Donnerstag, 12. Februar 2015: Von Ahuachapán über die Ruta de Flores an die Costa de Bálsamo

Bumm! Peng! Sechs Uhr in der Früh. Bummbumm! Peng!

“Fuck, eine Schießerei!”

Ich schnelle hoch, ein Fenster, aus dem ich luken kann, gibt es in meinem Zimmer nicht. Ich öffne vorsichtig die Tür. Schaue raus. Niemand in der Hotellobby. Die Tür zur Straße ist offen. Peng! Ich zucke zurück. Vor der Tür zur Straße sehe ich Leute vorbeigehen. Normal gehend. Ich gehe zur Tür und schaue raus.

Irgendein Heiliger hat heute Geburtstag. Und direkt neben dem Hotel steht eine Kirche. Und in der Kirche steht ein Bildnis dieses Heiligen. Und dem Heiligen huldigen sie heute. Mit Böller- und Gewehrschüssen. Das geht den ganzen Tag so, sagen Passanten, die ich frage.

Ach, da ich nun schon mal wach bin und es wunderbar warm und dennoch morgenfrisch ist, packe ich meine Sachen zusammen und fahre einfach los. Ich freue mich auf die Ruta de Flores und den meditativen Anstieg, der sich in meiner Karte andeutet und der ein wohltuender Ausgleich für den frühen Schreck des Tages ist.

Am Ortsausgang von Ahuachapán treffe ich so einen Straßenhasardeur, der sich von Lastern den Hügel der Ruta hochziehen lässt, oben Waren abholt und diese mit so einer Art Lasten-Seifenkiste wieder nach Ahuachapán bringt. Das Ding – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll – ist allein schon beim Anblick ein Abenteuer. Die Räder sind aus Holz, umklebt mit Reifenresten. Gelenkt wird mit den Füßen, gebremst mit einem Holzblock, der über eine Eisenstange auf die Straße gehebelt wird.

Der Mann macht das schon seit rund zehn Jahren und hatte noch keinen ernst zu nehmenden Unfall. Zwei Schneidezähne sind mal durch einen unsanften Aufprall auf einen Baumstamm rausgeflogen, aber das war wohl nicht so schlimm. Na ja, alles ist relativ. Ich habe einen Schneidezahn beim Rückwärtssalto vom Dreimeterbrett im Schwimmbad verloren, weil ich nicht weit genug vom Brett weg sprang. Und ich fand das damals ziemlich scheiße und finde das auch heute noch, wenn ich mir beim Zähneputzen meine Krone anschaue.

Für Kronen haben die Leute hier kein Geld, also bleibt beim Lachen die Lücke zu sehen.

Nach einem Zehnminutengespräch bedauere ich, ihn nicht mit hochziehen zu können. Er wartet gerne am Straßenrand, gehört zu seinem Job und er grüßt viele Leute, die ihm regelmäßig begegnen. Dieser Mann zeigt mir mit seiner Einstellung, dass Epikur sehr wohl in den Hallen der Stoa hätte wandeln können.

Eineinhalb Stunden brauche ich nun für die 750 Höhenmeter, die noch an der Passhöhe fehlen. Fünfzehn Kilometer gleichbleibender Rhythmus. Ich liebe das.

Die Ruta de Flores ist eine Touristenattraktion. In den Orten, durch die sie führt, betteln viele Menschen um Geld. Das habe ich in Mittelamerika bisher so noch nicht gesehen. Die meisten Bettler sind auf Drogen und brauchen den nächsten Intake. Dem Seifenkistenfahrer gab ich einen Quarter, Junkies – soweit ich sie erkenne – möchte ich in ihrem Drogenkonsum nicht unterstützen.

Leider ist es ziemlich diesig, so dass ich die Aussicht vom 1.500 Meter hohen Pass der Ruta auf den Pazifik nicht wirklich spektakulär finde und meinen Fotoapparat stecken lasse. Dafür geht es dann rasant bergab bis Sonsonate.

Im Ort fahre ich an einer bilingualen Schule vorbei. Ich halte, drehe um und parke mein Fahrrad vor dem Eingangstor. Eine ehrwürdige Ordensschwester fragt, was ich wolle. Eine Englisch-Stunde halten, von meiner Reise auf englisch erzählen. Das biete ich ihr an.

Sie begleitet mich zur Oberin, die in einem ganz einfachen Zimmer ihr Büro hat. Leider sind die Englisch-Klassen noch nicht so weit, dass sie meine Erzählungen verstehen würden. Außerdem ist jetzt gerade Schulschluss. Die Oberin bittet mich, aufzustehen, nimmt ein Mikrofon und betet zum Mittag.

Schade, finden wir beide. Sie erzählt mir ein wenig vom Schulalltag und dass sie immer wieder vorsichtig sein müssten wegen der Drogenhändler. Diese würden immer jünger und träten an jede Schülerin und an jeden Schüler heran. Und in letzter Zeit würden sogar Mädchen mit Drogen handeln.

Die Frau macht einen pragmatischen Eindruck und weiß, dass das alleinige Legen der Probleme in Gottes Hand nicht helfen wird. Die Kirche verteufelt die Drogen zwar, die Schwestern klären dann aber doch auch über Hintergründe und Folgen auf. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, was die Schulschwestern gegen die Macht der Drogen tun. Sie hoffen, dass Gott aus vielen Tropfen einen Regenschauer macht.

Von Sonsonate zur Küste führt ein stillgelegtes Bahngleis, der Bahnhof in der Hauptstadt des Departamentos zeugt von den Zeiten, in denen die Amerikaner hier noch investierten. Nun ist alles verfallen, alte Loks und Waggons stehen hinter Gittern auf Abstellgleisen. Das Gleis entlang der Straße führt dicht an den Häusern der Leute vorbei, die hier wohnen. Hin und wieder bleibe ich stehen, um mir vorzustellen, wie das wäre, wenn hier noch Züge fahren würden. Das würde die Straßen entlasten, wird aber nicht wieder geschehen.

Das Gleis könnte zu einem tollen Radweg ausgebaut werden. Das denke ich jetzt und dann, dass ich meine europäische Mentalität einfach mal ausschalten sollte. Hier fährt niemand Rad, nebenan gibt’s eine Autobahn und Geld haben die Behörden hier nicht. Sie haben nicht mal eine eigene Währung. Ein Radweg zur Erbauung der Bevölkerung wäre so ziemlich das letzte, woran ein Politiker hier denken würde. Woran die Politiker hier überhaupt denken, weiß ich sowieso nicht so richtig. Der Ruf dieser Kaste ist in der Bevölkerung ziemlich schlecht.

Aber: El Salvador beeindruckt mich nachhaltig. Auch hier zwischen Bergen und Küste herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Autobahn nebenan ist eine Baustelle. Eine lethargische Tristesse wie in einigen Orten Marokkos kann ich hier nicht wahrnehmen. Was mir immer wieder auffällt, ist die Fröhlichkeit der Kinder. Wenn sie groß sind, gibt es hier auch einen Radweg. Daran glaube ich.

Zwei Kinder winken mir zu, als ich vorbeiradel. Ich winke zurück und bleibe stehen. Die Mutter ist auch da, sie frage ich ob ich die Kinder fotografieren dürfte. Klar – kein Problem. Ich drücke ein paar mal auf den Auslöser und zeige den Kindern die Bilder auf dem Bildschirm der Kamera. Sie freuen sich über ihr eigenes Bild. Noch mehr freuen sie sich über die Chicles, die Kaugummis, die ich wieder rausrücke.

Ich bin hin und hergerissen. Wenn ich den Kindern Kaugummis schenke oder den Erwachsenen einen Quarter, wenn ich sie fotografiere, dann lernen sie ja daraus. Es könnte sein, dass sie dem nächsten Touristen sogar anbieten, sich fotografieren zu lassen. Und dass das dann irgendwann zu einem Wettbewerb um die Touristen und die wertvollsten Geschenke wird. Oder dass sich die Menschen nur noch gegen Geld fotografieren lassen und somit die Verbindung zwischen Reisenden und Residierenden ausschließlich eine kommerzielle ist.

Auf der anderen Seite sind Menschen und Porträts auf Reisen das Salz in der Fotosuppe. Landschaft, Landschaft, Landschaft. Wunderbar und wunderschön. Aber was mir wirklich in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mit den Menschen. Die besonderen Momente, wenn klar wird, ob man sich sympathisch ist oder in gegenseitiger Skepsis distanziert bleibt.

Nach rund hundert Tageskilometern und sechs Stunden Fahrzeit erreiche ich ziemlich müde die Küste. Die Küstenstraße geht permanent rauf und runter. Ich kann irgendwie überhaupt nicht abschätzen, wo der nächste Ort ist und wo ich heute abend übernachten werde. Hunger habe ich jetzt. Vor allem, als ich an einem Comedor vorbeifahre, in dem gerade unter Palmendächern mit Blick auf den Ozean eine leckere Fischplatte serviert wird. Neben dem Comedor ist ein Mirador, ein Aussichtspunkt auf den Pazifik und seine Steilküste, die hier rund vierzig bis fünfzig Meter hoch ist.

Ich halte an und frage den Wirt, wie weit das nächste Hotel entfernt ist. Zwanzig Kilometer – eine Antwort, die ich nicht haben wollte. Oder gerade doch. Ich hake nach: Kann ich hier, bei dem Mirador mein Zelt aufschlagen und heute nacht hier schlafen? Ich würde auch ein großes leckeres Abendessen und morgen ein großes Frühstück essen. Und Bier trinken. Der Wirt lacht mich an und sagt, dass ich überall übernachten könnte und neben der Toilette auch eine Dusche sei. Ich freue mich, grinse über beide Ohren und bedanke mich herzlich.

Als erstes baue ich mein Zelt auf, direkt am Abgrund – einen anderen Platz gibt es nicht. Ein Stein fällt runter, ich schaue ihm nach und richte das Zelt so aus, dass der Eingang in Richtung Gebüsch zeigt. Dann kann ich aber nicht gut rein und raus. Also: Eingang zum Pazifik. Tolle Sicht mit Risiko. Zum Glück bin ich kein Schlafwandler und weiß in der Regel nachts, was ich mache. So bleibt’s denn dabei.

Die Dusche ist ein Wasserfass mit einem kleinen Eimer drin – ich kann mich waschen.

Ich bestelle einen Red Snapper mit Krabbensoße, zunächst zwei Bier und einen Liter Wasser. Kurz vor Feierabend rufe ich Esekiel, den jungen Kerl, der hier bedient, zu mir und frage ihn, ob er mit mir ein Bier trinkt. Er wischt noch eben die Tische ab und setzt sich dann zu mir. In dem Augenblick kommt auch Cesar. Cesar ist ebenfalls ein junger Kerl, nicht ganz so aufgeweckt wie Esekiel und insgesamt ein wenig mürrisch. Er setzt sich zu uns, ich will ihm auch ein Bier bestellen, aber er will nicht trinken, muss heute nacht noch wach bleiben. Cesar ist der Nachtwächter für den Comedor und wird auch auf mich aufpassen, das verspricht Esekiel.

Ich frage natürlich, warum hier überhaupt ein Nachtwächter aufpassen muss. Cesar holt eine lange Machete aus seinem Rucksack und legt sie demonstrativ auf den Tisch. Die beiden erzählen, dass die Maras, die kriminellen Banden, in El Salvador mittlerweile nicht mehr nur in den Städten ein Problem darstellen sondern auch auf dem Land. Vor allem junge Polizisten tun tagsüber ihren Dienst und gehen nachts auf Beutezug. Die Polizei ist nicht gut gelitten hier in El Salvador und wird eher als Problem gesehen denn als Lösung. Und einen Nachtwächter töten wird dann doch niemand, nur um in einen Comedor einzubrechen.

Cesar wollte auch Polizist werden, aber sie wollten ihn nicht. Jetzt ist er halt Nachtwächter – Rent-a-Cop, wie so viele Menschen hier in Zentralamerika.

Gegen neun Uhr abends packen der Wirt, seine Frau, bei der ich mich nochmal ganz besonders für das leckere Essen bedanke, und Esekiel ihre Sachen zusammen, schließen den Comedor und fahren nach Hause. Wir verabreden uns für morgen früh zum Frühstück. Ich stehe ebenfalls auf, verabschiede mich von Cesar und gehe in mein Zelt, in dem ich noch ein wenig dem Rauschen des Pazifiks zuhöre, bevor ich einschlafe.

Mittwoch, 11.2.2015: Vom Lago de Güija nach Ahuachapán

Ich habe den Wecker auf sechs gestellt, pünktlich fängt er an zu spielen, um mich zu wecken. Die bellenden Hunde aus der Nachbarschaft haben das allerdings schon früher geschafft. Und die krähenden Hähne von überall noch früher.

Es ist ein schönes Gefühl, so früh am Morgen einfach aufzustehen, aus dem Zelt zu krabbeln und sich wohl zu fühlen. Die Sonne geht gerade auf und es sind locker über 20 Grad.

Nach dem Zähneputzen und meinen Yoga-Übungen packe ich meine Sachen zusammen und sitze bereits um sieben Uhr auf dem Fahrrad. Ich denke noch mal über gestern Abend nach. Der Wirt gab mir die Hand und sagte, es würde die Nacht über nichts passieren. Wahrscheinlich ist es so, dass ich mich entweder verstecken muss und gar nicht gesehen werde oder dass ich eben einen Pakt schließen muss mit den Leuten vor Ort.

Immer noch nicht habe ich ein einziges Mal das Gefühl gehabt, in unsicherem Terrain unterwegs zu sein. Allerdings hängen in Santa Ana, einer der größeren Städte El Salvadors, in einer Straße Turnschuhe über den Stromleitungen. Menschen machen sich überall in der Welt einen Spaß daraus, ihre ausgetretenen Schuhe über Kabel, Zäune, Bäume oder sonstige Haken zu werfen. In den Ländern Zentralamerikas hat dieses Zeichen auch noch eine andere Bedeutung: Hier stecken die Banden ihre Claims ab. Häufig gehörten die Schuhe, die dann über den Stromkabeln hängen, ausgeschalteten Rivalen.

Zu mir sind die Menschen ausnahmslos freundlich. Ich werde ganz häufig aufmunternd begrüßt oder behupt. Auch wenn das manchmal ganz schön laut ist und irgendwann auf die Nerven gehen kann, grüße ich immer wieder freundlich zurück. Auch die Menschen am Straßenrand, seien es noch so viele, werden von mir mindestens mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt. Nach einem kurzen Augenkontakt kommt dann das Antwort-Lächeln zurück. Vor allem bei den zurückhaltenden und schüchternen Kindern ist das dann immer wieder ein schöner Moment.

Unterwegs ist auch mal wieder eine längere Strecke Schieben angesagt. Schieben ist immer gut für Gedanken. Eine ehemalige Freundin von mir hatte mir mal vorgeworfen, ich wüsste nicht was Respekt sei und sollte doch mal im Duden nachschauen. Das habe ich getan. Aber der Duden gibt nicht mehr als eine allgemeine Definition und die korrekte Schreibweise her.

Ich hatte mir in der Tat vorgenommen, den Begriff während meines Urlaubs mal für mich genauer zu betrachten. Denn reden tun immer ganz viele Leute ganz viel über Respekt und Respekt ist auch durchgehend positiv besetzt, aber ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, was mit diesem Begriff wirklich gemeint ist. Die Definition aus dem Duden ist definitiv zu wenig.

Schön wäre es, wenn wir alle und alles respektieren könnten. Denn alles, was ist, also eine Existenz hat, hat diese ja zurecht. Und alles was ein Recht hat, ist zu respektieren. Also scheint es opportun, alles, was ist, also eben alles, zu respektieren.

So, das könnte es doch schon gewesen sein mit dem Respekt. Gut gegliedertes Argument, nichts einzuwenden, Schlussfolgerung steht und ist eingängig.

Das Problem mit der Universalität ist nur, dass wenn ein Begriff auf alles anzuwenden ist, er opportun erscheint. Denn was hilft uns der Begriff des Respekts, wenn er auf alles anzuwenden ist? Außerdem weiß ich immer noch nicht, was Respekt denn nun eigentlich wirklich ist.

Also frage ich einmal anders: was bedeutet es für ein Objekt oder ein Subjekt, das von mir respektiert wird, dass es von mir respektiert wird? Und was würde es im Gegensatz dazu bedeuten, wenn es von mir nicht respektiert würde? Kann man Respekt messen? Wenn ja, wie? Gibt es irgendwelche Bedingungen für Respekt? Wenn ich das herausgefunden habe, bin ich mir klar darüber, wen oder was ich respektieren kann und wen oder was ich eben nicht respektieren kann oder muss oder sollte.

Kurz vor Ahuachapán habe ich dann meine zweite Reifenpanne. Respekt hin oder her – das Zuendedenken verschiebe ich auf später. Diesmal ist das Hinterrad platt. Glück im Unglück: ich bemerke den schleichenden Plattfuß direkt neben einer Tankstelle. Das Rad wird in den schattigen Gäste-Bereich geschoben und nach dem Abnehmen der Packtaschen auf den Kopf gestellt. Zwei der Tankleute sind interessiert und beobachten meine Arbeit. Da ich mittlerweile etwas Routine habe, geht es sehr schnell von der Hand. Ruckzuck sind alle Züge abgebaut, der Kettenschutz demontiert, die Schrauben gelöst und das Rad ausgebaut. Der Reifen ist ebenfalls schnell von der Felge, der kaputte Schlauch wird auf das Loch inspiziert. Da der Reifen selbst einen kleinen Einschnitt mitten in der Lauffläche aufweist, kann ich das Loch im Schlauch recht einfach finden. Ich klebe einen Flicken drauf, baue alles wieder zusammen, pumpe den Reifen mit dem Luftkompressor der Tankstelle auf und bin innerhalb einer knappen halben Stunde wieder unterwegs. Vorher allerdings bedanke ich mich noch beim Personal und lasse ein paar Quarters da.

In Ahuachapán fahre ich zu einer Hotelempfehlung aus dem Lonely Planet. Das Hotel liegt an einem zentralen Platz, direkt gegenüber der Kirche. Der Empfangsbereich ist ein wärterloses Museum. Kunst aus El Salvador wird ausgestellt, vom massiv geschreinerten Tisch über zumeist sehr bunt gemalte Bilder bis hin zur fein ziselierten Metallfigur. Ich bin überrascht von der Fröhlichkeit, die die Kunst hier vermittelt.

Kunst hat ihren Preis. In diesem Fall der Zimmerpreis. 45 Dollar will die Frau an der Rezeption. Das ist mir zu teuer. In meinem Kopf blitzt es hin und her: Ist das Hotel voll belegt? Wie hoch sind die Grenzkosten für eine Übernachtung für das Hotel? Was bin ich bereit, für das sympathische Ambiente drauf zu legen? Ist mir die Frau von der Rezeption sympathisch? Wie kann ich meinen Respekt den Hotelangestellten hier gegenüber monetär bewerten?

Wir einigen uns auf 25 Dollar für ein Zimmer ohne Tageslicht. Ich kann duschen, Wäsche waschen und sie zum Trocknen aufhängen.

Montag, 9.2.2015 und Dienstag, 10.2.2015: Von Lanquin mit dem Bus nach Chiquimula und dann nach El Salvador zum Lago de Güija

Das Wetter ist nicht so pralle, die Dosis Zivilisation von gestern reicht mir erstmal wieder und so entscheide ich mich, weiterzufahren. Zunächst mit dem Bus bis Chiquimula noch in Guatemala und dann weiter nach El Salvador. Eigentlich wollte ich von Guatemala direkt nach Honduras und dort die Copan-Ruinen sehen. Nach Chichen Itza und Tikal brauche ich allerdings nicht noch eine Maya-Kultstätte.

Ich fahre erstmals mit einem Collectivo, das sind kleine Busse im Stile eines Ford Transit – vielleicht ein klein wenig größer. Die hier sind alle aus Japan oder Taiwan oder China, ich habe die in Europa noch nie gesehen.

Egal – es passen ungefähr 30 Leute rein, dann ist die Kiste aber auch rappelvoll. Unterwegs steigen Leute immer wieder ein und aus. Bushaltestellen gibt es nicht, wer sich meldet, wird bedient. Mein Fahrrad liegt oben auf dem Dach, festgezurrt. Der Bus ist schon fast voll, da kommen noch einige einheimische Frauen mit Kindern dazu. Der Schaffner klappt plötzlich Sitze im Gang hoch, die ich erst überhaupt nicht gesehen habe. Eine junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm setzt sich neben mich und lächelt mich an. Das ist so ein ruhiges, warmes Begrüßungslächeln, das exakt die Gelassenheit und Nähe ausdrückt, die mir immer wieder auffällt, wenn ich die jungen Mütter mit ihren Kindern beobachte. Wir sitzen wirklich sehr eng nebeneinander, unsere Arme berühren sich und ich schließe meine Augen, um möglichst viel von der Energie, die diese Frau hat, aufzunehmen. Ich bin völlig überrascht, hatte so ein Gefühl der Nähe zu einem wildfremden Menschen noch nie. Es ist auch kein Mann-/Frau-Ding sondern eher die Erinnerung an eine unbedingte Geborgenheit, wie ich sie zuletzt wahrscheinlich bei meiner Mutter oder Großmutter gefühlt hatte.

Diese Ruhe strahlen die Maya-Mütter fast alle auf ihre Kinder aus. Ich habe noch nicht ein Kind schreien gehört. Und genau diese Ausstrahlung, die wohl ihrem Kind gilt, gibt diese Mutter jetzt unwissend auch mir mit.

In Chiquimula ist es heiß.

Ich muss mich nach der Zeit in den Bergen erstmal an die stickige Luft hier gewöhnen.

Lust auf Weiterfahren habe ich nicht, ich finde das Hotel California und steige in dem Hotel ab, das eines meiner Lieblingslieder besingt. Es passt sogar: On a dark desert highway… Und die Colitas riecht man hier allerorten. Aber das ist nichts für mich, nicht hier, nicht allein und nicht mit fremden Menschen.

Die Fahrt nach El Salvador ist wenig spektakulär, mein Kopfkino ist viel spannender. Eigentlich wollte ich dieses Land auslassen, Honduras als gefährliches Pflaster ist ausreichend. Schließlich kommen die Maras aus El Salvador, der Bürgerkrieg ist der mir präsenteste aus ganz Lateinamerika – warum auch immer. Was machen die ganzen ehemaligen Soldaten, was die ehemaligen Guerilla-Kämpfer?

Aber am Ende ist der Bürgerkrieg schon über 20 Jahre her und ansonsten gibt es – außer, dass El Salvador in Sachen Tötungsrate seit einem Jahr sogar Honduras überholt hat – keine negativen Schlagzeilen über das kleine Land am Pazifik. Also rüber über die Grenze.

Hamburg Süd ist hier versammelt. Container, die ich vielleicht vor ein paar Wochen noch im Hamburger Hafen sah, sehe ich jetzt hier auf den Straßen von El Salvador. In ihnen werden allerdings hauptsächlich Bananen, Kaffee oder Kakao transportiert, was dann zu irgend einem Atlantik-Hafen in Guatemala oder Mexiko gebracht wird.

In Metapan will ich Geld ziehen, die Währung von El Salvador. Ich hatte mich in der Vorbereitung gar nicht mit dem Land auseinandergesetzt und bin jetzt überrascht, dass es ausschließlich US-Dollar gibt. Der Dollar ist hier die Landeswährung. Na sowas. Die Währung eines Landes ist doch ein wesentliches Identifikationskriterium. Wie muss man sich als Bürger eines Landes fühlen, das keine eigene Währung hat? Oh, Deutschland hat ja auch keine eigene Währung – wir teilen sie uns mit anderen Europäern. Aber das ist dann doch etwas anderes. Der Dirigismus der Amerikaner hat das Land seit jeher beherrscht, es in den Bürgerkrieg geführt, entvölkert und dann die sogenannten illegalen Immigranten aus der Gegend von Los Angeles wieder nach El Salvador zurückmigriert. Seit dem kämpft dieses Land mit den Maras. Ich hoffe, dass ich möglichst keinen Kontakt zu irgendwelchen Banden haben werde. Ich werde San Salvador auf jeden Fall meiden.

Kurz hinter Metapan sehe ich ein Schild mit dem Camping-Zeichen, das zum Lago de Güija führt. Ich biege von der Hauptstraße ab, fahre rund sechs Kilometer Schotterweg und komme am See an. Ich sehe ein kleines Hotel, aber keinen Campingplatz. Der Mann in der Rezeption sagt, ich könne überall zelten, solle mir einen Platz aussuchen. Ich verstehe: Zelten ist erlaubt, einen Zeltplatz gibt es halt nicht. Gut.

Ich suche mir einen schönen Platz mit Picknick-Tisch, baue mein Zelt auf und schwimme eine ausgiebige Runde im See. Herrlich, nach der Hitze heute.

Als ich gerade fertig bin, finden sich einige Jugendliche auf dem benachbarten Fußballplatz ein. Sie beginnen, ein wenig rumzukicken. Ich bin unsicher – eigentlich hatte ich mein Zelt so aufgebaut, dass mich nicht allzu viele Leute sehen. Aber die Jungs sehen mich natürlich.

Es kommen immer mehr. Ich gehe zum Fußballplatz und frage ein paar Jungs, die rumstehen, ob es heute abend noch ein Spiel gibt. Ja, gibt es. Gegen ein Nachbardorf.

Die jungen Spieler werden mit älteren Männern durchmischt, die zwar viel Wucht in den Ball bringen können, aufgrund der dafür nötigen Masse allerdings nicht mehr ganz so schnell sind. “Älter” bedeutet hier ungefähr 30. Jetzt kommt sogar Publikum und ich kann endlich ein Gespräch über die Fußball-WM aus dem letzten Jahr beginnen. Ja, die Deutschen sind verdient Weltmeister, sagt das das El Salvadorianische Fach-Publikum und ich nehme dieses Urteil gerne mit nach Deutschland.

Nachdem 22 Spieler und ein Schiedsrichter auf dem Platz eine Halbzeit hin- und herrannten und mindestens drei Mal den Ball in den See schossen, ist es dunkel und die Jungs müssen erstmal Pause machen, weil einer den Notstromgenerator für die Beleuchtung anschmeißen muss. Zuerst leuchtet nur ein Licht, dann aber ein zweites und das Spiel kann weitergehen. Ich habe allerdings Hunger und gehe in ein kleines Restaurant am Strand.

Die Inhaberfamilie sitzt am Tisch und isst. Sonst niemand. Ich frage, ob ich mitessen könnte. Kein Problem, wenn ich Fisch esse. Das tue ich gerne. Die Frau geht in die Küche und bereitet mir mein Essen zu. Ich lade José, das Familienoberhaupt, zu einem Bier ein. Hier in El Salvador trinkt man Pilsener oder Brahva. Wobei Pilsener das bessere Bier sei. Gut, dann also zwei Pilsener. Ich erkläre José kurz die Bedeutung des Namen “Pilsener” und wir stoßen an. Derweil steht auch der Fisch vor mir. Besteck gibt es nicht, wir essen mit den Fingern. Das ist ein spannendes Gefühl, einen Fisch mit den Fingern zu sezieren und zu verspeisen.

Ich frage, wo in El Salvador es denn sicher sei und wo nicht und vor allem, ob es hier am See für einen Camper sicher sei. José versichert mir, dass heute Nacht nichts passieren würde und ich beruhigt schlafen könne. Ich nehme das einfach mal so hin und frage mich gar nicht erst, warum der Chef so sicher sein kann. In San Salvador gibt es einige Viertel, in die man nicht mal als Einheimischer gehen sollte. Die Stadt insgesamt sei halt gefährlich, danach kämen Metapan und Santa Ana. Die Bergregionen und das Land seien einigermaßen sicher, sagt José.

Nach dem Essen gehe ich wieder zum Spielfeld, die Heimmannschaft hat eins zu null verloren. Die Jungs, die jetzt noch hier rumsitzen, lassen ein wenig die Köpfe hängen. Ich verabschiede mich und lege mich ins Zelt, auf Josés Versicherung vertrauend.

Sonntag, 8.2.2015: Mit den Touris in Semuc Champey

Wenn es um Pauschalbuchungen geht, bin ich ja immer ein wenig skeptisch, besonders in Flores nach meinem Tikal-Erlebnis. In den Touristenorten ist man ja schnell als Tourist erkannt und das setzen einige Einheimische mit einem Geldautomaten gleich.

Insofern überlege ich zweimal, als ich das Pauschalangebot Semuc Champey für 185 Quetzales lese. Es ist allerdings kein windiger Bauernfänger, der mir das Angebot unterbreitet, sondern eine Angestellte des Hostels hier. Alles ist drin: Hinfahrt, Programm, Eintritt, Rückfahrt. Ich brauche mich um nichts zu kümmern. Das finde ich auch mal ganz herrlich.

Die anderen jungen Leute aus dem Hostel sind ganz scharf darauf, auf dem Lastwagen hinten auf der Ladefläche im Stehen mit zu fahren. Ich habe in den Bergen gesehen, wie die Straßen sind und wie die Einheimischen auf den Ladeflächen hin und her geschaukelt werden. Also steige ich ruhig und gelassen und zufrieden auf einen der Sitze in der Fahrerkabine.

Nach einer Stunde Fahrt auf übelst verblockter Waldpiste kommen wir im Naturpark an. Die beiden Reiseleiter sind Einheimische und gut drauf. Sie weisen auf alle Möglichkeiten hin, Spaß zu haben aber eben auch auf die Gefahren dazu. Sie merken auch sehr gut, wann sich Menschen dem Gruppenzwang hingeben.

Mein Spaßfaktor ist an diesem Tag jedenfalls sehr hoch. Ich mache alles mit, was die beiden Reiseleiter zeigen.

Ich springe von einer Schaukel mit locker zehn Meter langen Seilen mit Schwung und Salto in den Fluss, ich robbe mit Kerzen in den Händen durch eine Höhle, besteige einen Mirador (einen Aussichtspunkt) hundert Meter über dem Fluss, rutsche im Fluss selbst von einem Bassin in das nächste, lasse mich auf aufgeblasenen LKW-Reifen über den Fluss treiben und habe einfach Spaß. Mit der Natur, mit den Leuten hier, mit den Herausforderungen. Ich bin Teil einer Truppe mit Leuten aus Kanada, Deutschland, Holland, China, den USA. We have fun. Just like that. Sogar Luke von Vancouver Island, der nach einer zehnjährigen Beziehung zum Vergessen hier ist, findet ein paar mal sein Lächeln wieder.

Ich überlege, ob ich nicht noch einen Tag in Lanquin bleibe. Ich muss ja nicht heute entscheiden. Mañana.

Samstag, 7.2.2015: Von Cahabón nach Lanquin

Es regnet noch, ich lasse mir Zeit mit dem Frühstück, zumal ich heute nicht so weit fahren werde. Bis Lanquin sind es knappe 30 Kilometer. Der Zustand der Straße lässt sich ermessen, wenn man die Einheimischen fragt, wie weit das ist. Eine Stunde mit dem Auto, sagen sie. Kilometer-Angaben gibt es kaum hier in Zentralamerika. Das erinnert mich an Kanada. Dort fragte ich an einer Tankstelle nach der Entfernung zum nächsten Ort, um abschätzen zu können, wieviel Verpflegung ich kaufen musste. Eine Stunde. Wieviele Kilometer? Keine Ahnung. Eine Stunde mit dem Auto? Klar. Wie schnell fährt denn so ein Auto? Keine Ahnung – wie’n Auto halt. Ich kann mich gut an diesen Dialog erinnern, weil er mir so skurril erschien.

Ich brauche für die 30 Kilometer rund fünf Stunden – mit Pausen, Fotografieren, Quatschen, Bergauf-Schieben und Bergab-Schieben.

In Lanquin fahre ich direkt am Ortseingang an der Retiro Lodge vorbei, die mich geradezu festhält. Ich entscheide, hier meinen nächsten Ruhetag zu verbringen. Morgen fahre ich dann von Lanquin nach Semuc Champey, dem Natur-Ereignis.

Ich kann mein Zelt direkt am Fluss aufstellen, der an der Lodge vorbei fließt. In ihm steht ein Boots-Anleger, auf dem Tische und Bänke und Hängematten Chillen pur versprechen. Hier will ich bleiben.

Ich mache Bekanntschaft mit Iñaki aus dem Baskenland (“¡Soy de pais vasco!”), der mich einlädt, zu sich zu kommen, wenn ich mein Portugal-/Nordspanien-Projekt realisiere. Wir reden über Fußball und Handball und warum wer gerade gut und wer schlecht ist. Auch wenn Iñaki betont, wieviele Basken in der spanischen Liga spielen – egal ob Handball oder Fußball -, jetzt ist er dann doch Spanier. Wäre er Katalane, könnte er noch bei Barcelona bleiben – auch egal ob Handball oder Fußball. Aber Bilbao als Team kennt international kaum jemand.

Jahrelang hat der spanische Fußball mit seinem Tikitaka-System der kurzen Pässe den Weltfußball beherrscht. Aber wie das nun mal mit den Systemen ist, wenn sie scheinbar unbesiegbar sind: Erfolg macht arrogant und lenkt von Entwicklungen der anderen ab. Und plötzlich bricht ein System in sich zusammen, weil der Gegner irgendeinen Transmitter zwischen zwei oder mehr Komponenten ausschaltet.

Komplexität macht Systeme schön, aber eben auch anfällig.

Ich liege in einer Hängematte, im Hintergrund höre ich argentinische Tango-Musik. Auf dem Anleger sitzt Ariel, ein Argentinier aus Buenos Aires, der Bandoneon, eine Art Akkordeon, spielt. Ich liebe diese Situationen auf Reisen. Die Musik begleitet meine Gefühle, meine Gedanken im Hier, in der Hängematte am Fluss. Glück. Für mich ist es wichtig, zu erkennen, wann ich nicht einfach nur zufrieden bin sondern glücklich. Glück braucht Nicht-Glück, um existieren zu können.

Ich trinke ein Bier mit Ariel – sein argentinisches Spanisch ist für mich schwer zu verstehen. Von ihm lerne ich, dass das Bandoneon ursprünglich aus Deutschland kommt. Das typischste der Tango-Instrumente kommt von uns. Na! Und der Name Bandoneon ist von einem Deutschen namens Band abgeleitet, der das Instrument erfunden hat.

Buenos Aires – das Zentrum des Tango. Ariel schwärmt von seiner Stadt und bittet mich, ihn zu besuchen. Dieser Gedanke begleitet mich in den Schlaf.

Freitag, 6.2.2015: Von einer Passhöhe auf 1.000 hm über Utopia nach Cahabón

Die Nacht ist laut und nass, der Wind peitscht Regen ans Zelt. Ich konnte am Abend weder duschen noch mich waschen, immer war jemand da.

Etwas ist besonders bei den Mayas: Einer sieht dich immer – auch unterwegs. Der ruft oder pfeift kurz, dann sehen dich alle. Vor allem die Kinder. Ich kriege so langsam ein Gefühl für das Besondere dieser alten Kultur. Nach Chichen Itza und Tikal und auch meinen Begegnungen hier macht sich in mir der Gedanke breit, dass sie auf eine besondere Weise weniger Individuen sind sondern eher Wissens-, Glaubens-, Wohn- und Handelnsgemeinschaft.

Das deutete auch John im Hotel Kangaroo an, der ja mit einer Guatemaltekin liiert ist. Wenn in ihrer Familie etwas passiert, passiert das gleichzeitig mit allen. Und hier, im Urwald, habe ich das Gefühl, dass das auf die komplette Gruppe, über die Familien hinaus, ausgeweitet ist.

Am Morgen gegen vier kommen die ersten Collectivos, um die Arbeiter in die Mine zu bringen. Ich schlafe auf dem zentralen Platz, der auch gleichzeitig Treffpunkt für die Arbeiter ist. Sie sehen das Zelt, leuchten es an und reden darüber. Nachdem die ersten weg sind, kommen um fünf die nächsten. Das geht bis sieben, dann kommen die Kinder wieder.

Um halb acht stehe ich auf, packe zusammen und gehe rüber zum Dorfältesten, der mich am Abend noch zum Frühstück eingeladen hatte. Ich bin die Attraktion hier, kann nicht mal unbeobachtet pinkeln. Und das bei absolutem Schietwetter. Der Wind ist so stark, dass das Dach des Platzes nutzlos ist, der Regen kommt von der Seite.

Ich esse zum Frühstück den gleichen 5-Minuten-Nudeltopf mit Tortillas wie gestern abend. Und es gibt wieder einen lauwarmen Zuckerkaffee. Ich freue mich mit den Leuten, dass sie mir überhaupt etwas anbieten können.

Und wieder sind alle hier versammelt. Ich frage, ob ich etwas Geld für die Stromleitung da lassen kann und gebe dem Sohn 50 Quetzales, das sind rund sechs Euro.

Der Abschied ist herzlich, ich gebe allen die Hand und versuche, auf Kekchí “Adios” zu sagen. Ich hab’s schon wieder vergessen, der Begriff war viel zu lang und außerdem kann ich ihn sowieso nicht aussprechen. Wir lachen nochmal, dann fahre ich.

Ich muss noch ein paar Höhenmeter hoch, dann geht’s bergab. Die Piste ist so schlecht und der Lehmboden so glitschig, dass ich auch bergab schiebe. Die Regenmontur, die ich anhabe, ist schon bei der nächsten Hochschiebepassage unangenehm warm. Also packe ich das nasse Regenzeug auf die Packtaschen und schiebe weiter. Es ist so warm, dass der Regen nichts ausmacht. Die Leute hier laufen auch einfach so ohne Schutz herum.

Endlich habe ich die ganzen Laster hinter mir gelassen, ich habe immer wieder ganz lange Ruhe, bevor dann doch ein kleiner kommt, oder ein Moped oder ein Collectivo – das sind die Kleinbusse hier, die alle Leute aufpicken und wieder rauslassen, die das wollen.

Der Preis, den ich für meine Ruhe zahle, ist hoch. Es geht dauernd hoch und runter. Hochschieben, runterschieben. Und viele Passagen sind dabei so steil, dass meine Schuhe keinen Grip aufbauen und ich nur in Trippelschritten hochkomme. Und wenn der Grip da ist, dann zähle ich zehn Doppelschritte und mache dann eine Pause von fünf Atemzügen. So komme ich zwar langsam hoch, aber ich komme hoch. Und der matschige Lehm klebt alles fest. Vor allem setzt sich zwischen Schutzblech vorn und Reifen immer wieder alles zu.

Beim Bergabfahren klappert und scheppert dann die ganze Fuhre, so dass ich fürchte, die Packtaschen würden irgendwann abfallen. Sie halten aber. Dafür löst sich eine Schraube eines Flaschenhalters, was ich zum Glück rechtzeitig bemerke. Aber ich schaue alle paarhundert Meter, ob noch alles am Rad ist und rüttel mit den Händen an allen Anbauteilen, um zu prüfen, ob noch alles fest ist. Und schau an, den Ständer muss ich auch gleich nochmal festschrauben.

Hier im Hinterland spricht kaum jemand mehr spanisch. Meine Fragen nach dem Weg werden immer wieder mit Achselzucken beantwortet. Dafür kichern die Frauen häufig, wenn sie mich sehen. Die Kinder rufen “Gringo!” hinter mir her. Ich weiß nicht immer, ob das nun ein Schimpfwort ist oder eine Neckerei. Ich antworte meistens im gleichen Tonfall mit “Chico!”.

Die kleinen Läden hier haben vor allem extrem süße Getränke und salzige Chips in allen Variationen. Vor einem allerdings entdecke ich Bananen und kaufe gleich mal drei Stück, da ich Hunger habe. Ich frage den Besitzer nach einem Comedor, einer kleinen Küche, die es hier überall gibt und die ganz gutes Essen verkaufen. Er fragt, ob ich auch mit ihm und seiner Familie essen würde, was ich bejahe. Es ist wieder wie bei meinen letzten Gastgebern gestern abend und heute morgen: In der Hütte laufen Hühner rum, ein Hund schläft auf dem Boden und die Frauen und Kinder stehen am Herd. Der ist aus Stein und qualmt den Holzruß in die Luft. Alle leben hier den Tag über mit den Tieren. Der Fußboden ist die Erde, auf der die Hütte steht. Fließendes Wasser gibt es auch hier nicht, dafür große Krüge mit Wasser. Wenn ein Topf gewaschen ist, wird das Dreckwasser einfach auf den Boden gekippt. Es versickert halt. Ich frage nach der Müllabfuhr. Die gibt es hier in den Bergen nicht. Die Dorfbewohner verabreden sich unregelmäßig, bringen all ihren Müll zusammen und verbrennen ihn einfach. Organischer Müll landet direkt ohne Kompostierung in den Flüssen oder auf den Feldern.

Ich frage mich in solchen Situationen, ob wir es uns erlauben dürfen, mit den Fingern auf die anderen zu zeigen. Natürlich ist es falsch, die Umwelt über Gebühr zu belasten, aber was haben wir denn vor tausend Jahren und spätestens seit der industriellen Revolution gemacht? Ich werde wieder erinnert: Wir schimpfen auf Guatemala. Aber wofür wird, bitteschön, Nickel verwendet? Wo landet dieses Metall am Ende? In “unseren” Autos, Waschmaschinen, in unserem Konsum. Und dann auf afrikanischen Müllhalden. Den zerstörerischen Beginn und das dreckige Ende unserer Konsumkette blenden wir aus. Also dürfen wir solange nicht urteilen, bis wir selbst anfangen aufzuhören. Aufhören mit dem Konsumwahn, mit dem schneller, höher, weiter. Aber das ist Utopia. Und Utopia hat noch nie funktioniert.

Warum eigentlich nicht, und was funktioniert denn dann – verdammt nochmal? Alles, was ich bisher über Utopia gelesen oder gehört habe, basiert auf dem perfekten Menschen. Und irgendwann merkt der Utopianer, dass es zu viele nicht perfekte Menschen gibt, die aber auch in Utopia leben. Also schmeißt der Utopianer diese raus oder versucht, sie umzuerziehen oder gleich ganz zu töten – im Sinne des großen Ganzen. Und damit zerstört der Utopianer sein Utopia. Die Weltgeschichte gibt uns unzählige Beispiele. Nicht-Utopia tötet zwar auch, aber ohne Schuldzuweisungsmöglichkeiten.

Worauf können wir Menschen denn dann noch bauen, wenn wir nicht mal auf uns selbst bauen können?

Der Versuch einer Antwort – inspiriert vom guatemaltekischen Bergland: Hmm, vorausgesetzt, die Physiker haben Recht: Dann hat es rund fünfzehn Milliarden Jahre vom Urknall bis jetzt gedauert. Davon gibt es den Menschen – sagen wir: 150 Tausend Jahre. Das ist besser zu rechnen und sind überschlagene Nullkommanulleins Promille Menschzeit in der Raumzeit. Ich glaube nicht, dass sich diese Zahl signifikant erhöhen wird, bis der Mensch der Natur und dem Rest des Universums wieder Platz macht. Fatal? Klar. Hoffnungslos? Nein. Schließlich macht Denken Spaß und es gibt ein gutes Gefühl, zumindest eine Ahnung von einem möglichen Utopia zu haben. Und das wird kommen. Ohne uns. Vielleicht ist es das Paradies? Wer wirklich die Hoffnung für sich und die Menschheit behalten will, muss die rationale Hoffnung durch eine spirituelle ersetzen.

Um drei erreiche ich nach knapp 30 Kilometern Tagesetappe ziemlich ausgelaugt Cahabón, eine alte Kolonialstadt mit einer mächtigen katholischen Kirche, mitten in den Bergen. Eigentlich will ich heute noch nach Semuc Champey, aber das schminke ich mir ab, da das Höhenprofil dorthin nicht so ganz zu meiner derzeitigen körperlichen Verfassung passt. Ich baue mein Zelt im Garten eines alten Hotels auf, wo ich endlich duschen kann.

Das Betreiberpaar ist sehr nett. Das Hotel ist ausgebucht, ich bekomme aber den Platz, ein Abendessen und ein Frühstück. Über den Preis reden wir dann… genau: Mañana!

Donnerstag, 5.2.2015: Von El Estor bis auf eine Passhöhe 1.000 Höhenmeter

Ich wache auf mit tollen Gedanken. Der Abend gestern hat mich darin bestärkt, den jungen Leuten die Zukunft anzuvertrauen, die wir alle brauchen.

Hinter El Estor geht es dann rauf in die Berge. Zuvor komme ich an der Nickel-Mine vorbei, die hier in der Region, aber auch im ganzen Land, Wohl und Wehe bedeutet. Sie ist die größte ihrer Art in ganz Zentralamerika. Die Leute reden viel von ihr. Präsident Pérez bezeichnet sie als die größte Investition Guatemalas.

Niemand kann mir sagen, wozu Nickel eigentlich gebraucht wird und die Menschen hier sind der Meinung, Pérez hätte einen Deal mit den Russen gemacht, die das Land jetzt ausbeuten.

Da ich ja mein iPad dabei habe, schaue ich schnell mal nach: Die zyprische Solvay-Group, eine russische Investment-Firma, übernahm die Mine vor zwei Jahren von einer kanadischen Firma, nachdem immer wieder Menschen verschwanden, vergewaltigt oder gleich ermordet wurden, die sich gegen die Mine und ihre furchtbaren Auswirkungen stellten. Die kanadische Firma muss sich wohl in Kanada für Ermordungen und Vergewaltigungen hier in Guatemala wegen ihrer Mine verantworten und so hat sie die Mine an die Russen verkauft. Die müssen sich nicht verantworten.

Nickel wird hauptsächlich zur Herstellung von Edelstahl benötigt. Und zwar für Edelstahl, den wir dann in unseren Waschmaschinen, Spülen, Kochgeschirr und ähnlichem wiederfinden.

Okay, also kann ich noch nicht mal großartig rum mosern, schließlich habe ich eine Geschirrspül- und eine Waschmaschine. Na gut, meine Spüle ist aus Keramik, aber die Auspuffanlage meiner alten BMW ist aus Edelstahl und sicherlich noch weitere Gegenstände in meinem Besitz. Es ist aber auch ein Drama: Mein Konsum kostet mich Geld und an ganz anderer Stelle auf dieser Erde die Menschen Lebensqualität.

Und das Schlimme daran ist ja, dass die Menschen hier in Guatemala, die unter dieser Mine leiden müssen, die im Kampf gegen Unterdrückung und Enteignung sterben, überhaupt nicht die Möglichkeit haben, sich die Dinge zu kaufen, die mit dem geförderten Erz hergestellt werden. Keine Familie hier in den Bergen besitzt eine Waschmaschine. Es gibt ja noch nicht mal überall fließendes Wasser oder Strom hier. Mir kommen in den Momenten solcher Gedanken unsere Diskussionen, die wir zuhause in Deutschland führen – zum Beispiel ob jetzt Obst abgepackt oder lose verkauft werden soll – eher klein vor. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich an den traumatisierten Kindern vorbeifahre, die auf den Armen nicht weniger traumatisierter junger Mütter an den Straßen sitzen, über die die riesigen Trucks die Erze und den Urwald wegfahren und dafür Brennstoffe, Öl und Chemikalien zur Mine hin bringen. Eine Kiosk-Besitzerin kurz vor Panzos erzählt mir, dass die Mine in den achtziger Jahren stillgelegt wurde, damals starben angeblich rund 3.000 Guatemalteken durch Militär und Geheimdienst, weil sie sich gegen die Ausbeutung ihres Landes und Zer- und Umsiedlung widersetzten. Seit der Wiederinbetriebnahme der Mine vor rund zwei Jahren sind auf den Straßen am Lago Izabal zwischen Panzos und Rio Dulce weder Hunde noch spielende Kinder mehr zu sehen. Die Lastwagenfahrer nähmen keine Rücksicht auf die Schwächeren. Das kann ich als Fahrradfahrer absolut bestätigen.

Mehr als darüber berichten und mein Umfeld zum Nachdenken anregen kann ich allerdings auch nicht. Ich wünschte, ich wäre Journalist und könnte ohne Zeit- und Finanzdruck Zusammenhänge recherchieren. Ich nehme mir das Recherchieren für zuhause vor und will jetzt hier weg. Will die Mine nicht mehr sehen und die Trucks nicht mehr hören und riechen. Ich biege jetzt ab, Richtung Cahabón.

Die Straße, die mich erwartet, ist nicht wirklich eine Straße. Eher ein Weg aus Steinen und Lehm. Und dieser Weg führt in die Berge, jetzt gerade berauf. Obwohl es die erste Straße ist, die ich fahre, auf der es wohl egal ist, ob man bergauf oder bergab schiebt. Denn Fahren funktioniert hier nicht, mit einem Reiserad auf 40er Straßenreifen.

Die Reifen nehmen den Lehm und lauter kleinere Kieselsteine wie Kleber auf und schmieren ihn von innen ans Schutzblech, so dass alle zehn Meter beide Räder blockieren, wenn sich ausreichend Kleber zwischen Reifen und Schutzblech angesammelt hat. Ich suche mir einen Stock am Wegesrand und stochere den Raum zwischen Reifen und Schutzblech wieder frei. Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich. Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich. Ich versuche es am Wegrand, ich versuche es in den Fahr-Rillen, ich versuche es in der Mitte des Weges. Es bleibt das Selbe: Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich.

Diese Art des Radreisens hat auch etwas Kontemplatives. So brauche ich nicht viel denken, muss mich aber konzentrieren, brauche nicht auf den Verkehr achten, muss aber dennoch mit ihm rechnen. Ich gehe einfach. Gehe mit meinem Fahrrad an der Hand. Ich frage mich, ob ich ein Einzelgänger bin. Ich würde jetzt, hier, niemanden bei mir haben wollen. Ich genieße es, allein zu sein. Ich bin nicht einsam. Nur allein. Kann ich das sagen, weil ich weiß, dass zuhause Menschen auf mich warten? Weil ich weiß, dass ich in eine Gemeinschaft eingebunden bin? Wie wäre es, wenn ich das nicht wäre? Wäre ich dann auch so gern allein und dennoch nicht einsam?

Ohne Beachtung können wir nicht leben. Das steht fest. Also brauchen wir immer den anderen, um uns selbst wahr zu nehmen, uns zu erkennen und uns zu versichern. Aber muss der andere – oder besser: Die andere – immer die selbe sein? Kann das nicht auch gestern Kim und heute die Kioskbesitzerin und morgen irgendein anderer Reiseradler sein?

Nein! Kann nicht! Jedenfalls für mich. Ich liebe. Ich liebe einige wenige Menschen, denen ich immer wieder ganz nah sein möchte. Für die ich Verantwortung trage – und das sogar gern. Somit trage ich auch Verantwortung für mich selbst. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne diese Verantwortung für mich selbst und für andere zu leben. Ein Einzelgänger geht einzeln durch sein Leben. Das bringt mit sich, dass er unmittelbar nur für sich selbst Verantwortung übernimmt. Selbst das könnte man in Frage stellen. Damit können ihm Meinungen anderer Menschen ihm gegenüber komplett egal sein. Weil er als Einzelgänger ja keinen anderen Menschen liebt. Beim Nachdenken kann ich für mich feststellen, dass das für mich nicht zutrifft.

Also bin ich kein Einzelgänger. quod erat demonstrandum, Erleichterung. Wie oft schon musste ich mich mit dieser absurden Einschätzung auseinandersetzen. Menschen, die mich nicht gut kennen, schätzen mich schnell als Einzelgänger ein. Können sie jetzt, ich kann das beruhigt ignorieren.

Es beginnt wieder zu regnen. Ich bin jetzt auf rund 1.000 Höhenmetern und es ist fünf Uhr nachmittags. In einem kleinen Bergdorf sehe ich eine Kirche und frage bei einem Kioskbesitzer, ob der Pfarrer hier wohnt. Der Mann versteht mich nicht. Ich versuche es mit anderen Worten, immer noch kein Gespräch. Ein junger Mann kommt dazu und übersetzt. Nein, der Pfarrer wohnt in Cahabón, rund zehn Kilometer entfernt. Ich frage, ob ich neben der Kirche übernachten könnte. Da müsste ich den Pfarrer fragen. Ich frage, ob ich irgendwo übernachten könnte. Die beiden Männer schauen mich fragend an. Ich erkläre, dass ich ein eigenes Haus und ein eigenes Bett dabei hätte und nur einen kleinen Platz bräuchte, der einigermaßen gerade sei. Der ältere Mann spricht eine der alten Maya-Sprachen, deshalb können wir uns nicht verstehen. Ich hätte nicht geglaubt, dass es hier Menschen gibt, die kein Spanisch sprechen. Nur die jungen Leute, die im Tal in die Schule gehen, würden Spanisch lernen, sagt der jüngere der beiden.

Ich kann mein Zelt auf dem zentralen Dorfplatz aufstellen, der sogar überdacht ist. Das Dach bringt allerdings nicht viel, da das Dorf auf einem Pass liegt und der zentrale Platz dem Wind komplett ausgesetzt ist. Dieser Wind bringt den Regen dazu, horizontal zu prasseln. Ich beginne als erstes, mir fette Steine am Wegesrand zu suchen, da ich das Zelt nicht mit Heringen abspannen und gegen den Wind sichern kann. Die dem Wind zugewandte Seite befestige ich mit meiner 10-Meter-Wäscheleine an den Dachpfosten des Marktplatzes. Der Rest wird mit den Findlingen abgespannt.

Ich habe mein Zelt noch nicht ganz aufgebaut, da steht auch schon das halbe Dorf unter dem Dach und schaut mir zu. Vor allem die Kinder sind sehr interessiert. Sie freuen sich ob der kurzweiligen Abwechslung und laufen und tanzen um mich, das Fahrrad und das Zelt herum. Es kommt natürlich wie es kommen musste, einer der Bengel stolpert über eine Abspannleine und fällt auf die Nase. Ich helfe ihm auf, er weint und ich gebe ihn in die Arme seiner Mutter. Die lächelt, tröstet ihren Kleinen und der ist ganz schnell wieder unten. Die Leute hier sehen solch einen Vorfall absolut locker. Ich vergleiche: Was rennen die Mütter auf den hannoverschen Spielplätzen wie die aufgeregten Hühner durcheinander und beschimpfen sich und ihre Kinder gegenseitig, wenn das eigene Kind plötzlich eine blutende Nase hat… Ich hänge ein paar Klamotten über die Abspannleinen, damit diese besser sichtbar sind.

Der Kioskbesitzer scheint hier so etwas wie der Dorfälteste zu sein – er lädt mich zu sich nach Hause zum Abendessen ein. Die Einladung nehme ich gerne an, entgehe ich doch so den ganzen Fragen der versammelten Dorfgemeinschaft, die ich leider nicht verstehe und somit auch nicht beantworten kann.

Das Haus, in das ich komme, ist ein einziges Zimmer, zirka 20 Quadratmeter groß. Die Wände sind aus Holz, Fenster gibt es nicht. Zwischen Dach und Wänden ist an allen Seiten ein zirka 20 Zentimeter breiter Spalt, durch den der Wind rein- und wieder rausgelangen kann. Das muss er auch, da der Ofen, der in der Mitte des Hauses steht, keinen Schornstein hat. Und der Ofen brennt immer, mit Holz.

Es ist dunkel hier, in diesem Raum. Das Ofenfeuer gibt etwas Licht, außerdem sind Kerzen aufgestellt.

An den Wänden stehen Betten, der Fußboden ist wirklich noch Boden. Erde, die festgetrampelt ist. Am Ofen stehen die Mutter und die Großmutter. Der Dorfälteste ist der Vater. Zwei Söhne und eine Tochter sind auch da und sitzen auf den Betten. Zwischen den Beinen der Familie scharren einige ziemlich zerrupfte Hühner und ein Hahn, der auch nicht viel besser aussieht, nach Essensresten. Der Familienhund und die Katze verstehen sich offensichtlich einigermaßen, ignorieren sich aber in gegenseitiger Abneigung. Nur das Hausschwein bleibt draußen angebunden – ist wohl nicht stubenrein.

Ich bekomme einen Becher mit süßem Kaffee, ein paar frisch gebackene Tortillas und eine Fünf-Minuten-Terrine zum Abendessen. Die Familie isst allerdings nicht mit. Sie schaut mir zu und fängt an, mir Fragen zu stellen. Der eine Junge übersetzt fleißig hin und her. Wo ich herkomme, warum ich hier sei, wieviele Kinder ich hätte, wo meine Frau sei. Das sind die Standardfragen, die hier in Mittelamerika immer als erstes gestellt werden.

Während ich esse, beantworte ich geduldig die Fragen und stelle selber welche. So erfahre ich, dass es in diesem Dorf keinen Strom und auch kein fließendes Wasser gibt. Das Nachbardorf ist zwar versorgt, aber die Leitungen und Rohre hierher würden rund 5.000 Dollar kosten und das müssten die Dorfbewohner selbst finanzieren. Die Beamten in Cahabón seien knallhart, Geld von der Regierung gibt es nicht.

Die Leute hier haben aber kein Geld, müssen zusehen, dass sie ihre Familien ernährt kriegen. Die Dorfbewohner, die Arbeit haben, arbeiten in der Mine. Jeden Morgen um fünf kommt ein kleiner Bus und holt die Leute zur Arbeit ab. Wieder zurück sind sie dann gegen sieben Uhr abends. Sechs Tage die Woche. Perspektiven? Keine. Es herrscht zwar Schulpflicht in Guatemala, aber nach der Schule gibt es keine Arbeit. Ich las ein Schild auf dem Weg hier hoch: “Wir arbeiten jeden Tag, haben aber keine Arbeit!”

Gegen acht verabschiede ich mich dann und möchte wissen, was “Adios” auf Kekchí, der Sprache dieser Region, heißt. Das ist nicht ganz so einfach, da es nicht einfach nur “Adios” heißt sondern irgendwas mit Geistern, Sternen und Nacht. Und dann kommt die Phonetik dazu. Die Laute kommen aus der Kehle, dem Zwerchfell und zischen, singen und knacken innerhalb der Worte. Ich versuche es aufrichtig mehrere Male, aber selbst ein ordinäres Wort wie “Bett” kriege ich nicht ausgesprochen.

Ich glaube, dass ich gerade zur Belustigung der Anwesenden beitrage und frage gar nicht erst nach, was ich da eigentlich gerade gesagt habe.

Mein Zelt steht noch und ist auch wieder allein. Ich putze mir noch die Zähne, krabbel schnell rein, säubere mich mit ein paar Feuchttüchern und verkrieche mich schnell in meinen Schlafsack. Es ist sogar endlich mal kühl des nachts.