Sonntag, Montag, Dienstag 1.-3.2.2015: Von Flores über Poptun durch die Hölle ins Paradies nach Rio Dulce, Ruhetag mit Bootsfahrt nach Livingston

Stan und ich frühstücken draußen, die Sonne geht hinter uns auf und strahlt den vor uns liegenden See an. Wir genießen einfach nur die Sicht und die Ruhe. Hin und wieder knattert eine Lancha vorbei – so heißen die länglichen Boote hier überall.

Kurz nach dem wir bestellt haben, gesellt sich Bridget zu uns. Sie ist Neuseeländerin, lebt in London, ist stinkreich und will allein durch Zentralamerika reisen. Sie verkörpert alles, was man als allein reisende Frau in Zentralamerika vermeiden sollte. Adrett geschminkt, Bauchtasche, Minirock mit nackten Beinen, orangefarbene Nike-Schuhe, Schmuck an Armen und Fingern. Sie sei “tough”, sagt sie. Und sie könne sich wehren, sagt sie. Stan und ich schauen uns an und heben die Augenbrauen. Na denn, eine “tough”e Frau wird sich sicherlich keine Bedenken zweier alternder Männer anhören.

Bridget redet ohne Punkt und Komma, Stan lädt mich zwischenzeitlich zu sich nach London ein.

Bridget hat natürlich nicht viel Zeit und so sind Stan und ich bald wieder ungestört.

Es war ein harmonischer Tag, gestern in Tikal, wir bemerken das beide. Weil eine solche Harmonie zwischen zwei Menschen selten ist und wir das wissen.

Die Fahrt raus aus Flores ist eher langweilig. Die ersten fünfzig Kilometer sind wellig und gerade, kultiviertes Land allerorten, hin und wieder Wald, Urwald.

Es ist zu sehen, dass die Bauern ihr Land roden. Den Wald dann abholzen, wenn sie Land brauchen. Klare Regeln vermute ich hier nicht. Strafen für unerlaubtes Abholzen auch nicht. Wahrscheinlich, weil es erlaubt ist.

Das Land wird für das Vieh benötigt. Ich weiß gar nicht was die Rinder hier fressen, es sieht alles so karg und verdörrt aus. Wie die Rinder. Riesige Laster mit Rindern überholen mich immer wieder oder kommen mir entgegen. Es ist heiß und die Tiere sind sehr beengt eingesperrt. Ich möchte kein Rind in einem solchen Laster sein.

Natürlich stelle ich mir immer wieder die Frage, ob es richtig ist, Fleisch zu essen – insbesondere wenn ich sehe, wie das Land gerodet wird, wie die Tiere gehalten werden, wie sie transportiert werden. Die Tierhaltung hier ist offensichtlich nicht so konzentriert wie bei uns. Die Rinder stehen auf der Weide und können zumindest ein naturnahes Leben leben, riesige tierverachtende Stallungen habe ich hier noch nicht gesehen.

Es sind eben auch Kleinbauern hier, die die Viecher halten und damit den Unterhalt ihrer Familien sichern. Ich kann nicht klar und deutlich beurteilen, welches Verhalten von mir richtig und welches falsch ist.

Nur eins weiß ich: Das Nationalgericht in nahezu allen Ländern Zentralamerikas ist irgendwas mit Pollo, Hühnchen. Und Hühner sehe ich hier höchstens einmal in privaten Vorgärten herumlaufen. Das heißt: wenn die komplette Bevölkerung mit Hähnchenfleisch versorgt wird, ich aber in freier Natur keine Hühner und Gockel sehe, dann muss es irgendwo konzentriert Zucht- und Mastanlagen wie bei uns geben.

Das bedeutet für mich: Muchas gracias, pero no pollo. Kein Hühnchen auf meinem Teller.

Was ich aber genieße, ist das frische Obst, das es überall zu kaufen gibt. Manche Straßenstände verkaufen ausschließlich Kokosnüsse, manche ausschließlich Melonen, manche bieten alles an.

Und häufig laufen die Kinder der Verkäuferinnen um die Stände herum. Diese Kinder sind sehr aufgeweckt, interessiert und freundlich. Ich bin seit meiner Marokko-Reise etwas vorsichtiger geworden im Umgang mit Kindern in fremden Ländern. Nicht alle Kinder sind freundlich, manche sogar recht agressiv. Hier allerdings habe ich bisher noch keine agressiven Kinder erlebt.

Lustig finde ich es, wenn die Kinder mich “Gringo” nennen und die Mutter ganz erschreckt und peinlich berührt den Finger vor den Mund hält. Dieser Begriff wird in Mittel- und Südamerika gerne für die großen “Brüder” im Norden benutzt, die zwar bewundert werden, aber nicht wohl gelitten sind.

Gegen Abend suche ich mir in der Nähe von Poptun einen Zeltplatz. Leider ist das hier kaum möglich, überall stehen Zäune. Und bevor ich mir Gedanken mache, wie ich in einem unbeobachteten Moment mal über einen Zaun springe oder drunter durch krabbel, frage ich einfach im nächsten Hotel nach einer Zeltmöglichkeit im Hotelgarten. In Poptun allerdings kostet eine komplette Cabin, das sind Gartenhaus-ähnliche Zimmer, nur rund zehn Dollar. Die buche ich dann und freue mich auf ein ordentliches Pollo-freies Abendessen.

Ich kalkuliere mal kurz meine Reisekosten von heute durch: 5 Dollar für’s Frühstück, 3 für Eis und Kolas unterwegs, 4 für’s Mittagessen und Obst zwischendurch, 14 für Abendessen und Übernachtung. Also zwischen 25 und 30 Dollar, wenn ich im Hotel übernachte und mir mein Essen nicht selbst bereite. Das ist preiswert.

Am nächsten Morgen spreche ich mit dem Hotelbesitzer endlich mal über Fußball. Das Brasilienspiel ist bei ihm noch in bester Erinnerung. In meiner auch. Ich muss gestehen, dass ich nicht mal mehr den Endstand des Endspiels weiß und ob wir in der Verlängerung gewonnen haben oder in den ersten 90 Minuten. Aber dass wir sieben zu eins gegen Brasilien gewonnen haben und alle irgendwie überrascht waren und sich am Ende sogar die Brasilianer mit uns gefreut haben, daran kann ich mich noch gut erinnern. Mein Gastgeber und ich grinsen beide bis über beide Ohren in Gedanken an dieses denkwürdige Halbfinale im letzten Jahr. Wenn ich zuhause bin, muss ich mir das nochmal auf Youtube anschauen. Immer wieder gerne…

Die Fahrt nach Rio Dulce ist jetzt nicht so spannend. Aber heiß. Ich merke die Hitze jetzt das erste mal so richtig heftig und zehrend. Normalerweise komme ich locker mit drei Litern Wasser am Tag aus. Heute werden es inklusive den kalten Kolas aus den Straßenläden und Tankstellen locker zehn Liter Flüssigkeit. Und ich musste nicht pinkeln. Und meine Haut ist trocken. Krass.

Die Sonne brennt, die Laster brausen an mir vorbei, es staubt, es ist laut, die Viehtransporter stinken – das muss ein kleiner Vorgeschmack auf höllische Umstände sein.

Am Abend erreiche ich völlig fertig und ausgedörrt Rio Dulce und fahre zum Castillo San Felipe. Ich möchte gerne im Hostel Kangaroo einen Ruhetag einlegen und morgen nach Livingston fahren. Doch um ins Hostel zu kommen, muss ich den Chef dort anrufen und sagen, dass er mich abholen soll. Ich habe allerdings kein Telefon. Der Wärter des Castillos kann mir auch nicht weiterhelfen, will auch nicht für mich telefonieren. Während wir den Preis für ein vielleicht doch mögliches Telefonat aushandeln, kommen zwei Frauen aus dem Schlosspark. Der Wärter erkennt die eine der beiden als die Frau des Chefs des Kangaroo. Er verweist mich an sie, sie nimmt mich mit zum Anleger und ich fahre mit ihr und einem der Hotel-Angestellten durch die Mangroven ins Kangaroo. Was bin ich froh, dass das geklappt hat.

Das Kangaroo ist nach der Hölle auf der Straße für mich heute das Paradies im Dschungel. Man gelangt nur mit einer Lancha, einem Boot, dorthin. Es gibt keine Fenster, nur Mückennetze. Die Türen stehen ständig offen, Hängematten überall, kaltes Bier an der Theke, ein tolles mexikanisches Essen, ein Dormitory (Schlafsaal) mit guten Betten und viel Platz und lediglich einer Japanerin als Mitbewohnerin. Ich fühle mich sehr wohl und privilegiert.

Ruhetag. Ich wache auf, habe wunderbar geschlafen, nur die Mückennetze über den Betten haben Löcher. Aber mittlerweile stören mich die Piekser nicht mehr. Sie nerven nachts mal für fünf Minuten mit einem Jucken, das ich aber mittlerweile gut ignorieren kann.

Ich freue mich über ein üppiges Frühstück ohne Reis und Bohnen und sitze dann um neun im Boot, das mich mit noch ein paar anderen Leuten nach Livingston bringt. Livingston ist ein typischer Karibik-Ort, untypisch für Guatemala. Dort leben hauptsächlich Garifuna, dunkelhäutige Nachfahren afrikanischer Sklaven und europäischer Piraten. Und die Garifuna leben auch hauptsächlich nur dort.

Die Fahrt über den Rio Dulce durch den Dschungel ist spannender und schöner als die Stadt Livingston. So schlendere ich durch die Stadt, esse in einem Straßenrestaurant eine sehr leckere Fischsuppe und warte am Hafen auf die nächste Lancha zurück ins Kangaroo.

Am Abend ziehe ich dann meine Badehose an und bade vor dem Hostel im Rio Dulce. Greg, der Besitzer hat eine Liane an einem hohen Baum angebracht, an der ich schaukeln und dann ins Wasser springen kann. Herrlich.

Beim Abendessen lerne ich John aus Nebraska kennen. Er ist Maurer und versucht hier, seine Probleme zu überdenken. Seine Frau kommt aus Guatemala, hat aber ihre Familie nach Nebraska nachgeholt und John fühlt sich jetzt ausgenutzt. Auch fühlt er sich missverstanden. Er ist einfach nur Mann, sie ist auch noch Mutter eines Kindes aus einer früheren Beziehung. Und Frauen, die Kinder aus früheren Beziehungen haben, sind in erster Linie eben Mütter. Ganz natürlich. Aber für den Mann, der dann möglicherweise als Nichtvater ihrer Kinder, aber als aktueller Lebenspartner in das Leben einer existierenden und erprobten Mutter-/Kinder-Familie tritt, wird es beliebig schwierig. Patchworkprobleme. Und dann auch noch international. Wir quatschen bei drei bis fünf Bier ziemlich viel, verabreden uns für morgen zum Frühstück und dann kann ich gegen zehn Uhr abends wunderbar müde einschlafen.

Freitag und Samstag, 30./31. Januar 2015: Von San Ignacio/Belize nach Flores/Guatemala und ein Ausflug nach Tikal

In San Ignacio an der Grenze zwischen Belize und Guatemala schlafe ich ungestört, tief und lange. Ich überlege, allein wegen des ungestörten Schlafes noch eine Nacht hier zu verbringen. Aber ich will weiter, so viel bietet der Ort und seine Umgebung auch wieder nicht. Meine Sachen, die ich gestern Abend wusch, sind zwar noch etwas feucht, aber das macht mir nichts aus. Sie werden hinten aufs Gepäck gezurrt und können dann im Fahrtwind und in der Sonne trocknen.

Es ist ziemlich hügelig hier. Gleich die ersten zwei, drei Kilometer fordern meine Beine heraus. Nach weiteren zehn hügeligen Kilometern gelange ich an die Grenze zur Guatemala. Ich hörte, dass die Ausreise aus Belize auch wieder ziemlich teuer werden würde, genauso wie in Mexiko. Aber der Zollbeamte, der mich kontrolliert, ist mehr an meinem Fahrrad interessiert, als an den Formalitäten. Die Einreise in das Nachbarland verläuft ähnlich. Die ganze Prozedur dauert nur rund fünf Minuten, dann bin ich im nächsten Etappen-Land auf meiner Reise durch Zentralamerika.

Während ich in Belize immer wieder irritiert war, welche Sprache denn nun gesprochen wird, ist hier in Guatemala alles recht einfach: ¡se hablan español!

Nachdem ich an der Grenze meine letzten Belize Dollars einer Verkäuferin von Tacos geschenkt habe, steuere ich nun den nächsten Geldautomaten an, um mir Quetzales zu besorgen. Bis eben musste ich noch mit eins zu drei rechnen, jetzt wird es etwas einfacher: eins zu zehn.

Auf der Straße denke ich darüber nach, was denn das Besondere am Radreisen ist und ich nicht auch busreisen könnte.

In den Hostels und Bussen lerne ich ja auch immer wieder nette Leute kennen. Das ist dann schon anders als beim reinen Radeln.

Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, habe ich tagsüber jedoch Gespräche mit Stand-Inhabern, anderen Radlern, Menschen die mir einfach nur begegnen oder, wie heute, sogar mit Kindern, die mir von ihrem Schulunterricht erzählen. Diese Gespräche sind es, die mich nicht nur das Land sondern eben auch die Leute kennen lernen lassen. Und genau das will ich ja auch.

An den Tagen, an denen ich mit dem Bus unterwegs bin, bin ich doch Teil des Tourismus-Stroms. An meinen Rad-Tagen habe ich nicht dieses Gefühl. Die Busse sind voll mit Touristen und wenn dann mal Einheimische mitfahren, dann sitzen die Grüppchen jeweils voneinander getrennt.

Auch, wenn jeder für sich allein reist, reisen die Touris als Gruppe und lernen Länder nicht so kennen, wie diejenigen, die mit den Menschen vor Ort reden.

Ich jedenfalls habe meinen spannendsten Tage auf dem Fahrrad.

Außerdem liebe ich es, an der Straße zu essen und zu trinken. Das habe ich mit Lennart in Kuba kultiviert. Heute trinke ich einen Schokodrink aus echten Kakaobohnen, gekauft in einem Comedor. Das sind die Straßenküchen, die es hier allerorten gibt. Der Drink ist klasse. Eigentlich wollte ich eine Kola, aber sowas hat die Verkäuferin nicht. Zum Glück. Die Köchin mischt alles Mögliche mit Eis und tut das in einen Mixer. Weiß nicht, was da alles drin ist, ist auch egal. Gut schmeckt’s.

Auf dem weiteren Weg riecht es intensiv nach Amber. Ich sehe an der Straße rechts und links Felder mit Amber-Bäumen. Der Geruch streichelt die Sinneszellen meiner Nase der Art, wie ist ein Parfüm nie könnte.

Allerdings kommt mir hinter der nächsten Kurve ein ganz anderer Geruch in die Nase: eine Kuh liegt verendet am Straßenrand, mehr als ein Dutzend Geier streiten sich um die besten Plätze auf ihr. Als die Vögel mich wahrnehmen, fliegen sie ganz aufgeregt auf die umstehenden Bäume und warten, dass ich wieder wegfahre. Den Gefallen tue ich Ihnen gerne. Der Geruch ist fast unerträglich.

Um halb fünf erreiche ich Flores, eine Stadt auf einer Insel im Lago Petén. Mein heutiges Etappenziel erreiche ich nach 105 Kilometern. Ich bin ziemlich fertig ich von der Hitze und der Schwüle.

Im Hostel treffe ich Stan, den Iren, den ich schon in Tulum in der Busstation traf. Wir verabreden uns zum gemeinsamen Abendessen. Dabei beschließen wir, ebenfalls gemeinsam nach Tikal zu fahren und kaufen uns die Tickets in einer Reiseagentur.

Tikal ist faszinierend. Wir erleben gemeinsam einen angenehmen Tag in dieser alten Maya-Stadt, in der während ihrer Blüte rund 150.000 Menschen lebten.

Die Moskitos stechen, die Affen brüllen, die Schwüle drückt, die Sonne brennt – Willkommen im Regenwald. Über die Geschichte der Inka, Atzteken und Maya ist viel geschrieben und erzählt und nachzulesen. Hier wird sie lebendig, hier, wo die Maya vor über 1000 Jahren lebten.

Zurück in Flores wartet ein leckeres Abendessen in einer kleinen Bar direkt am See.

Ich entscheide mich für eine Weiterfahrt nach Rio Dulce, das heißt, dass ich Semuc Champey auslassen werde.

Aber wie immer: Mañana, mañana.

Dienstag bis Donnerstag, 27./28./29. Januar 2015: Von Tulum/Mexiko über die karibischen Caye-Inseln nach San Ignacio/Belize

In Tulum finde ich ein ordentliches Hostel irgendwo in einer Hinterstraße. Der Coolness-Faktor ist schon recht hoch, lauter junge Leute sitzen, hängen, liegen herum und einige von ihnen klampfen auf der Gitarre.

Morgen soll’s dann wieder mit dem Bus nach Chetumal an der Grenze zu Belize gehen. Ich bin ein wenig unzufrieden damit, dass ich Yucatan und Quintana Roo fast nur mit dem Bus befahren habe. Auf der anderen Seite gibt die Karibik-Küste Mexikos landschaftlich halt nicht so viel her.

Der ADO-Bus rollt pünktlich in den Busbahnhof ein, der Gepäckraum ist leer, ich kann mein Fahrrad wunderbar hineinbugsieren. Allerdings vergesse ich, meine Fließjacke mit in den Fahrgastraum zu nehmen. Es ist schweinekalt dort, weil die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Zweieinhalb Stunden Fahrt bedeuten zweieinhalb Stunden frieren. Im Fernseher laufen irgendwelche mexikanischen Quiz Shows, ich kann dabei ganz gut einschlafen. Draußen rauschen die Bäume an mir vorbei, mit dem Fahrrad wäre das hier eher langweilig.

In Chetumal erfahre ich, dass die Fähre nach Caye Caulker um drei Uhr nachmittags fährt. Sie fährt nur einmal täglich. Jetzt ist es halbzwei und ich beeile mich, dass ich zum Hafen komme. Obwohl das Fahrkartenbüro der Belize Water Taxi Corp. seit fünf Minuten geschlossen hat, rede ich so lange auf eine der beiden Betreuerinnen ein, bis sie mir dann doch noch eine Fahrkarte verkaufen.

Das Boot ist ein ziemlich schnelles Teil, die Passagiere sitzen in seinem Bauch wie in einem Bus. Mein Fahrrad hat einen Logenplatz direkt an Deck hinter dem Kapitän.

Auf der Fahrt zur Insel und dem angeblich chilligsten Platz Belizes komme ich mit einem österreichischen Paar und einer Neuseeländerin ins Gespräch. Wir wollen in zwei Hostels, die direkt neben einander liegen. Die drei anderen wollen in Zimmern schlafen, ich möchte zelten.

Es gibt auf Caye Caulker ein Hostel namens Bella’s, was einen Zeltplatz anbietet. Alles klappt planmäßig, wir verabreden uns dann zum gemeinsamen Abendessen irgendwo an einem Straßenstand. Die bieten hier wie auch schon in Mexiko sehr gutes Essen zu sehr fairen Preisen an. Wir gehen zu Fran’s und essen Red Snapper, frisch aus dem Meer und frisch vom Grill. Wirklich lecker!

Der Vibe der Insel ist fühlbar. Viele junge Menschen versammeln sich hier und haben viel Spaß miteinander. Die einheimischen Kreolen gehen absolut locker miteinander rum. Aus jedem Restaurant, an jedem Straßenstand, aus jedem Büro klingt Reggaemusik. An der Treppe zu einem relativ guten Restaurant steht ein Schild mit der Aufschrift “no shirt? no shoes? no problem!”

Wir bekommen zum Abschluss des Essens noch Rum-Punsch serviert und haben auch schon einige Flaschen belizisches Bier ausprobiert. Auf dem Weg zu meinem Hostel versuchen die Österreicher und ich der Neuseeländerin zu erklären, wie viele Dialekte es in der deutschen Sprache gibt. Viele. Mit ein paar Promille Alkohol im Blut ist das eine lustige Konversation. Auf meinem Campingplatz legen wir uns in die Hängematten und trinken den Rest des mitgebrachten Bieres. DIe Luft riecht nach Gras. Wir reden darüber, wie unsere Erlebnisse waren, als wir welches rauchten oder in Keksform aßen. Ich glaube, wir haben alle lange nicht mehr so herzlich gelacht.

Die Nacht ist allerdings sehr unruhig auf dem Zeltplatz. Ständig kommen irgendwelche Gruppen junger Leute an oder gehen weg, ständig wird die Musik laut gestellt und wieder leise gestellt, ständig wird gelacht und gequatscht und rumgegackert. Ich glaube, ich schlafe gerade mal drei oder vier Stunden.

Am nächsten Morgen habe ich einen leichten Hangover. Das ist nicht schlimm, ich chille in einer Hängematte einfach nur ab. Das ist ein ungewohntes Gefühl, einfach mal nichts zu tun. Kein Buch, kein iPad, kein Telefon, keine Gespräche, nichts. Mein Kopf brummt, mir ist schwindlig und ich genieße es, einfach nur hier zu liegen. Dennoch geht mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, jetzt doch auch mal was tun zu müssen. Das ist dann wohl Urlaubsstress. Ich entscheide mich ganz klar, es einfach nur sein zu lassen. Heute bleibe ich hier. Ich kann mich dem allgemeinen Virus erwehren, in der sogenannten schönsten Zeit des Jahres, der Urlaubszeit, jeden Tag irgendetwas nachweisen zu müssen, irgendwo einen Haken dran zu machen. Schön ist das.

Am späten Nachmittag schnappe ich mir dann meine Kamera und gehe über die Insel, die sehr überschaubar ist. Irgendwann in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts rauschte wohl ein Hurrikan hier über die Insel und teilte sie in zwei Teile. Die Schneise, die der Wind hinterließ, nennt man hier den “Split”. Das ist der einzige Teil, wo man vernünftig schwimmen kann, da die Insel komplett mit Seegras umgeben ist. Ich gehe wieder zurück ins Zelt, schnappe mir meine Schwimmbrille und schwimme in der Karibik. Es ist das gleiche Gefühl, das ich hatte, als ich mit Lennart in Kuba war. Einfach nur im Wasser schweben. Im Gegensatz zu Kuba gibt es hier ganz viele bunte Fische. Die Nacht ist wieder ziemlich laut, irgendwelche Australier meinen, die Welt gehöre Ihnen. Die Neuseeländerin sagte auch, dass die Australier in Neuseeland nicht gut gelitten sind. Sie seien so etwas wie die Russen in Europa. Sie fallen in Scharen in die Touristen-Regionen ein, belegen alles, was frei ist und tun so als gäbe es keine anderen Gäste.

Selbst mit Wachsstöpseln in den Ohren fällt es mir schwer, einzuschlafen.

Am nächsten Morgen regnet es. Ich kann allerdings nicht mehr warten, da meine Fähre nach Belize-City um acht Uhr abfährt. So packe ich das Zelt im Regen ein, den Rest hinterher und fahre zum Boots-Anleger. Die Überfahrt nach Belize-City ist unspektakulär.

Die Fahrt durch diese Stadt ist schon ein spezieller Schnack. Verfahren solltest du dich hier nicht. Das Problem sind die jungen Kerle, die keine Arbeit haben. Gestern auf Caye Caulker sprach ich mit einem Ex Gang-Mitglied, der Spenden sammelt für Fußbälle, Pokale und Ähnliches, damit die Kids von der Straße kommen und was sinnvolles machen. Für so etwas spende ich gern etwas Geld, der Typ hat schon ganz spannende Geschichten erzählt.

Der Weg von Belize-City nach Belmopan, das sind rund 80 Kilometer, ist extrem langweilig und sehr laut und dreckig. Ich bin froh, dass ich mir noch einen Rückspiegel ans Rad gebaut habe. So sehe ich des Öfteren Laster auf mich zukommen, die nicht ausweichen können, da auf der Gegenseite ebenfalls Laster fahren. Ich bin bestimmt zehn mal von der Straße runter gefahren und auf dem Randstreifen weitergefahren. Bremsen oder gar anhalten tut hier niemand für Fahrradfahrer.

Ab Belmopan wird es dann allerdings wirklich richtig schön. Hier fängt der tropische Regenwald an. Hier fangen auch die Hügel an. Es ist heiß und schwül, ein warmer Regenschauer kühlt mich ein wenig ab. Nach einer halben Stunde Fahrt bin ich allerdings wieder trocken, selbst der Schweiß auf der Haut verdunstet sehr schnell.

An einem Straßenstand kaufe ich mir eine große Kokosnuss. Der Verkäufer schlägt sie auf und gibt sie mir zum Trinken. Das ist köstlich.

In San Ignacio finde ich ein ganz wunderbares Gästehaus, die ältere Besitzerin ist sehr freundlich zu mir. Ich habe heute ein Einzelzimmer und freue mich schon auf eine ruhige Nacht. Ob ich morgen weiter nach Guatemala fahre, oder mir hier die berühmten Höhlen anschaue, weiß ich noch nicht. Ich werde das vom Wetter abhängig machen. Morgen soll es etwas länger regnen.

Aber eben: Mañana, mañana.

Montag, 26.1.2015: Von Valladolid über Coba und einem Sprung ins Nichts nach Tulum

Obwohl wir zu sechst in einem Zimmer wohnen, ist die Nacht ruhig und der Schlaf prima.

Um halbsieben stehe ich auf, um sieben gibt’s Frühstück. Und das ist perfekt für einen langen Fahrradtag geeignet. Um acht sitze ich dann auf dem Fahrrad.

Das Wetter ist perfekt und erstmals spüre ich dem eigentlichen Sinn meiner Reise nach. Landschaft, Leute, mein eigenes Ich. Kurz nach Valladolid geht es schon auf eine kleine Landstraße, die dann irgendwann in den Dschungel führt. Ich drehe um und merke relativ schnell, welchen Abzweig ich verpasst habe.

Die Pueblos sind klein hier, zur Siesta-Zeit sind nur ein paar streunende Dorfhunde und die Kinder, die von der Schule kommen, auf den Beinen. Alle anderen sitzen am Rand oder warten in ihren Häusern, dass die Mittagssonne ihren Kraftzenit hinter sich lässt.

Von einem Campesino, der gerade vom Feld kommt, kaufe ich ein paar Mandarinen. Wir kommen ins Gespräch. Er hat zehn Jahre in San Francisco gearbeitet, dann aber seiner Sehnsucht nach seiner Familie hier in Yucatan nicht mehr widerstehen wollen. Mit dem Geld aus den USA haben er und seine Frau sich hier eine kleine Farm aufgebaut. Glück, Gesundheit und Familie sind wichtiger als Geld und USA.

Überhaupt sind die Gringos aus dem Norden hier nicht überall gern gelitten. Wir lachen beide über Menschen, die ihre Hamburger lieben können (“I’m loving it!”).

In Coba, auf halber Strecke zwischen Valladolid und Tulum, entscheide ich mich, die dortigen Cenotes zu besuchen. Zunächst staune ich über den hohen Eintrittspreis. Als ich die Kavernen allerdings sehe, bin ich begeistert. Sie sind komplett unterirdisch, kein Tageslicht gelangt in sie. In der ersten bin ich allein, in der zweiten zieht eine tschechische Triathletin ein paar Trainingsbahnen. In der ersten kann ich noch widerstehen, die zweite allerdings bringt mich dazu, mein Radtrikot auszuziehen, mich zu duschen und mit der Radhose ins kalte Wasser zu springen.

Es gibt zwei Plattformen, von denen aus man ins Wasser springen kann: die erste ist circa 5 Meter hoch und die zweite knapp 10 Meter. Die komplette Höhle ist relativ spärlich beleuchtet, so dass man auf keinen Fall auf den Grund der Cenote sehen kann. Ich klettere gleich auf die 10 Meter-Plattform und schaue nach unten, schaue ins Nichts. Ich weiß, dass ich nicht lange nachdenken darf und gehe dann den einen, entscheidenden Schritt nach vorne. Und springe ins Nichts. Rein rechnerisch bin ich nur rund eineinhalb Sekunden unterwegs. In dieser Zeit allerdings passiert ganz viel in mir und mit mir. Ich merke, wie sich mein Bauch verkrampft, wie mein Magen ganz leicht wird. Die Zeit vergeht so langsam, dass ich beim Eintauchen trotz einer (wieder rechnerischen) Geschwindigkeit von rund 50 km/h merke, wie das Wasser an mir hoch gleitet. Nach dem Wiederauftauchen stoße ich einen Jubelschrei und auch Erleichterungsschrei aus.

Draußen gönne ich mir eine Kokosnuss. Der Junge, der sie mir verkauft, bietet mir Chili und frischen Limonensaft an, was ich auf die Kokosnussstückchen drauf tue. Meine Skepsis weicht einem interessanten Potpourri von Geschmäckern auf meiner Zunge.

Kurz nach Coba biege ich dann auf die Hauptstraße ab, die von Cancun nach Tulum führt. Die restlichen 50 km habe ich glücklicherweise Rückenwind, der mich in knapp 2 Stunden nach Tulum schiebt.

Am Ende meines ersten Radtages stehen 135 km auf dem Tacho. Ich bin zwar fertig, aber voller Eindrücke. Morgen fahre ich wieder mal mit dem Bus nach Chetumal an der mexikanischen Grenze zu Belize. Was dann kommt , weiß ich noch nicht. Mañana, mañana eben.

Sonntag, 25.1.2015: Von Cancun nach Chichen Itza, der Kultstätte der Maya

Ein guter Tag beginnt mit einem guten Frühstück. Und das ist hier gut. Es gibt frisches Obst, heißen Kaffee und knusprigen Toast mit Marmelade.

Die Bushaltestelle ist gleich um die Ecke, der Bus ist schon gebucht und bezahlt, ich packe mein Fahrrad stressfrei in den riesigen, leeren Kofferraum des Luxusliners mit Ziel Chichen Itza. Was ich nicht bedenke, ist, dass die Busfahrer in Mittelamerika ihre Klimaanlagen in der Regel auf Maximalleistung stellen. So sitze ich mit T-Shirt und dünner Reisehose in einem Kühlschrank und friere mir drei Stunden lang den Hintern ab. Trotzdem kann ich noch ein wenig schlafen, die Spannung der an mir vorbeirauschenden Landschaft hält sich in engen Grenzen und wirkt Ruhe fördernd. Der Busfahrer hält mit mexikanischer Folkloremusik in voller Lautstärke dagegen, ich habe zum Glück noch die Ohrstöpsel für den Flug in meiner Fototasche.

 

 

Die alte Maya-Kultur ist schon faszinierend. Neben den ganzen mathematischen und medizinischen Kenntnissen interessiert mich die Art, wie sie ihren Nationalsport, das Pelota-Spiel ausübten. Die Männer spielten den Ball auf einem 170 x 40 Meter großen Spielfeld. In Chichen Itza ist das Feld wunderbar ausgegraben und wieder hergerichtet.

Die Spieler durften den Kautschukball nur mit der Hüfte spielen. Keine Ahnung, wie die den dann durch das Loch an der Wand bekommen haben, was sie sollten, um zu gewinnen. Die Spiele sollen teilweise mehrere Tage gedauert haben und viele Verletzte gefordert haben.

Man weiß nicht genau, warum die Maya ausgestorben sind. Ich würde mich nicht wundern, wenn das was mit dem Spiel zu tun hatte.

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Nun ist das Ansehen von Sehenswürdigkeiten und das Studieren derselben nicht so richtig mein Ding. Aber in dieser Kultstätte beseelt mich der Gedanke daran, wie die Menschen hier früher gelebt haben müssen. Und welches Wissen sie gehabt haben müssen. Ich gehe schweigend mit dem Fotoapparat durch die ehemalige Stadt.

 

 

Mein nächstes Hostel ist das La Candelaria in Valladolid, wohin ich am Abend mit dem Bus und dem Rad im Gepäck fahre. Ich bin begeistert. Es ist ein verträumter, bunter und offener Ort zum Entspannen und Schlafen. Leider bin ich noch gar nicht mit dem Rad gefahren, sonst hätte ich hier gerne einen Ruhetag eingelegt. Das wird morgen anders. Da kommt dann mein erster Radtag mit der 130-Kilometer-Tour von Valladolid nach Tulum. Und dann geht’s auch erstmals an die Karibikküste zum Baden.

Samstag, 24.1.2015: Von Frankfurt in zwölf Stunden nach Cancun

Das Frühstück ist kurz und gut, die Fahrt zum Frankfurter Flughafen ohne besondere Vorkommnisse, die Verabschiedung von Schwester und Schwager herzlich mit bestem Dank und der Gang zum Schalter erstaunlich kurz.

Meinen mitgebrachten Radkarton stülpe ich über das Rad, verklebe ihn mit einer Rolle Packband, stecke die Gepäcktaschen, Zelt und Schlafsack in zwei Ikea-Tüten, die ich dann zu einem einzigen kostengünstigen Gepäckstück verzurre und gebe alles am Condor-Schalter auf. Ohne Probleme checke ich ein, quatsche noch mit einem sehr interessierten Schalter-Mitarbeiter, der bedauert, dass alle guten Plätze an den Notausgängen bereits vergeben seien, und gehe dann über Sicherheitsschleuse und Wartebereich ins Flugzeug, eine moderne Boeing 767.

Eigentlich wollte ich gleich nach der Ankunft in Mexico mit dem Bus nach Valladolid fahren, aber da mal wieder irgendwer im Flugbereich in Deutschland streikt, hatte der Flieger eine Stunde Verspätung und es ist schon dunkel jetzt.

Die Fahrt vom Flughafen zum Zentrum von Cancun führt über eine Hauptstraße, entlang der Strände und der großen Hotels. Ich fahre in kurzen Klamotten, rieche das Meer und stoße einen Freudenschrei aus. Endlich Urlaub, endlich Stimmung, sieben Wochen Radreise liegen vor mir.

Ich schlafe mit einem Argentinier und einem Franzosen, der in New York arbeitet, in einem Zimmer im Mundo Joven Hostel, das im Lonely-Planet-Reiseführer empfohlen wird. Der Franzose ist schon seit zwei Monaten auf Reisen und will noch nach Argentinien. Wir gehen auf die Dachterasse und trinken erstmal ein Bier, sprechen bestimmt noch über Fußball.

Nein, tun wir nicht, irgendwie sind die beiden nicht so sehr interessiert. Ich ja eigentlich auch nicht. Andere Themen sind wichtiger.

Das Essen im Flugzeug war grausig, ich habe Hunger und sehe von der Dachterasse aus einen Hamburger-Stand an der Straße gegenüber meines Hostels. Ich gehe runter und rüber, bestelle einen, der frisch gebraten wird – samt Zwiebeln und Brötchenhälften – und esse den leckersten Hamburger meines Lebens. Nicht weil ich Hunger habe sondern weil die Zutaten frisch sind, frisch auf einer großen Eisenplatte gebraten werden und das Hackfleisch nicht aus der Tiefkühltruhe kommt sondern am Mittag von der Verkäuferin mit Kräutern, Salz und Pfeffer gewürzt wurde und dann lediglich in der Kühlbox gelagert wurde.

Kulinarisch fängt das ja wirklich wunderbar an. Ich freue mich, was ich der Frau vom Stand auch sage. Die freut sich, dass ich mich freue.

Die anderen Mexikaner, die ich so umher stehen sehe, stopfen sich das Essen eher in den Mund als dass sie wirklich essen. Lennart mailt mir von zuhause aus, dass die Mexikaner statistisch gesehen die fettesten Menschen der Erde seien. Zwei von drei Menschen hätten Übergewicht und jeder dritte sei fettleibig. Ich zähle kurz durch und komme auf noch drastischere Werte. Das liegt aber wohl an meinem Standort vor einem Fast-Food-Stand in einer Stadt. Auf dem Land mag es anders aussehen – wir werden sehen.

Michael, zirka 40, Mexikaner, spricht mich auf englisch an. Das Übliche: Where’re you from? Why’re you here? Mein erstes Gespräch mit den Menschen von hier beginnt. Ich antworte auf spanisch, was Michael überrascht. Er antwortet dann auf deutsch, was mich überrascht. Michael arbeitet in einer internationalen Logistikfirma und spricht auch noch französisch und italienisch. Er fragt mich, was “I am proud to be a German” auf deutsch heißt. Diese Frage überrascht mich und ich erkläre, dass das keine übliche Floskel ist und dass es nur wenige Deutsche gibt, die diesen Satz ohne politische Hintergedanken über die Lippen bringen. Unsere Geschichte schwingt dabei mit und es gab nun mal Zeiten, in denen dieser Satz bei uns nicht nur Identität stiftete sondern im Gleichklang gewollte Ausgrenzung und Aussonderung.

Erst seit der Fußball-WM 2006 im eigenen Land mit Klinsi als Trainer sind wir Deutschen wieder etwas freier und können uns über unsere Erfolge freuen. Und, ja, auch stolz sein auf uns und unser Land.

Michael ist sehr interessiert und honoriert, dass Deutschland in der aktuellen Diskussion über Russland einen mäßigenden Einfluss auf die USA ausübt. Mir wird klar, dass wir Deutschen momentan einen ganz guten Ruf in der Welt genießen. Aber wir sind wohl auch ein seltsames Volk. Warum wir nackt baden würden, wollte mein Gesprächspartner wissen. Die Mexikaner und vor allem die Mexikanerinnen würden nicht mal im Traum daran denken. Da ziehe ich blank. Keine Ahnung, ob das einen speziellen Grund hat. Wenn wir Lust haben, machen wir’s einfach, sage ich. Michael meint, dass das was mit unserer weißen Haut zu tun hätte. Wenn bei uns die Sonne mal scheine, müssten wir das auch ausnutzen, um so viele Vitamine wie möglich produzieren zu können. Ich finde das schlüssig und stimme ihm zu, wenngleich ein leichter Hauch von Skepsis meine Antwort ein wenig verzögert.

Das Gespräch, das in einem Kauderwelsch aus englisch, deutsch und spanisch stattfindet, macht mir Spaß. Nach rund einer halben Stunde verabschieden wir uns und ich gehe in irgendein Fast-Food-Restaurant, kaufe mir mein Tagesbelohnungs-Eis und kehre zum Hostel zurück.

Dort setze ich mich auf eine Mauer, kurz darauf gesellt sich Melanie, geschätzte 40, aus Napa Valley, mit einer Flasche Tequila zu mir. Sie kommt gerade aus Kuba, muss über Mexiko wieder zurück in die Staaten, weil Direktflüge aus Kuba nach USA nicht erlaubt sind, hat sich verliebt in die Insel und einen jungen kubanischen Professor, der sie aber gleich wieder verlassen hat und jetzt ist sie traurig und betrunken und findet alle Männer scheiße. Wir reden – na ja, ich höre ihr höflicherweise zu – über Sport. Sie gibt an, sie würde die 10 km in 36 Minuten laufen. Trotz zweier Schachteln Zigaretten am Tag. Na ja…

Ich bin mir unschlüssig, ob ich Mitleid haben muss oder die Von-sich-selbst-überzeugte-Ami-Tussen-nach-der-sich-alle-richten-müssen-Schublade öffne, sie dort reinstecke und dann wieder schließe. Aus Höflichkeit und auch aus Interesse bleibe ich noch ein wenig sitzen und bin gespannt, ob und wie sie ihre noch halbvolle Flasche Tequila ganz leer trinkt. Das dauert knapp zehn Minuten, dennoch kippt sie nicht um und fängt auch nicht an zu lallen. Eine Gelegenheitstrinkerin scheint sie nicht zu sein.

Ich verabschiede mich höflich und gehe zu dem Franzosen und dem Argentinier auf mein Zimmer. Ein Kroate ist noch dazu gekommen, der schläft aber schon. Gute Idee, ich dann auch. Ganz schön viele Eindrücke in den ersten drei Stunden hier.

Freitag, 23.1.2015: Von Hannover mit der Bahn eigentlich nach Bensheim, dann nach Weinheim, dann wieder nach Bensheim

Es ist zehn Uhr, ich fahre mit meinem defekten Rad zum Radhändler, habe bereits einen geraden Lenker, Griffe und einen Vorbau aus meinem Fundus im Rucksack, damit der von mir erwartete Umbau nicht allzu teuer wird.

In der Tat hat Kristine vom Räderwerk keine Ersatzteile der HS66-Griffe da und muss somit die komplette Lenk-/Bremseinheit umbauen.

Kristine hat jetzt den gleichen Adrenalinschub wie ich gestern abend, ist aber relativ schnell wieder ruhig und macht sich gleich an die Umbau-Arbeit.

Um zwei erhalte ich den erlösenden Anruf, dass das Rad umgebaut und reisefertig sei. Ich fahre mit der Straßenbahn zum Räderwerk und dann mit einem ungewohnten Fahrrad-Setup nach Hause.

Um fünf stehe ich wie geplant am Bahnsteig. Mit gepacktem Rad und endlich aufkommender Urlaubsstimmung.

Die Fahrt zu meiner Schwester nach Bensheim mit dem IC ist angenehm ruhig, ich entspanne mich, höre Musik und döse vor mich hin.

Nach Frankfurt kommt dann auch irgendwann kurz vor neun Uhr abends Bensheim, wo Schwester und Schwager bereits am Bahnhof stehen und auf mich warten. Der Zug hält, ich drücke den Knopf zum Öffnen der Tür, warte darauf, dass diese sich öffnet, was sie nicht tut. Ich drücke nochmal und nochmal und nochmal und das einzige was passiert, ist, dass der Zug anfährt. Andere Fahrgäste wollten auch aussteigen und rufen aufgeregt nach dem Schaffner. Dieser kommt und kann sich den Defekt nicht erklären. Ich könnte jetzt ja zu einer anderen Tür gehen, was aber mit dem vollgepackten Rad nicht möglich ist. Die nächsten Halte sind dann Weinheim und Heidelberg, ich rufe meine Schwester an, die mich schon gesehen hat und sich wunderte, warum ich nicht ausgestiegen bin. Wir verabreden uns für den Bahnhof Weinheim und hoffen, dass sich die Türen dann öffnen, was sie auch tun.

Bei meiner Schwester zuhause quatschen wir bei rheinhessischem Wein bis nachts gegen drei, wir haben uns schließlich lange nicht gesehen. Somit schläft sich’s auch gut. Was für ein Tag.