Projekt “Panamericana mit dem Rad” – Vorwort und Vorbereitungen erste Etappe

Vorwort

Auf meinen Fahrrad-Touren erfahre ich die vielfältigsten Eindrücke. Natürliche und unnatürliche. Ich sehe, was die Natur Wunderbares zu bieten hat und ich sehe, was Menschen Erstaunliches geschaffen haben. Ich sehe auch, wie wir Menschen mit unserer Natur umgehen, sie strapazieren, sie verschmutzen, ja sogar zerstören. Manchmal achtlos, manchmal egoistisch, meistens unwissend und ignorant, wenn es um die Folgen unseres Tuns geht.

CAN-ada.

Das Schöne an der Natur – das Natürliche, das ich mit dem Fotoapparat festhalten kann, bearbeite ich später nur sanft, so dass die Eindrücke natürlich bleiben. Naturverfremdung durch Müll oder Zerstörung verfremde ich später häufig, damit das Unnatürliche auch bildlich unnatürlich dargestellt wird.

Manchmal entstehen dadurch ansprechende Fotografien, die sich Menschen sogar an die Wände hängen würden. Das hat etwas von Perversion. Gewollt.

Freedom Unlimited

November 2008

Ich weiß, dass es ein harter Kampf wird.

Soziale Verantwortung in einer Wachstumsgesellschaft heißt, einen einmal erreichten Lebensstandard mindestens halten zu müssen. Vor allem wenn es nicht der eigene ist. It’s the law!

Freiwillig weniger arbeiten und weniger verdienen? It’s not usual!

Und doch: Ich werde jetzt meinen Traum leben, mein Leben träumen. Ich werde den ganzen Scheiß der letzten Jahre hinter mir lassen. Ich werde mir einen Erinnerungs- und Gefühls-Fundus in Kopf und Herz aufbauen, einen Reichtum, dessen Dividenden ich mir jederzeit auszahlen lassen kann. So was wie den Zieldurchlauf meines ersten Ironman-Rennens in Österreich. Das war Glück pur! Wenn ich abends meine Tagesration Glück noch nicht gefunden habe, denke ich an solche Momente.

Also: Es wird gehen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Mach was Dir Spaß macht, der Rest findet sich schon. Gestalte Dein Leben und in Deinem Leben – dafür ist es doch da.

aus Wikipedia

Carretera Panamericana. Seit zwei Jahren nun lerne ich schon Spanisch. Carretera Panamericana con bicicleta. 25.000 Kilometer von Nord nach Süd. Nur in der Mitte ist ein Loch – das Darién Gap. Ein Loch mit einer hohen Biodiversität: Urwald.

„Into the Wild“ hat mich inspiriert. Der Junge hat’s richtig gemacht. Ein wenig zu konsequent vielleicht. Ich werde auch in Alaska beginnen, aber nicht da bleiben – auch wenn es eine Option ist, die ich einkalkulieren muss.

Alaska – Mythos, Inspiration und Herausforderung.

Knapp siebenhunderttausend Einwohner verteilen sich auf eine Fläche, die knapp fünfmal so groß ist wie Deutschland. Und von diesen Einwohnern wohnen mehr als die Hälfte in den zehn größten Städten. In Alaska gibt es nichts außer Öl und Landschaft. Und im Sommer Mücken. Jetzt herrschen in Fairbanks Minus zwanzig Grad – tagsüber! Im Sommer gibt es ein Zeitfenster von Mai bis September, in dem die durchschnittliche Temperatur im positiven Bereich liegt. Durchschnitt heißt Statistik. Statistik heißt „wahrscheinlich“. Es ist also ebenfalls „wahrscheinlich“, nur eben weniger, dass es im Mai/Juni auch mal ziemlich kalt sein kann in Alaska.

Egal – ich muss mich mit der Wahl meines Zeitfensters zwischen Kälte und Mücken entscheiden. Gegen Kälte kann ich mich schützen, gegen Mücken kaum. Die Viecher nagen bei mir an der Psyche. Wenn ich von Leuten höre, die ihren Urlaub in Skandinavien oder Mecklenburg oder an der Donau wegen der kleinen Blutsauger abbrechen, kann ich das nachempfinden. Aber in der Kälte Rad fahren – das mache ich doch gerne. Wieviele Winterkilometer bin ich schon im Deister gefahren, teilweise sogar durch den Schnee schiebend. So schlimm wird’s schon nicht werden…

Also: Alaska im Frühjahr.

Im Juli beginnen ja auch die Amis, in den Urlaub zu fahren und bevölkern die Highways mit ihren Recreational Vehicles, den Wohnmobilen, die hierzulande wahrscheinlich eine Omnibus-Zulassung benötigen.

Und wenn ich dann schon mal da bin, nehme ich gleich auch Kanada mit. Damit dürfte dann der erste Teil der Panam geschafft sein. Auf der Karte sind das von Anchorage nach Vancouver rund viereinhalbtausend Kilometer. Sechs Wochen Urlaub – viereinhalbtausend K’s – das ist auch für einen Langstreckentriathleten eine Hausnummer. In den einschlägigen Foren habe ich gelesen, dass diese Entfernungen mit dem Reiserad nicht in „Kilo“- sondern in „Mega“-Metern gemessen werden. Danach wären das vierkommafünf Megameter. Die einen schaffen ständig neue Bäbbelchen für Insider auf ihren Klamotten, damit sie „in“ oder „hip“ sind und es ja auch jeder merkt, die anderen schaffen neue Maßeinheiten, die außerhalb der Gilde für Achselzucken sorgen, auch um „in“ zu sein.

In solchen Momenten frage ich mich, was ich eigentlich bin. Ich mag keine Bäbbelchen auf meinen Klamotten, ich mag weiterhin „Kilometer“ sagen, auch wenn es die beiden Silben im Wort „tausend“ kostet, aber mir trotzdem ein Hilleberg-Zelt mit Bäbbelchen kaufen, weil ich diesen Leuten einfach vertraue. Vielleicht schaffe ich es ja auf dieser Reise, herauszufinden, was ich bin. Oder ob das überhaupt wichtig ist.

Allein schon dafür brauche ich mindestens sechs Wochen. Und für die viereinhalbtausend K’s auch. Und für Alaska und Kanada auch.

Von Deutschland aus kann ich entweder nach Anchorage oder nach Fairbanks fliegen. Fairbanks wird donnerstags, Anchorage dienstags angeflogen. Bei nur sechs Wochen Urlaub muss ich mit jedem Tag disponieren. Von Vancouver aus kann ich samstags zurückfliegen, sechseinhalb Wochen für Fairbanks kriege ich nicht genehmigt, fünf Wochen von Fairbanks aus sind mir zu wenig, also bleiben fünfeinhalb Wochen von Anchorage aus.

Zusammengefasst ergibt das folgende Entscheidung: Mitte Mai von Frankfurt nach Anchorage, Ende Juni von Vancouver aus wieder zurück. Urlaub beantragen vom 18.5.2009 bis zum 26.6.2009. Ich kenne jetzt schon die Zweifel und Ausreden meines Vorgesetzten, die er sich einfallen lässt, um mir ein schlechtes Gewissen zu verursachen und die Wichtigkeit seiner Abteilung zu betonen und dass die doch immer funktionieren müsse und so weiter.

Den Jungs wird es egal sein, deren Mutter ist mir egal, das Lauftraining werde ich aufteilen. Es gibt Entscheidungen in diesem Leben, die einfach nur darauf warten, getroffen zu werden. Es gibt Wege in meinem Leben, die ich BEstimmen und nicht ABstimmen muss. Und dieser Weg gehört dazu.

Von Anchorage nach Vancouver führen zwar nicht so viele Wege, aber es reicht für eine weitere weitreichende Entscheidung. Nehme ich den Denali-Nationalpark mit? Fahre ich über den Denali-Highway? Oder den kürzesten Weg über den Glenn- und Alaska-Highway? Von Anchorage nach Fairbanks sind es gut 600 km, mit Denali kommen nochmal rund 250 dazu. Bis zur kanadischen Grenze würden dann rund 1.350 km auf dem Tacho stehen. Und dann ist der kürzeste Weg nach Vancouver über den Cassiar Highway und den 99 South immer noch rund 2.900 km weit. Aber Banff und Jasper will ich auch fahren. Und dann über den Kettle Valley Railway Richtung Westen nach Vancouver. Also von der kanadischen Grenze im Norden nach Vancouver wären das rund 4.000 km. Undenkbar. Mein Rad wird voll beladen 60 Kilo wiegen und nebenbei käme ich auf gut 30.000 Höhenmeter.

OK – Jetzt mach ich mich nicht verrückt und fahre einfach mal los. In Nordamerika gibt es noch die Greyhound-Busse und Eisenbahnen fahren da auch. Außerdem fahren dort alle Leute Pick-Ups und einer wird mich schon mitnehmen, wenn es nötig ist.

Dezember 2008

aus Wikipedia

„Ich werde nächstes Jahr im Frühjahr sechs Wochen nicht da sein und es wird mein Resturlaub, meine Überstunden und ein Großteil meines Jahresurlaubs drauf gehen. Und im Herbst sind zwei Wochen mit den Jungs eingeplant.“

Erstaunen im Umfeld.

Immer wieder abstimmen, immer wieder Kompromisse schließen – das heißt: Pläne weichspülen. Das was den Kick bringt, aussondern, an die Gemeinschaft anpassen. Das ist nicht das was ich suche.

Ich weiß was ich kann, was ich mir zutrauen kann und was ich bereit bin, aufzugeben.

Was heißt schon aufgeben?

Sechs Wochen zelten – was gebe ich auf? Sechs Wochen Leben in der Natur – was gebe ich auf? Sechs Wochen Radfahren – was gebe ich auf? Sechs Wochen Fotografieren – was gebe ich auf?

Ich ahne, was da als Konsequenz auf mich zukommt…

Irgendwann aber muss ich doch mal anfangen – dafür habe ich mir dieses Monstrum von Fahrrad gekauft, dafür lerne ich Spanisch: Die Panamericana – Traum vieler Fahrrad- und Motorrad-Fahrer. Ich will im Norden anfangen, mich langsam an die fremden Kulturen gewöhnen. Und ich will mit dem Fahrrad fahren. Reisen mit dem Fahrrad ist für mich die entspannteste Art, Natur, Wetter, Menschen, Tiere und Landschaften zu erleben.

4 Gedanken zu „Projekt “Panamericana mit dem Rad” – Vorwort und Vorbereitungen erste Etappe

  1. patkermanPaddy

    Zitat: „Sechs Wochen zelten – was gebe ich auf? Sechs Wochen Leben in der Natur – was gebe ich auf? Sechs Wochen Radfahren – was gebe ich auf? Sechs Wochen Fotografieren – was gebe ich auf?“
    Da hast Du sowas von Recht!!
    Großartige Einstellung.

    Paddy

    Antwort
  2. Janosch

    Hallo,

    ganz großer bericht. lese ab und zu reiseberichte aus dem forum seit ich mir dort tips für norwegen gesucht hab.
    dein bericht ist wirklich fabelhaft, lustig und in meinen träumen werde ich so etwas auch einmal unternehmen. super unterhaltend geschrieben ich musste oft lachen und erinner mich an viele ähnlichen treffen mit angelnden norwegern und pick-ups 😉
    hab ich irgendwas verpasst oder alles richtig verstanden dass der juni noch gar nicht „erschienen“ ist. hoffentlich geht der bericht bald weiter 🙂
    viele grüße janosch

    Antwort
    1. ghondi Autor

      Hallo Janosch,

      ja – der Juni ist noch in der Entstehung. Momentan liegt bei mir viel Sportliches und Berufliches an. Aber auch das geht vorbei und dann geht’s weiter.

      Vielen Dank für Deinen Kommentar – les‘ ich natürlich gerne, sowas 😉

      Gruß

      Jörg.

      Antwort
  3. Thomas F. Wolski

    Hi, grüße aus zur Zeit Berlin,

    sind die meisten Reiseberichte im Netz eher langweilig geschrieben – Diener hebt sich angenehm aus der grauen Masse hervor. Gut das Du ein Egoist bist, Deine Träume vor die Wünsche der Allgemeinheit eingeordnet hast. Denn immer bedenken: Wenn wir einst an die Himmelspforte klopfen werden wir nicht gefragt ob wir ein „Guter Mensch“ (gut für wen?) waren sondern was wir mit der uns gegebenen Zeit angefangen haben. Da oben ist es langweilig und Leute die was zu erzählen haben sind besonders gern gesehen!

    Mein Trip durch Kanada bzw. von Toronto nach Las Vegas war ein Traum. Letztlich, wieder zurück in Toronto ergab sich sogar etwas mit Herz und Niples (nein, keine Fittings!) und mein kleiner Hund und ich blieben fast vier Jahre. Eben offen für vieles und nur wenig geplant.

    Lass Dir daher ungeachtet der allgemen herrschenden Durchschnittsmeinung weiter und noch viel öfter den Wind um die Nase wehen…

    Gute Fahrt

    Gruss Thomas

    PS RM – eine Deutsche Peinlichkeit! Ich habe mein Rad / Räder nach jeder Tour wieder verkauft und starte im Juni in Richtung Asien auf einem serienmäßigen Bergamont Vitess LTF für nur € 850 (!) – kann auch nur kaputt gehen…

    Antwort

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