

Ich schnelle hoch, ein Fenster, aus dem ich luken kann, gibt es in meinem Zimmer nicht. Ich öffne vorsichtig die Tür. Schaue raus. Niemand in der Hotellobby. Die Tür zur Straße ist offen. Peng! Ich zucke zurück. Vor der Tür zur Straße sehe ich Leute vorbeigehen. Normal gehend. Ich gehe zur Tür und schaue raus.

Irgendein Heiliger hat heute Geburtstag. Und direkt neben dem Hotel steht eine Kirche. Und in der Kirche steht ein Bildnis dieses Heiligen. Und dem Heiligen huldigen sie heute. Mit Böller- und Gewehrschüssen. Das geht den ganzen Tag so, sagen Passanten, die ich frage.

Ach, da ich nun schon mal wach bin und es wunderbar warm und dennoch morgenfrisch ist, packe ich meine Sachen zusammen und fahre einfach los. Ich freue mich auf die Ruta de Flores und den meditativen Anstieg, der sich in meiner Karte andeutet und der ein wohltuender Ausgleich für den frühen Schreck des Tages ist.

Am Ortsausgang von Ahuachapán treffe ich so einen Straßenhasardeur, der sich von Lastern den Hügel der Ruta hochziehen lässt, oben Waren abholt und diese mit so einer Art Lasten-Seifenkiste wieder nach Ahuachapán bringt. Das Ding – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll – ist allein schon beim Anblick ein Abenteuer. Die Räder sind aus Holz, umklebt mit Reifenresten. Gelenkt wird mit den Füßen, gebremst mit einem Holzblock, der über eine Eisenstange auf die Straße gehebelt wird.

Der Mann macht das schon seit rund zehn Jahren und hatte noch keinen ernst zu nehmenden Unfall. Zwei Schneidezähne sind mal durch einen unsanften Aufprall auf einen Baumstamm rausgeflogen, aber das war wohl nicht so schlimm. Na ja, alles ist relativ. Ich habe einen Schneidezahn beim Rückwärtssalto vom Dreimeterbrett im Schwimmbad verloren, weil ich nicht weit genug vom Brett weg sprang. Und ich fand das damals ziemlich scheiße und finde das auch heute noch, wenn ich mir beim Zähneputzen meine Krone anschaue.

Für Kronen haben die Leute hier kein Geld, also bleibt beim Lachen die Lücke zu sehen.

Nach einem Zehnminutengespräch bedauere ich, ihn nicht mit hochziehen zu können. Er wartet gerne am Straßenrand, gehört zu seinem Job und er grüßt viele Leute, die ihm regelmäßig begegnen. Dieser Mann zeigt mir mit seiner Einstellung, dass Epikur sehr wohl in den Hallen der Stoa hätte wandeln können.

Eineinhalb Stunden brauche ich nun für die 750 Höhenmeter, die noch an der Passhöhe fehlen. Fünfzehn Kilometer gleichbleibender Rhythmus. Ich liebe das.

Die Ruta de Flores ist eine Touristenattraktion. In den Orten, durch die sie führt, betteln viele Menschen um Geld. Das habe ich in Mittelamerika bisher so noch nicht gesehen. Die meisten Bettler sind auf Drogen und brauchen den nächsten Intake. Dem Seifenkistenfahrer gab ich einen Quarter, Junkies – soweit ich sie erkenne – möchte ich in ihrem Drogenkonsum nicht unterstützen.

Leider ist es ziemlich diesig, so dass ich die Aussicht vom 1.500 Meter hohen Pass der Ruta auf den Pazifik nicht wirklich spektakulär finde und meinen Fotoapparat stecken lasse. Dafür geht es dann rasant bergab bis Sonsonate.

Im Ort fahre ich an einer bilingualen Schule vorbei. Ich halte, drehe um und parke mein Fahrrad vor dem Eingangstor. Eine ehrwürdige Ordensschwester fragt, was ich wolle. Eine Englisch-Stunde halten, von meiner Reise auf englisch erzählen. Das biete ich ihr an.

Sie begleitet mich zur Oberin, die in einem ganz einfachen Zimmer ihr Büro hat. Leider sind die Englisch-Klassen noch nicht so weit, dass sie meine Erzählungen verstehen würden. Außerdem ist jetzt gerade Schulschluss. Die Oberin bittet mich, aufzustehen, nimmt ein Mikrofon und betet zum Mittag.

Schade, finden wir beide. Sie erzählt mir ein wenig vom Schulalltag und dass sie immer wieder vorsichtig sein müssten wegen der Drogenhändler. Diese würden immer jünger und träten an jede Schülerin und an jeden Schüler heran. Und in letzter Zeit würden sogar Mädchen mit Drogen handeln.

Die Frau macht einen pragmatischen Eindruck und weiß, dass das alleinige Legen der Probleme in Gottes Hand nicht helfen wird. Die Kirche verteufelt die Drogen zwar, die Schwestern klären dann aber doch auch über Hintergründe und Folgen auf. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, was die Schulschwestern gegen die Macht der Drogen tun. Sie hoffen, dass Gott aus vielen Tropfen einen Regenschauer macht.

Von Sonsonate zur Küste führt ein stillgelegtes Bahngleis, der Bahnhof in der Hauptstadt des Departamentos zeugt von den Zeiten, in denen die Amerikaner hier noch investierten. Nun ist alles verfallen, alte Loks und Waggons stehen hinter Gittern auf Abstellgleisen. Das Gleis entlang der Straße führt dicht an den Häusern der Leute vorbei, die hier wohnen. Hin und wieder bleibe ich stehen, um mir vorzustellen, wie das wäre, wenn hier noch Züge fahren würden. Das würde die Straßen entlasten, wird aber nicht wieder geschehen.

Das Gleis könnte zu einem tollen Radweg ausgebaut werden. Das denke ich jetzt und dann, dass ich meine europäische Mentalität einfach mal ausschalten sollte. Hier fährt niemand Rad, nebenan gibt’s eine Autobahn und Geld haben die Behörden hier nicht. Sie haben nicht mal eine eigene Währung. Ein Radweg zur Erbauung der Bevölkerung wäre so ziemlich das letzte, woran ein Politiker hier denken würde. Woran die Politiker hier überhaupt denken, weiß ich sowieso nicht so richtig. Der Ruf dieser Kaste ist in der Bevölkerung ziemlich schlecht.

Aber: El Salvador beeindruckt mich nachhaltig. Auch hier zwischen Bergen und Küste herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Autobahn nebenan ist eine Baustelle. Eine lethargische Tristesse wie in einigen Orten Marokkos kann ich hier nicht wahrnehmen. Was mir immer wieder auffällt, ist die Fröhlichkeit der Kinder. Wenn sie groß sind, gibt es hier auch einen Radweg. Daran glaube ich.

Zwei Kinder winken mir zu, als ich vorbeiradel. Ich winke zurück und bleibe stehen. Die Mutter ist auch da, sie frage ich ob ich die Kinder fotografieren dürfte. Klar – kein Problem. Ich drücke ein paar mal auf den Auslöser und zeige den Kindern die Bilder auf dem Bildschirm der Kamera. Sie freuen sich über ihr eigenes Bild. Noch mehr freuen sie sich über die Chicles, die Kaugummis, die ich wieder rausrücke.

Ich bin hin und hergerissen. Wenn ich den Kindern Kaugummis schenke oder den Erwachsenen einen Quarter, wenn ich sie fotografiere, dann lernen sie ja daraus. Es könnte sein, dass sie dem nächsten Touristen sogar anbieten, sich fotografieren zu lassen. Und dass das dann irgendwann zu einem Wettbewerb um die Touristen und die wertvollsten Geschenke wird. Oder dass sich die Menschen nur noch gegen Geld fotografieren lassen und somit die Verbindung zwischen Reisenden und Residierenden ausschließlich eine kommerzielle ist.

Auf der anderen Seite sind Menschen und Porträts auf Reisen das Salz in der Fotosuppe. Landschaft, Landschaft, Landschaft. Wunderbar und wunderschön. Aber was mir wirklich in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mit den Menschen. Die besonderen Momente, wenn klar wird, ob man sich sympathisch ist oder in gegenseitiger Skepsis distanziert bleibt.

Nach rund hundert Tageskilometern und sechs Stunden Fahrzeit erreiche ich ziemlich müde die Küste. Die Küstenstraße geht permanent rauf und runter. Ich kann irgendwie überhaupt nicht abschätzen, wo der nächste Ort ist und wo ich heute abend übernachten werde. Hunger habe ich jetzt. Vor allem, als ich an einem Comedor vorbeifahre, in dem gerade unter Palmendächern mit Blick auf den Ozean eine leckere Fischplatte serviert wird. Neben dem Comedor ist ein Mirador, ein Aussichtspunkt auf den Pazifik und seine Steilküste, die hier rund vierzig bis fünfzig Meter hoch ist.

Ich halte an und frage den Wirt, wie weit das nächste Hotel entfernt ist. Zwanzig Kilometer – eine Antwort, die ich nicht haben wollte. Oder gerade doch. Ich hake nach: Kann ich hier, bei dem Mirador mein Zelt aufschlagen und heute nacht hier schlafen? Ich würde auch ein großes leckeres Abendessen und morgen ein großes Frühstück essen. Und Bier trinken. Der Wirt lacht mich an und sagt, dass ich überall übernachten könnte und neben der Toilette auch eine Dusche sei. Ich freue mich, grinse über beide Ohren und bedanke mich herzlich.

Als erstes baue ich mein Zelt auf, direkt am Abgrund – einen anderen Platz gibt es nicht. Ein Stein fällt runter, ich schaue ihm nach und richte das Zelt so aus, dass der Eingang in Richtung Gebüsch zeigt. Dann kann ich aber nicht gut rein und raus. Also: Eingang zum Pazifik. Tolle Sicht mit Risiko. Zum Glück bin ich kein Schlafwandler und weiß in der Regel nachts, was ich mache. So bleibt’s denn dabei.

Die Dusche ist ein Wasserfass mit einem kleinen Eimer drin – ich kann mich waschen.

Ich bestelle einen Red Snapper mit Krabbensoße, zunächst zwei Bier und einen Liter Wasser. Kurz vor Feierabend rufe ich Esekiel, den jungen Kerl, der hier bedient, zu mir und frage ihn, ob er mit mir ein Bier trinkt. Er wischt noch eben die Tische ab und setzt sich dann zu mir. In dem Augenblick kommt auch Cesar. Cesar ist ebenfalls ein junger Kerl, nicht ganz so aufgeweckt wie Esekiel und insgesamt ein wenig mürrisch. Er setzt sich zu uns, ich will ihm auch ein Bier bestellen, aber er will nicht trinken, muss heute nacht noch wach bleiben. Cesar ist der Nachtwächter für den Comedor und wird auch auf mich aufpassen, das verspricht Esekiel.

Ich frage natürlich, warum hier überhaupt ein Nachtwächter aufpassen muss. Cesar holt eine lange Machete aus seinem Rucksack und legt sie demonstrativ auf den Tisch. Die beiden erzählen, dass die Maras, die kriminellen Banden, in El Salvador mittlerweile nicht mehr nur in den Städten ein Problem darstellen sondern auch auf dem Land. Vor allem junge Polizisten tun tagsüber ihren Dienst und gehen nachts auf Beutezug. Die Polizei ist nicht gut gelitten hier in El Salvador und wird eher als Problem gesehen denn als Lösung. Und einen Nachtwächter töten wird dann doch niemand, nur um in einen Comedor einzubrechen.

Cesar wollte auch Polizist werden, aber sie wollten ihn nicht. Jetzt ist er halt Nachtwächter – Rent-a-Cop, wie so viele Menschen hier in Zentralamerika.

Gegen neun Uhr abends packen der Wirt, seine Frau, bei der ich mich nochmal ganz besonders für das leckere Essen bedanke, und Esekiel ihre Sachen zusammen, schließen den Comedor und fahren nach Hause. Wir verabreden uns für morgen früh zum Frühstück. Ich stehe ebenfalls auf, verabschiede mich von Cesar und gehe in mein Zelt, in dem ich noch ein wenig dem Rauschen des Pazifiks zuhöre, bevor ich einschlafe.

Mittwoch, 11.2.2015: Vom Lago de Güija nach Ahuachapán

Ich habe den Wecker auf sechs gestellt, pünktlich fängt er an zu spielen, um mich zu wecken. Die bellenden Hunde aus der Nachbarschaft haben das allerdings schon früher geschafft. Und die krähenden Hähne von überall noch früher.

Es ist ein schönes Gefühl, so früh am Morgen einfach aufzustehen, aus dem Zelt zu krabbeln und sich wohl zu fühlen. Die Sonne geht gerade auf und es sind locker über 20 Grad.

Nach dem Zähneputzen und meinen Yoga-Übungen packe ich meine Sachen zusammen und sitze bereits um sieben Uhr auf dem Fahrrad. Ich denke noch mal über gestern Abend nach. Der Wirt gab mir die Hand und sagte, es würde die Nacht über nichts passieren. Wahrscheinlich ist es so, dass ich mich entweder verstecken muss und gar nicht gesehen werde oder dass ich eben einen Pakt schließen muss mit den Leuten vor Ort.

Immer noch nicht habe ich ein einziges Mal das Gefühl gehabt, in unsicherem Terrain unterwegs zu sein. Allerdings hängen in Santa Ana, einer der größeren Städte El Salvadors, in einer Straße Turnschuhe über den Stromleitungen. Menschen machen sich überall in der Welt einen Spaß daraus, ihre ausgetretenen Schuhe über Kabel, Zäune, Bäume oder sonstige Haken zu werfen. In den Ländern Zentralamerikas hat dieses Zeichen auch noch eine andere Bedeutung: Hier stecken die Banden ihre Claims ab. Häufig gehörten die Schuhe, die dann über den Stromkabeln hängen, ausgeschalteten Rivalen.

Zu mir sind die Menschen ausnahmslos freundlich. Ich werde ganz häufig aufmunternd begrüßt oder behupt. Auch wenn das manchmal ganz schön laut ist und irgendwann auf die Nerven gehen kann, grüße ich immer wieder freundlich zurück. Auch die Menschen am Straßenrand, seien es noch so viele, werden von mir mindestens mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt. Nach einem kurzen Augenkontakt kommt dann das Antwort-Lächeln zurück. Vor allem bei den zurückhaltenden und schüchternen Kindern ist das dann immer wieder ein schöner Moment.

Unterwegs ist auch mal wieder eine längere Strecke Schieben angesagt. Schieben ist immer gut für Gedanken. Eine ehemalige Freundin von mir hatte mir mal vorgeworfen, ich wüsste nicht was Respekt sei und sollte doch mal im Duden nachschauen. Das habe ich getan. Aber der Duden gibt nicht mehr als eine allgemeine Definition und die korrekte Schreibweise her.

Ich hatte mir in der Tat vorgenommen, den Begriff während meines Urlaubs mal für mich genauer zu betrachten. Denn reden tun immer ganz viele Leute ganz viel über Respekt und Respekt ist auch durchgehend positiv besetzt, aber ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, was mit diesem Begriff wirklich gemeint ist. Die Definition aus dem Duden ist definitiv zu wenig.

Schön wäre es, wenn wir alle und alles respektieren könnten. Denn alles, was ist, also eine Existenz hat, hat diese ja zurecht. Und alles was ein Recht hat, ist zu respektieren. Also scheint es opportun, alles, was ist, also eben alles, zu respektieren.

So, das könnte es doch schon gewesen sein mit dem Respekt. Gut gegliedertes Argument, nichts einzuwenden, Schlussfolgerung steht und ist eingängig.

Das Problem mit der Universalität ist nur, dass wenn ein Begriff auf alles anzuwenden ist, er opportun erscheint. Denn was hilft uns der Begriff des Respekts, wenn er auf alles anzuwenden ist? Außerdem weiß ich immer noch nicht, was Respekt denn nun eigentlich wirklich ist.

Also frage ich einmal anders: was bedeutet es für ein Objekt oder ein Subjekt, das von mir respektiert wird, dass es von mir respektiert wird? Und was würde es im Gegensatz dazu bedeuten, wenn es von mir nicht respektiert würde? Kann man Respekt messen? Wenn ja, wie? Gibt es irgendwelche Bedingungen für Respekt? Wenn ich das herausgefunden habe, bin ich mir klar darüber, wen oder was ich respektieren kann und wen oder was ich eben nicht respektieren kann oder muss oder sollte.

Kurz vor Ahuachapán habe ich dann meine zweite Reifenpanne. Respekt hin oder her – das Zuendedenken verschiebe ich auf später. Diesmal ist das Hinterrad platt. Glück im Unglück: ich bemerke den schleichenden Plattfuß direkt neben einer Tankstelle. Das Rad wird in den schattigen Gäste-Bereich geschoben und nach dem Abnehmen der Packtaschen auf den Kopf gestellt. Zwei der Tankleute sind interessiert und beobachten meine Arbeit. Da ich mittlerweile etwas Routine habe, geht es sehr schnell von der Hand. Ruckzuck sind alle Züge abgebaut, der Kettenschutz demontiert, die Schrauben gelöst und das Rad ausgebaut. Der Reifen ist ebenfalls schnell von der Felge, der kaputte Schlauch wird auf das Loch inspiziert. Da der Reifen selbst einen kleinen Einschnitt mitten in der Lauffläche aufweist, kann ich das Loch im Schlauch recht einfach finden. Ich klebe einen Flicken drauf, baue alles wieder zusammen, pumpe den Reifen mit dem Luftkompressor der Tankstelle auf und bin innerhalb einer knappen halben Stunde wieder unterwegs. Vorher allerdings bedanke ich mich noch beim Personal und lasse ein paar Quarters da.

In Ahuachapán fahre ich zu einer Hotelempfehlung aus dem Lonely Planet. Das Hotel liegt an einem zentralen Platz, direkt gegenüber der Kirche. Der Empfangsbereich ist ein wärterloses Museum. Kunst aus El Salvador wird ausgestellt, vom massiv geschreinerten Tisch über zumeist sehr bunt gemalte Bilder bis hin zur fein ziselierten Metallfigur. Ich bin überrascht von der Fröhlichkeit, die die Kunst hier vermittelt.

Kunst hat ihren Preis. In diesem Fall der Zimmerpreis. 45 Dollar will die Frau an der Rezeption. Das ist mir zu teuer. In meinem Kopf blitzt es hin und her: Ist das Hotel voll belegt? Wie hoch sind die Grenzkosten für eine Übernachtung für das Hotel? Was bin ich bereit, für das sympathische Ambiente drauf zu legen? Ist mir die Frau von der Rezeption sympathisch? Wie kann ich meinen Respekt den Hotelangestellten hier gegenüber monetär bewerten?

Wir einigen uns auf 25 Dollar für ein Zimmer ohne Tageslicht. Ich kann duschen, Wäsche waschen und sie zum Trocknen aufhängen.