11./12.10.2015 – Von irgendwo in den Bergen in ein Kloster und dann weiter nach León oder: Das Nichts kann es nicht geben

Ach, es ist Samstagnacht und in irgendeinem kleinen Dorf in der Nähe spielt die Kapelle so laut sie kann. Und sie kann laut. Ich dachte, es sei beschaulich hier. Das hatte ich jetzt doch schon öfter: Einen idyllischen, netten Platz und dann, Samstagabend, geht die Post ab. Das heftigste war mal ein Lager an Elbe, als sich die nahe Scheune als ein Rockertreff herausstellte und die Jungs mit Harleys, Kutten und allem Tamtam richtig Party machten. Da konnten dann auch die Ohropax höchstens noch das Schlimmste lindern. In Österreich war das auch so, als ich am Inn zeltete und auf der anderen Flussseite ein Mini-Oktoberfest mit Rumtata-Musik gefeiert wurde. Das war dann nicht nur von der Lautstärke her grausam. Na ja, jetzt höre ich Discomusik, wärme mir meine kleinen Schlafhelferlein aus Wachs in der Hand vor und versiegele dann damit meine Gehörgänge.

Gegen zwei Uhr morgens wache ich auf, nehme die Stöpsel raus, es ist leise. Ich schlafe weiter. Gegen vier Uhr morgens ist es wieder laut, es regnet mit dicken Tropfen. Ich drehe die Stöpsel wieder zurecht und stecke sie in die Ohren. Um sechs ist es wieder leise, um acht fährt ein Trecker an meinem Zelt vorbei. Hey, Campesino, es ist Sonntag! Sonntag ist Ruhetag und du bist doch garantiert katholisch erzogen! Hast du was vergessen? Fünf Rosenkränze! Meine imaginäre Ansprache an den armen Kerl beruhigt mich ein wenig und ich schlafe nochmal ein. Es ist kalt hier oben, da kuschel ich mich gerne in meinen Schlafsack.

Gegen neun stehe ich dann auf, koche mir einen Tee, packe zusammen und rolle locker nach Burgos.

Burgos ist wie all die anderen spanischen Großstädte, die ich hier im Norden durchfuhr: Außen unattraktiv mit Hochhäusern, innen eng mit vielen Bars und Kirchen. Die Kathedrale hier ist schon gewaltig. Ich kriege sie mit meinem 50 Millimeter Objektiv gar nicht komplett aufs Bild.

Na, wegen des Deja-vú-Effekts fahre ich dann auch bald wieder raus aus der Stadt, es beginnt wieder zu regnen. Immer nur mal kurz und dann längere Zeit nicht. Mein Weg ist nun auch der Weg der Wanderer. Es sind Schotterwege, die meist ganz passabel befahrbar sind. Manchmal aber auch nicht und dann gern verblockt. Das ist mit einem bepackten Reiserad bergab und bei Regen schon heikel. Und immer wieder muss ich an den Wanderern vorbei. Die sind aber wie in Trance unter ihren Kapuzen und Schirmen. Auf dem Weg erinnern sie mich an eine Ameisenstraße. Alle hintereinander weg, gleiches Tempo, gleiche Richtung. Am Rand spielen sich dann hin und wieder kleinere und größere Dramen ab – meist körperlicher Art. Manchmal auch anhand der Heftigkeit der Diskussion erkennbar. Wenn man den Camino gemeinsam gehen will, sollte man sich mögen. Sehr mögen. Und tolerant sein.

Nach fünf bis sechs Regenschauern, rund 115 Kilometern und sechs Stunden auf dem Sattel erreiche ich ein altes Kloster, das auch als Pilgerherberge dient. Hier bekomme ich ein Bett mit Dusche und herzlichem Beistand für fünf Euro.

Am nächsten Morgen regnet es. Es regnet den ganzen Morgen.

Ich setze mich in den Salon des Klosters und lese und schreibe und denke wieder über Nichts nach. Über das „Nichts“. Das kürzeste Paradoxon der Welt: Nichts. Wenn ein Substantiv einen Inhalt, eine Bedeutung, einen realen Gegenpart haben muss, dann darf es das Substantiv „Nichts“ nicht geben. Gibt es aber. Und es bezeichnet etwas, was es nicht bezeichnen kann.

Ich habe mich als Kind schon immer gefragt, was eigentlich vor meiner Geburt war. Wo ich da war. Der Tod hat mich nie so interessiert wie meine Nicht-Existenz vor meiner Geburt. Wie konnte es kommen, dass ich aus dem Nichts entstanden bin? Lassen wir mal die Biologie beiseite. Nichts kann aus dem Nichts entstehen und nichts kann einfach so ins Nichts verschwinden – wie soll das gehen?

Und überhaupt: meine Sinne befeuern mich ständig mit Eindrücken. Mein Gehirn beschäftigt sich selbst im Schlaf permanent mit Wahrgenommenem. Ich kann nicht nicht wahrnehmen oder nicht denken. Da frage ich mich auch: kann es etwas geben, wenn es nichts und niemanden gäbe, der es wahrnehmen könnte? Ich meine jetzt nicht so etwas wie Magnetismus, der mit den richtigen Instrumenten nachgewiesen werden kann. Nein, ich meine: gäbe es zum Beispiel das Universum ohne irgend eine Form von Bewusstsein innerhalb oder außerhalb von ihm?

All diese Fragen und weitere ähnliche werden von uns mit unserer beschränkten Wahrnehmung und Vorstellungskraft diskutiert. Am Ende muss es aber eine Antwort auf sie geben, sonst gäbe es uns nicht. Selbst wenn wir uns selbst auf einen einzigen Gedanken reduzieren (cogito ergo sum). Wer diese Fragen beantwortet, hat entweder Gott oder das Göttliche gefunden oder ihn oder es widerlegt.

Womit ich wieder beim Camino bin. Beziehungsweise beim Regen.

Gegen Mittag ziehe ich meine Regenklamotten an und fahre einfach los. Donnerstag will ich in Santiago sein.

Im Regen ist die Landschaft nicht so spektakulär und so kann ich wirklich ein wenig rum sinnen und versuchen, eine für mich lebenspraktische wichtige Entscheidung zu treffen.

Will ich weiterhin Fleisch essen oder will ich darauf verzichten. Die Entscheidung muss ja nicht schwarz-weiß sein, es gibt ja unterschiedlichste Graduierungen. Ich muss mich fragen, was mir wichtig ist. Der Trieb oder die Vernunft. Der Trieb ist in unserem Überlebensprogramm verwurzelt, zu Teilen kulturell eingepflanzt. Die Vernunft sagt: es ist gesünder, auf Fleisch zu verzichten. Die Umwelt kann unseren Kindern nur noch einigermaßen heile übergeben werden, wenn die Menschheit jetzt sofort auf den Fleischkonsum mit seinen Folgen verzichten würde. Und schließlich wissen wir nicht, was wir den Tieren – insbesondere den Schweinen – antun, wenn wir sie so halten wie wir es tun. Es gibt durchaus prominente Stimmen und sehr gute Argumente für einen Ethos gegenüber Tieren, der uns alle täglich als Verbrecher überführen würde. Mir selbst würde der Verzicht auf den Luxus „Fleisch“ und die Demut gegenüber der Natur gut zu Gesicht stehen. Und meiner Gesundheit wäre es ebenfalls zuträglich.

Und was ist mit Fisch? Was mit Milch, Quark, Käse und Co.?

Himmel! Warum ist es so schwer, eine klare Entscheidung zu treffen? Warum ist es so schwer, konsequent zu sein? Warum gehen andere Menschen so unbeschwert mit ihren Entscheidungen um? Was ist es, das es mir so schwer macht? Warum muss für mich alles im Leben immer so konsistent sein? Himmel!

A propos: Am Abend klart der Himmel parallel zu meinen Gedanken auf und ich erreiche León. Ich finde gleich in der ersten Herberge ein Bett und zahle zehn Euro dafür. Die letzten Routine-Tätigkeiten des Tages verdrängen so langsam meine Gedanken, meine Ideen, meine Fragen, meine Zweifel.

Als ich im Bett liege, denke ich nochmal über das Nachdenken nach. Ist es nicht fantastisch, dass wir das können? Ja, es ist eine Gratwanderung. Das Denken über alles Metaphysische zu genießen, ohne den Kontakt zum Hier und Jetzt zu verlieren. Die Art und Weise des Denkens über das Abstrakte zu kultivieren, um sie beim Diskutieren über das Praktische anzuwenden. Aber ob ich jetzt Vegetarier werden will oder gar Veganer oder nicht, darüber muss ich noch ein wenig nachdenken.

10.10.2015 – von Logroño in Richtung Westen oder: Wie Speichen klingen müssen

Um Punkt sechs Uhr geht das Licht an und als erstes sind die Koreaner aus den Betten. Die sind sofort hektisch und so komme ich gar nicht erst auf die Idee, noch weiter zu schlafen. Draußen ist es allerdings kalt und dunkel. Um sechs Uhr drei kommt die Herbergsmutter ins Zimmer, um zu schauen, ob auch alle wach sind. Ich habe keine Lust auf Warteschlangen vor dem Klo und bleibe noch liegen bis ich dann um halb sieben höflich und freundlich aufgefordert werde, nun auch endlich aufzustehen. Und mit mir die Italiener und die Franzosen. Wir blinzeln uns verstehend zu und werden langsam wach. Was für ein Gewusel im ganzen Haus. Ich nehme mir vor: Heute Abend schlafe ich wieder im Zelt.

Als ich mein Rad packe, merke ich, dass eine Speiche gerissen ist. Shit. Felge nicht verzogen, gutes Zeichen. Somit wird sich meine Weiterreise verzögern. Denn… Tataaa! Meine Ersatzspeichen liegen zuhause, ich wollte ja nicht durch die Sahara fahren. Somit stehe ich um Punkt acht Uhr vor einer verschlossenen Herberge und dann bis Punkt zehn Uhr vor einem verschlossenen Fahrradladen.

Der Laden heißt Retrocycle und im Laden begrüßt mich Sergio, ein modisch gekleideter Fahrradverkäufer. Ich schaue mich um und sehe… Fixies, Mountainbikes, Rennräder, Klamotten. Keine Reiseräder, keine Rohloffschaltungen. Das Geschäft sieht aus wie so ein hipper Laden in Berlin, der eigentlich ein Café ist, aber nur dann auch Hippster anzieht und zum Ökoveganfairtrademultikultilattemitherzchenimschaumkonsum bringt, wenn hippe Fixies von der Decke hängen, T-Shirts mit Fixies drauf in Glasvitrinen liegen und es nach Caramba riecht, was wahrscheinlich aus Duftdesignspendern von der Decke gesprüht wird.

Kurz: Ich frage erst mich, wie ich hier an eine Speiche für ein Rohloffhinterrad komme. Und dann höflich Sergio. Der sagt, dass die Werkstatt samstags geschlossen, er kein Mechaniker sei, sich in der Werkstatt nicht auskenne, aber dennoch mal schauen würde. Speichen seien ja schon signifikant und auch von einem Nichtmechaniker zu erkennen.

Ich ahne nichts Gutes, als Sergio auf Suche geht. Und doch – er kommt mit einer Sammlung silberner und schwarzer Speichen zurück und siehe da: Die passenden sind dabei! Aufatmen und Grinsen.

Allerdings muss ich selbst halt schauen, wie ich die Speiche nun einspeiche. Ich frage, ob ich die Werkstatt nutzen darf. ¡Claro que sí! Sergio und ich unterhalten uns angeregt, während ich mich an die Arbeit mache. Das Werkzeug ist aufgeräumt und ich muss zugeben, dass ich hier total gern arbeiten würde. Von wegen: Nur Deutsche können Ordnung. Sergio erzählt mir, dass der Haus-Mechaniker das ist, was man im Computerbereich „Nerd“ nennt. Und das merke ich allein an den Werkzeugmarken, an der Werkzeugauswahl und wie sauber hier alles ist (im Gegensatz zu den meisten Pizzaschachtel-Coladosen-Nerd-Laboren).

Sergios Chef organisiert die Eroica Hispania und so kommen wir ins Schwärmen und ich merke, dass der Laden hier alles andere als ein Hippster-Laden ist. Ich frage Sergio, ob er gern hier ist, in Rioja. Seine Frau kommt aus Andalusien, die beiden überlegten sich vor einiger Zeit, wo sie denn nun leben wollten. Andalusien sei Sergio aber zu unruhig, zu hektisch. Er kommt hier aus Rioja, aus der Nähe von Logroño. Da hake ich nach: Andalusien zu hektisch zum Leben? Ja, meint mein Helfer in der Not. In Andalusien gibt es Touristen, Strände, Autobahnen, die Immobilienmakler haben alles im Griff. In Rioja gibt es Wein, Wanderer und sauberere Luft. Und das lässt das Leben ruhiger verlaufen. Da ist wohl was dran.

Sergio schaut mir zu und zeigt mir das Tensiometer zum Messen der Speichenspannung. Ich lehne dankend ab, hab sowas noch nie benutzt. Ich kontrolliere per Auge und per Ohr. Einen Seiten- oder Höhenschlag kann ich nicht erkennen und als ich das Hinterrad rollen lasse und einen Schraubenzieher an die Speichen halte, klingen alle gleich. Bis auf eine. Die ziehe ich so lange fest, bis alle gleich klingen. ¡Eso es!

Sergio ist fasziniert, wir quatschen noch ein wenig, ich kaufe mir zuletzt ein Eroica-Käppi, zahle, lege noch was in die Kaffeekasse und verabschiede mich mit herzlichstem Dank.

Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr zur Eroica wieder.

Das Wetter ist genial, die Landschaft wird hügeliger.

Der Pilgerpfad wird auch für Radler rauher, führt über Feld- und Schotterwege durch die Weinberge. Es ist Herbst und die überreifen Trauben versprühen einen süßlichen Geruch. Ich probiere – sie schmecken nicht so gut wie die in Deutschland oder die in Frankreich oder der Schweiz. Aber sie liefern Energie und sind gesund.

An manchen Abschnitten des Jakobswegs muss ich absteigen und schieben, ja sogar hin und wieder das Rad über verblockte Abschnitte tragen.

Die Wanderinnen und Wanderer sind zum allergrößten Teil freundlich – ich fahre allerdings auch sehr vorsichtig an ihnen vorbei und mache mich durch rechtzeitiges Klingeln bemerkbar. Manchmal ernte ich Bewunderung, manchmal Kopfschütteln, meistens ein Lächeln. Wenn ich merke, dass jemand erschöpft inne hält weil die Last auf dem Rücken drückt, frage ich, ob ich den Rucksack auf meinen Gepäckträger stellen soll und wir ein Stück Weg gemeinsam schieben. Das kommt gut an, wird aber durchweg abgelehnt. Pilgerer-Ehre? Von mir aus.

Später dann trennen sich die Wege der Wander- und der Radler-Pilgerer wieder und ich fahre über autofreie gewundene Bergsträßchen, die mir mal wieder klar machen, warum es so wundervoll ist, mit dem Rad zu reisen.

Zum Abend hin überlege ich kurz, ob ich zur nächsten Herberge fahre oder ob ich zelte und denke an die letzte Nacht. Ich suche mir ein schönes Plätzchen für mein Zelt auf ungefähr 1.000 Metern Höhe abseits der Straße an einem Feldweg und genieße die Ruhe und die frische Luft.

 

9.10.2015 – Von Pamplona nach Logroño oder: El peregrino Jorge

Das Frühstück ist einfach und gut. Es ist etwas besonderes, mit Menschen am Tisch zu sitzen, die einander so fremd sind doch eine Idee teilen. Buon Camino!

Da ist ein Franzose, dem gekündigt wurde und der die freien drei Monate wandern will. Und da sind drei Spanier, die auch mit den Rädern fahren, welche allerdings in zweifelhaftem Zustand sind. Sie fahren einfach los.

Pamplona ist ein populärer Startort. Auch wenn alle hier zu sich finden oder sich besinnen wollen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie das dann aber eben auch schnell wollen.

Na ja, um halb neun in der Früh muss ich draußen sein – es wird ein schöner Tag heute, sagen sie.

Kalt ist es, ich fahre bei vier Grad los und ziehe mir alles an, was ich habe. Aber die Sonne kommt raus, es geht erst mal bergauf und mir wird schnell warm.

Das ist jetzt spanische Provinz hier. Braunes Land, in allen möglichen braunen Schattierungen. Und sanfte Hügel, gepaart mit hin und wieder steilen Bergen und schroffen Abrissen.

Gegen Mittag ist es dann richtig schön. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und heizt die Luft auf, die nach den kalten Tagen der letzten Woche endlich mal wieder an meinen nackten Armen und Beinen entlang streicht.

Nachdem ich auf den ersten 30 Kilometern schon über 500 Höhenmeter gesammelt habe, beschließe ich, mich ein wenig an die Region und die Pilgerer zu adaptieren und bergauf zu schieben. Ja, und langsam zu schieben und jede Steigung zu schieben. Die verkehrsarmen Sträßchen laden auch dazu ein.

Bergab allerdings geht’s dann mit bis zu 80 Sachen runter und mein Gepäck wird vom Rad getragen. Diesen Vorteil gegenüber meinen wandernden Genossinnen und Genossen gebe ich nicht ab.

 

 

Mein Etappenziel ist Logroño nach rund 100 Kilometern. Normalerweise ein lockeres Ziel, aber die Sonne und die Berge zehren ganz schön und so komme ich ziemlich fertig in der Hauptstadt der Weinregion Rioja an und schnappe mir das letzte freie Bett in der städtischen Pilgerherberge. Das kostet sieben Euro und es ist warm nachts und ich kann duschen und in einer Gemeinschaftsküche kochen. Das Zimmer teile ich mir mit rund 30 Koreanern, Italienern, Amerikanern, Franzosen, Slowaken und Engländern. Keine deutsche Stimme, was mich schon fast stutzig macht.

Um halb zehn schließt die Küche, um zehn geht das Licht im Haus aus und die Tür der Herberge wird verschlossen. Wer dann nicht drin ist, bleibt draußen – bis morgen früh um sechs. Ganz schön rigoros hier. Und um acht Uhr morgen früh müssen alle das Haus verlassen haben.

Wieder beschleicht mich das Gefühl, dass hier eine gewisse Eile um mich herum wirkt. Die mediterrane Lockerheit bleibt bei der Besinnung wohl außen vor. Und auch unterwegs in den ganzen kleinen Orten stehen die Pilger ungeduldig in den Schlangen an den Stempelstellen und lassen sich die Stempel in ihre Büchlein drücken. Für diese Herberge heute muss ich mir auch so ein Büchlein, ein Credencial de Peregrino kaufen, da ich ansonsten kein Bett bekommen hätte.

Einfach nur pilgern, ohne Bescheinigung? Geht wohl nicht. Na egal, jetzt habe ich auch einen Stempel und bin offizieller Pilgerer. Und liege um die offizielle Pilgerzeit im Pilgerbett und beeile mich, schnell einzuschlafen. Bloß keine Ruhe, wer rastet, der rostet. Selbst im Schlaf.

8.10.2015 – Aus den Pyrenäen nach Pamplona oder: You are not in Spain!

Ich wusste gar nicht, dass ich bereits seit Bayonne pilgere. Auf dem Jakobsweg. Na, mein Ziel ist ja auch Santiago de Compostela. Ich bin gespannt, ob ich mich von der Pilgerstimmung hier einfangen lassen kann. Bisher habe ich zwar ein paar Zeichen gesehen, aber noch nicht viel mitbekommen.


Heute sitze ich schon um neun auf dem Rad und fahre eine Via Verde über eine stillgelegte Eisenbahnstrecke. Es regnet zwar nicht mehr, aber es ist kalt und neblig. Ich freue mich auf die Wärme in der spanischen Ebene. Nach rund zehn Minuten habe ich alle Regenklamotten an, die ich in den Packtaschen finden konnte. Gamaschen für Hände und Füße, Regenhose, Regenjacke. Zum Glück geht es nur sanft bergauf, so dass mir nicht warm und kalt zugleich wird.

Mir wird immer wieder verdeutlicht, dass ich weder durch Frankreich noch durch Spanien fahre sondern durch Pais Vasco. Durch das Baskenland. Mit „Land“ meinen die hier aber nicht so etwas wie das Wendland oder das Rheinland sondern eher so etwas wie Deutschland. Die Ortsnamen, die Sprache, die Kleidung, ja sogar der Schriftschnitt vieler Firmen, Plakate, Hotels, Bars und sonstiger Schilder ist baskisch. Mir gefällt das. Die Basken sind Rebellen auf unauffällige, aber deutliche Weise. Mich erinnert das an meine Tour durch Bayern, wo die Bauern auch rebellisch sind und sich gegen die Vorgaben aus Brüssel auflehnen. Mir san mir – das heißt dort nicht nur, dass alle anderen die Bayern mal sonstwas können sondern eben auch, dass sie sich nicht weichspülen oder konformieren lassen.

Manchmal wäre ich auch gern Teil einer besonderen Volksgruppe mit ihren Besonderheiten. Bin ich nicht. Hannover – normaler und standardisierter geht’s wohl kaum mehr. Jeder, der damit etwas Besonderes darstellen will, macht sich lächerlich. Außer – halt! Das „Nichts Besonderes“ ist es, was die Niedersachsen ausmacht. Sie sind irgendwie so „mittel“, was ja immer auch als „golden“ gesehen wird. Oder als angemessen. Gut, damit kann ich leben. Es hat doch auch etwas, wenn ich jetzt nicht über ein nicht angemessenes Zurschaustellen von kulturellen Besonderheiten einer Minderheit, die quichotin um die Unabhängigkeit kämpft, permanent mit missionarischem Eifer die Mehrheit der Menschheit mit meinen Zielen bedrängen muss. Kurz: Es ist durchaus vorteilhaft, Niedersachse zu sein.

Nun pedaliere ich die Berge hoch. Auf Höhe 850 Meter habe ich den höchsten Pass hier erreicht. Ja, und es ist kalt. Jetzt ziehe ich bergab auch noch die Handschuhe drunter. Und ich fahre auf der Südseite der Pyrenäen bergab, so dass die Sonne mich ein wenig wärmen kann.

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich Pamplona und entscheide, noch eine Nacht in einer Herberge zu schlafen. Hier nun fängt mich der Geist des alten Jakob ein. Mein Großvater hieß übrigens auch Jakob – Opa, ich denk‘ an dich! In der für die Encierros, die Stierläufe zum Fest Sanfermines, berühmten Hauptstadt Navarras gibt es viele Kirchen, Klöster, Muschelzeichen und in der Innenstadt: Wanderer, Pilgerer. Mein GPS führt mich zu einer Albergue Peregrino, wo ich für 14 Euro ein Bett in einem 20-Betten-Zimmer bekomme. Mit Frühstück zwischen 6:30 und 8:15 Uhr. Um 8:30 Uhr muss ich draußen sein. Das sind die Bedingungen. Der Pilger-Biorhythmus ist definitiv nichts für mich. Aber die heiße Dusche und die freundlichen Leute laden mich gerade zu ein, das mal auszuprobieren. Am Abend schaue ich mir noch ein wenig Pamplona – sorry, Basken: Iruña – an und genieße den lauen Abend zwischen den vielen Leuten, die hier drinnen und draußen sitzen und dieses wunderbare mediterrane Flair versprühen.

7.10.2015: Von Biarritz ins Baskenland oder was Grenzen eigentlich sind.

Ich frühstücke mit meinem Zimmergenossen, einem Programmierer aus Paris, ungefähr mein Alter. Patrick ist ein ganz feiner Mensch. Unscheinbar, leise, überlegt. Wir legen eine seltene Weise, zu kommunizieren, an den Tag. Er lässt mich aussprechen, wartet und versucht zu verstehen, ich sehe geradezu, wie er meine Worte und Sätze erst „schmeckt“, bevor er darauf antwortet. Pausen zwischen Wortmeldungen tun gut, merke ich. Das ist ein seltener Genuss, auf den ich mich nur allzu gern einstelle. Das ist Zuhören zum Wohlfühlen, was wir da zelebrieren: Nachfragen, verstehen wollen, ausreden lassen, Nachdenkzeiten geduldig abwarten.

Wir unterhalten uns über Grenzen. Warum es sie gibt und ob es sie überhaupt geben muss. Das Bewahren von Kulturen fällt uns ein. Doch was ist das, Kultur? Vorstellungen von Normen, Vorlieben für Musik, bildende Kunst, Sprache, Essen, Trinken, Filme, Kleidung, und so weiter? Patrick meint, Kultur sei menschverbunden, also eigentlich alles, was Menschen denken, glauben, wissen, tun. Hmm, ist mir jetzt ein wenig abstrakt. Wenn das so wäre, gäbe es ja keine Kultur-Unterschiede zwischen Menschen sondern höchstens Unterschiede in den Ausprägungen von Kultur. Und die fangen ja schon bei mir und meinen Kindern an. Wir haben völlig unterschiedliche Kulturen, da wir unterschiedlich denken, glauben, wissen, tun. Der Große findet Technik spannend, ich das Reisen. Der Kleine will ins Business rein, ich will eher raus. Meine Tochter liebt Pferde, ich finde Hunde spannender. Wenn das keine Kultur-Unterschiede sind. Muss ich jetzt Grenzen ziehen zwischen meinen Kindern und mir? Da kann es doch sein, dass ein afghanischer Mittvierziger mehr gemeinsame Kultur mit mir hat als einer meiner Söhne. Auch wenn das alles plakativ klingt, stellen wir fest, dass Kulturunterschiede kein ausreichender Grund sein kann und darf, um Grenzen zu ziehen und abzusichern.

Nachdem wir festgestellt haben, dass sich per definitionem jeder Mensch von jedem anderen Menschen kulturell unterscheidet und abgrenzen lässt, wollen wir mal auf die Gemeinsamkeiten schauen.

Ich frage den Franzosen, ob er schon mal anhand von Kleidung, Frisuren, Essgewohnheiten und der Art, wie die jungen Leute auf ihre Telefone starren zumindest erste Hinweise auf die Nationalität der jungen Leute hätte. Hat er nicht. Ich auch nicht. Es ist doch egal, ob ich in Berlin, Madrid, Paris, Istanbul, Hongkong oder Stockholm bin – alles sieht gleich aus, alle – zumindest die jungen Leute – sehen gleich aus. In der Lost-and-Found-Lodge in Panama konnte ich nicht erkennen, woher die Leute kamen. Und sie kamen aus allen, wirklich allen, Gegenden der Welt. Und sie hatten alle den gleichen Habitus. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, gleichen Telefone, auf denen die gleichen Apps und die gleiche Musik laufen. Alles gleich. Wozu also noch Grenzen? Unterhalten wird sich auf englisch, so wie wir beiden hier in Biarritz das jetzt auch tun. Durch die großen Konzerne und Franchise-Ketten sehen die Innenstädte der europäischen Länder auch mittlerweile alle gleich aus. Und dank IKEA wohl auch die Wohnungen in den Städten auf der ganzen Welt.

Patrick fragt sich laut, ob wir den großen Konzern-Multis dankbar sein müssten für das Angleichen von Kulturen und somit das Niederreißen von Grenzen.

So – da sitzen wir nun und schauen uns ratlos an. Sind Grenzen anachronistisch?

Nein, wohl nicht. Hier, im Baskenland, lehrten sie wieder auf baskisch an den Schulen, sagt der Franzose. Und in Deutschlands Osten schreiben sie zweisprachige Ortsschilder, sage ich. Deutsch und Sorbisch, einer Sprache, von der ich nie was hörte, bis ich in der Zeitung las, dass sie jetzt in Cottbus und Bautzen auf dem Ortseingangsschild steht. Und im Sommer sah, dass das so ist. Wobei das Sorbische in Bautzen mit Farbe übersprüht war.

Sind das jetzt Gegenbewegungen gegen die Globalisierung? Baskisch in Schulen, sorbisch auf Ortsschildern?

Pflanzen, sagt mein Frühstückspartner. Die bräuchten bestimmte regionale Bedingungen und wahrten die Kulturen. Monsanto, sage ich. Die sorgen dafür, dass es bald gleiche Pflanzen auf der ganzen Welt gibt, die überall wachsen können. Außerdem haben wir noch Laster, Schiffe und Flugzeuge. Im Januar kann ich in Deutschland frische Äpfel aus Chile essen. Jim Blocks argentinisches Steakhaus in Hannover ist stolz darauf, dass argentinische Steaks in Kühlflugzeugen eingeflogen werden. Ägyptische Grabräuber sorgen dafür, dass in den Wohnzimmern der Bonzen sich Kulturen aus dem Orient mit hipper Modern Art vermischen.

Wir beschließen: Wenn schon alles auf der Welt gleich ist und Kulturen hin und her transportiert werden, können wir die Grenzen eigentlich auch auflösen. Grenzen sollten – zumindest als Ergebnis unseres Gesprächs – durchaus mal einer eingehenden Paradoxie-Prüfung unterzogen werden. Das schaffen wir jetzt nicht.

Patrick will aufbrechen, er wandert in dieser Gegend. Will heute noch auf dem Küsten-Jakobsweg nach Saint Jean de Luz. Ich auch, nur nicht zu Fuß sondern mit dem Rad.

Draußen regnet es. Es ist bereits elf Uhr und ich will heute noch nach Pamplona, über die Pyrenäen. Ich ziehe meine Regenklamotten an und fahre los. Das Wetter über dem Atlantik ist schon dramatisch. Düstere graue Regenwolken bilden sich neben weißen Haufenwolken und zwischendurch sogar mal eine blaue Lücke mit freier Sicht ins Weltall.

Weil es permanent hoch und runter geht, schwitze ich und ziehe meine Plastiksachen aus. In einer Bäckerei in Saint Jean de Luz komme ich mit der Bäckerin ins Gespräch. Sie ist Baskin, spricht spanisch und redet ein wenig baskisch, um mir zu zeigen, wie anders diese Sprache ist. In der Tat: Ich verstehe rein gar nichts. Nicht mal das Wort für „Guten Tag!“ kann ich mir länger als zwei Sekunden merken. Niemand wüsste, woher diese Sprache käme, meint sie. Sie sei kompliziert und würde nur hier in den fünf Verwaltungsbezirken des französischen und spanischen Baskenlandes gesprochen. Vergleiche mit anderen Sprachen könne man nicht ziehen. Ich bin verwundert: Wie das Französische oder Spanische sollte diese Sprache doch einen romanischen Stamm haben, zumindest einen indogermanischen. Nein, meint die Bäckerin, die gerade leckerste Croissants für ihren Ofen rollt. Ich lerne, dass das Baskische von den anderen Sprachen verdrängt worden wäre und nur noch hier, in der früher – und auch heute noch – unwirtlichen Gegend am Atlantik und in den Pyrenäen überlebt hätte. Vor tausend Jahren hätten die meisten Menschen in Spanien arabisch gesprochen. Und heute? Nur noch die Einwanderer und Migranten aus arabischen Staaten. Und die würden sich anpassen und Spanisch lernen. Die Basken würden so was nie tun, sagt meine Gastgeberin, sie hätten ein so starkes Selbstbewusstsein, dass diese Sprache niemals aussterben würde. Selbst wenn es nur noch hundert Basken auf der Erde geben würde, würden diese untereinander niemals eine andere Sprache sprechen. Ich frage, wieviele Basken es denn überhaupt gebe. Keine Million, sagt sie. Das muss ein wirklich stolzes Volk sein, denke ich.

Sie bestätigt, was ich von dem Basken, den ich in Guatemala traf, auch hörte: Ein Baske kommt nicht aus Frankreich oder aus Spanien. Er kommt aus Pais Vasco. Und spricht Spanisch oder Französisch höchstens als Fremdsprache.

Ich frage, warum die Spanier und die Franzosen den Basken nicht einfach ihr Land lassen. Wenn wir schon Grenzen ziehen, dann können es doch auch beliebig viele sein. Die Augen der Frau fangen an zu glänzen. Das wünschen sich alle hier, meint sie. Die Basken seien so viel anders als die Franzosen und erst recht als die Spanier. Hmm, ich nehme das einfach mal so hin und werde aufmerksam vergleichen. Mein Gespräch mit Patrick von heute morgen wird gerade konterkariert.

Saint Jean ist ein malerischer Fischerort, wie er in den Prospekten der Tourismus-Industrie nicht schöner hätte fotografiert werden können. In der Altstadt reihen sich Fachwerkhäuser aneinander wie ich sie sonst in Frankreich höchstens an der Loire oder im Elsass mal gesehen habe, aber hier im Süden nie erwartet hätte.

Auf meiner Weiterfahrt frage ich mich, warum es überhaupt Gründe gibt, einen Staat zu gründen. Und was denn dann so ein Staat darf und was nicht. Und ob Staaten – wir sprechen von ihnen ja manchmal wie von Individuen – sich nicht auch so verhalten könnten wie Personen. Das wäre spannend. Wir alle ächten die Sklaverei. Kein Mensch darf einen anderen Menschen als Sklave halten. Jetzt frage ich mich, was denn Sklaverei ausmacht. Der Sklavenhalter sieht seine Sklaven als Eigentum, als reine Ressource, als kauf- und verkaufbares Mittel – nicht als Zweck. Essen, Trinken, Regeneration – alles das dient lediglich dem Erhalt der Ressource, nicht der Erbauung des Menschen.

So. Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel das Verhältnis der USA zu Kuwait anschaue oder von Apple zu Foxconn, um mal Firmenbeziehungen mit ins Spiel zu bringen, dann kann ich durchaus Parallelen ziehen. Das sind sklavenähnliche Beziehungen – nennen wir es von mir aus auch Zwangsarbeit (was keinen signifikanten Unterschied in den Gedanken ausmacht), die dort aufgebaut und gepflegt werden. Was für Menschen verboten ist, ist Unternehmen und Staaten erlaubt. Nehmen wir mal an, ich gründe einen Staat in Europa und in Afrika gründet ein Afrikaner einen anderen Staat. Wenn dieser Afrikaner nun seine wirtschaftliche oder militärische Überlegenheit nutzt, um mich als Mittel für seine Zwecke einzusetzen, dann ist das zwischenmenschlich gegen die Menschenrechte und sogar strafbewehrt, aber zwischenstaatlich legitim und legal. Warum eigentlich? Und welche Sicht gilt? Warum ist Firmen und Staaten erlaubt, was einzelnen Menschen verboten ist?

Direkt an der Steilküste erwischt mich ein Hagelschauer. Ich schaffe es nicht mal, meine Regensachen aus den Satteltaschen zu holen und überzuziehen sondern hocke mich hinter einen Busch, da die Hagel horizontal vom Atlantik geflogen kommen. Der eingemischte Regen tropft dann vertikal vom Busch und somit bin ich dann doch auch nass. Nach einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei und der Atlantik raunt ruhig vor sich hin.

Nun kann ich die Pyrenäen schon sehen. Bald biege ich links ab, lasse den Ozean hinter mir und fahre in das erste Tal. Hier ist es kalt und nass und ungemütlich und meine Erkältung meldet sich noch mal mit den letzten Ausläufern. Auf einen weiteren Hagel- oder Regenschauer habe ich keine Lust, ich nehme mir ein Hotelzimmer, koche mir auf dem Zimmer meinen Abendbrei, dusche heiß und gehe früh ins Bett. Dann mache ich die Pyrenäen eben einen Tag später. Ich bedauere, dass es wieder kälter wird. Das Wetter ist schon ein bedeutender Wohlfühlfaktor für mich als Radreisender. Und das Wetter kennt keine Grenzen. Oder doch? Ich bin zufrieden mit meinem Tag. Einem grenzenlos lehrreichen Tag, der jetzt seine zeitliche Grenze erreicht.

Dienstag, 6.10.2015: Keine Schlangen am Anfang, dafür Quallen zum Schluss oder: Warum Kinder kriegen?

Das war eine erholsame Nacht! Es windete laut und regnete, aber das waren alles Geräusche der Natur. Und wenn Wind und Regen aussetzten, hörte ich das Meeresrauschen.

Ich schaue in meine Schuhe und Strümpfe, kein Reptil in Sicht.

Das verbliebene Wasser in meinen Flaschen reicht leider nicht mehr für einen Frühstücksbrei plus Tee, also koche ich nur den Tee, esse den Rest Baguette mit Fromage Blanc (eine Art Joghurt), Honig und Nüssen. Auch lecker.

Der Wald hier spendet Ruhe. Eine momentane äußere Ruhe, die auch nach innen strahlt. Die auch eine endgültige Ruhe sein kann. Der Wald flößt mir Respekt ein und fasziniert mich. Ich fühle mich irgendwie in den Wald gehörig. Ich bin kein Wüstenmensch, kein Bergmensch, kein Steppenmensch. Ich bin ein Waldmensch. Der Wald wird sich sein Terrain zurückholen, wenn wir Menschen nicht mehr sein werden. Der Wald muss nur warten, dann wird er seine leise Kraft, seine unaufhaltsame Expansion ansetzen. Dann wird es wieder undurchdringliches Dickicht geben, karge Lichtungen, Wildwechselpfade, Brunft- und Vogelschreie, dann wird der Wald wieder der Hänsel-und-Gretel-Wald sein, wie ich ihn mir als Kind ausmalte. Nur ohne Hänsel und Gretel.

Wie ich hier so sitze, frage ich mich, ob wir eigentlich eine Aufgabe im Leben haben sollten. Nicht Sinn, sondern Aufgabe. So wie Schriftsteller manchmal getrieben sind, ein bestimmtes Buch (über wen auch immer) zu schreiben. Oder Wissenschaftler, etwas Bedeutendes (für wen auch immer) herauszufinden. Eine Aufgabe, die uns abhält, in Prokrastenie, also in sinnloses Streichholzschachtelsammeln oder Internetsurfen oder Fernsehgucken zu verfallen. Eine Aufgabe, die uns treibt. Aber wohin treibt? Eine Aufgabe als Trieb? So wie der Sexualtrieb? Der Sexualtrieb ist für die Menschheit der wichtigste Trieb. Und wenn wir alles, was uns treibt, als Aufgabe sähen (Fatalisten mögen Auftrag meinen), dann wäre Fortpflanzung zumindest aus Sicht der Gattung Mensch eine Aufgabe. Es deutet vieles darauf hin, dass das eigentlich unsere einzige – zumindest unsere wichtigste – Aufgabe ist. Die Aufgabe hätte ich persönlich dann in ausreichender Quantität und hervorragender Qualität erledigt. Jetzt muss ich noch so lange Verantwortung für meine Nachkommen übernehmen, bis sie selbst Kinder haben. Zumindest in der Lage sind, welche zu haben. Meine wichtigste Lebensaufgabe hat zwei Stufen: 1.) Kinder kriegen und großziehen (anteilig). 2.) Großvater werden. Diese zweite Stufe erfordert allein schon aufgrund der eigenen Passivitätsrolle ein großes Maß an Gelassenheit. Denn was kann ich schon tun, außer meine Kinder mit Wohlwollen ins Elternwerden zu begleiten? Ich kann ihnen von ihren Aufgaben erzählen und sie von der Erfüllung begeistern, die zumindest die erste Stufe bereit hält. Wenn dieser Funke überspringt, wäre Stufe zwei meiner Aufgabe angegangen.

Nun frage ich mich aber, ob eine Motivation von außen für meine Kinder und deren Kinderwunsch sinnvoll ist oder ob deren eigene Aufgabe nicht aus ihnen selbst heraus entspringen muss. Denn nur die Aufgaben, die ich mir selbst gebe, versprechen die Erfüllung, die sie haben müssen, um überhaupt als Lebensaufgaben angegangen sowie mit Ausdauer und Mühe vollendet zu werden.

Außerdem müsste ich mich fragen, ob es nicht noch eine dritte Stufe zum Urgroßvater gäbe. Und noch eine und noch eine und… ad infinitum. Absurd. Ich will ja gar nicht ewig leben.

Also kann ich Teil zwei meiner Lebensaufgabe streichen.

Was bleibt von diesem Gedankengang?

Ich kann jetzt hier im Wald sitzen und mich über die Ruhe freuen, die er mir gibt. Voller Zufriedenheit auf mein Leben schauen, in dem ich die wichtigste Aufgabe erfüllt habe. Da ich meine Aufgabe erfüllt habe, kann ich nun auch los lassen. Wohlwollender Beobachter und Begleiter werden. Verantwortung wieder abgeben, nur noch für mich übernehmen müssend. Das ist schön. Dann kann ich jetzt auch weiterfahren.

Die Radwege hier in Südfrankreich sind abseits der Straßen grandios schön. Zwischen Arcachon und Bayonne ist es paradiesisch. Düfte von Pinienwäldern und Kräuterfeldern wechseln sich immer wieder ab und vermischen sich mit der Gischt-Luft der Atlantikwellen, die der Westwind herüberträgt.

Am Nachmittag wechseln sich Schauer und Sonne ab. Direkt an der Steilküste zur spanischen Grenze hin erwischt mich ein Hagelschauer auf offener Strecke. Ich hocke mich neben mein Rad, der Hagel fliegt horizontal, so dass mich meine Packtaschen und der Gepäckträgeraufbau schützen. Ich habe nicht mal Zeit, meine Überlebensdecke rauszuholen und sie über mich und die Fuhre zu werfen, so schnell geht das.

In Biarritz laufe ich auf dem hiesigen Golfplatz ein. Unabsichtlich. Der Nobelort bietet spektakuläre Blicke auf den Atlantik – vor allem heute, wo fette Regenwolken über dem Ozean hängen. Da es wieder zu regnen beginnt, beschließe ich, in der Jugendherberge zu übernachten. So kann ich vor der ersten Pyreneen-Etappe nochmal warm duschen, Wäsche waschen und das nasse Zeugs trocknen lassen.

 

4./5.10.2015: Krank in La Rochelle, ein amerikanischer Weinkenner in Medoc und endlich Wärme!

4.10.2015

Nachts wache ich immer wieder auf. Weil entweder die Leute so laut sind oder weil die Nase zu ist und zu tropfen beginnt. Es geht mir besser als gestern, aber noch nicht gut genug, um bei den angesagten Wetterbedingungen an der Atlantik-Küste entlang zu radeln. Ich frühstücke erstmal in Ruhe und werde dann entscheiden, wie es weiter geht.

Das fällt mir extrem schwer, diese Entscheidung. Einerseits will ich radeln, andererseits sind alle äußeren Umstände gegen meinen Willen. Also befrage ich mal meine Vernunft. Die fragt mich, was ich denn zu verlieren hätte, wenn ich noch einen Tag hier bliebe. Hmm, nichts. Ich kann ja morgen nochmal ein paar Kilometer mit dem Zug fahren, um meinen Rad-Kilometer-Druck etwas zu entlasten. Eine Zugfahrt Richtung Süden, Richtung Sonne, Richtung Wärme. Das klingt gut, Vernunft, ich hör auf dich. Das Wetter soll zwischen Bordeaux und La Rochelle in den nächsten Tagen übel sein. Also lautet der Plan jetzt: Heute nochmal ausruhen, auskurieren. Morgen so weit wie möglich mit dem Zug nach Süden fahren, um es wärmer zu haben. Lieber in der spanischen Sonne ein paar Umwege radeln als im französischen Regen hetzen.

Ich lese. Ich lese über das Nichts. Das ist spannend. Wie klein muss das kleinste Kleine werden damit es vom Nichts nicht mehr unterschieden werden kann? Ist es nicht paradox, wenn man vom „Nichts“ redet? Ist das Nichts das Gegenteil von Unendlichkeit? Brauchen wir Raum und Zeit, um über diese beiden Begriffe zu denken?

Ich lese und lerne über die Leere in einem Atom, die nicht da ist, über elektromagnetische Wellen und Felder, Zeiten und Räume, gekrümmte Zeiten und Räume, das expandierende Universum, das Higgs-Vakuum und schließlich etwas über meine eigene Vorstellung von dem, was ich mir nicht mehr vorstellen kann: Weitere Dimensionen, neben Raum und Zeit. Spannend. Denkstoff ohne Ende für die nächsten Kilometer.

Im aktuellen Raum und Zeit, also hier und jetzt, regnet es. Ich ziehe meine Regensachen an und mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um mir eine Fahrkarte für morgen nach Bordeaux zu kaufen.

Der Zug wird um acht Uhr siebzehn abfahren.

5.10.2015

Die Nacht ist wieder unruhig, Jugendherberge eben. Während des Frühstücks regnet es. Für die zehn Minuten, die ich mit dem Rad zum Bahnhof brauche, hört es auf. Glück!

Aber der Zug nach Bordeaux fällt aus. Pech!

Hier ist es ein wenig chaotisch, weil gleichzeitig heftige Unwetter in Nizza und Cannes den kompletten Bahnverkehr dort lahm gelegt haben und das Auswirkungen bis hier her hat. Jetzt verstehe ich auch, warum das Wetter hier so schlecht ist – das sind die Ausläufer des Unwetters südlich der französischen Seealpen.

Eine halbe Stunde später fährt ein anderer Zug in irgendeine andere Stadt, in der ich umsteigen muss und von wo aus ich dann doch irgendwie in Bordeaux ankomme.

Es regnet.

Auf dem Gleis gegenüber fährt in zehn Minuten der Zug nach Arcachon. Ich steige ein, keine Lust auf Regen in Bordeaux.

Im Zug sitzen mir gegenüber ein älteres Ehepaar aus USA und auf der anderen Gangseite ein jüngeres Ehepaar aus USA und eine ältere Frau, die südamerikanisch aussieht. Die Reisegesellschaft kommt aus dem kalifornischen Napa Valley, dem ihrer Meinung nach besten Weinanbaugebiet der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, wir fahren am Rothschild-Weingut vorbei. Für einen kalifornischen Opus One zahlt man international zwischen 200 und 300 Euro die Flasche. Für einen 2012er Rothschild allein um die 500. Und eine Flasche Petrus aus der Region hier kostet ab 2.000 Euro. Nun ist Geld für mich kein Kriterium für Güte, aber für die Amerikaner schon. Ich lasse meine Gedanken bei mir. Die Leute sind nett. Das junge Paar hat gestern in Paris geheiratet, der Ehemann ist der Sohn des älteren Paares. Die ältere Frau ohne Mann ist die Mutter der Ehefrau und kommt aus Mexiko. Jetzt haben wir’s. Ich beglückwünsche das junge Paar und denke an John aus Nebraska, den ich im Kangaroo in Guatemala traf. Er wollte eine attraktive Frau, heiratete ebenfalls eine Latina samt Familie mit 16-jährigem Sohn, Schwager, mehreren Schwägerinnen und einer Schwiegermutter. Alle Letztgenannten bestimmen seit sechs Jahren sein Leben. Dann ist er für zwei Wochen ins Paradies ausgewandert, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der lateinamerikanische Familiensinn ist zumeist anders als unserer. Zumindest als Johns oder meines.

Egal, wir quasseln – mal auf spanisch, mal auf englisch – ganz interessiert und so geht die Fahrtzeit auch schnell rum. Der junge Ehemann arbeitet in einem Nobelrestaurant als Kellner und meint, dass er mittlerweile im Norden Kaliforniens ohne Spanischkenntnisse seinen Job nicht auführen könnte. Auch die älteren meinen, dass die spanische Subkultur aus dem Süden immer weiter in den Norden vordringen würde. In Los Angeles gebe es mittlerweile ganze Stadtteile, in denen gar nicht mehr englisch gesprochen werde. In Kalifornien lebten über zehn Millionen spanisch sprechende Menschen, insgesamt über ein drittel der Gesamtbevölkerung des goldenen Staates. Das finde ich spannend. Und insgesamt seien die USA mittlerweile das Land mit der zweithöchsten Zahl an spanisch sprechenden Menschen auf der Welt – nach Mexiko.

In Arcachon ist Endstation. Hier geht es mit dem Zug nicht mehr weiter, höchstens zurück nach Bordeaux. Jetzt muss ich also radeln – egal wie das Wetter ist. Ich fühle etwas, was meine Laune extrem anhebt und was mir den Regen auch egal sein lässt: Wärme! Mein Tacho zeigt 22 Grad!

Ich ziehe meine Rad-Klamotten an und fahre ganz locker los – schließlich bin ich noch erkältet.

Aus Arcachon raus führt ein Radweg durch ein Wald-Naturschutz-Gebiet, direkt am Atlantik entlang, perfekt, genial. Dann folgen hohe Dünen, dann wieder Wald. Ich pedaliere und genieße Landschaft und Temperaturen. Der Nieselregen, der sich hin und wieder einstellt, macht mir nichts aus. 25 Grad hat’s hier. Wow! Ich muss nicht um sechs Uhr abends mein Zelt aufstellen, weil es sonst kalt wird – nein, ich kann bis sieben mit Genuss fahren.

Heute campe ich im Wald, will mal wieder absolute Ruhe haben.

Auf einem Baumstamm sitzend und mein Abendessen vertilgend kriecht mir eine Schlange über den nackten Fuß. Aaaah, was für ein Schreck. Und es ist schon dunkel, meine Stirnlampe kann nichts mehr fokussieren. Mal sehen, wer mich heute nacht noch so alles besucht. Morgen früh schaue ich mir jedenfalls meine Schuhe ganz genau an, bevor ich sie anziehe.