22. Mai 2009

So – das soll’s dann auch erstmal gewesen sein mit diesem Weichei-Schlafen in einem Bett und einem Dach über dem Kopf. Wozu habe ich mir ein 600-Euro-Hilleberg-Zelt gekauft, wenn ich drinnen übernachte?

Na ja – so ein gutes Frühstück ist schon ein Genuss. Egal – weiter geht’s.

Die Menschen hier sind wirklich herzlich und offen – ganz anders als das Image des „gemeinen Amerikaners“ es vermuten lässt. Auch kann ich nicht diese oberflächliche, aufgesetzte „How’re you’re doin‘ t’day“-Freundlichkeit entdecken. Ich glaube, hier draußen, hier oben sind die Menschen aufeinander angewiesen. Und in dieser Natur werde auch ich demütig. Das führt zu einer gefühlten Gemeinsamkeit – sie, weil sie hier wohnen, ich, weil ich hier Fahrrad fahre.

Würde ich hier wohnen wollen? Ich glaube nicht, denn der Alltag auf dem Land ist hart und in der Stadt, in Anchorage, vergleichbar mit dem Leben in jeder anderen Stadt auch. Dieses Land besuchen, frei und ungezwungen, das öffnet mir das Herz für die Menschen, für die Natur.

Fotografieren in dieser Landschaft ist einfach nur geil. Sehen und stehen bleiben, wo ich will – ich genieße es. Auf leeren Straßen dahin zu gleiten – ich genieße es.

Selbstportrait auf dem Glenn-Highway

In Alaska gibt es für Radfahrer drei Gegner: Den Berg, den Wind und den Moskito. Der Berg ist berechenbar. Der Wind ist nicht berechenbar, aber ehrlich. Der Moskito ist weder berechenbar noch ehrlich, aber dafür rachsüchtig – obwohl ich gar nicht weiß, was ich ihm getan habe. Der Wind ist allerdings der Gegner des Moskitos und somit manchmal in wechselnden Allianzen mein Verbündeter. Der Berg hält manchmal den Wind zurück und verbündet sich bergauf mit dem Moskito gegen mich. Auf dem Gipfel habe ich dann beide besiegt und der Berg verbündet sich mit mir gegen Wind und Moskito. Der Moskito ist nicht bündnisfähig und bleibt bis zur Rückreise mein Feind.

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Primus Eta Multifuel Kocher mit Ein-Gang-Menü

Heute mittag probiere ich erstmalig meinen Kocher aus. Da ich mich zunächst erstmal für intelligent genug halte, einen Multifuel-Kocher zu bedienen probiere ich das einfach aus. Die Bedienungsanleitung habe ich aus Gewichtsgründen natürlich zuhause gelassen.

Die Leute im Hostel in Anchorage gaben mir einen Liter Kochbenzin feinster Qualität, was ich aus deren Kanister in meine Benzinflasche umfüllen durfte. Kostenlos, selbstverständlich. Nun öffne ich also meine Benzinflasche, stecke den Kocherschnorchel in die Flasche und schraube diesen fest zu. Dann pumpen, Druck aufbauen und über das Drehventil dann ein Benzin-Luft-Gasgemisch in die eigentliche Kochdüse jagen. Wie beim Gasherd – zuhause koche ich ja auch mit Gas.

Was ich nicht bedenke, ist, dass die Schleife vor der Kocherdüse erst vorgeheizt werden muss.

Somit verwandele ich meinen Kocher in einen Flammenwerfer, was mich ziemlich erschrecken lässt. Die Waldbrandgefahr ist hier oben momentan trotz Minusgraden recht hoch, da es lange nicht mehr geregnet bzw. geschneit hat. Zum Glück habe ich meine Wasserflaschen griffbereit und kann die Umgebung befeuchten.

Ich koche mir meinen ersten Beutel Reis mit Irgenwas in Trockenversion mit originalem Alaska-Wildwasser. Schmeckt ganz gut, ich muss mir aber wohl noch Gewürze besorgen.

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Am Nachmittag merke ich, dass mir die Sonne die Lippen verbrennt. Mein Gesicht habe ich zwar spärlich eingecremt und immer meinen Hut auf, aber die Lippen halten die Creme nicht und außerdem schmeckt sie scheußlich. Neben einer Tankstelle ist ein kleiner Laden, ein „General Store“, den Rose betreut. Rose steht hinter ihrem Tresen und ist einfach nur freundlich. Erst denke ich, sie sitzt, aber sie ist wirklich nur geschätzte Einsfünfzig groß. Dafür ein Bündel voller Energie und positiver Ausstrahlung.

Bevor ich meinen Wunsch äußern kann, muss ich erstmal erzählen, wo ich herkomme und was um Himmels Willen mich mit dem Fahrrad hier her treibt. Sie kann sich’s denken, sagt sie: Das Genießen der Schöpfung Gottes. Ja. Rose ist eine gottesfürchtige Frau. Ich erzähle ihr von meinem Erlebnis mit Mary von gestern und dass ich nicht verstehen kann, warum man Berge in die Luft sprengt, damit man mit dem Auto keine Umwege fahren muss. Rose schüttelt mit dem Kopf und versteht das auch nicht. Das ist doch die Schöpfung! Und wir zerstören sie.

Die Gewehre und die Munition, die sie verkauft und mit denen dann so manch wild gewordener Amerikaner alles mögliche Getier abknallt, lassen auf eine Eindimensionalität ihrer Ansichten schließen.

Letztlich kann ich doch noch mein Kundenbedürfnis platzieren und einen Lippenstift ordern. Als sie mich fragt, welchen, bestehe ich auf einen ohne Farbe. Nach kurzer Pause lacht sie mich herzlich an und ich zahle gern den erhöhten Alaska-Tante-Emma-Laden-Preis für einen Lippenstift.

Rose in ihrem General Store

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93 km / 5’30 h, kurz vor Glennallen.

Zweite Zelt-Nacht - kalt, aber wunderbar idyllisch

Jetzt liege ich auf einem Campingplatz – es wird die zweite Nacht in meinem Zelt.

Der Platz ist wunderschön gelegen, ein kleines Flüsschen fließt mitten durch. Schade, dass der Betreiber gerade heute den Platz geöffnet hat – er will 30 Dollar für eine Übernachtung. Nach einer Minute Verhandlung und als ich mich umdrehe um wieder zu gehen, fragt er: „Would you do it for twenty?“

Die Art der Frage überrascht mich, da ich damit andere Assoziationen verbinde als zu zelten – ich willige einfach ein, auch weil der alte Mann letztlich ganz freundlich ist.

Außerdem – und das ist in Amerika fast überall so – gibt es auf fast jedem Stellplatz einen Grill und die Möglichkeit, dort Feuer zu machen. Meistens gibt’s das Holz auch noch kostenlos. Das habe ich mit meinen 20 Dollar auch bezahlt. Nur habe ich das nie genutzt. Jetzt kann ich ja mit meinem Primus umgehen…

Wäre ich gestern gekommen, hätte ich umsonst gezeltet. Dafür habe ich aber eine wunderbare warme Dusche – es ist ziemlich kalt hier oben. Das macht mir immer wieder mal deutlich, dass ich in Alaska und da auch noch auf einem Hochplateau bin. Beim Radeln in der Sonne vergesse ich das hin und wieder.

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