26.-30. September 2016: Gedanken in der Toskana und auf den Spuren der Eroica

Italien und der Straßenverkehr

Die Jungs und die Mädels hier fahren schon ganz schön knapp. Das muss ich echt sagen. Wenn ich so auf einer normalen Landstraße fahre und die Italiener mich überholen, dann ist das teilweise schon ganz schön eng. Wenn genügend Platz ist, dann sind die Leute hier aber auch sehr freundlich, halten genügend Abstand, blinken links, blinken rechts, alles in bester Ordnung. Insgesamt fühle ich mich schon einigermaßen sicher hier auf den italienischen Straßen.

Viele Leute telefonieren im Auto, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht nur im Auto: auch auf dem Fahrrad und auf der Vespa wird fleißig telefoniert. Frau, mitten in der Stadt, Fahrrad mit vollem Einkaufskorb vorne am Lenker. Das Telefon klemmt zwischen Schulter und Ohr. Frau braucht ja beide Hände am Lenker! Das sieht schon lustig aus: Eigentlich elegante Frau, mit schiefem Kopf und der Unfähigkeit, das Fahrrad einigermaßen sicher zu navigieren, durch die Fußgängerzone radelnd. Das erinnert mich an eine Freundin von mir, die in der Küche mit dem Telefon zwischen Schulter und Ohr Zwiebeln schneidet oder den Abwasch macht oder Staub saugt… Egal was, hauptsache Telefon am Ohr! Nach spätestens zehn Jahren haben diese Frauen ein Halsleiden. Die Schultern sind verspannt und sie wundern sich, warum. Ich strenge mich an und versuche, mich zu erinnern, Männer in solchen Posen gesehen zu haben. Mir fällt keiner ein.

Ist der Straßenverkehr heutzutage eigentlich so langweilig, dass man sich über das Telefonieren oder irgendwelche Nachrichten schreiben oder im Internet surfen zusätzlich ablenken muss?

Ich jedenfalls werde mich noch stärker auf den Straßenverkehr konzentrieren, da ich weiß, dass die wenigsten Leute das genauso tun wie ich.

Außerdem ist es doch wunderschön hier!

Mein Baladéo-Messer

Es gibt ja so Sachen, die sieht man so bei anderen Leuten und denkt sich: Ja, ist ja ganz okay. Könnte ich auch haben, muss ich aber nicht.

Dazu gehört zum Beispiel so ein kleines Klappmesser von Baladéo. Scheint wohl eine französische Marke zu sein. Das Messer hatte ich mir mal irgendwann gebraucht gekauft, in einem Outdoor Forum und dachte so: na ja, probier es einfach mal aus. Und jetzt habe ich es dabei. Und werde es immer dabei haben. Ich bin total begeistert von dem Ding. Es ist filigran, es ist leicht, es ist einfach, es ist rattenscharf, es lässt sich zusammenklappen, in der kleinsten Tasche verstauen und es gibt einen Clip, mit dem man es am Gürtel oder an sonstigen Riemen und Schnallen befestigen kann. Ich habe es in meinem Leatherman-Holster, zusammen mit einer kleinen Pfefferspray-Flasche. Das Holster ist mit Kabelbindern vorn am Steuerrohr angebunden, so dass ich jederzeit schnell und einfach auf Messer und Spray zugreifen kann.

Normalerweise hätte ich gesagt: Messer ist an meinem Leatherman dran, reicht doch. Aber dieses Ding ist echt genial. Ich finde es klasse, wenn ich merke, dass sich Menschen Gedanken gemacht haben, wenn sie etwas konstruiert haben. Wenn sie Spaß daran haben, etwas zu produzieren und das gebe ich dann auch gerne als Lob an die Franzosen zurück.

Italien und die Frauen

Also ich muss ja wirklich gestehen, dass hier in Italien die Frauen ganz besonders attraktiv und schön sind. Egal welchen Alters. Das geht bei den jungen Mädchen los, die so 16, 17, 18 sind und hört erst weit jenseits der 50 oder 60 auf. So viel Eleganz, so viel Geschmack, so viel Liebe für’s Detail am eigenen Körper, an der eigenen Garderobe, am eigenen Gang und selbst der Haltung der Hände zeugt schon von Hingabe an die Schönheit, an die Ästhetik.

Bei der ganzen getragenen Mode, den Schönheits-OPs und der applizierten Schmink-Kunst weiß ich zwar manchmal nicht so richtig, was an diesen Frauen echt ist und was nicht. Aber das ist mir auch egal! Ich genieße es, sie anzuschauen, ihnen zuzuschauen, die Fantasie spielen zu lassen und immer wieder daran zu denken, dass an mir als Mann alles echt ist.

In einem Café spreche ich die Frau hinter der Theke an und frage, was da dran ist, an der Schönheit der italienischen Frauen. Sie lacht, bedankt sich und meint, dass es die Seelen sind, die einen Menschen schön oder nicht schön erscheinen lassen. Eine reine und gute Seele macht einen schönen Menschen. Die Mode und die Schminkkunst können das Schöne am und im Menschen zwar betonen, aber sie können nichts zeigen, was nicht da ist. Ich werde wohl irgendwann mal fragen, warum die Menschen in Italien so reine und gute Seelen haben.

Florenz – Stadt der über 140 Kirchen

Auf der Piazza del Duomo in Florenz höre ich zufällig kurz einer Engländerin zu, die eine Touristengruppe durch die Stadt führt.

Die Kirchen in Florenz sind berühmt und voller Prunk. In diese Kirchen geht allerdings niemand mehr rein, um zu beten oder zu singen. Florenz leidet an der Leere in den Kirchen. Der Adel geht in die Kirchen, weil er hinein gehen muss.

Die jungen Leute gehen lieber in die Bars oder schlafen aus, nachdem sie abends Feiern waren. Die erwachsenen Florentiner fahren sonntags, wenn das Wetter schön ist, lieber ans Meer als in die Kirche zu gehen.

Somit sind die Kirchen in Florenz weniger Orte der geistlichen Erbauung als mehr stumme Zeugen vergangener Zeiten, gehegt und gepflegt für die Touristen und den Klerus.

Der erste Ruhetag nach sechs Fahrradtagen

Ein Ruhetag ist dann schön, wenn es Wasser gibt, wenn es Sitz- und Liegemöglichkeiten gibt, wenn es Möglichkeiten gibt, seine Sachen zu waschen, sich zu duschen und einfach nur zu relaxen.

Deshalb fällt es mir jetzt leicht, hier in Chianti auf einem Campingplatz (Orlando) zwei Nächte zu buchen. Dieser Campingplatz ist eine echte Ruhezone, im Gegensatz zu den meisten anderen Campingplätzen, die ich bisher kennen gelernt habe. Es gibt hier keine Straßen, es gibt keine Autos auf dem Campingplatz, nur Wohnwagen und diese Wohnmobile, die dürfen hier zwar rein fahren, aber nicht regelmäßig rein und raus.

Der Campingplatz ist mitten im Wald, die Sonne scheint, die Bäume spenden Schatten, Paradies.

Beim Waschen meiner Wäsche ist mir aufgefallen, dass das eine wirklich schwere und anstrengende Handarbeit ist. Wenn man seine Sachen durchknetet, damit sie sauber werden, ist das ein heftiges Handtraining, eine tolle Übung zum Beispiel für Kletterer, sich fit für den Fels zu machen.

Einen Sack voller Wasser, in dem die Wäsche eingeweicht ist, von dem Ort, wo es das Wasser gibt zu dem Ort, an dem ich die Wäsche nachher waschen und aufhängen will, zu tragen, ist ebenfalls eine anstrengende Angelegenheit.

Und da frage ich mich doch, wenn das so ein wunderbares Training ist für Arme, Rücken, Hände, ja letztendlich die komplette Körpermuskulatur, warum man in Fitnessstudios dann so teure Maschinen haben muss. Man könnte doch einen Waschsalon mit einem Fitnessstudio kombinieren und so zwei nützliche Dinge auf einmal erledigen.

Wenn sich jemand eine Waschmaschine kauft und einen Trockner, um Zeit zu sparen und diese gesparte Zeit dann im Fitnessstudio zu verbringen, da hätte ich also eine interessante Idee, um Geld zu sparen. Sowohl das Geld für die Waschmaschine als auch das Geld fürs Fitnessstudio.

Das gleiche gilt wahrscheinlich für ganz viele Aufgaben im Haus, im Garten oder bei der Pflege von Gegenständen. Putzfrau einstellen und dann ab ins Fitnessstudio? Unsinn! Wischmob in die Hand nehmen, Besen und Eimer als Geräte sehen und dann eine Stunde Power Home Workout!

Meine Wäsche hängt jetzt auf der Leine, ich habe mit ihr ein paar Stabilitätsübungen gemacht, Arme und Hände trainiert und bin zufrieden und stolz, eine notwendige Arbeit getan zu haben. Und dazu noch ein sinnvolles Ergänzungstraining fürs Radfahren.

Könnte jeder so haben. Aber nein: die Leute kaufen sich ja mittlerweile sogar Autos, bei denen die Türen und der Kofferraum automatisch auf und zu gehen, um körperliche Kraft zu sparen. Dann fahren die Leute mit diesen Autos durch den Stau ins Fitnessstudio, um an Geräten hundertmal Kofferraum auf- und zumachen zu simulieren und dann setzen Sie sich auf das Spinning-Fahrrad, um zu simulieren, wie es wäre, wenn man mit dem Fahrrad ins Fitnessstudio fährt, um den Stau zu umfahren.

Bei dem ganzen Kopfschütteln muss ich aufpassen, dass ich kein Halswirbel-Schleudertrauma kriege.

Auf den Spuren der Eroica

So, nun will ich nach Gaiole in Chianti, wo das diesjährige Eroica Spektakel stattfindet. Es ist kalt und neblig am Morgen. Erstmals fahre ich mit Armlingen und Beinlingen, Regenjacke und Regenhose los. Bald kommt aber die Sonne raus, so dass ich gegen 10 Uhr wieder Italien-Feeling auf dem Rad habe.

In Gaiole ist Jahrmarkt. Händler, Schauspieler, Fahrradfahrer in allen möglichen Monturen, vorzugsweise historisch und klassisch, versprühen ein wunderbar angenehmes Flair.

Ich sehe und rede mit ganz vielen netten Menschen, die alle eine gemeinsame Leidenschaft eint, nämlich alte Klamotten, alte Fahrräder, alte Teile, altes Denken, Einfachheit. Diese Menschen kommen hier in Gaiole zusammen und lassen es sich ein verlängertes Wochenende lang gut gehen. Miteinander.

Mich ergreift Wehmut, dass ich nicht mitfahren kann am Sonntag, weil mein altes Stahl-Fahrrad nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Mit meinem modernen Reiserad darf ich hier nicht teilnehmen. Und das ist auch in Ordnung so.

Ich treffe drei junge Kerle aus Darmstadt, alle auf Koga Miyata Rädern aus den Siebzigern. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle Ihnen, dass mein Idworx Fahrrad vom Enkel des Gründers von Koga Miyata gebaut wird. Und dass ich zuhause auch drei Koga Miyata Rahmen herumliegen habe, die darauf warten, restauriert und komplettiert zu werden.

Nach einem gemeinsamen Kaffee fahre ich los auf der Strecke der 135-km-Runde der Eroica. Die Strade Bianche, die Wege und Straßen mit dem weißen Schotter sind extrem anstrengend. Es geht permanent hoch und runter. Bergab kann ich es nicht rollen lassen, da es sehr kurvig ist und der Schotter nicht gerade zum Kurvenräubern einlädt. Die Anstiege und Abfahrten sind durch die Bank weg mindestens 10% steil, teilweise bis zu 20%. Dazu, es ist trocken, kommt der Staub. Ich stelle mir vor, wie hunderte anderer Radler hier mit mir auf diesen Straßen fahren und wie das dann staubt und wir alle diesen Staub fressen müssen. Noch schlimmer ist es, wenn es regnet. Dann wird dieser Staub zu einer ekelhaft klebrigen Masse, die sich dann überall auf Mensch und Material breit macht. Wer diese 135 km oder sogar die über 200 km Runde geschafft hat, das ganze noch auf historischen Fahrrädern, der ist wirklich ein Held. Diese Männer und Frauen haben meinen allergrößten Respekt! Ich weiß jetzt jedenfalls, warum dieses historische Rennen Eroica heißt.

Am Abend liege ich dann vor meinem Zelt, schaue in den Himmel und sinniere:

23.-25. September 2016: Beginn der Radreise von Venedig nach Syracus – Abfahrt, Ankunft, die Lagune, der Po und ein Exhibitionist

Im Jahr 2014 fuhr ich mit dem Rad die Via Claudia, von Landsberg bis Venedig. Jetzt will ich die Reise bis Syracus auf Sizilien fortsetzen.

Auf dieser Reise habe ich mein Telefon, ein Apple iPhone 6s und meine Leica mit dem 28er Elmarit dabei. Beide Fotografier-Optionen bieten also den gleichen Blickwinkel auf die Welt. Ich möchte das vergleichen und am Ende entscheiden, ob ich die Kamera überhaupt noch benötige.

Ich habe dieses Mal auch Eindrücke, Gedanken und Beschreibungen als Audio-Dateien aufgezeichnet. Diese Dateien gebe ich hier einfach so – eins zu eins – wieder. Keine Diplomatie, kein Filtern von Hintergrundgeräuschen, pures Quatschen. Oder aber Klangbilder. Als Ergänzung zu den visuellen Bildern.

Einfach die Kästchen anklicken, dann läuft’s. Fragen beantworte ich weiterhin schriftlich.

Und los geht’s mit Gedanken zu dem, wofür wir eigentlich hier sind und der berechtigten Frage, warum wir es uns so stressig machen:

 

 

Am Abend des zweiten Tages sitze ich am Po vor dem Zelt auf einer Sanddüne und reflektiere die letzten beiden Tage. Manchmal kann das Leben ziemlich schräg sein.

Um fünf Uhr gestern klingelte der Wecker. Viel zu früh für meinen Bio Rhythmus. Um sechs Uhr fuhr der Zug ab Hannover Hauptbahnhof. Ich hoffte, auf der Fahrt nach Hamburg noch etwas Schlaf finden zu können. Diese Hoffnung starb in Celle.

Irgendwelche Dorf-Trullas stiegen zu, belegten sämtliche Tischplätze und packten als erstes Sekt und Schokolade aus. Sowohl der bisherige Frequenz- als auch Lautstärkepegel stiegen abrupt um ein Vielfaches an.

Ich glaube, dass ich zum ersten Mal ein Smartphone als Segen empfand. Ohrstöpsel ins Ohr, die brandenburgischen Konzerte von Bach eingeschaltet und… Es reichte nicht. Die Red Hot Chili Peppers schoben dann das Hühner-Gackern in den unhörbaren Hintergrund.

In Hamburg am Hauptbahnhof schob ich dann das Fahrrad zur S-Bahn, um feststellen zu müssen, dass ich zwischen sechs und neun Uhr nicht mit dem Fahrrad in der S-Bahn fahren darf. Es war acht und der Flieger flog um elf. Ich sah mich schon in irgendwelche Diskussionen mit diesen Security Türstehertypen, die mich aus der S-Bahn rauswerfen würden. Dem zum Trotze schob ich mein Fahrrad in die S-Bahn und fuhr mit in Richtung Flughafen. Ich verstehe nicht, wie mir die deutsche Bahn ein Fahrrad Ticket mit Zugbindung von Hannover nach Hamburg Flughafen verkauft, mit dem ich dann aber überhaupt nicht mit dem Fahrrad fahren darf.

Ich merkte, dass es immer noch zu früh war für mich und dass ich einfach nur genervt war.

Am Flughafen lief alles reibungslos, an dieser Stelle möchte ich den Leuten in den Schalterhallen wirklich auch mal ein Kompliment machen. Mein Fahrrad war eingewickelt in eine Radversand-Plastikfolie von Hermes, die ich dann während der Reise auch als Zeltunterlage nutzen will. Weder am Check-In noch am Sperrgepäck Schalter gab es irgendwelche großen Fragen oder Probleme. Ich war positiv überrascht und meine Laune hob sich merkbar an.

Im Flugzeug selbst wollte ich dann wieder Ruhe und Schlaf. Ging wieder nicht. Wieder Frauen. Ungefähr zehn, ungefähr mein Alter, alle einheitliche Ringelshirts über ihren Blusen und Pullis, alle Strohhut auf. Alle Aperol Spritz oder Prosecco oder beides in den Händen. Kegelclub auf Jahresausflug nach Venedig. Das hieß: Ausgelassene Stimmung im Flieger mit Helene-Fischer-Fangesang und Abschied von Einschlummern mit den brandenburgischen Konzerten im Ohr. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wieder die Chili Peppers auf laut gestellt, dann ging’s. Ich wundere mich, dass ich dennoch einschlafen konnte.

Am Flughafen Venedig ging alles recht einfach und schnell. Keine zwei Stunden nach der Landung saß ich in Radfahrklamotten auf meinem Fahrrad und fuhr in Richtung Lagune. Es ist für mich ein herrliches Gefühl, mit kurzen Ärmeln und kurzen Hosen auf dem Reiserad zu sitzen und die Sonne über mir zu haben.

Ich fuhr durch Jesolo, den Ort der für mich als Kind immer ein Traumziel war. Meine Eltern, mein Bruder und ich fuhren oft genug in den Sommerferien mit dem Opel Kadett über den Plöckenpass bis hier her. Ich war erstaunt, wie lebendig Erinnerungen an die Kindheit auch jetzt noch sein können. Nicht nur Erinnerungen, sondern auch Gefühle, Hoffnungen, Erwartungen. Ich spürte die Schmerzen der Hitze unter den Sohlen meiner Füße, die der in der Sonne aufgeheizte Strandsand damals verursachte. Ich roch das damals verwendete Nussöl als Sonnenschutz, ich spürte den Sand auf meiner Haut, festgeklebt am Nussöl.

Am Abend fand ich einen Campingplatz, bereits auf der Lagune gegenüber von Venedig. Was ich überhaupt nicht mag an Campingplätzen, ist, wenn mir die Beleuchtung aufs Zeit scheint. Dann ist die ganze Nacht Tag. Gegen Lärm kann ich meine Wachsstöpsel in die Ohren stecken, gegen helle Laternen hilft nichts. Die Laternen hier waren zum Glück nicht so hoch und so stülpte ich eine IKEA Tüte über die Laterne, die direkt an meinem Zelt stand. Nun war es dunkel und ich konnte wunderbar schlafen.

Am nächsten Tag fuhr ich dann durch die Naturschutzgebiete der Lagune bis zur Pomündung in die Adria. Am Po entlang führte ein wunderbarer Radweg bis zu dem Platz, kurz vor Ferrara, wo ich jetzt vorm Zelt sitze.

Als es vorhin Abend wurde und ich begann, nach einem geeigneten Zeltplatz zu suchen, entdeckte ich eine recht große Düne direkt im Po. Auf dieser Düne habe ich nun mein Zelt aufgeschlagen. Auf dem Weg dorthin begegnete mir die Polizei. Ich war etwas überrascht, dass die Polizei hier in den verwinkelten Wegen Streife fuhr. Innerlich ärgerte ich mich, da ich ja auf der Suche nach einem Zeltplatz war und die Polizei und wildes Zelten nicht so recht zusammenpassen.

Ich fuhr weiter und begegnete einem Mann mittleren Alters. Nun war ich schon im Dickicht, was zwischen Radweg und Düne stand. Ich fragte den Mann aus Verlegenheit ob man denn im Po noch baden könne. Der Mann fing an, auf Italienisch mit mir zu reden. Ich schaute ihm in die Augen und achtete nicht darauf, was er mit seinen Händen tat. Während wir redeten, holte er seinen Penis aus der Hose und fing an zu onanieren. Als ich das sah, drehte ich mich um und suchte einen anderen Weg zur Düne. Jetzt wusste ich, warum die Polizei dort Streife fuhr.

Als ich dann meinen Zeltplatz gefunden hatte und mein Zelt aufbaute, sah ich am Ende der Düne, am Rande des Dickichts den gleichen Mann wieder mir zugewendet, diesmal aber mit komplett heruntergelassener Hose. Zum Glück war er weit genug entfernt, dass ich keine Details erkennen konnte.

Ich selbst war ziemlich locker, lachte in mich hinein, dachte aber dann darüber nach, dass ich das erste Mal ein Objekt sexueller Begierde für einen anderen Mann war. Zumindest bewusst. Und sichtbar. Und vor allem: Ohne mein Einverständnis. Ich fühlte ansatzweise das, was andere meinen könnten, wenn sie von Opferrolle im Zusammenhang mit Sexualität sprechen.

Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen sexuell oder emotional anders orientiert sind, als ich. Ich habe auch kein Problem damit, wenn ein Exhibitionist sich hinstellt und die Hosen runter lässt, ja sich von mir aus sogar einen runter holt. Das haben wir damals bei der Bundeswehr auch getan, ohne Exhibitionisten zu sein. Einfach so. Schwanzgrößenvergleich. Krude, archaisch, naiv, frustrierend oder erhöhend.

Es wird dann zum Problem, wenn nicht ich, sondern kleine Jungs oder Mädchen zum Objekt werden. Oder Menschen, die damit nicht so locker umgehen können, wie ich. Da ist meine Toleranz bei absolut Null. Dann wird es allerdings schwierig, denn diese anders disponierten Menschen sind ja nicht krank. Sie haben eine andere Disposition. Eine Disposition, die schädlich sein kann für andere Menschen. Ich denke an den Film „Der freie Wille“ mit Jürgen Vogel. Dieser Film hat mich nachhaltig beeindruckt.

Spätestens seit dem Film beschäftige ich mich immer wieder mal mit der Frage, wie frei unser Wille wirklich ist. Und was das überhaupt ist, freier Wille.

Ob der Mann, der sich vorhin vor mir präsentierte, das aus freiem Willen tat? Was, wenn die Antwort „ja“ lautet? Dann passt in dem Fall der individuelle freie Wille nicht zu den Regeln der Gesellschaft. Dann fangen wir als Gesellschaft an, daran zu zweifeln, dass der Wille des Exhibitionisten frei sei. Das ist eine weitere, spannende Diskussion: Gibt es einen guten freien Willen und einen schädlichen freien Willen? Ist der schädliche freie Wille dann eine Disposition, die es zu kontrollieren gilt? Und die den schädlichen freien Willen zu einem Trieb macht, ihn mithin seiner Freiheit beraubt? Das kann ja nicht sein, dass eine gesellschaftliche Sicht einen individuellen Willen als frei oder unfrei klassiert.

Da brauche ich ein anderes Kriterium.

Vielleicht weiß der Exhibitionist ja auch, dass sein Verhalten verboten ist und schädlich sein kann. Vielleicht will er ja auch gar nicht, dass er sich zeigen will. Dann würde ich von Trieb reden. Von Disposition. So wie bei dem Raucher, der zwar jetzt eine Zigarette rauchen will, aber gar nicht will, dass er das will, da er weiß, dass es für ihn besser wäre, nicht zu rauchen.

Dann wäre der erste Wille, also sich zu zeigen oder zu rauchen, nicht frei, wenn der zweite Wille, das nämlich nicht tun zu wollen, dem ersten Willen entgegenspricht.

Ich denke, das reicht mir für heute erstmal. Ich ahne schon die Stolperfallen dieser Gedanken: Wenn es einen zweiten Willen gibt, gibt es dann auch einen dritten, vierten, und so weiter? Will ich, dass ich nicht will, dass ich rauchen will? So was in der Art… Nicht jetzt.

Es ist schon dunkel und ich genieße lieber noch die Ruhe des Ortes. Und nachher im Zelt noch ein wenig die brandenburgischen Konzerte.

 

13./14./15.10.2015 – Ankunft in Santiago, die letzten Tage in Madrid und die Frage nach der Suche

Heute spielt das Wetter mit. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Bergauf und bergab auch. Gegen 19 Uhr komme ich in Ponferrada an und miete mich in ein „teures“ Hostel ein: 12 Euro die Nacht. Ich erlebe, worüber viele Peregrinos klagen: Lärm und Gestank. Ich schlafe mit einem laut schnarchenden Spanier und zwei Argentiniern, die ihre Schuhe und Strümpfe irgendwo unters Bett geschoben haben, auf dem Zimmer. Wegen des Straßenlärms hat einer von denen die Fenster geschlossen. Zum Glück liege ich am Fenster und öffne es. Meine Wachsstöpsel habe ich wegen des Schnarchens sowieso in den Ohren, so dass ich den Verkehrslärm nicht höre. Ich schlafe mit der Nase am Fenster ein.

Erst um halb neun wache ich wieder auf, um zehn sitze ich im Sattel. Es ist kalt und neblig, die ersten zwanzig Kilometer fahre ich in voller Montur. Das Thermometer zeigt 5 Grad, die leichte Regenjacke und auch die Regenhose funktionieren sehr gut als Kälteschutz.

Um elf gehts dann in die Berge, es klart auf, die Sonne strahlt auf mich und ich strahle zurück. Am Ende des Tages habe ich 115 Kilometer geschafft und dabei knapp 2.000 Höhenmeter gesammelt. Der höchste Punkt war auf 1.330 Metern, mit Gepäck ist das schon anstrengend. Aber die Abfahrten sind immer wieder ein Genuss. Mit Gepäck liegt das Fahrrad wie ein Motorrad in den Kurven, meine Reifen habe ich rund und sauber gefahren.

Am Abend erreiche ich ein abgelegenes kleines öffentliches Hostal in den galizischen Bergen, Bett sechs Euro. Ich treffe Teresa, eine Spanierin aus Zaragoza, mit der ich in einem benachbarten Restaurant zu Abend esse. Sie ist ebenfalls allein unterwegs, wandert. Wir haben eine sehr ähnliche Einstellung zum Reisen: Unabhängig, spontan, meistens allein. Ich habe das Gefühl, zu ahnen, warum der Jakobsweg auch als „Affärenweg“ bezeichnet wird. Tagelang allein unterwegs, die Sehnsucht nach Zuwendung durch einen anderen Menschen, möglichst gleichaltrig aber andersgeschlechtlich, wächst – da verwundert es nicht, wenn die Kontemplation vom Wandern auch auf andere körperliche Tätigkeiten ausgedehnt wird. Bei mir ist das jetzt nicht der Fall, wenngleich ich das nicht ausgeschlossen hätte.

In der Schlafstube des Hostals beziehe ich dann mein Bett. Unter mir schläft eine Holländerin, die schnarcht. Ohrenstöpsel helfen nicht, da das Bett vibriert. Auch das hatte ich bisher noch nicht und auch davon habe ich schon ein paar mal gehört. Ich vertraue darauf, dass sie sich irgendwann umdreht und ich irgendwann so müde bin, dass ich einschlafe. Irgendwie gehts dann auch…

Auf den ersten 25 Kilometern des letzten Fahrradtages vor Santiago sammel ich schon wieder rund 500 Höhenmeter. Anstrengend und in abgelegener, wunderschöner Landschaft. Nun sind es keine hundert Kilometer mehr bis Santiago. Ein Erfolgsgefühl will irgendwie nicht aufkommen. Ich habe mich auch mehr mit René Descartes, John Locke und David Hume befasst als mit Jesus Christus oder dem heiligen Jakob. Dafür habe ich das Gefühl leerer Beine. Die letzten beiden Tage waren hart und heute wird es auch nochmal anstrengend.

Ich frage mich, was ich eigentlich von dieser Reise erwarte. Ist das für mich – wie für viele andere Wanderer – eine Pilgerreise? Also eine Reise in die Fremde aus religiösen Gründen? Was ist auf so einer Reise zu suchen? Was suchen und finden die Tausenden, die ich überholt habe? Gott? Sich selbst? Spiritus – im Sinne von Geist?

Religionen sind alle menschengemacht, künstlich, Teile der jeweiligen Kulturen. Im Gegensatz zur Natur. Das heißt: Die Bilder, die sich Menschen auf der ganzen Welt von ihren jeweiligen Gottheiten machen, sind kulturell. Nicht natürlich. Es sei denn, sie sehen das Göttliche in allem Natürlichen.

Und auf einer Pilgerreise soll genau dieses Religiöse, diese Hinwendung zur jeweiligen Gottheit vertieft werden. Nun, mit den großen Religionen dieser Welt kann ich selbst nicht viel anfangen. Sie sind menschengedacht und werden von Menschen gelebt. Meist nicht so wie gedacht. In wichtigen Dingen inkonsistent. Sollen setzt Können voraus. Nur was ich kann, kann ich erfüllen und damit sollen. Und häufig ist das, was die Menschen gemäß ihrer Religion sollen, durch ihr Können limitiert.

Das bin ich auch. Limitiert. Aber ich setze mir auch keine Regeln, die ich nicht einhalten kann. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Kann ich nicht. Wenn sie attraktiv ist und meine Hormone antriggert, begehre ich sie. Punkt. Also kann ich schon mal das zehnte Gebot nicht einhalten. Vielleicht ändert sich das mit dem Alter. Das Sabbatgebot kann ich auch nicht einhalten. Will ich auch nicht. Wann soll ich denn meine Bude aufräumen und meine Fahrräder reparieren?

Wäre ich ein echter Christ, müsste ich mir Ausreden einfallen lassen. Oder Buße tun oder irgendwelche Ablässe organisieren. Und damit beichten oder pilgern oder beides.

Natürlich ist auch für mich die Frage nach dem Ursprung aller Existenz nicht geklärt. Nicht annähernd. Und auch die Frage nach dem großen Warum und dem finalen Wohin nicht. Aber ich kann damit leben. Ich muss mich deshalb nicht einer Religion anschließen und mich ihrer Doktrin unterwerfen. Die Natur nährt mich. Die Natur schützt mich. Meine Natur ist nicht negierbar. Ich bin Teil der Natur. Das steht fest, das ist Wissen, nicht Glauben. Das ist exististenziell, nicht religiös. Daher ist jede meiner Reisen eine Reise in die und mit der Natur. Eine Hinwendung zur Natur. Daher wäre eine Suche nach dem Sinn in mir selbst sinnlos.

Damit sind vielleicht auch alle meine Reisen Pilgerreisen. Vielleicht ist mein ganzes Leben eine Pilgerreise. Eine Hinwendung zur Natur. Zu meiner und zur mich umgebenden.

Wer weiß.

In einem Pilgercafé trinke ich den zweiten Kaffee des Tages.

Er tut gut, die heiße Tasse wärmt die Hände, der Zucker wird mir für die nächsten Kilo- und Höhenmeter Energie geben.

Ein Vater sitzt mit seinem Sohn an einem Tisch, beide jeweils auf die Mattscheibe ihrer Telefone fixiert. Während ich meinen Kaffee trinke, schauen die beiden nicht ein einziges mal zueinander auf, reden nicht ein einziges Wort miteinander. Überhaupt sehe ich viele Wanderer mit Stöpseln in den Ohren und/oder diesem demütigen Blick nach unten auf den Bildschirm, der ihnen ein bläulich kaltes Licht entgegenstrahlt. Die Welt ist enger geworden mit den Apps und Möglichkeiten, die die neuen Kommunikations- und Informationsdienste bieten. Alles ist einen Fingertip oder eine Wischgeste von mir entfernt. Familie, Freunde, das nächste Hostal, der nächste Urlaub, das aktuelle Projekt im Büro. Die Wetterprognose erfordert nicht mehr einen geschulten Blick nach oben sondern einen kurzen nach unten. Aufs Telefon.

In Zentralamerika hatte ich mein iPad dabei und in den Hostals und Herbergen den Kontakt zu meiner Heimat hergestellt. Bei mir ging das zulasten meiner Offenheit und Neugier gegenüber dem aktuellen Hier und Jetzt. Wenn ich Impulse aus meiner Zuhausewelt bekomme, beschäftigen sie mich. Sie belegen ein Kontingent meiner Gedanken. Was ich dann für das Hier und Jetzt, für die Neugier auf die Welt um mich herum nicht zur Verfügung habe. Oder für Langeweile.

Langeweile ist extrem wichtig. Sie führt mich zum nächsten Gedanken, zur Frage „Und jetzt?“.

Da ist die spannende Wolkenformation über mir, die hier so besonders wirkt. Da sind die Schweißtropfen auf meinen Armen, die in der Sonne so lustig glitzern. Da ist der Italiener am Frühstückstisch, den ich fragen könnte, wo er heute noch hin will. Da ist die Gedankenkette zum „Nichts“, die immer noch um das Vakuum herumkreist und nun weitergedacht werden will. Ob ein elektromagnetisches Feld etwas ist oder nicht. Da ist die Lust auf den nächsten Kaffee im nächsten Ort, der ich fröne.

All das funktioniert wohl auch mit dem Smartphone in der Tasche. Aber das nächste Tüdelüt ist im Schnitt nur zehn Sekunden entfernt und will gehört werden. Und schon bin ich gedanklich wieder in der Zuhausewelt. Die ist jetzt überall, nicht mehr örtlich gebunden. Wenn das so ist, kann ich dann überhaupt noch wegfahren? Noch reisen?

Die letzten Kilometer nach Santiago haben es nochmal in sich. 105 Kilometer in sieben Stunden stehen auf dem Tacho. Ich bin jetzt auch echt fertig. Gleich am Ortseingang finde ich ein Hostal für zwölf Euro und buche mich dort ein. Nach dem Duschen wandere ich den letzten Kilometer zur Kathedrale zu Fuß. In der Riesenkirche, die momentan eingerüstet ist, findet ein Gottesdienst für die Pilger statt. Ich fühle mich begrüßt und überwältigt von dem Prunk, der hier gezeigt wird. Wie in Sevilla, denke ich an die Herkunft des Goldes und an das Leid, das dort verursacht wurde. Freuen und erfreuen kann ich mich daran nicht.

Santiago de Compostela ist eine schöne alte Stadt mit vielen engen Gassen und Sträßchen sowie handwerklich bemerkenswert gut gemachten Häusern und Kirchen. Pamplona, Burgos, León, Santiago – irgendwie kann ich die Orte aber auch nicht mehr auseinander halten. Irgendwie ähneln sie sich doch sehr. Was war jetzt nochmal wo? Ich weiß es nicht.

Am nächsten Morgen setze ich mich in den Bus nach Madrid, wo ich meinen Sohn besuche, der dort studiert. Madrid ist eine interessante Stadt, die aber keinen wirklichen Reiz auf mich hat. Nicht vergleichbar mit Barcelona, mit den alten Städten am Camino, mit Sevilla oder Córdoba oder Granada. Madrid ist Königsstadt, ist Verwaltungsstadt, ist Hauptstadt. Lennart zeigt mir die Kneipen, die Parks, die Museen. Den Königspalast schaue ich mir an, die Sammlung von Pferderüstungen ist beeindruckend.

Nach zwei Tagen Madrid sitze ich wieder im Flieger nach Deutschland. Ich denke zurück.

Wirklich bewegt haben mich auf dieser Reise die Landschaften, das Wetter, die Gastfreundschaft der Spanier, die Infrastruktur des Camino mit seinen Wegweisern und Unterkünften, mein Fahrrad und meine eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit. Wobei ich „Leid“ ja gar nicht wirklich empfand. Ich freue mich, gesund und leer angekommen zu sein.

„Mache“ ich den Camino nochmal? Wenn, dann als Wanderer. Da wird das Gefühl für die Landschaft wohl ein anderes sein. Und nicht nur für die Landschaft. Da wird es unterwegs wohl zu mehr Begegnungen, zu mehr Austausch kommen. Und vielleicht auch zu mehr Leid in Form von Blasen, Schmerzen, Ausgelaugtsein und so weiter. Auf jeden Fall würde ich den Camino allein machen.

Aber warum den Camino, warum in Spanien? Das Leinebergland und die Lüneburger Heide bieten auch ausreichend Möglichkeiten und Raum. Kontemplation und Einkehr in Natur und sich selbst ist an kein Land gebunden, an keine Spiritualität, an kein Vorbild.

„Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht!“

(Goethe, zitiert von Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“)

11./12.10.2015 – Von irgendwo in den Bergen in ein Kloster und dann weiter nach León oder: Das Nichts kann es nicht geben

Ach, es ist Samstagnacht und in irgendeinem kleinen Dorf in der Nähe spielt die Kapelle so laut sie kann. Und sie kann laut. Ich dachte, es sei beschaulich hier. Das hatte ich jetzt doch schon öfter: Einen idyllischen, netten Platz und dann, Samstagabend, geht die Post ab. Das heftigste war mal ein Lager an Elbe, als sich die nahe Scheune als ein Rockertreff herausstellte und die Jungs mit Harleys, Kutten und allem Tamtam richtig Party machten. Da konnten dann auch die Ohropax höchstens noch das Schlimmste lindern. In Österreich war das auch so, als ich am Inn zeltete und auf der anderen Flussseite ein Mini-Oktoberfest mit Rumtata-Musik gefeiert wurde. Das war dann nicht nur von der Lautstärke her grausam. Na ja, jetzt höre ich Discomusik, wärme mir meine kleinen Schlafhelferlein aus Wachs in der Hand vor und versiegele dann damit meine Gehörgänge.

Gegen zwei Uhr morgens wache ich auf, nehme die Stöpsel raus, es ist leise. Ich schlafe weiter. Gegen vier Uhr morgens ist es wieder laut, es regnet mit dicken Tropfen. Ich drehe die Stöpsel wieder zurecht und stecke sie in die Ohren. Um sechs ist es wieder leise, um acht fährt ein Trecker an meinem Zelt vorbei. Hey, Campesino, es ist Sonntag! Sonntag ist Ruhetag und du bist doch garantiert katholisch erzogen! Hast du was vergessen? Fünf Rosenkränze! Meine imaginäre Ansprache an den armen Kerl beruhigt mich ein wenig und ich schlafe nochmal ein. Es ist kalt hier oben, da kuschel ich mich gerne in meinen Schlafsack.

Gegen neun stehe ich dann auf, koche mir einen Tee, packe zusammen und rolle locker nach Burgos.

Burgos ist wie all die anderen spanischen Großstädte, die ich hier im Norden durchfuhr: Außen unattraktiv mit Hochhäusern, innen eng mit vielen Bars und Kirchen. Die Kathedrale hier ist schon gewaltig. Ich kriege sie mit meinem 50 Millimeter Objektiv gar nicht komplett aufs Bild.

Na, wegen des Deja-vú-Effekts fahre ich dann auch bald wieder raus aus der Stadt, es beginnt wieder zu regnen. Immer nur mal kurz und dann längere Zeit nicht. Mein Weg ist nun auch der Weg der Wanderer. Es sind Schotterwege, die meist ganz passabel befahrbar sind. Manchmal aber auch nicht und dann gern verblockt. Das ist mit einem bepackten Reiserad bergab und bei Regen schon heikel. Und immer wieder muss ich an den Wanderern vorbei. Die sind aber wie in Trance unter ihren Kapuzen und Schirmen. Auf dem Weg erinnern sie mich an eine Ameisenstraße. Alle hintereinander weg, gleiches Tempo, gleiche Richtung. Am Rand spielen sich dann hin und wieder kleinere und größere Dramen ab – meist körperlicher Art. Manchmal auch anhand der Heftigkeit der Diskussion erkennbar. Wenn man den Camino gemeinsam gehen will, sollte man sich mögen. Sehr mögen. Und tolerant sein.

Nach fünf bis sechs Regenschauern, rund 115 Kilometern und sechs Stunden auf dem Sattel erreiche ich ein altes Kloster, das auch als Pilgerherberge dient. Hier bekomme ich ein Bett mit Dusche und herzlichem Beistand für fünf Euro.

Am nächsten Morgen regnet es. Es regnet den ganzen Morgen.

Ich setze mich in den Salon des Klosters und lese und schreibe und denke wieder über Nichts nach. Über das „Nichts“. Das kürzeste Paradoxon der Welt: Nichts. Wenn ein Substantiv einen Inhalt, eine Bedeutung, einen realen Gegenpart haben muss, dann darf es das Substantiv „Nichts“ nicht geben. Gibt es aber. Und es bezeichnet etwas, was es nicht bezeichnen kann.

Ich habe mich als Kind schon immer gefragt, was eigentlich vor meiner Geburt war. Wo ich da war. Der Tod hat mich nie so interessiert wie meine Nicht-Existenz vor meiner Geburt. Wie konnte es kommen, dass ich aus dem Nichts entstanden bin? Lassen wir mal die Biologie beiseite. Nichts kann aus dem Nichts entstehen und nichts kann einfach so ins Nichts verschwinden – wie soll das gehen?

Und überhaupt: meine Sinne befeuern mich ständig mit Eindrücken. Mein Gehirn beschäftigt sich selbst im Schlaf permanent mit Wahrgenommenem. Ich kann nicht nicht wahrnehmen oder nicht denken. Da frage ich mich auch: kann es etwas geben, wenn es nichts und niemanden gäbe, der es wahrnehmen könnte? Ich meine jetzt nicht so etwas wie Magnetismus, der mit den richtigen Instrumenten nachgewiesen werden kann. Nein, ich meine: gäbe es zum Beispiel das Universum ohne irgend eine Form von Bewusstsein innerhalb oder außerhalb von ihm?

All diese Fragen und weitere ähnliche werden von uns mit unserer beschränkten Wahrnehmung und Vorstellungskraft diskutiert. Am Ende muss es aber eine Antwort auf sie geben, sonst gäbe es uns nicht. Selbst wenn wir uns selbst auf einen einzigen Gedanken reduzieren (cogito ergo sum). Wer diese Fragen beantwortet, hat entweder Gott oder das Göttliche gefunden oder ihn oder es widerlegt.

Womit ich wieder beim Camino bin. Beziehungsweise beim Regen.

Gegen Mittag ziehe ich meine Regenklamotten an und fahre einfach los. Donnerstag will ich in Santiago sein.

Im Regen ist die Landschaft nicht so spektakulär und so kann ich wirklich ein wenig rum sinnen und versuchen, eine für mich lebenspraktische wichtige Entscheidung zu treffen.

Will ich weiterhin Fleisch essen oder will ich darauf verzichten. Die Entscheidung muss ja nicht schwarz-weiß sein, es gibt ja unterschiedlichste Graduierungen. Ich muss mich fragen, was mir wichtig ist. Der Trieb oder die Vernunft. Der Trieb ist in unserem Überlebensprogramm verwurzelt, zu Teilen kulturell eingepflanzt. Die Vernunft sagt: es ist gesünder, auf Fleisch zu verzichten. Die Umwelt kann unseren Kindern nur noch einigermaßen heile übergeben werden, wenn die Menschheit jetzt sofort auf den Fleischkonsum mit seinen Folgen verzichten würde. Und schließlich wissen wir nicht, was wir den Tieren – insbesondere den Schweinen – antun, wenn wir sie so halten wie wir es tun. Es gibt durchaus prominente Stimmen und sehr gute Argumente für einen Ethos gegenüber Tieren, der uns alle täglich als Verbrecher überführen würde. Mir selbst würde der Verzicht auf den Luxus „Fleisch“ und die Demut gegenüber der Natur gut zu Gesicht stehen. Und meiner Gesundheit wäre es ebenfalls zuträglich.

Und was ist mit Fisch? Was mit Milch, Quark, Käse und Co.?

Himmel! Warum ist es so schwer, eine klare Entscheidung zu treffen? Warum ist es so schwer, konsequent zu sein? Warum gehen andere Menschen so unbeschwert mit ihren Entscheidungen um? Was ist es, das es mir so schwer macht? Warum muss für mich alles im Leben immer so konsistent sein? Himmel!

A propos: Am Abend klart der Himmel parallel zu meinen Gedanken auf und ich erreiche León. Ich finde gleich in der ersten Herberge ein Bett und zahle zehn Euro dafür. Die letzten Routine-Tätigkeiten des Tages verdrängen so langsam meine Gedanken, meine Ideen, meine Fragen, meine Zweifel.

Als ich im Bett liege, denke ich nochmal über das Nachdenken nach. Ist es nicht fantastisch, dass wir das können? Ja, es ist eine Gratwanderung. Das Denken über alles Metaphysische zu genießen, ohne den Kontakt zum Hier und Jetzt zu verlieren. Die Art und Weise des Denkens über das Abstrakte zu kultivieren, um sie beim Diskutieren über das Praktische anzuwenden. Aber ob ich jetzt Vegetarier werden will oder gar Veganer oder nicht, darüber muss ich noch ein wenig nachdenken.

10.10.2015 – von Logroño in Richtung Westen oder: Wie Speichen klingen müssen

Um Punkt sechs Uhr geht das Licht an und als erstes sind die Koreaner aus den Betten. Die sind sofort hektisch und so komme ich gar nicht erst auf die Idee, noch weiter zu schlafen. Draußen ist es allerdings kalt und dunkel. Um sechs Uhr drei kommt die Herbergsmutter ins Zimmer, um zu schauen, ob auch alle wach sind. Ich habe keine Lust auf Warteschlangen vor dem Klo und bleibe noch liegen bis ich dann um halb sieben höflich und freundlich aufgefordert werde, nun auch endlich aufzustehen. Und mit mir die Italiener und die Franzosen. Wir blinzeln uns verstehend zu und werden langsam wach. Was für ein Gewusel im ganzen Haus. Ich nehme mir vor: Heute Abend schlafe ich wieder im Zelt.

Als ich mein Rad packe, merke ich, dass eine Speiche gerissen ist. Shit. Felge nicht verzogen, gutes Zeichen. Somit wird sich meine Weiterreise verzögern. Denn… Tataaa! Meine Ersatzspeichen liegen zuhause, ich wollte ja nicht durch die Sahara fahren. Somit stehe ich um Punkt acht Uhr vor einer verschlossenen Herberge und dann bis Punkt zehn Uhr vor einem verschlossenen Fahrradladen.

Der Laden heißt Retrocycle und im Laden begrüßt mich Sergio, ein modisch gekleideter Fahrradverkäufer. Ich schaue mich um und sehe… Fixies, Mountainbikes, Rennräder, Klamotten. Keine Reiseräder, keine Rohloffschaltungen. Das Geschäft sieht aus wie so ein hipper Laden in Berlin, der eigentlich ein Café ist, aber nur dann auch Hippster anzieht und zum Ökoveganfairtrademultikultilattemitherzchenimschaumkonsum bringt, wenn hippe Fixies von der Decke hängen, T-Shirts mit Fixies drauf in Glasvitrinen liegen und es nach Caramba riecht, was wahrscheinlich aus Duftdesignspendern von der Decke gesprüht wird.

Kurz: Ich frage erst mich, wie ich hier an eine Speiche für ein Rohloffhinterrad komme. Und dann höflich Sergio. Der sagt, dass die Werkstatt samstags geschlossen, er kein Mechaniker sei, sich in der Werkstatt nicht auskenne, aber dennoch mal schauen würde. Speichen seien ja schon signifikant und auch von einem Nichtmechaniker zu erkennen.

Ich ahne nichts Gutes, als Sergio auf Suche geht. Und doch – er kommt mit einer Sammlung silberner und schwarzer Speichen zurück und siehe da: Die passenden sind dabei! Aufatmen und Grinsen.

Allerdings muss ich selbst halt schauen, wie ich die Speiche nun einspeiche. Ich frage, ob ich die Werkstatt nutzen darf. ¡Claro que sí! Sergio und ich unterhalten uns angeregt, während ich mich an die Arbeit mache. Das Werkzeug ist aufgeräumt und ich muss zugeben, dass ich hier total gern arbeiten würde. Von wegen: Nur Deutsche können Ordnung. Sergio erzählt mir, dass der Haus-Mechaniker das ist, was man im Computerbereich „Nerd“ nennt. Und das merke ich allein an den Werkzeugmarken, an der Werkzeugauswahl und wie sauber hier alles ist (im Gegensatz zu den meisten Pizzaschachtel-Coladosen-Nerd-Laboren).

Sergios Chef organisiert die Eroica Hispania und so kommen wir ins Schwärmen und ich merke, dass der Laden hier alles andere als ein Hippster-Laden ist. Ich frage Sergio, ob er gern hier ist, in Rioja. Seine Frau kommt aus Andalusien, die beiden überlegten sich vor einiger Zeit, wo sie denn nun leben wollten. Andalusien sei Sergio aber zu unruhig, zu hektisch. Er kommt hier aus Rioja, aus der Nähe von Logroño. Da hake ich nach: Andalusien zu hektisch zum Leben? Ja, meint mein Helfer in der Not. In Andalusien gibt es Touristen, Strände, Autobahnen, die Immobilienmakler haben alles im Griff. In Rioja gibt es Wein, Wanderer und sauberere Luft. Und das lässt das Leben ruhiger verlaufen. Da ist wohl was dran.

Sergio schaut mir zu und zeigt mir das Tensiometer zum Messen der Speichenspannung. Ich lehne dankend ab, hab sowas noch nie benutzt. Ich kontrolliere per Auge und per Ohr. Einen Seiten- oder Höhenschlag kann ich nicht erkennen und als ich das Hinterrad rollen lasse und einen Schraubenzieher an die Speichen halte, klingen alle gleich. Bis auf eine. Die ziehe ich so lange fest, bis alle gleich klingen. ¡Eso es!

Sergio ist fasziniert, wir quatschen noch ein wenig, ich kaufe mir zuletzt ein Eroica-Käppi, zahle, lege noch was in die Kaffeekasse und verabschiede mich mit herzlichstem Dank.

Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr zur Eroica wieder.

Das Wetter ist genial, die Landschaft wird hügeliger.

Der Pilgerpfad wird auch für Radler rauher, führt über Feld- und Schotterwege durch die Weinberge. Es ist Herbst und die überreifen Trauben versprühen einen süßlichen Geruch. Ich probiere – sie schmecken nicht so gut wie die in Deutschland oder die in Frankreich oder der Schweiz. Aber sie liefern Energie und sind gesund.

An manchen Abschnitten des Jakobswegs muss ich absteigen und schieben, ja sogar hin und wieder das Rad über verblockte Abschnitte tragen.

Die Wanderinnen und Wanderer sind zum allergrößten Teil freundlich – ich fahre allerdings auch sehr vorsichtig an ihnen vorbei und mache mich durch rechtzeitiges Klingeln bemerkbar. Manchmal ernte ich Bewunderung, manchmal Kopfschütteln, meistens ein Lächeln. Wenn ich merke, dass jemand erschöpft inne hält weil die Last auf dem Rücken drückt, frage ich, ob ich den Rucksack auf meinen Gepäckträger stellen soll und wir ein Stück Weg gemeinsam schieben. Das kommt gut an, wird aber durchweg abgelehnt. Pilgerer-Ehre? Von mir aus.

Später dann trennen sich die Wege der Wander- und der Radler-Pilgerer wieder und ich fahre über autofreie gewundene Bergsträßchen, die mir mal wieder klar machen, warum es so wundervoll ist, mit dem Rad zu reisen.

Zum Abend hin überlege ich kurz, ob ich zur nächsten Herberge fahre oder ob ich zelte und denke an die letzte Nacht. Ich suche mir ein schönes Plätzchen für mein Zelt auf ungefähr 1.000 Metern Höhe abseits der Straße an einem Feldweg und genieße die Ruhe und die frische Luft.

 

9.10.2015 – Von Pamplona nach Logroño oder: El peregrino Jorge

Das Frühstück ist einfach und gut. Es ist etwas besonderes, mit Menschen am Tisch zu sitzen, die einander so fremd sind doch eine Idee teilen. Buon Camino!

Da ist ein Franzose, dem gekündigt wurde und der die freien drei Monate wandern will. Und da sind drei Spanier, die auch mit den Rädern fahren, welche allerdings in zweifelhaftem Zustand sind. Sie fahren einfach los.

Pamplona ist ein populärer Startort. Auch wenn alle hier zu sich finden oder sich besinnen wollen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie das dann aber eben auch schnell wollen.

Na ja, um halb neun in der Früh muss ich draußen sein – es wird ein schöner Tag heute, sagen sie.

Kalt ist es, ich fahre bei vier Grad los und ziehe mir alles an, was ich habe. Aber die Sonne kommt raus, es geht erst mal bergauf und mir wird schnell warm.

Das ist jetzt spanische Provinz hier. Braunes Land, in allen möglichen braunen Schattierungen. Und sanfte Hügel, gepaart mit hin und wieder steilen Bergen und schroffen Abrissen.

Gegen Mittag ist es dann richtig schön. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und heizt die Luft auf, die nach den kalten Tagen der letzten Woche endlich mal wieder an meinen nackten Armen und Beinen entlang streicht.

Nachdem ich auf den ersten 30 Kilometern schon über 500 Höhenmeter gesammelt habe, beschließe ich, mich ein wenig an die Region und die Pilgerer zu adaptieren und bergauf zu schieben. Ja, und langsam zu schieben und jede Steigung zu schieben. Die verkehrsarmen Sträßchen laden auch dazu ein.

Bergab allerdings geht’s dann mit bis zu 80 Sachen runter und mein Gepäck wird vom Rad getragen. Diesen Vorteil gegenüber meinen wandernden Genossinnen und Genossen gebe ich nicht ab.

 

 

Mein Etappenziel ist Logroño nach rund 100 Kilometern. Normalerweise ein lockeres Ziel, aber die Sonne und die Berge zehren ganz schön und so komme ich ziemlich fertig in der Hauptstadt der Weinregion Rioja an und schnappe mir das letzte freie Bett in der städtischen Pilgerherberge. Das kostet sieben Euro und es ist warm nachts und ich kann duschen und in einer Gemeinschaftsküche kochen. Das Zimmer teile ich mir mit rund 30 Koreanern, Italienern, Amerikanern, Franzosen, Slowaken und Engländern. Keine deutsche Stimme, was mich schon fast stutzig macht.

Um halb zehn schließt die Küche, um zehn geht das Licht im Haus aus und die Tür der Herberge wird verschlossen. Wer dann nicht drin ist, bleibt draußen – bis morgen früh um sechs. Ganz schön rigoros hier. Und um acht Uhr morgen früh müssen alle das Haus verlassen haben.

Wieder beschleicht mich das Gefühl, dass hier eine gewisse Eile um mich herum wirkt. Die mediterrane Lockerheit bleibt bei der Besinnung wohl außen vor. Und auch unterwegs in den ganzen kleinen Orten stehen die Pilger ungeduldig in den Schlangen an den Stempelstellen und lassen sich die Stempel in ihre Büchlein drücken. Für diese Herberge heute muss ich mir auch so ein Büchlein, ein Credencial de Peregrino kaufen, da ich ansonsten kein Bett bekommen hätte.

Einfach nur pilgern, ohne Bescheinigung? Geht wohl nicht. Na egal, jetzt habe ich auch einen Stempel und bin offizieller Pilgerer. Und liege um die offizielle Pilgerzeit im Pilgerbett und beeile mich, schnell einzuschlafen. Bloß keine Ruhe, wer rastet, der rostet. Selbst im Schlaf.

8.10.2015 – Aus den Pyrenäen nach Pamplona oder: You are not in Spain!

Ich wusste gar nicht, dass ich bereits seit Bayonne pilgere. Auf dem Jakobsweg. Na, mein Ziel ist ja auch Santiago de Compostela. Ich bin gespannt, ob ich mich von der Pilgerstimmung hier einfangen lassen kann. Bisher habe ich zwar ein paar Zeichen gesehen, aber noch nicht viel mitbekommen.


Heute sitze ich schon um neun auf dem Rad und fahre eine Via Verde über eine stillgelegte Eisenbahnstrecke. Es regnet zwar nicht mehr, aber es ist kalt und neblig. Ich freue mich auf die Wärme in der spanischen Ebene. Nach rund zehn Minuten habe ich alle Regenklamotten an, die ich in den Packtaschen finden konnte. Gamaschen für Hände und Füße, Regenhose, Regenjacke. Zum Glück geht es nur sanft bergauf, so dass mir nicht warm und kalt zugleich wird.

Mir wird immer wieder verdeutlicht, dass ich weder durch Frankreich noch durch Spanien fahre sondern durch Pais Vasco. Durch das Baskenland. Mit „Land“ meinen die hier aber nicht so etwas wie das Wendland oder das Rheinland sondern eher so etwas wie Deutschland. Die Ortsnamen, die Sprache, die Kleidung, ja sogar der Schriftschnitt vieler Firmen, Plakate, Hotels, Bars und sonstiger Schilder ist baskisch. Mir gefällt das. Die Basken sind Rebellen auf unauffällige, aber deutliche Weise. Mich erinnert das an meine Tour durch Bayern, wo die Bauern auch rebellisch sind und sich gegen die Vorgaben aus Brüssel auflehnen. Mir san mir – das heißt dort nicht nur, dass alle anderen die Bayern mal sonstwas können sondern eben auch, dass sie sich nicht weichspülen oder konformieren lassen.

Manchmal wäre ich auch gern Teil einer besonderen Volksgruppe mit ihren Besonderheiten. Bin ich nicht. Hannover – normaler und standardisierter geht’s wohl kaum mehr. Jeder, der damit etwas Besonderes darstellen will, macht sich lächerlich. Außer – halt! Das „Nichts Besonderes“ ist es, was die Niedersachsen ausmacht. Sie sind irgendwie so „mittel“, was ja immer auch als „golden“ gesehen wird. Oder als angemessen. Gut, damit kann ich leben. Es hat doch auch etwas, wenn ich jetzt nicht über ein nicht angemessenes Zurschaustellen von kulturellen Besonderheiten einer Minderheit, die quichotin um die Unabhängigkeit kämpft, permanent mit missionarischem Eifer die Mehrheit der Menschheit mit meinen Zielen bedrängen muss. Kurz: Es ist durchaus vorteilhaft, Niedersachse zu sein.

Nun pedaliere ich die Berge hoch. Auf Höhe 850 Meter habe ich den höchsten Pass hier erreicht. Ja, und es ist kalt. Jetzt ziehe ich bergab auch noch die Handschuhe drunter. Und ich fahre auf der Südseite der Pyrenäen bergab, so dass die Sonne mich ein wenig wärmen kann.

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich Pamplona und entscheide, noch eine Nacht in einer Herberge zu schlafen. Hier nun fängt mich der Geist des alten Jakob ein. Mein Großvater hieß übrigens auch Jakob – Opa, ich denk‘ an dich! In der für die Encierros, die Stierläufe zum Fest Sanfermines, berühmten Hauptstadt Navarras gibt es viele Kirchen, Klöster, Muschelzeichen und in der Innenstadt: Wanderer, Pilgerer. Mein GPS führt mich zu einer Albergue Peregrino, wo ich für 14 Euro ein Bett in einem 20-Betten-Zimmer bekomme. Mit Frühstück zwischen 6:30 und 8:15 Uhr. Um 8:30 Uhr muss ich draußen sein. Das sind die Bedingungen. Der Pilger-Biorhythmus ist definitiv nichts für mich. Aber die heiße Dusche und die freundlichen Leute laden mich gerade zu ein, das mal auszuprobieren. Am Abend schaue ich mir noch ein wenig Pamplona – sorry, Basken: Iruña – an und genieße den lauen Abend zwischen den vielen Leuten, die hier drinnen und draußen sitzen und dieses wunderbare mediterrane Flair versprühen.