29. Mai 2009

Mist! Es regnet!

Dann war das Tropfenprasseln auf meinem Zelt doch nicht nur geträumt. Gerade morgens, so kurz vorm richtigen Aufwachen, sind meine Träume so extrem realistisch – manchmal freue ich mich dann, aufzuwachen, manchmal würde ich gerne wenigstens die nächsten zehn Minuten noch weitererleben – Kino fast mit Anfassen.

Ich schaue aus dem Zelteingang: Der schöne blaue Himmel von gestern abend ist weg. Blau wird zu grau, keine Besserung in Sicht.

Where have all the sunshines gone?

Nun denn, koche ich mir eben auf dieser Reise erstmalig etwas in der Apsis meines Zelts – so wie das in den Outdoor-Magazinen und Globetrotter-Katalogen immer mit lachenden, frisch rasierten und gekämmten Männern in toller und teurer Kleidung dargestellt wird. Die haben selbst bei Scheißwetter immer gute Laune – ich nicht. Kein Wunder, die haben ja auch immer diese tollen Traumfrauen dabei, die lächelnd und tolle Bücher lesend im Schlafsack liegend darauf warten, dass der Traummann ihnen das Essen zubereitet. Oder sich selbst als Apperitiv oder Epilog des Essens andienen.

Ich habe solche Frauen hier draußen noch nie gesehen. Und ich bin schon ziemlich lange mit Zelt und Fahrrädern unterwegs. Wenn ich meine Gedanken so beobachte, zu lange.

Mein Earl-Grey-Tee riecht nach Bananenschalen. Offensichtlich sollte ich ihn in irgendwas Luftdichtes einschließen und nicht mit den Bananen in die Sigg-Boxen stopfen. Nicht mal einen heißen Tee kann ich mir heute morgen also kochen. Egal – koche ich mir meinen Haferbrei. Meine virtuelle Begleiterin liegt immer noch im Schlafsack und freut sich auf Haferpampe. Und ich sollte mich rasieren, damit ich auch Globetrotter-Katalog-tauglich bin und den Hauch einer Chance habe, falls die reale SIE doch heute hier anklopft.

Nein. Rasieren ist Luxus. Außerdem frage ich mich, was SIE denn machen würde, wenn ein Bär hier anklopfen würde. Oder wenn die Mücken es nicht zulassen, dass ich mich draußen duschen möchte und lieber die Drei-Feuchttücher-Variante im Zelt wähle, um eine Basis-Hygiene sicherzustellen. Und die Mücken werden sicher noch kommen. Überhaupt ist dieser „Urlaub“ Verzicht auf jede Form von Komfort. Selbst ein Stuhl erhält in einem 3-Personen-Zelt im Regen einen neuen Wert, wenn ich hier heute wohl den ganzen Tag verbringen werde. Außerdem drehen sich die Gedanken im Wesentlichen um die Fragen nach dem nächsten Trinkwasser, wie lange das Essen noch reicht, wo ich mal wieder frisches Obst kaufen kann, etc.

Nun braucht der Kocher allerdings erstmal volle Konzentration, damit ich nicht mein Zelt abfackele. Mein Haferbrei ist besser als sein Ruf. Mit Trockenobst, Nüssen, Erdnussbutter und Honig schmeckt er sogar mit Wasser gekocht, ohne Milch. Er ist nahrhaft und hält lange satt. Es ist lediglich etwas schwierig, hier im Norden Amerikas Hafergebinde in Reiseradler-tauglichen Dimensionen kaufen zu können. Der Frühstücks-Haferbrei, den sie in 500-Gramm-Packungen anbieten, ist eher so eine süße Masse, die kaum noch was Natürliches hat. Hatte ich am ersten Tag mal ausprobiert – ekelhaft, wie süß die hier alles machen. Reines „Oat-Meal“, also nur Haferflocken, scheinen die hier eher als Tierfutter zu sehen und verkaufen es in 5-Kilo-und-aufwärts-Säcken.

Zum Glück gibt es in den großen Läden die Bulk-Food-Abteilungen, wo man sich alles, was sich schütten lässt, aus großen Fässern oder kleineren Behältern beliebig zusammenstellen und -mixen kann. So habe ich mein eigenes Studentenfutter mit Nüssen, Trockenobst und weißen Schokoladenraspeln (die ich abends immer aus den Beuteln rausnasche und die ich dann morgens im Müsli vermisse), mein eigenes Müsli mit Vollkornflocken und manchmal ein paar Goodies in Brockenform, die ich als gesundheitsorientierter Mensch und väterliches Vorbild hier verschweigen muss.

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Was ja schön ist an so einem Regen-/Ruhetag, ist, dass ich alle möglichen und unmöglichen Gedanken sofort aufschreiben kann und damit später mal authentisch nachvollziehen kann, wie was in jener Situation war und was ich gedacht und gefühlt habe.

Eines meiner Lebensziele ist, die Glocke von Schiller auswendig zu lernen. Wenn ich nicht genau hier und jetzt – im Regen am Teslin Lake mit nichts anderem zu tun – anfange, wann dann?

Warum eigentlich das Lied von der Glocke? Weil mein Vater sie schon auswendig lernen musste – und das auf der früheren Hauptschule? Weil es eine mentale Herausforderung ist? Weil es eine posthume Hommage an meinen Englisch-Lehrer ist, den ich ehre und bei dem wir noch in der 13.2 schon Shakespeare-Zitate aus dem Original-Othello auswendig lernen mussten? Weil Schiller ein genialer Freak war und seine Leistung in mir viel mehr zum Schwingen bringt als die seines bewunderten frankfurter/weimarer Zeitgenossen?

Schiller beruft sich auf und genießt die fundamentalen Wahrheiten, Werte, Ansichten des menschlichen Miteinanders. Freundschaft, Liebe, Arbeit, Altwerden – Wenn ich Schiller lese, bleibe ich beim eigenen Nachdenken gelassen und freue mich darüber, dass ein anderer Worte für meine Gedanken gefunden hat. Goethe seziert. Goethe geht auf den Grund – und das in epischer Breite. Eigentlich nicht möglich. Mir schon lange nicht. Vielleicht bin ich Goethe deshalb so fern – weil ich eben auch niemand bin, der andere bewundert, nur weil sie etwas anderes besser können als ich.

Dafür hätte Goethe nie eine Fahrrad-Transalp mit seiner Italien-Reise verbunden und überlebt.

Aber ich.

Schiller zum 200. Geburtstag zu Ehren (aus Wikipedia)

Egal – ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Laotse würde dazu sagen: „Auch das längste Gedicht beginnt mit der ersten Strophe.“

Also gut.

„Das Lied von der Glocke

vivos voco – mortuos plango – fulgura frango

(Die Lebenden rufe ich – die Toten beklage ich – die Blitze breche ich)

Fest gemauert in der Erden – Steht die Form aus Lehm gebrannt.

Heute muß die Glocke werden! – Frisch, Gesellen, seyd zur Hand!

Von der Stirne heiß – Rinnen muß der Schweiß,

Soll das Werk den Meister loben; Doch der Segen kommt von oben…“

Festgemauertindererdenstehtdieformauslehmgebrannt – einatmen – heutesolldieglockewerdenaufgesellenseidzurhand – Mist, „AUF, Gesellen“ oder „FRISCH, Gesellen“? – nachgucken – „FRISCH, Gesellen“.

Nochmal: Festgemauertindererdenstehtdieformauslehmgebrannt – einatmen – heutesolldieglockewerdenfrischgesellenseidzurhand – einatmen – vonderstirneheissrinnenmussderschweiss – einatmen – solldermeisterdaswerk… – gucken – solldaswerkdenmeisterloben – ? Was meint der alte Schiller denn damit? Egal, erst lernen, dann nachdenken – solldaswerkdenmeisterlobendochdersegenkommtvonoben.

Erste Strophe sitzt.

Ich lese mir das ganze Lied von der Glocke nochmal durch. Zehn Jahre hat Schiller für das Werk gebraucht. Da hätte er locker fünfzig Glocken gießen können. Aber er hat ja auch gesagt, dass er sich die Arbeit für dieses lyrische Meisterwerk für die schönen Stunden aufgehoben hat. Und das waren in seinem schöpferischen Lebensteil nicht so viele. Seinem Zeitgenossen Goethe hat er’s angekündigt, als Schiller bereit war. Vielleicht hätte er die Glocke gar nicht zuende geschrieben, wenn er seinem verehrten Kollegen gegenüber nicht so eine große Klappe gehabt hätte. Das ist wie mit dem Rauchen-aufhören – wenn Du’s jemandem ankündigst, den Du ehrst (also nicht irgendeinem beliebigen Kumpel), dann hältst Du Dich viel eher dran, als wenn Du’s nur für Dich beschließt.

Mit meinem Panamericana-Projekt habe ich das ja auch so gemacht – nur war mein Goethe meine Jungs.

Jetzt hab ich endlich raus, was ich mit Schiller und meine Jungs mit Goethe gemeinsam haben.

Letztlich vergleicht Friedrich (ich darf ihn doch so nennen?) den Prozess des Glockengießens mit dem Leben eines ehrbaren Mannes. Und Ehre ist ein starkes Thema für mich. Und im Leben eines ehrbaren Mannes ist eine der schicksalhaftesten Entscheidungen die Wahl der richtigen Frau (ja gut, umgekehrt ist’s genauso – aber ich schreibe jetzt mal aus meiner Sicht). Das hat mir vor zwanzig Jahren schonmal ein damals knapp 90-jähriger amerikanischer Freund gesagt. Da war ich gerade frisch verliebt, fast verheiratet. Er sollte Recht behalten – allerdings nicht im ihm eigenen wohlwollenden Sinne.

Beim Glockengießen müssen Kupfer und Zinn sich vereinen. Wer ist Mann, wer Frau? Wer ist spröde, wer weich? Wie funktionierte die Vereinigung bei mir? Hab‘ ich nur die guten Zeichen gesehen, die schlechten verdrängt?

Na, das wird eine philosophische und erkenntnisreiche Reise…

Deshalb mag ich Friedo. Er beschreibt mit seinem Lied ein schönes Leitbild, eine Orientierung in einer orientierungsarmen Welt. Eine Glocke als gleichermaßen akustischen wie symbolischen Nordpol.

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Mittlerweile ist es drei Uhr nachmittags und es ist ruhig geworden um mich herum. Kein Plätschern mehr, kein Prasseln auf dem Zeltdach. Ich wünschte, ich hätte Zeit ohne Ende für diese Reise. Dann könnte ich jetzt einfach meinen Gedanken noch ein wenig nachhängen oder sie weiterspinnen.

Aber ich hab‘ noch’n Termin in Vancouver, Ende Juni. Für heute bedeutet das, dass ich jetzt nach Teslin fahre und versuche, an einer Tankstelle einen Pickup zu kriegen, um die verlorene Zeit per Auto aufzuholen.

Ich packe meine Sachen, erstmalig rolle ich das Zelt nass ein. Wenn das meine Mutter wüsste – „Junge, wer wäscht denn jetzt Deine Sachen? Sieh zu, dass immer alles ganz trocken ist, bevor Du’s von der Leine nimmst, sonst gibt’s Stockflecken und den Gestank kriegste nie mehr raus!“

Aber mein Hilleberg ist aus Plastik und nicht aus Baumwolle. Und das muss es abkönnen und außerdem wird’s in spätestens sechs Stunden wieder ausgerollt und aufgestellt. Hoffentlich zum trocknen.

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Guten Tag, Radler, und herzlich Willkommen zurück auf der Straße!

Zwiebelprinzip gegen Kälte, Schee und Regen

Shit, ist das kalt heute. Es fängt an zu schneien. Horizontal von vorn. Das nagt. Vierzig Kilomenter lang. Als ich bei Teslin mal wieder einen Anstieg hochschiebe, hält Justin vor mir an. OK – so ein wenig habe ich wohl die Hand nicht ganz reingezogen, als ich den Wagen von hinten kommen hörte.

Justin ist Förster, kommt aus Watson Lake, war in Whitehorse auf einem Lehrgang und ist jetzt wieder auf dem Heimweg. Und Justin hielt an, weil er müde ist vom Lehrgang-Abschluss-Abend gestern und jetzt froh ist, die nächsten zweihundert Kilometer mit einem durchgeknallten Deutschen neben sich ein kleines Pläuschchen zu halten.

Justin in seinem Pickup - ich suchte ein Taxi, er Abwechslung: Win-Win!

Der Schnee im Mai sei schon mal üblich, sagt er. Der starke Wind nicht. „It’s not usual!“, die neunte oder zehnte. Wenn ich mal einen Film über diese Reise drehe, nenne ich ihn „It’s not usual!“

Justin ist als Mann des Waldes und Kanadier natürlich Jäger und Fallensteller. Er strahlt dabei eine solch natürliche Selbstverständlichkeit aus, dass ich vergesse, kritisch nachzufragen. In Deutschland sind Jäger ja total verpönt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wer gegen Jäger ist, dürfte auch kein Fleisch essen. Lieber ein Stück Fleisch von einem bis zum Tod wild lebenden Reh als von einem nach EU-Norm eingepferchten Schwein oder Rind. Der CO2-Fußabdruck oder der Wasserverbrauch für ein Kilo Rindfleisch liegen weit über der Toleranzschwelle eines nachhaltig denkenden und handelnden Menschen.

Aber das ganze Halali und Drumherum der Jäger erinnern mich eher an kleine Kinder als an seriöse Menschen, die verantwortungsbewusst Leben beenden, um anderes Leben zu sichern.

Egal, Justin mag ich. In Kanada ist denen das deutsche Jägerbrimborium auch völlig fremd. Gut so – das lässt mich auch locker bleiben.

Justin lebt so wie ich es mir auch für mich vorstellen könnte. Leiter einer kleinen Außenstation der Yukon-Forstbehörde, auf sich gestellt, mit Freundin und Hund, in einem kleinen Holzhaus auf einer Lichtung im Wald.

Ich frage ihn nach den Haken seines Lebens, nach Langeweile, nach Frust, nach seinen Zielen.

Er ist kein Schwärmer, muss mir ja nichts vorgaukeln – umso mehr beeindrucken mich seine ehrlichen Antworten.

Die Wilderer sind sein Problem, der Umgang der Menschen mit den Bären. Die Missachtung der Gesetze der Natur, die Abrodung der Wälder durch die großen Konzerne. Er kommt mit den Wiederaufforstungsarbeiten nicht nach. Kein Wunder – ist in Yukon der Sommer doch ziemlich kurz und das Klima somit nicht gerade ideal für schnell wachsende Nutzhölzer. Die Bäume, die hier abgeholzt werden, sind über -zig und hunderte von Jahren gewachsen. Sie eignen sich ja nicht mal als Bauholz – so verkrüppelt und schlank sind die Stämme. Papier sei das Gold, zu dem die Bäume verarbeitet würden.

Ich beschließe, jetzt ganz klein in mein Tagebuch zu schreiben, um so Papier zu sparen.

Gegen acht Uhr setzt Justin mich kurz vor der Kreuzung Alaska-/Cassiar-Highway an der Northern Beaver Post ab, einem RV-Park, der auch Einzelzeltplätze anbietet.

Wir tauschen unsere Mail-Adressen aus und ich verspreche, ihm Bilder zu schicken und in Kontakt zu bleiben.

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Ich beschließe, mein Zelt hier aufzustellen – zumal ich mal wieder eine heiße Dusche genießen möchte und meine Wäsche in einer Maschine waschen und trocknen lassen kann. Bei der aktuellen Wettervorhersage nehme ich den unnötigen Energieverbrauch dafür in Kauf.

Die Frau an der Rezeption ist nett, zum Thema Wetter sagt sie: „It’s not usual!“ und meint vor allem den Wind um diese Jahreszeit. Aber dafür hätten wir auch keine Mücken momentan. Wie war das mit dem Teufel und dem Beelzebub?

Erstmalig muss ich versuchen, mein Zelt im Sturm aufzustellen. Das ist gar nicht so einfach – dabei habe ich mit dem Hilleberg ein sehr Aufbau-freundliches Zelt. Nicht auszudenken, was wäre, wenn ich erst das Innenzelt aufbauen und dann das Außenzelt drüberwerfen müsste. Ich bin immer mehr begeistert von meiner Überlebenszelle und erhebe sie in den Olymp der Top 50 Produkte meines Lebens.

Ich muss die nächsten Tage nochmal nachdenken, welches denn die anderen 49 sind.

Top 50 Produkt: Alte Blechschachtel aus den 50ern (aus Wikipedia)

Jetzt ist mir das zu spät.

Der Wind reißt an der Zeltwand und will nicht, dass ich einschlafe.

Dafür nehme ich Produkt Nummer 2 aus den Top 50: Ohropax.

Ich stopfe sie mir ins Ohr, bin zufrieden, dass jetzt Ruhe ist, ich nur noch 48 der Top 50 finden muss, Justin kennengelernt und 40 Kilometer im Schneesturm geschafft habe und morgen auf den berühmt-berüchtigten Cassiar-Highway abbiegen kann.

Well done, my friend! Good night – sleep tight.

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