28. Mai 2009

Vom Marsh Lake geht’s heute zum Teslin Lake, einen mehr als 140 Kilometer langen See. Auch der ist wohl noch zugefroren – kein Wunder, ich bin hier auf rund 700 Metern über dem Meeresspiegel.

Kalt ist’s, aber die Sonne scheint.

10 Meter Randstreifen zum Schutz der Tiere des Waldes

Jetzt bin ich so langsam mit mir allein – bisher war ja irgendwie immer noch alles ganz spannend und abwechslungsreich. Die Gedanken fangen an zu fließen, ich habe mich an mich gewöhnt.

Ein Bach als Denkmal?

Während der Tacho bei heftigem Gegenwind eine viel zu niedrige Geschwindigkeit anzeigt, frage ich mich, wie andere Reiseradler es hinkriegen, täglich 120 bis 150 Kilometer zu fahren. Kalkuliert hatte ich das ja auch. Aber ich denke, ich sollte heute abend im Zelt nochmal neu rechnen, Banff- und Jasper-National-Park zu den Akten schieben.

Zwischen Marsh Lake und Teslin Lake ein No Name Lake

Muss ich mich überhaupt an anderen orientieren? An dem, was andere am besten können? Nö. Ich sollte viel lieber überlegen, was ich am besten kann und das zum Maßstab erheben.

Was ist denn mein Bestes? Und wann? Ich bin jetzt knapp fünfzig und habe den Zenit meiner körperlichen Leistungsfähigkeit sicher schon vor dreißig Jahren überschritten. Verschwendet habe ich mein körperliches Potential damals. Mit Nichtstun. Bisschen Handballspielen, bisschen Karate. Viel Motorradfahren, viel Party mit allem was dazu gehört. Wirklich verschwendet? Was wäre die Alternative gewesen? Leistungssport und jetzt keinen Bock mehr auf Bewegung oder Knochen kaputt? Hmm… OK – doch nicht verschwendet.

Ich bin schon stolz auf das, was Geist und Körper momentan leisten können. Und genau jetzt ist die Zeit reif für das was ich tue.

Und das ist mein Bestes. Genau jetzt. Früher waren es eben vier Tore in einem Spiel oder mehr als 45 Grad Schräglage in der langgezogenen Rechtskurve zwischen Bad Hersfeld und Eschwege oder zwei Mädels in einer Woche oder die 14 Punkte in Mathe.

Dann das Studium, dann die Bundeswehr, nebenbei an der Fernuni studiert, dann der erste Job mit viel Engagement – geistig und zeitlich. Immer mein Bestes gegeben. Auch im zweiten Job – vom Headhunter gelockt und böse reingefallen. Gemerkt, dass mein Bestes nicht immer auch das Beste für andere ist. Oder anderen nicht reicht.

Ehe, Kinder, Fernstudium fertig, neuer Job. Wieder mein Bestes gegeben. Haus gekauft, die Erträge meines Besten in die Familie gesteckt. Wieder gemerkt, dass andere anders entscheiden, ob mein Bestes gut ist. Scheidung. Mein Bestes verschwendet?

Ekelhafte Scheidungsverhandlungen, windige Anwälte, ignorante Richter, Lügen und Betrug setzen mir zu, versperren mir den freien Blick auf das was ich am besten kann. Mein Bestes definieren jetzt andere. Über Zahlbeträge.

Ich merke, dass ich noch nicht alles vollständig aufgearbeitet habe. Dass ich auf einer Suche bin nach dem, was jetzt mein Bestes ist. Ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, hierher zu fliegen und diesen Trip durchzuziehen.

Ja, diese Entscheidung war richtig.

Aber eigentlich ist jede Entscheidung, die man trifft, richtig. Zu dem Zeitpunkt, zu dem man sie trifft. Sonst hätte man sie ja nicht getroffen. Wenn sich Rahmenbedingungen, Menschen, Wissen und Werte später ändern und man mit dieser Erkenntnis jetzt anders entscheiden würde, dann macht das die Ursprungsentscheidung doch nicht zur Fehlentscheidung. Eher zur Herausforderung, an der ich mich weiterentwickeln kann.

Nietzsche sagt, dass die Welt nur in unserem Kopf existiert. Also liegt es an unseren Köpfen, zu entscheiden, ob wir falsch oder richtig entscheiden.

Ich überquere den Teslin River bei Johnsons Crossing. Ein paar alte Autowracks stehen an der Kreuzung. Der hier vom Alcan abzweigende Highway 6 führt über Ross River in Richtung North West Territories in die Mackenzie Mountains und dort ins Nichts. Am liebsten würde ich abbiegen. Ins Nichts. Was würde passieren? Die Jungs haben sich abgenabelt, Lucy kenne ich nicht. Ja ja, natürlich wären ein paar Leute auch traurig. Aber die meisten Emotionen würden wahrscheinlich dort entstehen, wo der Geldfluss versiegt.

Nein, ich glaube, jetzt tue ich meinen Freunden Unrecht. Eine Lücke würde schon entstehen, wenn ich ins Nichts verschwände. Geht es eigentlich nur mir so, dass ich mir vorstelle, was meine Welt denken und empfinden würde, wenn ich nicht mehr wäre? Mein Tod als Szene eines Schauspiels in meinem Kopf.

Dabei lenkt mich doch meine Sehnsucht nach dem Leben. Und zwar nach rechts. Weiter auf dem Alcan-Highway, weiter Richtung Süden.

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Ankunft am Teslin Lake

Der Teslin Lake ist auch noch zum großen Teil zugefroren – wie erwartet.

Nach 102 Kilometern und fünfeinhalb Stunden Nettofahrzeit finde ich einen verwaisten Campground direkt am See. Ich stelle mein Zelt auf, wasche mich im See, koche mir ein leckeres Abendessen und gehe mit der Kamera nochmal runter zum See.

Das Haus am See...

Ich lege mich auf die Steine und schaue durch den Sucher.

Genieße.

Fotografieren ist Malen mit Licht. Licht taxieren, Ausschnitt wählen, fokussieren, einatmen, Luft anhalten, Zeigefinger langsam runter drücken, das typische Klack des Spiegels hören und fühlen, mit dem Ausatmen gewiss sein, diesen Moment für den Rest des Lebens archiviert zu haben.

Ich wälze mich in Regenklamotten am Strand. Schieße mit der Kamera auf dem Bauch, dem Rücken, der Seite liegend um mich rum. Rufe laut „Ja! Ja! Ja!“.

Im Zelt kuschel ich mich in meinen Schlafsack, markiere mein Tagwerk in der Reisekarte, schaue mir nochmal die Bilder an, grinse, schalte die Kamera aus, lege mich mit zufrieden auf den Rücken und gebe mich der Müdigkeit hin.

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