19. Mai 2009

Es beginnt im November 2008

Ich weiß, dass es ein harter Kampf wird.

Soziale Verantwortung in einer Wachstumsgesellschaft heißt, einen einmal erreichten Lebensstandard mindestens halten zu müssen. Vor allem wenn es nicht der eigene ist. It’s the law!

Freiwillig weniger arbeiten und weniger verdienen? It’s not usual!

Und doch: Ich werde jetzt meinen Traum leben, mein Leben träumen. Ich werde den ganzen Scheiß der letzten Jahre hinter mir lassen. Ich werde mir einen Erinnerungs- und Gefühls-Fundus in Kopf und Herz aufbauen, einen Reichtum, dessen Dividenden ich mir jederzeit auszahlen lassen kann. So was wie den Zieldurchlauf meines ersten Ironman-Rennens in Österreich. Das war Glück pur! Wenn ich abends meine Tagesration Glück noch nicht gefunden habe, denke ich an solche Momente.

Also: Es wird gehen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Mach was Dir Spaß macht, der Rest findet sich schon. Gestalte Dein Leben und in Deinem Leben – dafür ist es doch da.

aus Wikipedia

Carretera Panamericana. Seit zwei Jahren nun lerne ich schon Spanisch. Carretera Panamericana con bicicleta. 25.000 Kilometer von Nord nach Süd. Nur in der Mitte ist ein Loch – das Darién Gap. Ein Loch mit einer hohen Biodiversität: Urwald.

„Into the Wild“ hat mich inspiriert. Der Junge hat’s richtig gemacht. Ein wenig zu konsequent vielleicht. Ich werde auch in Alaska beginnen, aber nicht da bleiben – auch wenn es eine Option ist, die ich einkalkulieren muss.

Alaska – Mythos, Inspiration und Herausforderung.

Knapp siebenhunderttausend Einwohner verteilen sich auf eine Fläche, die knapp fünfmal so groß ist wie Deutschland. Und von diesen Einwohnern wohnen mehr als die Hälfte in den zehn größten Städten. In Alaska gibt es nichts außer Öl und Landschaft. Und im Sommer Mücken. Jetzt herrschen in Fairbanks Minus zwanzig Grad – tagsüber! Im Sommer gibt es ein Zeitfenster von Mai bis September, in dem die durchschnittliche Temperatur im positiven Bereich liegt. Durchschnitt heißt Statistik. Statistik heißt „wahrscheinlich“. Es ist also ebenfalls „wahrscheinlich“, nur eben weniger, dass es im Mai/Juni auch mal ziemlich kalt sein kann in Alaska.

Egal – ich muss mich mit der Wahl meines Zeitfensters zwischen Kälte und Mücken entscheiden. Gegen Kälte kann ich mich schützen, gegen Mücken kaum. Die Viecher nagen bei mir an der Psyche. Wenn ich von Leuten höre, die ihren Urlaub in Skandinavien oder Mecklenburg oder an der Donau wegen der kleinen Blutsauger abbrechen, kann ich das nachempfinden. Aber in der Kälte Rad fahren – das mache ich doch gerne. Wieviele Winterkilometer bin ich schon im Deister gefahren, teilweise sogar durch den Schnee schiebend. So schlimm wird’s schon nicht werden…

Also: Alaska im Frühjahr.

Im Juli beginnen ja auch die Amis, in den Urlaub zu fahren und bevölkern die Highways mit ihren Recreational Vehicles, den Wohnmobilen, die hierzulande wahrscheinlich eine Omnibus-Zulassung benötigen.

Und wenn ich dann schon mal da bin, nehme ich gleich auch Kanada mit. Damit dürfte dann der erste Teil der Panam geschafft sein. Auf der Karte sind das von Anchorage nach Vancouver rund viereinhalbtausend Kilometer. Sechs Wochen Urlaub – viereinhalbtausend K’s – das ist auch für einen Langstreckentriathleten eine Hausnummer. In den einschlägigen Foren habe ich gelesen, dass diese Entfernungen mit dem Reiserad nicht in „Kilo“- sondern in „Mega“-Metern gemessen werden. Danach wären das vierkommafünf Megameter. Die einen schaffen ständig neue Bäbbelchen für Insider auf ihren Klamotten, damit sie „in“ oder „hip“ sind und es ja auch jeder merkt, die anderen schaffen neue Maßeinheiten, die außerhalb der Gilde für Achselzucken sorgen, auch um „in“ zu sein.

In solchen Momenten frage ich mich, was ich eigentlich bin. Ich mag keine Bäbbelchen auf meinen Klamotten, ich mag weiterhin „Kilometer“ sagen, auch wenn es die beiden Silben im Wort „tausend“ kostet, aber mir trotzdem ein Hilleberg-Zelt mit Bäbbelchen kaufen, weil ich diesen Leuten einfach vertraue. Vielleicht schaffe ich es ja auf dieser Reise, herauszufinden, was ich bin. Oder ob das überhaupt wichtig ist.

Allein schon dafür brauche ich mindestens sechs Wochen. Und für die viereinhalbtausend K’s auch. Und für Alaska und Kanada auch.

Von Deutschland aus kann ich entweder nach Anchorage oder nach Fairbanks fliegen. Fairbanks wird donnerstags, Anchorage dienstags angeflogen. Bei nur sechs Wochen Urlaub muss ich mit jedem Tag disponieren. Von Vancouver aus kann ich samstags zurückfliegen, sechseinhalb Wochen für Fairbanks kriege ich nicht genehmigt, fünf Wochen von Fairbanks aus sind mir zu wenig, also bleiben fünfeinhalb Wochen von Anchorage aus.

Zusammengefasst ergibt das folgende Entscheidung: Mitte Mai von Frankfurt nach Anchorage, Ende Juni von Vancouver aus wieder zurück. Urlaub beantragen vom 18.5.2009 bis zum 26.6.2009. Ich kenne jetzt schon die Zweifel und Ausreden meines Vorgesetzten, die er sich einfallen lässt, um mir ein schlechtes Gewissen zu verursachen und die Wichtigkeit seiner Abteilung zu betonen und dass die doch immer funktionieren müsse und so weiter.

Den Jungs wird es egal sein, deren Mutter ist mir egal, das Lauftraining werde ich aufteilen. Es gibt Entscheidungen in diesem Leben, die einfach nur darauf warten, getroffen zu werden. Es gibt Wege in meinem Leben, die ich BEstimmen und nicht ABstimmen muss. Und dieser Weg gehört dazu.

Von Anchorage nach Vancouver führen zwar nicht so viele Wege, aber es reicht für eine weitere weitreichende Entscheidung. Nehme ich den Denali-Nationalpark mit? Fahre ich über den Denali-Highway? Oder den kürzesten Weg über den Glenn- und Alaska-Highway? Von Anchorage nach Fairbanks sind es gut 600 km, mit Denali kommen nochmal rund 250 dazu. Bis zur kanadischen Grenze würden dann rund 1.350 km auf dem Tacho stehen. Und dann ist der kürzeste Weg nach Vancouver über den Cassiar Highway und den 99 South immer noch rund 2.900 km weit. Aber Banff und Jasper will ich auch fahren. Und dann über den Kettle Valley Railway Richtung Westen nach Vancouver. Also von der kanadischen Grenze im Norden nach Vancouver wären das rund 4.000 km. Undenkbar. Mein Rad wird voll beladen 60 Kilo wiegen und nebenbei käme ich auf gut 30.000 Höhenmeter.

OK – Jetzt mach ich mich nicht verrückt und fahre einfach mal los. In Nordamerika gibt es noch die Greyhound-Busse und Eisenbahnen fahren da auch. Außerdem fahren dort alle Leute Pick-Ups und einer wird mich schon mitnehmen, wenn es nötig ist.

Dezember 2008

aus Wikipedia

„Ich werde nächstes Jahr im Frühjahr sechs Wochen nicht da sein und es wird mein Resturlaub, meine Überstunden und ein Großteil meines Jahresurlaubs drauf gehen. Und im Herbst sind zwei Wochen mit den Jungs eingeplant.“

Erstaunen im Umfeld.

Immer wieder abstimmen, immer wieder Kompromisse schließen – das heißt: Pläne weichspülen. Das was den Kick bringt, aussondern, an die Gemeinschaft anpassen. Das ist nicht das was ich suche.

Ich weiß was ich kann, was ich mir zutrauen kann und was ich bereit bin, aufzugeben.

Was heißt schon aufgeben?

Sechs Wochen zelten – was gebe ich auf? Sechs Wochen Leben in der Natur – was gebe ich auf? Sechs Wochen Radfahren – was gebe ich auf? Sechs Wochen Fotografieren – was gebe ich auf?

Ich ahne, was da als Konsequenz auf mich zukommt…

Irgendwann aber muss ich doch mal anfangen – dafür habe ich mir dieses Monstrum von Fahrrad gekauft, dafür lerne ich Spanisch: Die Panamericana – Traum vieler Fahrrad- und Motorrad-Fahrer. Ich will im Norden anfangen, mich langsam an die fremden Kulturen gewöhnen. Und ich will mit dem Fahrrad fahren. Reisen mit dem Fahrrad ist für mich die entspannteste Art, Natur, Wetter, Menschen, Tiere und Landschaften zu erleben.

19. Mai 2009: Endlich…

Frankfurt - am Main

Frankfurt - Eiserner Steg

Nachdem ich gestern abend in Frankfurt nochmal am Main langspazierte und heute morgen dann vom Rhein-Main-Flughafen abflog, bin ich schon mal gut in Anchorage gelandet. Fahrrad, Gepäck, Zelt, etc. – alles heile. Mein Mobiltelefon funktioniert nicht – trotz Triband. Egal – es dauert ja sowieso mindestens einen halben Tag, bis jemand bei mir wäre. Und außerdem habe ich noch einen weiteren unnützen Gegenstand, mit dem ich im Notfall nach den Bären werfen könnte.

Das was ich an Weite in der Landschaft aus dem Flieger raus gesehen habe, ist einfach gewaltig. Wir hatten Super-Wetter, konnten Gletscher sehen, im Meer und zwischen den Bergen. Das ist dann schon ein anderes Kaliber als in den Alpen. Schneebedeckte Tundra und Berge – soweit das Auge reicht.

Da wir über Whithorse in Kanada flogen, habe ich auch schon mal den Alaska-Highway von oben inspizieren können. Irgendwie ist da rechts und links noch ziemlich viel Schnee und ich weiß nicht, ob das in den nächsten Tagen wegtaut… Jedenfalls ist das hier nix mit 20 Grad und so. Aber trotz der Kälte kann ich es gut aushalten. Der Weg vom Flughafen zum Hostel, in dem ich heute noch übernachten werde, war angenehm – nur der Wind ist noch etwas kühl.

Der Hinflug war auch deshalb etwas ganz besonderes, da wir den Denali sehen konnten. Der zeigt sich nämlich normalerweise nur ganz selten. Das ist schon ein gewaltiger Brocken – und er steht fast allein in einer eher flachen Landschaft. Im Flieger saßen einige Leute, die ihn besteigen wollen. Das hebe ich mir aber noch etwas auf…

Die Leute hier in Anchorage sagen, dass ich am Wonderlake im Denali-Nationalpark auch jetzt schon ein richtig gutes Moskitonetz bräuchte – meins sei fast schon zu weitmaschig. Jedenfalls sei das „die Hölle“. Hmm – nun überlege ich mir natürlich, ob ich meine geplante Route nicht noch ändere. Zumal der Park erst am 6. Juni öffnet und da oben noch mehr Schnee liegt.

Na ja – mal sehen, ich entscheide mich morgen, wenn ich da oben bin. Auf jeden Fall fahre ich den Denali-Hwy – der soll zum Schönsten gehören, was Alaska zu bieten hat.

Flug über Alaska - wo sind da die Radwege?

Irgendwie halten die mich für einen „Crazy German“, bei der Ankunft auf dem Flughafen haben sogar die sonst so grimmig schauenden Zollbeamten gelächelt. Einer von denen hat sogar meine Reifen mit einer Desinfektionslösung gereinigt, da der Dreck aus Europa runter sollte – wegen irgendwelcher Infektionsgefahren. Bei uns in Europa sind die Straßen und Wege offensichtlich mit SARS-, Vogel- und Schweinegrippe-Erregern nur so geteert. Ich wundere mich immer wieder, wie ein Land, das das freieste der Erde sein will, einen solchen Verfolgungswahn entwickeln konnte und ihn offensichtlich hegt und pflegt. Trotzdem sind die Menschen hier sehr nett und aufgeschlossen.

Nun denn – morgen geht’s mit dem Rad los und dann melde ich mich erst in der nächsten Stadt wieder – keine Ahnung, welche das sein wird und wann ich da ankomme. Zumal „Stadt“ hier in Alaska auch jede Fünfhundert-Seelen-Gemeinde sein kann.

Also: Jetzt soll’s das erstmal sein. Ich gehe jetzt zum Wal-Mart und kaufe mir Trockenfutter, frisches Obst, Müsli und Schokolade für drei bis vier Tage. Die Leute hier im Hostel sagten, dass ich bis Whitehorse nicht mehr so eine große Auswahl haben werde – und das sind noch über 1.000 Kilometer.

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