Dienstag, 17.2.2015: Fahrt durch’s Feuer // Ride through the fire // Viaje por el fuego

Kurzes Blitzlicht aus Honduras, aus technischen Gründen ohne Fotos

=== Von Choluteca/Honduras nach Chinandega/Nicaragua ===

In der Nacht wache ich immer mal wieder durch irgend einen krähenden Hahn auf. Und die Angst vor weiteren Ameisenbissen macht die Nacht nicht ruhiger.

Gegen halb sieben wache ich auf, das Leben hier findet schon seit rund einer Stunde statt. Es ist einfach nur heiß. Gestern schon den ganzen Tag, in der Nacht hat es sich kaum abgekühlt. Der Ventilator läuft die ganze Zeit auf höchster Stufe. Normalerweise dusche ich immer abends, aber an diesem Morgen verlangt mein Körper eine zusätzliche kühle Erfrischung.

Um halb acht gehe ich rüber in den Comedor, um ein Frühstück “con todo”, also mit allem, zu bestellen. Nach rund 15 Minuten erhalte ich einen voll gepackten Teller mit einem Rinderschnitzel, einem Spiegelei, Bohnen, Reis, gebratenen Bananen und Tortillas. Dazu gibt es einen Riesenpott überzuckerten Kaffee. Da muss ich jetzt durch. Morgen früh esse ich Brot mit Marmelade!

Der Sohn der Inhaberin setzt sich zu mir und ist an meinem Fahrrad interessiert. Wie so viele Männer hier. Alle fragen immer bloß nach dem Preis. Dass man sein Auto verkaufen kann, um sich ein gutes Fahrrad zu kaufen, versteht hier niemand. Also sage ich immer, dass das Fahrrad ziemlich teuer ist, ich aber nicht weiß, was es momentan wert ist. Die genaue Preisangabe würde zu großem Unverständnis und zum deutlich unangenehmen Sichtbarmachen der Besitzunterschiede führen. Lügen um des lieben Friedens willen möchte ich aber auch nicht.

Ich will losfahren und merke, dass mein Leatherman fehlt, den ich in einer kleinen Ledertasche direkt am Fahrrad befestigt hatte. Das ist schlecht und beunruhigt mich, da er Teil meiner technischen Ausrüstung ist und ich die Werkzeuge häufig benötige. Außerdem hat er mich seit Alaska auf allen meinen Reisen begleitet und mir stets gute Dienste geleistet. Wahrscheinlich wurde das Teil gestern im Bus geklaut. Denn gestern Mittag habe ich damit noch eine Mango damit aufgeschnitten.

Ich fahre zu einer Ferreteria, einer Eisenwarenhandlung, die gleichzeitig auch ein Reparaturbetrieb für Motorräder ist. Erwarten tue ich allerdings nichts. Der Besitzer telefoniert gerade, ich warte ein paar Minuten und will gerade wieder wegfahren, als er das Telefon aus der Hand legt und mich fragt, was ich denn wolle. Ich frage nach einem “cuchillo por multi uso”, einem Messer für vielfältigen Gebrauch, der Verkäufer geht in sein Büro und ich bin absolut erstaunt, als er mit einem Leatherman Wave zurückkommt. Ich frage, ob er dieses Werkzeug auch verkauft, er nickt kurz mit dem Kopf, nennt mir seinen Preis und ich sage ihm, dass er für mich heute das Glück sei. Wir diskutieren noch ein wenig über Länder und Diktaturen, er ist der erste Mensch hier in Lateinamerika, der mich auf Hitler anspricht. Wir sind beide der Meinung, das es schwierig ist, als Teil der Bevölkerung eines Landes Verantwortung für das Handeln der Regierung des Landes zu übernehmen. Und dennoch kommt man als Bürger nicht darum herum.

Honduras ist das erste Land Zentralamerikas, dessen Bürger nicht stolz sind auf ihr Land, sondern es fürchten. Im Gespräch mit diesem Mann aus der Eisenwarenhandlung merke ich wieder, wie ohnmächtig sich die Bevölkerung den Militärs, der Polizei und den mächtigen Familien gegenüber fühlt. Denn das ist jedes Mal ein Thema, wenn ich länger als zwei Minuten mit jemandem aus diesem Land rede.

Auch wenn es immer wieder ganz lebenswerte Menschen gibt, denen ich begegne und mit denen ich rede: Die Gewalt, die sich von oben nach unten durchsetzt, kommt irgendwann unten bei der normalen Bevölkerung an und wird dort zur Normalität. Das merke ich hier, in Honduras, stärker als in El Salvador oder Guatemala. Nicht umsonst ist dieses Land das mit der höchsten Kriminalität und Mordrate der Welt.

Gegen Mittag erreichte ich die Grenze zu Nicaragua. An den zentralamerikanischen Landesgrenzen versammeln sich immer ganz viele Menschen, die meisten sicherlich mit ehrbaren Absichten, aber eben auch einige zwielichtige Gestalten. Daher bin ich immer sehr aufmerksam, wenn ich von Menschentrauben umringt werde, die mir entweder Cashewkerne verkaufen oder bei der “schnellen” Migration helfen wollen oder die Geld aus allen möglichen Währungen tauschen möchten. Aber auch hier funktioniert alles ohne Probleme.

Was mich heute viel stärker beschäftigt, gestern aber auch schon, ist die Hitze unterwegs. Ich habe ziemlich heftigen Gegenwind und das ist so, als wenn jemand einen riesengroßen Föhn auf höchster Luft- und Hitzestufe einschaltet. Ich habe das Gefühl, dass meine Haut brennt und dass meine Kehle mit Sand bestreut ist. Mein Wasserbedarf steigt von normalerweise 2-3 l pro Tag auf 6-8 l pro Tag.

Die Umgebung hier hat etwas von einer Mondlandschaft. Ich sehe immer wieder hohe Vulkane um mich herum. Der San Cristobal begleitet mich den ganzen Tag, ich fahre dreiviertel um ihn herum.

In Chinandega endet mein bisher längster Radtag kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Ich suche ein kleines Hotel und bin überrascht, wie teuer Nicaragua ist. Hier kostet die Nacht 25 Dollar, wo ich doch in allen anderen Ländern bisher immer mit rund zehn Dollar, häufig auch weniger, auskam.

Egal, ich bin viel zu fertig, um hier irgendwie zu diskutieren oder etwas anderes zu suchen.

7. Februar 2015: Von Herzen, Menschen und Technik

Nachdem ich einen Ruhetag im Dschungel am Rio Dulce verbracht habe, bin ich jetzt wieder unterwegs und mitten im guatemaltekischen Hochland und seinen Regenwäldern. Und es regnet viel hier! Und wenn es mal nicht regnet, ist die Luft so feucht, dass auch wieder alles nass ist. Der Begriff der Trockenheit bekommt eine ganz neue Bedeutung. Zelt, Klamotten, Schuhe, Straßen, alles ist feucht oder ganz nass.

Und doch: Meine Reiseroute ist komplett über den Haufen geworfen, weil ich so gern hier bin.

 

Es ist ja so, dass man sich schon mal verlieben kann – ich meine jetzt nicht in andere Menschen. Ich meine auch nicht Sachen wie ein Fahrrad oder einen Fotoapparat. Auch nicht Tiere, wobei die ja rein juristisch Sachen sind. Auch nicht in Hamburger, wie uns die Werbung von Mc Donalds weis machen will. Wobei: Wenn man in Tiere verliebt ist, darf man keine Hamburger lieben, jedenfalls nicht die von Mc Donalds. Aber das nur am Rande.

Ich meine Verlieben in eine komplexe Idee, eine Utopie oder in ein Land. Und wenn so etwas wirklich geht, dann bin ich in Guatemala verliebt.

Ich meine, Bayern ist nett, Italien und Kanada auch. Auch Ostfriesland hat seinen Charme. Und Holland ist Käse, wer verliebt sich schon in Käse?

Guatemala hat mich irgendwie gefunden. Oder ich es. Ich dachte immer, dass ich vielleicht mal nach Freiburg ziehe. Das hat sich jetzt erledigt. Wenn ich irgendwann mal wirklich wegziehen wollte, dann nach Guatemala.

Tja, warum dieses kleine, vom Bürgerkrieg noch vernarbte Land? Ich weiß es nicht wirklich. Es wird von den Russen ausgebeutet, die Bauern holzen die Urwälder ohne Sinn und Verstand ab, die Regierung ist korrupt, die Kriminalität hoch, die Laster sind laut, überall liegt Müll rum, tote Kühe inklusive.

Und dennoch fühlte ich mich in noch keinem Land so herzlich (sic!) willkommen wie hier.

Da ist das ständige Winken und freundliche Rufen der Menschen vom Straßenrand. Auch wenn ich als “Gringo” sicher eine Besonderheit bin. Noch nie habe ich so viele Menschen gegrüßt wie hier. Hier gilt wirklich, dass ein Lächeln die kürzeste Entfernung zwischen zwei Menschen ist.

Dann sind da die Einladungen zu den Menschen in die Hütten, um mit ihnen zu essen, während die Hühner und Hunde um unsere Beine herumlaufen. Die Leute sprechen hier in den Bergen ausschließlich ihre eigenen Maya-Dialekte, nur ein paar Brocken spanisch.

Die Menschen sind zu stolz, um Almosen anzunehmen. Die Kinder aber freuen sich, wenn sie ein Kaugummi von mir bekommen.

Die Natur ist famos, auch wenn hier gerade im großen Stile der Regenwald gerodet wird. An der Basis wissen die Menschen hier aber, dass das nicht richtig ist.

Ach, was soll ich schreiben? Wer bitte will mit dem Kopf begründen, was das Herz entscheidet?

Ich werde mich jetzt hier erstmal verabschieden, da ich all die Eindrücke zwar immer wieder aufschreibe, sie aber erst zuhause zu einem Bericht ausarbeiten will. Außerdem kann ich meine Fotos nicht mehr hochladen, weil die Technik zickt. Und Internet gibt’s in Guatemala auch nur an wenigen Flecken. Das wird in Honduras und El Salvador, meinen nächsten Zielen, wohl nicht viel anders sein.

Also sage ich erstmal “chab’ej”. Das ist ketch’e, die Sprache der Maya hier vor Ort, und heißt “¡Adios!”. Ich melde mich vielleicht mal von unterwegs, spätestens wenn ich wieder in Deutschland bin.

30./31. Januar 2015 – Erste Eindrücke aus Guatemala

In San Ignacio an der Grenze zwischen Belize und Guatemala schlafe ich ungestört, tief und lange. Ich überlege, allein wegen des ungestörten Schlafes noch eine Nacht hier zu verbringen. Aber ich will weiter, so viel bietet der Ort und seine Umgebung auch wieder nicht. Meine Sachen, die ich gestern Abend wusch, sind zwar noch etwas feucht, aber das macht mir nichts aus. Sie werden hinten aufs Gepäck gezurrt und können dann im Fahrtwind und in der Sonne trocknen.

Es ist ziemlich hügelig hier. Gleich die ersten zwei, drei Kilometer fordern meine Beine heraus. Nach weiteren zehn hügeligen Kilometern gelange ich an die Grenze zur Guatemala. Ich hörte, dass die Ausreise aus Belize auch wieder ziemlich teuer werden würde, genauso wie in Mexiko. Aber der Zollbeamte, der mich kontrolliert, ist mehr an meinem Fahrrad interessiert, als an den Formalitäten. Die Einreise in das Nachbarland verläuft ähnlich. Die ganze Prozedur dauert nur rund fünf Minuten, dann bin ich im nächsten Etappen-Land auf meiner Reise durch Zentralamerika.

Während ich in Belize immer wieder irritiert war, welche Sprache denn nun gesprochen wird, ist hier in Guatemala alles recht einfach: ¡se hablan español!

Nachdem ich an der Grenze meine letzten Belize Dollars einer Verkäuferin von Tacos geschenkt habe, steuere ich nun den nächsten Geldautomaten an, um mir Quetzales zu besorgen. Bis eben musste ich noch mit eins zu drei rechnen, jetzt wird es etwas einfacher: eins zu zehn.

Auf der Straße denke ich darüber nach, was denn das Besondere am Radreisen ist und ich nicht auch busreisen könnte.

In den Hostels und Bussen lerne ich ja auch immer wieder nette Leute kennen. Das ist dann schon anders als beim reinen Radeln.

Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, habe ich tagsüber jedoch Gespräche mit Stand-Inhabern, anderen Radlern, Menschen die mir einfach nur begegnen oder, wie heute, sogar mit Kindern, die mir von ihrem Schulunterricht erzählen. Diese Gespräche sind es, die mich nicht nur das Land sondern eben auch die Leute kennen lernen lassen. Und genau das will ich ja auch.

An den Tagen, an denen ich mit dem Bus unterwegs bin, bin ich doch Teil des Tourismus-Stroms. An meinen Rad-Tagen habe ich nicht dieses Gefühl. Die Busse sind voll mit Touristen und wenn dann mal Einheimische mitfahren, dann sitzen die Grüppchen jeweils voneinander getrennt.

Auch, wenn jeder für sich allein reist, reisen die Touris als Gruppe und lernen Länder nicht so kennen, wie diejenigen, die mit den Menschen vor Ort reden.

Ich jedenfalls habe meinen spannendsten Tage auf dem Fahrrad.

Außerdem liebe ich es, an der Straße zu essen und zu trinken. Das habe ich mit Lennart in Kuba kultiviert. Heute trinke ich einen Schokodrink aus echten Kakaobohnen, gekauft in einem Comedor. Das sind die Straßenküchen, die es hier allerorten gibt. Der Drink ist klasse. Eigentlich wollte ich eine Kola, aber sowas hat die Verkäuferin nicht. Zum Glück. Die Köchin mischt alles Mögliche mit Eis und tut das in einen Mixer. Weiß nicht, was da alles drin ist, ist auch egal. Gut schmeckt’s.

Auf dem weiteren Weg riecht es intensiv nach Amber. Ich sehe an der Straße rechts und links Felder mit Amber-Bäumen. Der Geruch streichelt die Sinneszellen meiner Nase der Art, wie ist ein Parfüm nie könnte.

Allerdings kommt mir hinter der nächsten Kurve ein ganz anderer Geruch in die Nase: eine Kuh liegt verendet am Straßenrand, mehr als ein Dutzend Geier streiten sich um die besten Plätze auf ihr. Als die Vögel mich wahrnehmen, fliegen sie ganz aufgeregt auf die umstehenden Bäume und warten, dass ich wieder wegfahre. Den Gefallen tue ich Ihnen gerne. Der Geruch ist fast unerträglich.

Um halb fünf erreiche ich Flores, eine Stadt auf einer Insel im Lago Petén. Mein heutiges Etappenziel erreiche ich nach 105 Kilometern. Ich bin ziemlich fertig ich von der Hitze und der Schwüle.

Im Hostel treffe ich Stan, den Iren, den ich schon in Tulum in der Busstation traf. Wir verabreden uns zum gemeinsamen Abendessen. Dabei beschließen wir, ebenfalls gemeinsam nach Tikal zu fahren und kaufen uns die Tickets in einer Reiseagentur.

Tikal ist faszinierend. Wir erleben gemeinsam einen angenehmen Tag in dieser alten Maya-Stadt, in der während ihrer Blüte rund 150.000 Menschen lebten.

Die Moskitos stechen, die Affen brüllen, die Schwüle drückt, die Sonne brennt – Willkommen im Regenwald. Über die Geschichte der Inka, Atzteken und Maya ist viel geschrieben und erzählt und nachzulesen. Hier wird sie lebendig, hier, wo die Maya vor über 1000 Jahren lebten.

Zurück in Flores wartet ein leckeres Abendessen in einer kleinen Bar direkt am See.

Ich entscheide mich für eine Weiterfahrt nach Rio Dulce, das heißt, dass ich Semuc Champey auslassen werde.

Aber wie immer: Mañana, mañana.

27./28./29. Januar 2015 – Karibik pur und Belize

In Tulum finde ich ein ordentliches Hostel irgendwo in einer Hinterstraße. Der Coolness-Faktor ist schon recht hoch, lauter junge Leute sitzen, hängen, liegen herum und einige von ihnen klampfen auf der Gitarre.

Morgen soll’s dann wieder mit dem Bus nach Chetumal an der Grenze zu Belize gehen. Ich bin ein wenig unzufrieden damit, dass ich Yucatan und Quintana Roo fast nur mit dem Bus befahren habe. Auf der anderen Seite gibt die Karibik-Küste Mexikos landschaftlich halt nicht so viel her.

Der ADO-Bus rollt pünktlich in den Busbahnhof ein, der Gepäckraum ist leer, ich kann mein Fahrrad wunderbar hineinbugsieren. Allerdings vergesse ich, meine Fließjacke mit in den Fahrgastraum zu nehmen. Es ist schweinekalt dort, weil die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Zweieinhalb Stunden Fahrt bedeuten zweieinhalb Stunden frieren. Im Fernseher laufen irgendwelche mexikanischen Quiz Shows, ich kann dabei ganz gut einschlafen. Draußen rauschen die Bäume an mir vorbei, mit dem Fahrrad wäre das hier eher langweilig.

In Chetumal erfahre ich, dass die Fähre nach Caye Caulker um drei Uhr nachmittags fährt. Sie fährt nur einmal täglich. Jetzt ist es halbzwei und ich beeile mich, dass ich zum Hafen komme. Obwohl das Fahrkartenbüro der Belize Water Taxi Corp. seit fünf Minuten geschlossen hat, rede ich so lange auf eine der beiden Betreuerinnen ein, bis sie mir dann doch noch eine Fahrkarte verkaufen.

Das Boot ist ein ziemlich schnelles Teil, die Passagiere sitzen in seinem Bauch wie in einem Bus. Mein Fahrrad hat einen Logenplatz direkt an Deck hinter dem Kapitän.

Auf der Fahrt zur Insel und dem angeblich chilligsten Platz Belizes komme ich mit einem österreichischen Paar und einer Neuseeländerin ins Gespräch. Wir wollen in zwei Hostels, die direkt neben einander liegen. Die drei anderen wollen in Zimmern schlafen, ich möchte zelten. Es gibt auf Caye Caulker ein Hostel namens Bella’s, was einen Zeltplatz anbietet.

Alles klappt planmäßig, wir verabreden uns dann zum gemeinsamen Abendessen irgendwo an einem Straßenstand. Die bieten hier wie auch schon in Mexiko sehr gutes Essen zu sehr fairen Preisen an. Wir gehen zu Fran’s und essen red Snapper, frisch aus dem Meer und frisch vom Grill. Wirklich lecker!

Der Vibe der Insel ist fühlbar. Viele junge Menschen versammeln sich hier und haben viel Spaß miteinander. Die einheimischen Kreolen gehen absolut locker miteinander rum. Aus jedem Restaurant, an jedem Straßenstand, aus jedem Büro klingt Reggaemusik. An der Treppe zu einem relativ guten Restaurant steht ein Schild mit der Aufschrift “no shirt? no shoes? no problem!”

Wir bekommen zum Abschluss des Essens noch Rum-Punsch serviert und haben auch schon einige Flaschen belizisches Bier ausprobiert. Auf dem Weg zu meinem Hostel versuchen die Österreicher und ich der Neuseeländerin zu erklären, wie viele Dialekte es in der deutschen Sprache gibt. Viele. Mit ein paar Promille Alkohol im Blut ist das eine lustige Konversation. Auf meinem Campingplatz legen wir uns in die Hängematten und trinken den Rest des mitgebrachten Bieres. DIe Luft riecht nach Gras. Wir reden darüber, wie unsere Erlebnisse waren, als wir welches rauchten oder in Keksform aßen. Ich glaube, wir haben alle lange nicht mehr so herzlich gelacht.

Die Nacht ist allerdings sehr unruhig auf dem Zeltplatz. Ständig kommen irgendwelche Gruppen junger Leute an oder gehen weg, ständig wird die Musik laut gestellt und wieder leise gestellt, ständig wird gelacht und gequatscht und rumgegackert. Ich glaube, ich schlafe gerade mal drei oder vier Stunden.

Am nächsten Morgen habe ich einen leichten Hangover. Das ist nicht schlimm, ich chille in einer Hängematte einfach nur ab. Das ist ein ungewohntes Gefühl, einfach mal nichts zu tun. Kein Buch, kein iPad, kein Telefon, keine Gespräche, nichts. Mein Kopf brummt, mir ist schwindlig und ich genieße es, einfach nur hier zu liegen. Dennoch geht mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, jetzt doch auch mal was tun zu müssen.

Das ist dann wohl Urlaubsstress. Ich entscheide mich ganz klar, es einfach nur sein zu lassen. Heute bleibe ich hier. Ich kann mich dem allgemeinen Virus erwehren, in der sogenannten schönsten Zeit des Jahres, der Urlaubszeit, jeden Tag irgendetwas nachweisen zu müssen, irgendwo einen Haken dran zu machen.

Schön ist das.

Am späten Nachmittag schnappe ich mir dann meine Kamera und gehe über die Insel, die sehr überschaubar ist. Irgendwann in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts rauschte wohl ein Hurrikan hier über die Insel und teilte sie in zwei Teile. Die Schneise, die der Wind hinterließ, nennt man hier den “Split”. Das ist der einzige Teil, wo man vernünftig schwimmen kann, da die Insel komplett mit Seegras umgeben ist.

Ich gehe wieder zurück ins Zelt, schnappe mir meine Schwimmbrille und schwimme in der Karibik. Es ist das gleiche Gefühl, das ich hatte, als ich mit Lennart in Kuba war. Einfach nur im Wasser schweben. Im Gegensatz zu Kuba gibt es hier ganz viele bunte Fische.

Die Nacht ist wieder ziemlich laut, irgendwelche Australier meinen, die Welt gehöre Ihnen. Die Neuseeländerin sagte auch, dass die Australier in Neuseeland nicht gut gelitten sind. Sie seien so etwas wie die Russen in Europa. Sie fallen in Scharen in die Touristen-Regionen ein, belegen alles, was frei ist und tun so als gäbe es keine anderen Gäste.

Selbst mit Wachsstöpseln in den Ohren fällt es mir schwer, einzuschlafen.

Am nächsten Morgen regnet es. Ich kann allerdings nicht mehr warten, da meine Fähre nach Belize City um acht Uhr abfährt. So packe ich das Zelt im Regen ein, den Rest hinterher und fahre zum Boots-Anleger.

Die Überfahrt nach Belize ist unspektakulär.

Die Fahrt durch diese Stadt ist schon ein spezieller Schnack. Verfahren solltest du dich hier nicht. Das Problem sind die jungen Kerle, die keine Arbeit haben. Gestern auf Caye Caulker sprach ich mit einem Ex Gang-Mitglied, der Spenden sammelt für Fußbälle, Pokale und Ähnliches, damit die Kids von der Straße kommen und was sinnvolles machen. Für so etwas spende ich gern etwas Geld, der Typ hat schon ganz spannende Geschichten erzählt.

Der Weg von Belize City nach Belmopan, das sind rund 80 Kilometer, ist extrem langweilig und sehr laut und dreckig. Ich bin froh, dass ich mir noch einen Rückspiegel ans Rad gebaut habe. So sehe ich des Öfteren Laster auf mich zukommen, die nicht ausweichen können, da auf der Gegenseite ebenfalls Laster fahren. Ich bin bestimmt zehn mal von der Straße runter gefahren und auf dem Randstreifen weitergefahren. Bremsen oder gar anhalten tut hier niemand für Fahrradfahrer.

Ab Belmopan wird es dann allerdings wirklich richtig schön. Hier fängt der tropische Regenwald an. Hier fangen auch die Hügel an. Es ist heiß und schwül, ein warmer Regenschauer kühlt mich ein wenig ab. Nach einer halben Stunde Fahrt bin ich allerdings wieder trocken, selbst der Schweiß auf der Haut verdunstet sehr schnell. An einem Straßenstand kaufe ich mir eine große Kokosnuss. Der Verkäufer schlägt sie auf und gibt sie mir zum Trinken. Das ist köstlich.

In San Ignacio finde ich ein ganz wunderbares Gästehaus, die ältere Besitzerin ist sehr freundlich zu mir. Ich habe heute ein Einzelzimmer und freue mich schon auf eine ruhige Nacht.

Ob ich morgen weiter nach Guatemala fahre, oder mir hier die berühmten Höhlen anschaue, weiß ich noch nicht. Ich werde das vom Wetter abhängig machen. Morgen soll es etwas länger regnen.

Aber eben: Mañana, mañana.

26. Januar 2015 – Sprung ins Nichts

In Valladolid schlafe ich in einem wunderbar angenehmen Hostel. Obwohl wir zu sechst in einem Zimmer wohnen, ist die Nacht ruhig und der Schlaf prima.

Um halbsieben stehe ich auf, um sieben gibt’s Frühstück. Und das ist perfekt für einen langen Fahrradtag geeignet. Ich will durchs Hinterland von Yucatan und Quintana Roo über Coba nach Tulum fahren.

Um acht sitze ich dann auf dem Fahrrad. Das Wetter ist perfekt und erstmals spüre ich dem eigentlichen Sinn meiner Reise nach. Landschaft, Leute, mein eigenes Ich. Kurz nach Valladolid geht es schon auf eine Sekundärstraße, die dann irgendwann in den Dschungel führt. Ich drehe um und merke relativ schnell, welchen Abzweig ich verpasst habe.

Die Pueblos sind klein hier, es ist Siesta-Zeit. Nur ein paar streunende Dorfhunde und die Kinder, die von der Schule kommen, sind auf den Beinen. Alle anderen sitzen am Rand oder warten in ihren Häusern, dass die Mittagssonne ihren Kraftzenit hinter sich lässt.

Von einem Campesino, der gerade vom Feld kommt, kaufe ich ein paar Mandarinen. Wir kommen ins Gespräch. Er hat zehn Jahre in San Francisco gearbeitet, dann aber seiner Sehnsucht nach seiner Familie hier in Yucatan nicht mehr widerstehen wollen. Mit dem Geld aus den USA haben er und seine Frau sich hier eine kleine Farm aufgebaut. Glück, Gesundheit und Familie sind wichtiger als Geld und USA.

Überhaupt sind die Gringos aus dem Norden hier nicht überall gern gelitten. Wir lachen beide über Menschen, die ihre Hamburger lieben können (“I’m loving it!”).

In Coba, auf halber Strecke zwischen Valladolid und Tulum, entscheide ich mich, die dortigen Cenotes zu besuchen. Zunächst staune ich über den hohen Eintrittspreis, als ich die Kavernen allerdings sehe, bin ich begeistert. Sie sind komplett unterirdisch, kein Tageslicht gelangt in die Höhlen. In der ersten kann ich noch widerstehen, die zweite allerdings bringt mich dazu, mein Radtrikot auszuziehen und mit der Radhose ins kalte Wasser zu springen. Es gibt zwei Plattformen, von denen aus man ins Wasser springen kann: die erste ist circa 5 Meter hoch und die zweite knapp 10 Meter. Die komplette Höhle ist relativ spärlich beleuchtet, so dass man auf keinen Fall auf den Grund der Cenote sehen kann. Ich klettere gleich auf die 10 Meter-Plattform und schaue nach unten, schaue ins Nichts. Ich weiß, dass ich nicht lange nachdenken darf und gehe dann den einen, entscheidenden Schritt nach vorne. Und springe ins Nichts. Rein rechnerisch bin ich nur 1 Sekunde unterwegs. In dieser 1 Sekunde allerdings passiert ganz viel in mir und mit mir. Ich merke, wie sich mein Bauch verkrampft, wie mein Magen ganz leicht wird. Die Zeit vergeht so langsam, dass ich beim Eintauchen merke, wie das Wasser an mir hoch geleitet. Nach dem Wiederauftauchen stoße ich einen Jubelschrei und auch Erleichterungsschrei aus.

Draußen gönne ich mir eine Kokosnuss. Der Junge, der sie mir verkauft, bietet mir Chili und frischen Limonensaft an, was ich auf die Kokosnussstückchen drauf tue. Meine Skepsis weicht einem interessanten Potpourri von Geschmäckern auf meiner Zunge.

Kurz nach Coba biege ich dann auf die Hauptstraße ab, die von Cancun nach Tulum führt. Die restlichen 50 km habe ich glücklicherweise Rückenwind, der mich in knapp 2 Stunden nach Tulum schiebt.

Am Ende meines ersten Radtages stehen 135 km auf dem Tacho. Ich bin zwar fertig, aber voller Eindrücke. Morgen fahre ich erst mal mit dem Bus nach Chetumal an der mexikanischen Grenze zu Belize. Was dann kommt , weiß ich noch nicht. Mañana, mañana eben.

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24./25. Januar 2015 – Ankunft in Mexiko, Chichen Itza

hola y que tal?

ich bin gerade , wie angekündigt, unterwegs von mexiko nach panama, hier jetzt ein erstes lebenszeichen von unterwegs.

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gestern nach knapp 12 stunden flug angekommen, heute 3 stunden mit dem bus gefahren, von cancun nach chichen itza. ist halt nur eine gerade, langweilige touristenbusstrecke.

die alte maya-kultur ist schon faszinierend. die jungs spielten früher auch ball. auf einem 170 x 40 meter großem spielfeld. die durften den kautschukball nur mit der hüfte spielen. keine ahnung, wie die den dann durch das loch an der wand bekommen haben, was sie sollten, um zu gewinnen. es gab wohl ziemlich viele verletzte. man weiß nicht, warum die maya ausgestorben sind. ich würde mich nicht wundern, wenn das was mit dem spiel zu tun hat…

wer reist, lernt ja nicht nur fremde länder kennen, sondern auch sein eigenes.

ein mexikaner fragte sich, warum die deutschen häufig nackt baden gehen. die mexis würden daran nicht mal denken. ich konnte nicht antworten und habe mir darüber auch noch nie gedanken gemacht. für den mexi ist aber klar, dass unsere weiße haut viel sonne braucht, wenn sie dann mal scheint bei uns. und deshalb hüpfen wir dann schon mal nackich rum, wenn es warm genug ist.

keine ahnung, ob das stimmt, hört sich aber schlüssig an.

und einem argentinier musste ich erklären, warum wir deutschen noch mit putin reden und wir überhaupt eine andere diplomatie betreiben als die gringos aus den usa.

da zieht man auch schon mal blank.

morgen fahre ich dann aber über 100 km mit dem rad von valladolid nach tulum zum baden in den cenotes. ich werde immer mal wieder ein paar spots liefern.

ich habe erstmalig visitenkarten drucken lassen und mitgenommen. die gehen weg wie warme semmeln, hätte ich nie gedacht.

gruß aus der warmen karibik,

jörg.

2. – 5. Oktober 2014: Deutsche Einheit in Holland

Eigentlich wollen wir zu dritt Abschied radeln: Leo, Nils und ich von Amsterdam nach Münster, wo der Jüngste ab Montag studieren will. Das Einheits-Wochenende ist prädestiniert für eine solche Tour: Raus aus Hannover, wo die zentralen Feiern zur Einheit dieses Jahr statt finden.

Geplant haben wir das jetzt schon ein paar Wochen im Voraus: Vater und Söhne nochmal alle zusammen eine gemeinsame Tour fahren. Dann wird Leo krank und Nils und ich radeln allein. Schade, aber nicht zu ändern.

Mit dem Zug und den Rädern im Gepäck geht’s Donnerstagmittag nach Amsterdam Centraal und dann ins Hostel im Vondelpark. Der Donnerstagabend gehört dann dem Sightseeing in der größeren der beiden holländischen Hauptstädte. Coffeeshops und De Walletjes stehen als obligatorisch auf unserer Liste, die Grachten nehmen wir nebenbei mit.

In einem kleinen holländischen Eckladen kaufen wir uns bei einem Italiener, der eine baskische Freundin hat und mit dem wir spanisch sprechen, belgisches Bier und schauen uns schlendernd den Rest der Welt an.

Was wir nicht wissen, ist, dass Biertrinken in der holländischen Öffentlichkeit verboten ist. Ein Polizist stellt Nils, der sein Bier nicht schnell genug austrinkt, vor die Wahl: Entweder hier jetzt sofort die Flasche mitsamt Inhalt in den Mülleimer werfen oder für 80 Euro den Rest austrinken. Nils fand die erste Alternative für angemessen und entsorgte die letzte Pfütze der belgischen Panschbräu (nix für ungut, liebe Belgier: Ihr könnt Fritten, wir können Bier) im Müll.

Wir entscheiden uns, den Alkoholkonsum für heute einzustellen, obwohl es hier sogar ein Hangover-Center gibt. Das hat nix mit unserer Heimatstadt zu tun sondern bietet Alkoholkonsumenten eine Tinktur an, die verspricht, sie am nächsten Tag nicht durchhängen zu lassen. Hat was von Miraculix’ Zaubertrank. Obwohl Obelix ja in den Lorbeeren des Cäsar trotz Zaubertranks auch nicht immun war gegen die Nachwirkungen des Weins. Latürnich!

Wie auch immer: Wir begutachten den Laden, der wie eine Apotheke aufgemacht ist, und lassen uns beraten. Nils ist sehr interessiert – allerdings eher an der hübschen Holländerin mit ihrem charmant holländisch akzentuierten Englisch.

Am nächsten Morgen geht dann die eigentliche Fahrradtour los. Wir entscheiden uns, am Ijmeer, Gooimeer, Eemmeer vorbei bis zum Veluwemeer zu fahren und dann weiter nach Apeldoorn, unserem heutigen Etappenziel.

Das Wetter ist absolut genial! Wir fahren an Armen und Beinen in kurz und brauchen nicht mal unsere Windwesten.

Bei Huizen sammeln sich die Wildgänse und fragen sich ob der Temperaturen wohl, ob sie noch in Holland oder schon in Italien sind.

In Apeldoorn begutachtet Nils dann in einem Coffeeshop die Auslegware, die allerdings nur hinter der Theke ausgelegt ist. Ich krieg den Dialog mit dem ziemlich bekifften Rastaman nicht mehr so richtig zusammen – am Ende ist „White Widow“ die Recommandation du Chef Cuisinier. Mit Rücksicht auf meine Vorbildfunktion breche ich für heute die weitere Berichterstattung hier mal ab.

Nach ausgiebigem Frühstück in der hiesigen Wald-Jugendherberge nehmen wir die letzten Etappen nach Bad Bentheim und Osnabrück unter die Räder. Die Landschaft und die Naturerlebnisse sind jetzt nicht mehr so spektakulär wie zwischen Amsterdam und Apeldoorn, eher kontemplativ.

Das gibt Raum und Muse für Dahingleiten, Quatschen und Zeitvergessen. Der Fotoapparat bleibt auch in der Lenkertasche. Nur eine Windmühle muss nochmal als Motiv herhalten.

Nachdem Leo ja nun nicht nach Münster gebracht werden kann, wählen wir Osnabrück als Ziel unserer Tour aus, da von dort die Zugverbindungen nach Hannover besser sind.

Nils und ich wissen nun wieder mal etwas mehr von einander – eine schöne Vater-Sohn-Tour war das. Eigentlich – und das ist mir jetzt erst so richtig bewusst – war das Radfahren selbst diesmal gar nicht so sehr im Vordergrund wie sonst. Wir hätten auch wandern oder paddeln oder einfach nur spazierengehen können. Oder drei Tage in Amsterdam bleiben können…

Ach nee, radeln war bei dem Wetter schon schön.