21. Mai 2009

Erste Nacht in Moose-Country

Wild gezeltet – kalte Nacht – brr… Gut geschlafen, um 8 kommt die Sonne raus, wärmt. Überall Elch-Kacke – habe gestern abend zwei gesehen.

Vor den Riesenviechern habe ich den meisten Respekt. Bären sind neugierig, klopfen an, machen sich bemerkbar, stellen sich zum Kampf. Elche? Elche nicht. Die laufen einfach drauf los. Und wenn ein Zelt im Weg steht, wo einer drin liegt, ist denen das auch egal.

Vmax 70,5!

55 km / 4:30 h / Vmax 70,5 km/h! Fährt sich wie ein Motocross-Motorrad, der vollgefederte Trecker, wenn er beladen ist. Absolut ruhig. Bin begeistert. Bergauf dann aber nicht. Gefühlt habe ich schon die ersten 25.000 von insgesamt 30.000 Höhenmetern hinter mir.

Der erste Tag, an dem ich die Weite dieses wunderschönen Landes einatmen kann.

„There’s no spot in Alaska that isn’t beautiful!“ sagt ein alter Mann, der einen Handel mit alten Autos betreibt.

Der Typ ist echt schräg. Aber das sind hier alle. Wer hier lebt, muss das wohl sein. Und da ich mit einem vollbepackten Fahrrad im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterwegs bin, wo es doch Pickups oder Motorhomes oder Trucks gibt, halten mich die Schrägen für mindestens genauso schräg. Das sorgt für schnelles Warmwerden miteinander.

„Where’u from?“

„Germany“

„My Grandparents’re from Germany too. From Schduddgoord. Moved to Alaska in ninetyeight.“

„Oh – YOUR Grandparents are still ALIVE?“

„In EIGHTEENninetyeight you Joker!“

„Oh!“

Ich kann feststellen, dass das amerikanische Gesundheitssystem Gebissrenovierungen in den Regionen des Polarkreises nicht mit einschließt. Das hustende Lachen lässt auf einen ordentlichen Konsum von Lucky Strikes in diesem Leben schließen.

„Now I’ve got to work again!“ Gibt mir seine Visitenkarte und verschwindet in der „Werkstatt“.

Schräg eben.

"I'm not posing!"

Auf seinem Hof stehen alte Chevys und Cadillacs aus den Fünfzigern und Sechzigern. Die aus den amerikanischen Gangsterfilmen mit James Cagney. Rostlauben, denen sogar ich als Nicht-Autofahrer mal wieder etwas abgewinnen kann. Ein alter Cadillac-Krankenwagen mit diesen Sirenen auf dem Dach ist zum Werkstattwagen umgebaut worden. Geil. Wie der Jaguar E in „Harold und Maude“, der zum Leichenwagen umgebaut ist. Es gibt Autos, die würde ich sogar kaufen.

Gangster-Caddy

Ein Chevy aus den 50ern - der Bruder von "Christine"

Ich kann die Sirenen förmlich hören...

Die Sonne scheint den ganzen Tag, sie wärmt auf dem Glenn-Highway, der ja doch auf einem Hochplateau entlangführt. Mittags fahre ich an eine Baustelle. An den wartenden Autos vorbei bis nach vorn. Ein Mädel steht mit ’ner Fahne in der Hand und teilt mir mit, dass der „Headcar“ unterwegs sei. Ich schaue offensichtlich so stutzig, dass sie mir gleich erklärt, dass ich die Baustelle nicht mit meinem Rad befahren dürfe und dass ich gleich abgeholt werden würde.

„Sorry???“

Da in Alaska Zeit und Raum unendlich vorhanden ist, erklärt sie mir, wie Baustellen dort funktionieren.

Diese Baustelle sei rund acht Kilometer lang. Der Winter habe den Straßenbelag aufplatzen lassen und das müsse jetzt repariert werden. OK. Verstanden.

Aus versicherungstechnischen Gründen müssen alle Verkehrsteilnehmer durch die Baustelle GEFÜHRT werden. Es fährt also ein Auto mit einem Fahrer – hier allerdings eine Fahrerin – den ganzen Tag in der Baustelle hin und her und bringt die Autoschlangen von einem Ende zum anderen. Und ich hätte Glück, dass dieses Auto ein Pickup sei und mein Fahrrad aufladen könne.

Da ist sie – diese amerikanische Besonderheit mit den Versicherungen. Man darf Katzen nicht zum Trocknen in die Mikrowelle stecken. Das muss in der Bedienungsanleitung stehen, sonst zahlt die Versicherung nicht, wenn’s jemand macht und hunderttausend Dollar Schadenersatz verlangt.

Egal. Einer in der Baustellenwarteschlange kommt nach vorn zu mir und fragt wer mich den sponsern würde. Ich sage, dass das meine Idee wäre, ich Werbung nicht mögen würde und insofern das einfach nur für mich täte. Unabhängig und frei – Werte, die den Amerikanern doch eigentlich sympathisch sein müssten. Wenn ich gesponsert wäre, müsste ich mich nach den Geldgebern richten und wäre nicht mehr frei, sage ich. Pause. „Just for yourself? Unbelievable!“

Nach einer knappen halben Stunde kommt der Baustellen-Pickup und eine Frau steigt aus. Ihre Kollegin hat sie schon per Funk über den „Stranger“ mit dem Fahrrad informiert. Eine Frau. Hmm, na ja, sagen wir mal so: Sie behauptet von sich selbst, dass sie „tough“ sei. Und selten habe ich einen größeren Einklang von Wort und Bild erlebt.

Die Ladefläche des Pickup ist ungefähr einsfünfzig hoch. Die Kante der Heckklappe liegt ungefähr bei einsachtzig. Die Heckklappe lässt sich nicht öffnen. „Don’t work!“. Ich beginne also schon mal, die vorderen Packtaschen abzuhängen.

„No, no – I’m tough!“ lacht sie mir entgegen. Ich richte mich auf und sehe sie fragend an. „Let’s lift it!“ fordert sie mich auf. „That’s sixty Kilos!“ versuche ich einzuwenden. Aber da die Amis nur in Pound rechnen, ignoriert sie mich und lässt mich auf die Ladefläche klettern.

Es ist ja nicht so, dass man's nicht gesagt kriegt...

Was soll ich sagen – es folgt ein Bewegungsablauf, der mich an diese chinesischen Gewichtheberinnen bei Olympia 2008 erinnert. Und auch die Laute sind ähnlich. Jedenfalls stemmt sie das Interconti mit hinteren Gepäcktaschen, Zelt, Schlafsack, Isomatte, Schloss, Werkzeug, etc. über die nicht arbeitende Heckklappe auf die Ladefläche des Autos. Ich nehme mein Gefährt entgegen und denke an meinen Bandscheibenvorfall und meine Lendenwirbel. „That’s what I said. I’m tough!“ Ihre Kollegin mit der Fahne lacht laut, ich klettere von der Ladefläche auf den Beifahrersitz und lasse mich von Mary durch die Baustelle chauffieren.

Mary ist mit Leib und Seele Baustellenführungsfahrzeugfahrerin. Ganz stolz erklärt sie mir die ganzen Maschinen, die da so arbeiten und winkt laufend ihren Kolleginnen und Kollegen zu. Das erinnert mich an die Straßenbahnfahrer in Hannover, die sich auch immer zuwinken. Egal wie oft am Tag sie sich sehen. Also ob ich jedesmal meinem Bürokollegen „Hallo“ sage, wenn er oder ich mal aus dem Büro raus- oder reingehen. Hat wohl was von Ritual.

Frauen. Auf den großen Maschinen sitzen in der Regel Frauen. Zierliche Frauen – not tough. Sie seien eben weiter in USA mit der Frauenemanzipation lacht Mary, als ich mein Erstaunen erwähne. „And we’re tough!“. Das prägt sich mir langsam ein.

Mary zeigt mir ihre Lieblingsstelle in dieser Baustelle. Jedesmal fühlt sie sich ganz stolz, wenn sie hier vorbeikommt.

Letztes Jahr war hier noch ein Berg. Die Leute wären hier Schlitten gefahren, den Berg runter. Aber im Herbst haben ihre Kollegen den Berg in die Luft gesprengt, um die Straße durch zu bauen. Das sei ja doch wohl eine ingenieurstechnische Meisterleistung. So was könnten nur die Amerikaner.

Ich frage sie ob sie schon mal in Österreich oder der Schweiz gewesen wäre. Dort würde man Löcher in die Berge bohren und durchfahren. Das nenne man „Tunnel“ bei uns und das Prinzip würde die Berge schonen. Und als ich noch versuche, zu erklären, dass – wenn die Berge alle weggesprengt wären – dann keiner mehr käme, weil die Berge weg wären und dann die Straßen und Parkplätze, die durch die Berge gebaut wurden, auch nicht mehr benötigt würden, weil ja keiner mehr käme, ist sie erst stutzig und dann – glaube ich – beleidigt.

Ich mache noch ein paar Komplimente und witzele rum, da ich daran denke, dass ich das Fahrrad ja wieder von der Ladefläche bringen muss und Mary dabei eine Schlüsselrolle übernehmen soll.

Straßen müssen gerade sein in Alaska!

Ich überlege ob ich den Tacho abmontiere – einfach nur fahren und genießen soll. Ohne Tempo, Zeit, Schnitt.

Heute abend gönne ich mir Luxus. Ich habe mich auf der Sheep Mountain Lodge einquartiert. Bis 22 Uhr bin ich gefahren, langsam wurde mir kalt. Es ist ja auch noch hell um diese Zeit und wenn die Beine und der Hintern mitmachen, denke ich noch nicht an die Übernachtung. Ich glaube, es ist gut, wenn ich mir eine zeitliche Obergrenze setze – sechs Stunden Netto-Fahrzeit.  Also lasse ich den Tacho doch dran, drehe ihn nur um. Gute Idee.

Als ich in der Lodge ankomme, frage ich nach dem Preis. „Cabins“ haben sie draußen angeschlagen – jetzt um diese Jahreszeit sollten sie eigentlich froh sein, wenn überhaupt jemand kommt und übernachtet. In der Betriebswirtschaftslehre ist das ein klassisches Beispiel für die Deckungsbeitragsrechnung:

Weite. Hin und wieder mal ein Berg - Alaska.

Stellen Sie sich vor, Sie betreiben ein Hotel und ein Zimmer zu 100 Euro die Nacht steht frei. Um 21 Uhr kommt ein Gast und bietet 50 Euro. Vermieten Sie oder weisen Sie ihn ab? Klar sind das 50 Euro, die ich einnehme, ohne dass die Kosten signifikant ansteigen – also fast reiner Deckungsbeitrag für die fixen Kosten, die ich sowieso habe. Ich mache eine Ausnahme, vor allem wenn er ein Reiseradler ist und den Preis nicht weitererzählt.

König mit Krone - der warme Berg

160 Dollar wollen sie für die Cabin. Als imaginärer Hotelbesitzer und praktischer Betriebswirt biete ich 80.

Schade – entweder hat der Chef hier Betriebswirtschaftslehre nicht studiert oder die Deckungsbeitragsrechnung nicht kapiert oder er ist kein Reiseradler. Jedenfalls verlangt er 160 US-Dollar für eine Nacht in einer Cabin und basta.

Seine tschechische Assistentin schlägt vor, dass ich ein Bett in einem „Dorm“ nehmen könnte – das sind Mehrbett-Zimmer, in mit Etagenbetten und gemeinsamen Sanitäranlagen. Und ich schlage vor, dass ich dort in meinem Schlafsack schlafen und somit den Aufwand niedrig halten würde. Außerdem würde ich gerne gut zu Abend essen und morgen früh auch ein Frühstück bestellen. Auf 60 Dollar einigen wir uns und da sowieso keine weiteren Gäste da sind, habe ich ein riesiges Einzelzimmer mit einer warmen Dusche.

Nach dem Genuss dieses Luxus und vor dem Abendessen gehe ich noch ein wenig auf die Straße zum Fotografieren. Der Berg hier über der Lodge ist ein Königsberg. Er ist als einziger schneefrei und hat eine Krone auf.

Es sei ein nicht ausgebrochener Vulkan, erklärt mir die Tschechin – daher auch die verschiedenen Farben des Gesteins. Und dadurch, dass der Berg warm sei, erwärme er auch die Luft um ihn rum, welche aufsteigt und in den kälteren Schichten kondensiert. Somit hat er bei Windstille und wolkenfreiem Himmel immer eine Krone auf.

<>

Ich habe selten so gut gegessen! Ich vergegenwärtige mir nochmal, dass ich im Land der kulinarischen Ignoranz bin und genieße um so mehr den alaskaischen Wildlachs und das perfekt dazu gebratene Gemüse. Möhren, Paprika, Zwiebeln, Sellerie – alles in der gleichen Biss-Konsistenz. Das zeugt von differenziertem Kochen. Das Lachssteak ist einfach nur mit Salz und Pfeffer gebraten. Englisch. Außen kross und innen zartrosa mit Anleihen an das Orangene. An was mich dieses organische, gesunde Farbempfinden erinnert, lasse ich mal offen. Jedenfalls hat dieses Lachs-Steak mit einem norwegischen Tiefkühl-Aqua-Kultur-Lachs-Steak so viel gemein wie ein Arabisches Vollblut mit einem Brabanter Rotschimmel.

Ich erzähle das der hübschen Tschechin, zehn Minuten später sitzt der Chefkoch an meinem Tisch. Niemand habe je so konstruktiv sein Essen gelobt, sagt er. Alle kämen nur rein, würden Lachssteaks (wenn überhaupt) reinschlingen und ziemlich schleunig wieder verschwinden. Am schlimmsten findet er die Fragen nach dem Essen „to go“ – wahrscheinlich könne er sogar ein lukratives Drive-Thru eröffnen.

So trinken wir gemeinsam noch eine Flasche Zinfandel aus Kalifornien und ich lerne einiges über die die Dall-Schafe in Alaska.

Und draußen streichelt die Sonne mit ihrem warmen Abendlicht die Berge…

Abendstimmung an der Sheep Mountain Lodge / Glenn Highway

Ein Gedanke zu „21. Mai 2009

  1. Oliver

    Hallo, du, was für eine tolle Geschichte. Und wie stilsicher geschrieben! An dir ist ein Journalist verloren gegangen (ich nehme an, du bist BWLer). Ich lese dein Tagebuch mit Genuss. Weiter so! Oliver

    Antwort

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