4./5.10.2015: Krank in La Rochelle, ein amerikanischer Weinkenner in Medoc und endlich Wärme!

4.10.2015

Nachts wache ich immer wieder auf. Weil entweder die Leute so laut sind oder weil die Nase zu ist und zu tropfen beginnt. Es geht mir besser als gestern, aber noch nicht gut genug, um bei den angesagten Wetterbedingungen an der Atlantik-Küste entlang zu radeln. Ich frühstücke erstmal in Ruhe und werde dann entscheiden, wie es weiter geht.

Das fällt mir extrem schwer, diese Entscheidung. Einerseits will ich radeln, andererseits sind alle äußeren Umstände gegen meinen Willen. Also befrage ich mal meine Vernunft. Die fragt mich, was ich denn zu verlieren hätte, wenn ich noch einen Tag hier bliebe. Hmm, nichts. Ich kann ja morgen nochmal ein paar Kilometer mit dem Zug fahren, um meinen Rad-Kilometer-Druck etwas zu entlasten. Eine Zugfahrt Richtung Süden, Richtung Sonne, Richtung Wärme. Das klingt gut, Vernunft, ich hör auf dich. Das Wetter soll zwischen Bordeaux und La Rochelle in den nächsten Tagen übel sein. Also lautet der Plan jetzt: Heute nochmal ausruhen, auskurieren. Morgen so weit wie möglich mit dem Zug nach Süden fahren, um es wärmer zu haben. Lieber in der spanischen Sonne ein paar Umwege radeln als im französischen Regen hetzen.

Ich lese. Ich lese über das Nichts. Das ist spannend. Wie klein muss das kleinste Kleine werden damit es vom Nichts nicht mehr unterschieden werden kann? Ist es nicht paradox, wenn man vom “Nichts” redet? Ist das Nichts das Gegenteil von Unendlichkeit? Brauchen wir Raum und Zeit, um über diese beiden Begriffe zu denken?

Ich lese und lerne über die Leere in einem Atom, die nicht da ist, über elektromagnetische Wellen und Felder, Zeiten und Räume, gekrümmte Zeiten und Räume, das expandierende Universum, das Higgs-Vakuum und schließlich etwas über meine eigene Vorstellung von dem, was ich mir nicht mehr vorstellen kann: Weitere Dimensionen, neben Raum und Zeit. Spannend. Denkstoff ohne Ende für die nächsten Kilometer.

Im aktuellen Raum und Zeit, also hier und jetzt, regnet es. Ich ziehe meine Regensachen an und mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um mir eine Fahrkarte für morgen nach Bordeaux zu kaufen.

Der Zug wird um acht Uhr siebzehn abfahren.

5.10.2015

Die Nacht ist wieder unruhig, Jugendherberge eben. Während des Frühstücks regnet es. Für die zehn Minuten, die ich mit dem Rad zum Bahnhof brauche, hört es auf. Glück!

Aber der Zug nach Bordeaux fällt aus. Pech!

Hier ist es ein wenig chaotisch, weil gleichzeitig heftige Unwetter in Nizza und Cannes den kompletten Bahnverkehr dort lahm gelegt haben und das Auswirkungen bis hier her hat. Jetzt verstehe ich auch, warum das Wetter hier so schlecht ist – das sind die Ausläufer des Unwetters südlich der französischen Seealpen.

Eine halbe Stunde später fährt ein anderer Zug in irgendeine andere Stadt, in der ich umsteigen muss und von wo aus ich dann doch irgendwie in Bordeaux ankomme.

Es regnet.

Auf dem Gleis gegenüber fährt in zehn Minuten der Zug nach Arcachon. Ich steige ein, keine Lust auf Regen in Bordeaux.

Im Zug sitzen mir gegenüber ein älteres Ehepaar aus USA und auf der anderen Gangseite ein jüngeres Ehepaar aus USA und eine ältere Frau, die südamerikanisch aussieht. Die Reisegesellschaft kommt aus dem kalifornischen Napa Valley, dem ihrer Meinung nach besten Weinanbaugebiet der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, wir fahren am Rothschild-Weingut vorbei. Für einen kalifornischen Opus One zahlt man international zwischen 200 und 300 Euro die Flasche. Für einen 2012er Rothschild allein um die 500. Und eine Flasche Petrus aus der Region hier kostet ab 2.000 Euro. Nun ist Geld für mich kein Kriterium für Güte, aber für die Amerikaner schon. Ich lasse meine Gedanken bei mir. Die Leute sind nett. Das junge Paar hat gestern in Paris geheiratet, der Ehemann ist der Sohn des älteren Paares. Die ältere Frau ohne Mann ist die Mutter der Ehefrau und kommt aus Mexiko. Jetzt haben wir’s. Ich beglückwünsche das junge Paar und denke an John aus Nebraska, den ich im Kangaroo in Guatemala traf. Er wollte eine attraktive Frau, heiratete ebenfalls eine Latina samt Familie mit 16-jährigem Sohn, Schwager, mehreren Schwägerinnen und einer Schwiegermutter. Alle Letztgenannten bestimmen seit sechs Jahren sein Leben. Dann ist er für zwei Wochen ins Paradies ausgewandert, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der lateinamerikanische Familiensinn ist zumeist anders als unserer. Zumindest als Johns oder meines.

Egal, wir quasseln – mal auf spanisch, mal auf englisch – ganz interessiert und so geht die Fahrtzeit auch schnell rum. Der junge Ehemann arbeitet in einem Nobelrestaurant als Kellner und meint, dass er mittlerweile im Norden Kaliforniens ohne Spanischkenntnisse seinen Job nicht auführen könnte. Auch die älteren meinen, dass die spanische Subkultur aus dem Süden immer weiter in den Norden vordringen würde. In Los Angeles gebe es mittlerweile ganze Stadtteile, in denen gar nicht mehr englisch gesprochen werde. In Kalifornien lebten über zehn Millionen spanisch sprechende Menschen, insgesamt über ein drittel der Gesamtbevölkerung des goldenen Staates. Das finde ich spannend. Und insgesamt seien die USA mittlerweile das Land mit der zweithöchsten Zahl an spanisch sprechenden Menschen auf der Welt – nach Mexiko.

In Arcachon ist Endstation. Hier geht es mit dem Zug nicht mehr weiter, höchstens zurück nach Bordeaux. Jetzt muss ich also radeln – egal wie das Wetter ist. Ich fühle etwas, was meine Laune extrem anhebt und was mir den Regen auch egal sein lässt: Wärme! Mein Tacho zeigt 22 Grad!

Ich ziehe meine Rad-Klamotten an und fahre ganz locker los – schließlich bin ich noch erkältet.

Aus Arcachon raus führt ein Radweg durch ein Wald-Naturschutz-Gebiet, direkt am Atlantik entlang, perfekt, genial. Dann folgen hohe Dünen, dann wieder Wald. Ich pedaliere und genieße Landschaft und Temperaturen. Der Nieselregen, der sich hin und wieder einstellt, macht mir nichts aus. 25 Grad hat’s hier. Wow! Ich muss nicht um sechs Uhr abends mein Zelt aufstellen, weil es sonst kalt wird – nein, ich kann bis sieben mit Genuss fahren.

Heute campe ich im Wald, will mal wieder absolute Ruhe haben.

Auf einem Baumstamm sitzend und mein Abendessen vertilgend kriecht mir eine Schlange über den nackten Fuß. Aaaah, was für ein Schreck. Und es ist schon dunkel, meine Stirnlampe kann nichts mehr fokussieren. Mal sehen, wer mich heute nacht noch so alles besucht. Morgen früh schaue ich mir jedenfalls meine Schuhe ganz genau an, bevor ich sie anziehe.

3.10.2015: Erst ein Arzt, dann krank.

Meine Nase läuft, mein Hals tut weh. Aber das Frühstück ist sehr gut hier. Es gibt frisches Obst und alle möglichen französischen Back-Spezialitäten. Lecker.

Das Wetter schlägt nun auch um, so dass ich im Regen vom Hotel zum Bahnhof fahre.

Ich will erstmal nach La Rochelle und dann schauen, wie es mit meiner Gesundheit weiter geht.

Im Zug sitze ich neben einem seriösen Herrn in meinem Alter. Nach dem Bon Jour ist er zunächst – wie alle Franzosen den Ausländern gegenüber – etwas reserviert. Er fragt mich irgend etwas auf französisch, ich stammele zusammen, dass ich einfaches Französisch zwar verstehen, aber nicht sprechen kann. Er antwortet mir auf deutsch, dass mein Französisch besser sei als sein Deutsch. Das zweifel ich erstaunt an. Wir einigen uns auf Spanisch als Konversationssprache, obwohl er meint, er würde das nicht so gut sprechen. Diese Tiefstapler: Auf nahezu perfektem Spanisch erklärt er mir, dass seine Frau aus Guatemala kommt, er Arzt in Le Mans ist, eine Tochter in Deutschland studiert und eine in Mexico.

Und auf seinen Beinen liegen Musiknoten für spanische Gitarrenmusik in Englisch, die er für seinen privaten Unterricht bei einem Musikprofessor studiert.

Eric erzählt, dass er – genauso wie ich auf Reisen – ebenfalls jeden Tag spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen erlebt – als Arzt. Wieder einmal erfahre ich wichtiges über eine komplett andere Sichtweise auf die Welt und ihre Menschen und dass sie – die Einstellung zur Welt – den Unterschied zwischen Horror und Erfüllung ausmacht. Was mich nervt – das ständige Lamentieren über Krankheiten, Medikamente und Behandlungen – das ist für Eric fachliches und spannendes Tagesgeschäft. Was und vor allem wie Menschen über ihre Krankheiten und Befindungen erzählen, sage viel über sie aus, meint der Franzose. Das gebe viele Hinweise darüber, wie sie am besten zu behandeln seien. Als Landarzt hat Eric nicht den gleichen Zugriff auf die Hochtechnologie der Medizin, wie seine Kollegen in den großen Städten. Umso wichtiger sei das aufmerksame und konzentrierte Zuhören. Ich glaube ja, dass das sogar noch viel wichtiger ist als die Apparatemedizin. Auch Eric meint, dass der eigene Körper und dessen Wahrnehmung die beste Apotheke sei und die Ernährung die beste Medizin.

Wir kommen zur Musik. Ich selbst bin ebenfalls fasziniert von klassischer Gitarrenmusik und mag im Jazz-Bereich Charlie Byrd, den genialen Interpreten auch lateinamerikanischer Stücke. Schon sind wir tief im nächsten Thema. Eric liebt den argentinischen Tango und ich verrate, dass ich in meinem Gesangsunterricht mit meiner Lehrerin ebenfalls Tango-Lieder singen möchte, was allerdings viel Übung und Koordination braucht.

Die zwei Stunden Zugfahrt dauern gefühlt genau zehn Minuten.

Wahrscheinlich werden Eric und ich uns nie wiedersehen – dennoch gebe ich ihm eine Karte mit meinen Kontaktdaten. Vielleicht bleiben wir ja per Mail in Verbindung. Diese Vorstellung ist schön.

In La Rochelle regnet es, es ist kalt und der Wind vom Atlantik her ist durchdringend.

Als erstes kaufe ich mir einen Pullover. Jetzt weiterzufahren wäre Harakiri. Also suche ich mir ein Hotel. Durch Zufall fahre ich an einem Auberge-Jeunesse-Schild vorbei, das den Weg zur französischen Version der Jugendherberge zeigt. Dort fahre ich hin, quartiere mich ein und gönne mir in meinem Zustand ein Einzelzimmer. Ich packe meinen Kocher aus, bringe einen Topf Wasser zum Kochen, salze es und inhaliere eine viertel Stunde auf klassische Art. Mit dem Bettlaken über dem Kopf.

Das hilft mir mehr als jede Medizin. Danach lege ich mich schlafen. Ob ich morgen weiterfahre, weiß ich nicht. Mañana, mañana – das habe ich in Zentralamerika gelernt. Und wenn ich morgen nicht weiterfahre, dann halt nochmal mañana.

Nach dem Mittagsschlaf will ich ein wenig Bewegung, gehe mit der Kamera zu Fuß in die alte Festungsstadt. Die Früchte des Herbstes werden auf dem Bauernmarkt angeboten. Das Wetter vermiest ein echtes Sightseeing, und so kehre ich wieder um, gehe zurück in die Jugi und lese ein wenig.

Meine Bronchen signalisieren mir, dass die Entscheidung, hier zu bleiben, richtig ist. Es ist das erste Mal, dass ich auf Reisen krank bin. Abwarten und Tee trinken ist da eine gute Idee.

30.9.-2.10.2015: La Vie est belle! und ein Brief an die Franzosen

30.9.2015

La vie est belle! Die Bedingungen hier an der Loire sind im Moment zum Radeln einfach perfekt. Warmes Licht, Herbsstimmung, Rückenwind, der Fluss, die kleinen französischen Dörfer, das Essen – toll. Am liebsten würde ich diese Augenblicke, dieses Erleben mit der ganzen Welt teilen. Oder mit einem einzigen Menschen. Auf jeden Fall teilen. Das tue ich ja – über mein Reisetagebuch. Und später werde ich wieder zuhause von meiner Reise erzählen. Und sie dann nochmal erleben.

Jetzt sitze ich an der Loire und koche Risotto. Bin müde und freue mich auf meinen Schlafsack.

1.10.2015

Liebe Französinnen und Franzosen,

eigentlich wollte ich nur zu Lennart nach Madrid. Und eigentlich wollte ich mit dem Flieger von zuhause aus nach Faro fliegen und von dort losfahren. Eigentlich. Aber das Wetter war zu gut vorhergesagt und ich fuhr in Deutschland los. Und muss durch Euer Land. Seit Maubeuge fahre ich jetzt durch Frankreich. Und zwar quer durch, ohne auf touristische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen – na gut, Paris hab ich mitgenommen, aber es lag auch so’n bisschen auf dem Weg. Es ist ja auch schwer, an Paris einfach nur so vorbei zu fahren.

Na ja, jedenfalls bringt mich diese Reise Euch näher. Oder Euch mir näher. Ich habe den Eindruck, wir nähern uns an. Und das finde ich sehr überraschend. Weil, eigentlich mochte ich Euch nicht sonderlich. Vielleicht weil Ihr uns Deutsche nicht mögt. Ach was, weil Ihr niemanden mögt, außer Euch selbt. Le Grande Nation!

Vielleicht braucht es aber auch genau das, um so zu sein, wie die Gallier, die ich liebe, seit ich Asterix und Obelix lese. Und schließlich heißt es ja auch, dass nur derjenige andere lieben kann, der sich selbst liebt. Vielleicht mögt Ihr Franzosen uns ja doch und Ihr wisst es nur nicht? Auf jeden Fall habt Ihr das Zeug dazu, die Welt zu lieben. Versucht’s doch mal.

Ich mag mich jedenfalls auch und nutze das jetzt mal, Euch zu mögen.

Ihr lasst Euch auch nix sagen, weder von irgendwelchen amurösen Präsidenten in Paris noch von den Bürokraten in Brüssel oder einer deutschen Kanzlerin in Berlin.

Ihr macht Euer Ding, Euch kann man noch anmerken, ob Ihr gut drauf seid oder nicht.

Bei uns hat selbst bei der Laune der Kommerz Einzug erhalten. Wir müssen immer freundlich sein, wenn wir professionell sein wollen und uns das Geschäft oder der Kunde das diktiert. Da müssen gerade wir uns ganz schön verbiegen. Aber das Wachstum gebietet uns das. Und wachsen müssen wir, sagen die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler und die Unternehmer sowieso. Und da folgen wir Deutsche gerne den Diktaten unserer Eliten. Ihr seid da irgendwie rebellischer.

Kein Wunder bei Euren Vordenkern.

OK, mit Eurer Einstellung zur Kernkraft und zu Euren Atomwaffen kann ich nicht viel anfangen – da glaube ich, dass Ihr Eure Prioritäten noch mal überdenken solltet. Wäre doch schade um die Loire und Euer Land, wenn Euer Kraftwerk in Saint Laurent hochgehen sollte. Und bei starkem Westwind wäre das für uns Deutsche auch katastrophal.

Aber ich glaube, in ein bis zwei Politiker-Generationen seid Ihr so weit. Mitte der neunziger Jahre habt Ihr ja Euer Atombomben-Testprogramm nach den schweren Unruhen in Tahiti, die ihr damit verursacht habt, ja auch aufgegeben. Und in ein paar Jahren werdet Ihr auch Euer Schweigen dazu aufgeben und vielleicht sogar Euren Atommüll vom Mururoa-Atoll nach Frankreich zurückholen und die Menschen dort entschädigen, da bin ich mir sicher.

Ich bezeichne mich als Randonneur – das klingt irgendwie schöner als Radwanderer oder Radreisender. Danke an Euch für dieses schöne Wort. Für mich ist es unübersetzbar. Ihr warnt ja sogar Eure Autofahrer, wenn ein Rad-Schnellweg die Straße kreuzt. Das hat mich sehr begeistert.

Na ja, ich habe jedenfalls beschlossen, im nächsten Frühjahr gleich mal eine Woche Urlaub zu nehmen und einen Französisch-Intensivkurs zu belegen. Wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich Eure Sprache ja schon immer.

Ich bin froh, jetzt hier zu sein, das herausgefunden zu haben und freue mich darauf, über Eure Sprache noch ein wenig mehr Eurer Kultur kennen zu lernen.

Schönen Gruß erstmal!

2.10.2015

Der Tag an der Loire ist ein typischer Fluss-Radel-Tag. Die Bedingungen sind immer noch perfekt. Ich genieße immer wieder den leckeren Kaffee, die Croissants, Pain au Chocolat und die mit Äpfeln gefüllten Blätterteigtaschen. Das können nur die Franzosen so gut.

In Nantes komme ich ziemlich fertig an – ich habe mir eine Erkältung eingefangen. So beschließe ich, heute mal ausnahmsweise in einem Hotel zu übernachten und morgen mit dem Zug nach La Rochelle zu fahren, um während der Fahrt ein wenig auszuspannen und zu kurieren.

Das IBIS-Hotel in Nantes ist sehr luxuriös und ich genieße die heiße Dusche und das kuschelige Bett.

29.9.2015: Sightcycling durch Paris, einige Gedanken zur Zeit und dann an die Loire

Das Frühstück im Hotel ist gut, meine Wäsche ist gewaschen und trocken, die Batterien aufgeladen, die Sonne scheint, es ist wesentlich wärmer als im französischen Nordosten, kurz: es kann los gehen.

Ich rollere einfach durch die Stadt, lasse alles auf mich wirken. Einen Plan habe ich nicht, will nur den Montmartre mal wieder sehen und ansonsten an der Seine entlang fahren.

Montmartre ist nicht mehr wie ich es in Erinnerung habe. Früher saßen hier die Künstler auf dem zentralen Platz und malten oder verkauften ihre Werke wie auf einem großen Flohmarkt.

Heute ist der Platz zugestellt mit Tischen und Stühlen der anliegenden Cafés und Restaurants für die Touristen. Die Künstler sind weg. Wegkommerzialisiert. Ich bin enttäuscht. Vor der Kirche tummeln sich Japaner, Koreaner und Chinesen, unterhalten von rumänischen und bulgarischen Straßenmusikern. Das brauche ich nicht, ich lasse mich wieder runter rollen, nächste Station: Moulin Rouge.

Da war ich noch nie, bin überrascht, wie klein das Häuschen ist.

Ach, ich fahre jetzt zur Seine und dann an ihr entlang zum Eiffelturm. Vorher schaue ich mir noch den Louvre an, um dessen Pyramide herum allerdings eine einzige Baustelle ist. Irgendwie habe ich mir Paris gemütlicher und pariserischer vorgestellt.

Also gleich zur Seine. Dort kriege ich dann doch noch mein Paris. Ein Maler sitzt in der Sonne und malt das andere Ufer. Schräge Käuze pflegen ihre Hausboote, alte Frachtkähne, die sie mühe- und liebevoll umgebaut haben. Der Eifelturm steht vor der Mittagssonne, die mich wärmt. Ja, ich setze mich auf eine Kai-Mauer und genieße. La vie est belle.

Nach dem Eiffelturm fahre ich auf der anderen Seine-Seite wieder in Richtung Nordosten, Richtung Notre Dame. Unterwegs besuche ich eine großartige Foto-Ausstellung, Photoquai. Jetzt passt alles mit Paris. Stadt, Kultur, Sonne, Menschen, ich, Rad, Urlaub noch vor mir.

Genauso, wie ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris rein gespart habe, will ich mir die Fahrt aus Paris raus mit dem Rad durch die Vororte ebenfalls sparen und setze mich in einen Zug in Richtung Orleans.

Ich mag Paris, aber ich möchte in so einer großen Stadt nicht leben. Hier müssen die Müll-Leute nachts kommen, damit sie überhaupt durchkommen. Das war letzte Nacht so, von dem Krach bin ich kurz aufgewacht. Die Stadt ist voll, laut und leidet unter chronische Verstopfung. Die Verkehrsregeln werden befolgt, wenn’s passt oder extrem teuer wird. Die Polizei sieht’s locker, fährt selbst bei rot über die Ampeln.

Ich folge meinen Gedanken und bin überrascht, dass ich unterwegs so viele Einzelheiten, Details und Besonderheiten sehe. Diese machen die Tage unterwegs so kurzweilig, so schnell. Schneller als die, an denen ich zuhause bin, im Internet surfe oder lese oder arbeite. Reisetage sind kürzer als Routinetage. Dafür sind erstere voller und deren Zeit ist etwas besonderes.

Paradox: Wenn ich dann Ende 2015 zurückdenke an meine Reisen durch Zentralamerika, die Lausitz, an der Ostsee entlang, über den Rennsteig, vom Bodensee nach Wien oder die jetzige, dann kommt mir das Jahr so voll und so lang vor. Länger als ein reines Routinejahr. Das wird wohl damit zusammenhängen, dass ich so viel zum Erinnern habe. Und da ja das Leben für mich das ist, das ich erinnere und wovon ich erzählen kann, ist es durch meine Reisen länger.

Ach, was ist das überhaupt, die Zeit?

Seit dem Club der toten Dichter sollen wir im hier und jetzt leben, den Tag leben. carpe diem! Aber was ist das “Jetzt” denn? Das “Jetzt” bezeichnet einen Zeitpunkt, suggeriert, dass ich die Zeit anhalten könnte, indem ich “jetzt” lebe. Geht das? Es gibt nur Vergangenheit und Zukunft. Jedes “Jetzt” ist in dem Augenblick, in dem ich es ausgesprochen habe, Vergangenheit. Oder ist “jetzt” doch ein Zeitraum? Wie lang soll der denn dann sein? Eine Sekunde, eine Minute, ein Tag? Ach ja, carpe diem, lebe den Tag! Das suggeriert, ich könnte die Zeit für einen Tag anhalten. Der Tag als Zeitpunkt.

Ist es nicht absurd, im Jetzt leben zu wollen? Wir sind Treibholz im Fluss der Zeit. Ich kann zwar nicht sagen, was passiert, wenn die Zeit irgendwann mal aufhört zu existieren (das wird sie, sie hat ja irgendwann auch mal angefangen, zu existieren), aber ich kann sagen, dass ich mein Leben im 2o. und 21. Jahrhundert leben muss und daraus das Beste mache. Nicht im Jetzt und nicht den Tag. Sondern das Leben insgesamt, als untrennbare Gesamtheit aller bisher erlebten und noch zu erlebenden Zeit, als in meiner Zeit lebend. Ich fülle es mit Erinnerungen an die Vergangenheit, Erwartungen an die Zukunft und treffe so und verantworte meine Entscheidungen.

In Orleans kaufe ich noch ein paar Lebensmittel und fahre zur Loire. Nach ein paar Kilometern suche ich mir ein schönes Plätzchen am Fluss zum Zelten.

28.9.2015: Morgens Kühe, abends Paris

Herrje, es ist ja noch kälter als letzte Nacht – Faro, ich hätte dich so gern besucht.

Am Morgen werde ich von der Kälte geweckt, kuschel mich noch ein wenig in den Schlafsack und raffe mich dann aber auch auf. Zum Glück scheint gleich die Sonne, der Nachtnebel ist schon verzogen.

Ich bekomme Besuch. Mindestens zwanzig Kühe stehen um mich herum. Ich weiß, dass die manchmal gar nicht so friedvoll sind wie sie immer tun. Aber ich bin schon als kleiner Stöppke auf den Kuhwiesen meines Onkels rumgelaufen und habe versucht, die Kälber zu reiten. Was mir natürlich nie gelungen ist.

Ich packe ruhig und gelassen meine Sachen zusammen, schiebe mein Rad – ein komplettes Kuhrudel hinter mir herziehend – über die Wiese zur Straße, passe auf, dass die Kühe nicht mit durch’s Gatter huschen und fahre weiter Richtung Südwesten.

Ich beginne, die Franzosen zu mögen. Es gibt hier noch viele kleine Höfe, Felder, Weiden und Wiesen. Ich habe das Gefühl, dass Brüssel hier in Frankreich viel weiter weg ist als in Deutschland. Es gibt auch immer wieder Plakate, die den Unmut der französischen Bauern gegenüber der Standardisierung, Normierung und Subventionierung von Großbetrieben verdeutlichen. Die Franzosen scheinen sich nicht alles gefallen zu lassen, was aus Europa kommt. Sehr sympathisch, das Volk. Ich bin überzeugt: Wenn es in Europa irgendwann mal wieder zu einer Revolution kommt – wofür oder wogegen auch immer – sie wird ihren Ursprung in Frankreich haben. Die Deutschen können Gehorsam, die Franzosen Revolution. Die Deutschen können Vernunft, die Franzosen Skepsis.

Die Sträßchen hier lassen sich gut beradeln, es herrscht nur wenig Verkehr und die Autofahrer sind freundlich und rücksichtsvoll.

Ich stelle fest, dass ich gestern nur sechs Euro ausgegeben habe.

Dafür kaufe ich mir auf einem Hofladen jetzt einen Rochefort und einen Chausson und ein frisches Baguette und beschließe, fortan nicht mehr aufs Geld zu achten oder an es zu denken. Ach ja, Gott in Frankreich, guten Appetit.

In Sant Quentin komme ich direkt am Bahnhof vorbei und überlege, ob ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris nicht spare und direkt von hier mit dem Zug in die französische Metropole fahre. Außerdem spare ich dann einen Radtag und könnte den durch eine Radtour durch Paris ersetzen.

Ja, das hört sich attraktiv an und so sitze ich bald im Zug nach Paris, Gare du Nord.

Ganz in der Nähe nehme ich mir ein kleines Hotel mit dem typischen Über-den-Dächern-von-Paris-Blick, wasche meine Wäsche, lade meine Batterien auf und stelle mal wieder fest, dass Paris schon ’ne geile Stadt ist.

27.9.2015: In Belgien gibt’s gar keine Fritten, dafür Döner und Reis mit Camembert

Ach du meine Güte, ist das kalt nachts. Ich habe nur meinen 500-Gramm-Schlafsack eingepackt, lege noch meine Regenjacke drüber und mir die Kapuze über den Kopf. Die Beine ziehe ich an und binde das Fußende ab. So wird mir wieder warm.

Mein Tacho zeigt eine Tiefsttemperatur von vier Grad im Zelt an.

Draußen ist es zwar hell, aber neblig. Die Sonne ist irgendwo über dem Nebel. Damit habe ich natürlich nicht gerechnet: Es ist gar nicht so lange hell wie sonst im Frühjahr oder Sommer. Und die in der Wettervorhersage versprochenen Temperaturen von über zwanzig Grad liegen zwar an, aber nur mittags gegen zwei Uhr für zirka zehn Minuten.

Davor und danach ist es kalt.

Egal, rauf auf’s Rad und losfahren. Warmfahren. Warmbleiben.

Langsam kommt die Sonne durch und ich ziehe eine Schicht nach der anderen aus.

Es geht immer an der Maß entlang, durch Industrie-Orte, durch Fabriken, durch Stahlanlagen. Es geht nicht entlang an Bäckereien, Cafés, Pommes-Läden. Dafür immer wieder Döner-Buden.

Auf einem Flohmarkt esse ich ein Baguette, was lecker ist. Ansonsten ernähre ich mich von meinen mitgenommenen Nüssen. In Frankreich werde ich die Vorräte dann wohl wieder auffüllen können.

Abends bin ich dann schon in Frankreich, koche mir Reis mit Camembert. Man mag es nicht meinen, aber es ist lecker. Was vielleicht auch an meiner allgemeinen Unterzuckerung liegt. Meine Beine sind leer wie eine Tonerpatrone im Büro, wenn man den Drucker am dringendsten braucht. 115 Kilometer, gute fünf Stunden reine Fahrzeit, knapp 600 Höhenmeter stehen auf der Uhr und zeigen an, warum das so ist.

Jetzt habe ich mein Zelt auf einer Kuhwiese aufgestellt, die Abendsonne wärmt mich noch ein wenig, bevor sie dann untergeht und der aufkommende Nebel mich ins Zelt schickt.

26.9.2015: Prolog, Zug nach Aachen, Männergruppe mit Bier, Lüttich und unerwartete Kälte

Prolog:

Im Herbst 2015 unternehme ich eine Herbstreise mit dem Fahrrad nach Madrid. Lennart studiert dort, mein Besuch bei ihm ist der eigentliche Grund meiner Reise. Also ist es ein Familienbesuch.

Ich überlege, von Hannover direkt nach Madrid zu fahren – dann verpasse ich aber viele Sehenswürdigkeiten, die in meinen Durchgangsländern liegen. Also plane ich mit Bus und Bahn.

Paris soll auf der Strecke liegen, die Loire mit ihren Schlössern, Bordeaux mit den Weingütern, der Atlantik, die Pyreneen und dann ein Stückweit der Pilgerweg des Jakob. Will sehen, was es mit dem Pilgern so auf sich hat. Ob man sich da wirklich finden kann.

Auf jeden Fall will ich dem Denken einen großen Raum geben in diesen drei Wochen. Dem Reflektieren und dem Zu-Ende-Denken.

Wenn ich Bus und Bahn in meine Planung einschließe, brauche ich nicht in Hannover losfahren. Deutschland kenne ich nun gut genug, aber dennoch will ich von Deutschland aus losfahren. Also kaufe ich ein Zugticket nach Aachen.

Reise:

Ich starte um halb zwei in Aachen. Es ist eine Herbstreise durch Westeuropa, ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Gestern erst habe ich mich entschieden. Habe meinen Flug nach Faro storniert, um von Deutschland nach Madrid zu fahren. Oder nach Santiago de Compostela, ich weiß es noch nicht. Lennart studiert seit dem Sommer in Madrid und ich will ihn besuchen.

Vor vier Wochen buchte ich einen Flug nach Faro, um durch Portugal über Santiago nach Madrid zu fahren. Drei Wochen waren geplant. Nun sagt die Wettervorhersage für die nächsten zehn Tage wunderbar ruhiges Herbstwetter für Belgien und Frankreich an mit Temperaturen von bis über zwanzig Grad. Na dann fahre ich doch von Deutschland nach Madrid. Das ist doch mal ein Plan. Deutschland selber kenne ich nun schon gut genug, also fahre ich mit dem Zug bis Aachen, um dann durch Belgien über Paris an die Loire zu fahren. Dann zum Atlantik, den dann runter bis in die Pyreneen und dann auf dem Pilgerweg erstmal bis Burgos. Dann kann ich mich entscheiden, ob ich weiter pilgern will oder links nach Madrid abbiege. Von Santiago würde ich dann mit dem Bus oder Zug nach Madrid fahren.

In den Zug nach Aachen steigt in Dortmund eine Männergruppe aus Kamen. Es sind rund zehn Jungs, alle haben große Bierdosen in der Hand, es sind wohl weder die ersten noch die letzten. Lustig ist es mit ihnen. Ich kann nicht plausibel darlegen, dass ich in Aachen aussteige und nach Madrid radeln will. Ich kann auch nicht plausibel darlegen, dass ich Bier nicht mag. Und auch keine 11-Tage-Pauschal-All-Inclusive-Schiffsreisen ab Antalya durchs Mittelmeer. Ich ernte ernsthaftes Kopfschütteln.

In Aachen steige ich aus dem Zug und – friere. Shit, wäre ich doch mal nach Faro geflogen. Ich überlege, ob ich erstmal in einen Klamottenladen gehe und mir noch zwei bis drei Lagen Unterwäsche kaufe. Schnickschnack, dazu muss ich frieren, obwohl ich alles an habe, was in den Packtaschen drin ist. Ach ja, weil ich rund zwanzigtausend Höhenmeter kalkuliere, habe ich so wenig wie möglich eingepackt, vertraue auf das Zwiebelprinzip.

Die ersten zehn Kilometer aus Aachen raus sammel ich schon mal gleich 500 Höhenmeter, mir ist warm. Vom Turm am Dreiländereck schieße ich ein paar Fotos, dann bin ich schon in Belgien. Hier fuhr ich noch nie Rad. Nett ist es hier, gemütlich. Die Radwege sind wunderbar ausgebaut, die Häuschen erinnern mich an Holland, die Landschaft an Nordhessen.

Bald schon erreiche ich Lüttich, wo ich versuche, ein paar belgische Pommes zu essen. Fehlanzeige. Es gibt nur Döner.

Ab Lüttich ist Belgien dann Industrieland.

In irgendeiner kleinen Stadt suche ich einen Campingplatz, der in meinem Archie-Verzeichnis auf dem Garmin eingezeichnet ist. Ich finde nix, merke dann aber, dass der Platz schon geschlossen ist und daher keine Schilder mehr irgendwo rumstehen. Na, das ist mir ja reichlich egal, ich stelle mein Zelt auf dem geschlossenen Zeltplatz auf, die Wasserhähne an den Wegen funktionieren noch und so kann ich mich sogar duschen. Aber kalt ist das.

Ich habe heute 85 Kilometer geschafft, mit rund 700 Höhenmetern, in vier Stunden. So kann’s weitergehen.