30. Mai 2009

Es hat geregnet letzte Nacht. Klar – warum auch nicht? Mit den Ohropax in den Ohrmuscheln kriege ich aber nichts mit. Jetzt ist es zum Glück trocken, aber der Wind lässt immer noch nicht nach.

Ich frage die Wirtin der Northern Beaver Post, wie das Wetter werden soll und ob ich meine Wäsche waschen kann. Klar – sie zeigt mir den Waschraum mit Wasch- und Trockenmaschinen. Ich bräuchte „Loonies“ sagt die resolute Mittvierzigerin. Für die Waschmaschine, den Trockner und das Waschmittel.

„Wheather’s gonna gett’n better! The wind isn’t usual this part of the year!“

Hah! Da ist es wieder. „Not usual!“ Genausogut hätte sie sagen können: „Tja – normalerweise und seit vierkommazweimilliarden Jahren wäre Deine Entscheidung, von Nord nach Süd zu fahren richtig gewesen, aber dieses Jahr: Arschkarte gezogen!“ Die Frage die sich mir stellt ist allerdings: Was hilft mir das? Es lindert die Pein in meinem Kopf, nicht aber die in meinen Beinen.

Als sie wieder raus ist, lasse ich den Automaten mit dem Waschmittel links liegen, dafür habe ich mein Bio-Spüli, was allerdings langsam zur Neige geht. Wäsche waschen, Körper waschen, Geschirr waschen – alles funzt, geniales Zeugs – Nummer drei auf meiner Top-50-Liste. Die Waschmaschine erinnert mich an den großen Bottich, in dem meine Großmutter früher auf dem Bauernhof Wäsche gewaschen, Wurst gebrüht und Marmelade gekocht hat. Nur dass die hier kein Feuer drunter anzünden müssen und das Rühren über einen Motor funktioniert.

Nachdem ich die Wäsche nun eine halbe Stunde allein lassen kann, gehe ich mein Zelt abbauen. Diese Prozedur gestaltet sich bei gleichem Wind wie gestern abend etwas einfacher als das Aufbauen. Gut so. Ich verpacke alles an seinen Ort – gewinne so langsam Routine darin. Ist wie bei der Bundeswehr früher: Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen… Egal was: Pistolen, Gewehre, Kanonen, Motoren, Ketten, Kochgeschirr, Feldküche, Lazarettzelte, alles. Und alles musste an seinen Ort. Millimetergenau. Damals fand ich diesen Teil der Dienstpläne ganz besonders absurd. Heute mache ich das jeden Morgen und jeden Abend freiwillig…

Die Sachen sind verpackt, die Wäsche ist fertig für den Trockner, ich werfe sie in die Trocknertrommel, einen Loonie in den Geldschlitz und gehe in den Frühstücksraum.

Der Barkeeper ist… – tja nun – „verschlossen“ ist wohl diplomatisch genug. Immerhin höre ich ein gebrummtes „mornnn“ als Antwort auf mein freundliches „Good Morning!“.

Ein Tisch ist mit einem Päärchen besetzt, der Rest ist leer. Es sind große Tische. Also frage ich die beiden, ob ich mich zu ihnen setzen könne. „Shure!“ (was hier immer so wie ohne Vokale rüberkommt: „Shrrr!“).

Der Typ ist eine Mischung aus Cowboy, Trapper und Holzfäller, seine Frau ist indigener Abstammung. Ihn schätze ich auf über sechzig, sie auf unter vierzig. Hübsche Frau, Uriger Kerl. Ein Schneidezahn fehlt ihm ganz, der andere ist aus Gold.

Sie hätten schon von Scott (dem Barkeeper) gehört, dass hier ein „strange guy“ eingecheckt hätte, der mit dem Fahrrad unterwegs sei.

Durch meine offene und freundliche Art gelingt es mir dann aber offensichtlich immer wieder, meine Ideen, Motive und auch Neugier so rüberzubringen, dass es dann doch eigentlich „normal“ erscheint, mit dem Rad durch die Wildnis zu fahren.

Es fällt mir auch wirklich leicht, mich für diese Landschaft, diese Natur und auch für die meisten Menschen, die ich bisher traf, zu begeistern. Ich erzähle, quatsche, frage – komme ins Gespräch und bringe das dann auch ganz authentisch rüber.

So öffnen sich auch die Menschen mir gegenüber. Das ist immer wieder ein spannendes und berührendes Erlebnis. Warum kriegen das nicht alle so hin? Einfach sich öffnen, Interesse am anderen zeigen, ehrlich und selbst sein. Der Rest kommt von allein.

Ich frage, wo die beiden herkommen und warum sie hier sind. George hat sich zur Ruhe gesetzt, ihnen gehört der „Truck“ draußen, mit dem Wohn-Anhänger dran. Sie gehören zu den „White Nomads“, die im Winter im Süden wohnen und im Frühsommer nach Norden fahren, um dort das Land zu genießen. Tiguaq – dreimal musste ich nachfragen, bis ich den Namen verstanden habe – hat inuitische Wurzeln, lebt aber schon seit Jahren in Kamloops. Die beiden genießen sich und das Leben – das wird mir in dem Gespräch klar. Wobei die Rollen klar verteilt sind: Er ist der Mann und sie die Frau. Ganz einfach. Zumindest für die beiden. Mir schwant, dass ich über „Gleichberechtigung“ zwischen Mann und Frau neu nachdenken sollte. George und Tiguaq vermitteln zwar eine klare Rollenzuordnung mit dem Primat bei ihm, aber in ihrer Achtung und Fürsorge füreinander, der Anzahl Lächeln, die sie sich gegenseitig schenken, unterscheiden sie sich nicht im Geringsten.

Wir quatschen eine gute Stunde, zumeist über die Wildnis und die Tiere. George jagt auch, aber nur für den Eigenbedarf. Er erzählt, wie er mit einem ordentlichen Bowie-Knife junge Elche und Rehe zerlegt und fragt, ob ich denn auch so ein Messer dabei hätte. Ich habe nur meinen Leatherman, damit komme ich aus. Erstaunen. Der folgende Dialog geht in etwa so:

– Und was machst Du wenn Du einen Bären siehst?

– Ich bleibe stehen und klappe meinen Leatherman auf.

– Wie lang ist denn die Klinge?

– Rund acht Zentimeter.

– Ich würde nur mit einer Pistole oder einem Gewehr allein über den Cassiar fahren. Und wenn mit einem Messer, dann mit einer Klinge, die so lang ist…

"I´d recommend a knife like this..."

Er breitet die Arme ungefähr schulterbreit vor sich aus und streckt die Hände gerade vor, um mir seine Messer-Längen-Vorstellung zu vermitteln.

– Ich bin nahkampferfahren, der Bär nicht. Und im Nahkampf nutzt mir so eine lange Klinge nichts.

– Der Bär muss auch nicht nahkampferfahren sein. Er ist stark und sauschnell. Wenn er Dich angreift, mach Dir nichts vor. Ziel auf die Augen, Mund oder Nase. Das mag helfen.

Dass dieses Gespräch so anders läuft als all die anderen, die ich zuvor mit allen möglichen Leuten über die Bären führte, liegt wohl an der Tatsache, dass George und ich uns ernst nehmen. Wir müssen uns nicht belehren, uns nicht gegenseitig Angst machen und so zeigen, wie toll oder schwach wir sind. Wir müssen uns nicht gegenseitig bewundern und keine Bewunderung erheischen.

Mit dem Essen sind die beiden schon lange fertig und ich bin noch dabei, meine Glykogenspeicher für den Tag aufzufüllen. Mit viel Erzählen und langsam essen dauert’s halt eben. George steht auf, geht zu den Restrooms und zahlt danach an der Kasse.

Die neuen Freunde wollen weiter – wir verabschieden uns, wissend, dass wir uns nie wieder sehen werden. Schade sowas, aber notwendiger Teil der Dramatik einer Reise durch die Welt. „Unser gemeinsamer Geist verbindet uns.“ sagt Tiguaq zum Schluss.

Ich esse in Ruhe auf, gehe zur Kasse und zücke meine Geldbörse. Scott, der Inhaber der Northern Beaver Post und grummelige Barkeeper erscheint irgendwie verändert, fast schon gerührt. Hmm…

Ich nähere mich inhaltlich vorsichtig dem Bezahlvorgang, ihn mit einem freundlichen Lächeln – der kürzesten Entfernung zwischen zwei Menschen – einleitend.

„This gentleman payed for you!“ sagt er, meinem „Wanna pay“ zuvorkommend. Ich schaue Scott verdutzt und leicht fragend in die Augen. „He says you will remember this all of your life.“

Hey – was für eine Idee! Jetzt sind wir beide gerührt. Scott doppelt. Recht hat er, George, der alte Trapper. Nie werde ich das vergessen. Und genau deshalb bin ich hier. Unterwegs. Lernen von anderen. Andere lehren. Das mache ich auch irgendwann. Ist das klasse? Ja!

Ich verlasse den Frühstücksraum mit einem kurzen „Bye!“ und entlocke Scott noch ein ebenso kurzes Lächeln.

Nachdem ich meine trockene Wäsche in der Packtasche vorn links („Software“) verstaut habe, verlasse ich die Northern Beaver Post auf dem Alaska Highway in Richtung Osten. Gleich nach einem Kilometer erreiche ich die „Junction 37“, die Kreuzung Alaska- / Steward-Cassiar-Highway.

I am here and you are and we are here and we are all togehter - I am the walrus (Beatles)

Ich denke nochmal über die ganzen Bären-Warnungen in Whitehorse und der Beaver Post nach und biege rechts ab. Der erste Blick nach Süden lässt erahnen, was da auf mich zukommt. Welliges Profil, schlechte Wegstrecke, rechts und links zehn Meter Sicherheitsabstand zum Wald für Autos und Tiere. Und der Wald erscheint irgendwie dichter als bisher. Gefühlt oder real – egal.

Cassiar-Highway: Erster Eindruck für die nächsten 720 Kilometer

Als erstes aber kracht es nach zweihundert Metern auf dem Cassiar mal wieder hinter/unter mir. Das Krachen kenne ich, das Wackeln des Hinterrads kenne ich, das Schleifgeräusch der Bremse an der Felge kenne ich.

Mmmmmerdäääh!!! Ich schreie mein Rad an.

Der zweite Speichenbruch. Wieder hinten, wieder direkt im Nippel.

Ich hänge die hinteren Bremsbacken der HS 33 aus und schiebe das Rad zurück zur Tankstelle, die direkt an der Alaska-/Cassiar-Kreuzung liegt.

Zum Glück haben die vom Icycle in Whitehorse mir zwei Ersatzspeichen für vorn und zwei für hinten mit Ersatznippeln mitgegeben.

Klasse: Ich habe noch nie in meinem Leben eine Speiche gewechselt, geschweige denn ein Laufrad zentriert. Und dann auch noch in dieser Landschaft, mit diesen Belastungen für das Rad.

Ich weiß nicht, was ich vom Tankstellenpersonal erwarte, aber ich gehe erstmal rein. Eine alte Lady mit Glasbaustein-dicken Brillengläsern versucht, mich zu identifizieren. Ich frage ob es hier einen Mechaniker gibt, einen, der vielleicht Erfahrung mit Motorrädern hätte.

Nein, gibt’s hier nicht. Ihr Enkel, ungefähr zwölf, ist interessiert. Ich frage, ob es wenigstens Pressluft für Autoreifen gibt, da ich keine Lust habe, meinen Reifen mit der 20-cm-Mini-Luftpumpe auf 3 Bar aufzupumpen. Ja – sowas gibt’s.

Der Junge kommt mit raus, stellt sich neben mich und beobachtet – er hat ja sonst auch nicht so viel zu tun. Der Autoverkehr um diese Zeit hält sich extrem in Grenzen und wer tanken mit rasten kombinieren will, fährt zur Beaver Post. Und der Radverkehr hier hält sich in noch engeren Grenzen.

Normalerweise bin ich ein analytisch denkender und planvoll handelnder Mensch. Bin schließlich Mathematiker und Informatiker. Problem wahrnehmen, Ursache-/Wirkung-Diagramm malen, alle möglichen Ursachen verifizieren, die wahrscheinlichste identifizieren, Plan erstellen, Maßnahmen ableiten und abarbeiten, Problem gelöst.

Voraussetzung für einen realisitischen Plan ist zumindest ein Stückweit Erfahrung. Und die habe ich mit Speichenbrüchen eben nicht. Also gehe ich intuitiv und möglicherweise iterativ ran. „Trial and Error“ wie der gemeine Amerikaner so schön sagt.

Ich baue meine Packtaschen ab, stelle mein Rad auf den Kopf und beginne, die Rohloffschaltung zu inspizieren. Als erstes die externe Schaltbox ab. Gut. Dann den Schnellspanner öffnen. Ahhh – stimmt ja, da sind diese abschließbaren Steckachsen drin. Wo war jetzt nochmal gleich der Schlüssel – die „conditio sine qua non“ für einen erfolgreichen Rad-Ausbau?

Zum Glück gleich da, wo ich ihn vermute: In der Werkzeugtasche unter dem Sattel. Somit folgt ohne Plan, aber intuitiv Schritt 1: Rad ausbauen, Luft ablassen (hoffentlich funktioniert die Druckluftpumpe dieser Tankstelle und der Pumpenkopf passt auf mein Ventil…), Reifen und Schlauch abnehmen und erstmal schauen.

Der Nippel der gebrochenen Speiche fällt gleich raus. Die Speiche selbst ziehe ich aus der Nabe. Die schwarze Ersatzspeiche von Icycle harmoniert zwar farblich nicht mit den verchromten Nachbarn, aber für heute stufe ich das in der Prioritätenskala etwas weiter ab. Ich stecke die Speiche durch das Nabenloch, führe sie – ojeh, wie denn jetzt die anderen Speichen kreuzen? – irgendwie so an den anderen Speichen vorbei, dass das in etwa so aussieht wie bei einer der gegenüberliegenden Speichen. Nippel von unten gegengesteckt, Speiche eingedreht, fertig. Mein Leatherman mit dem Zangenmaul leistet mir dabei wertvolle Dienste, da ich keinen Nippelschlüssel dabei habe. Wie einfach – daraus machen die Radbauer eine Wissenschaft?

Na gut, die Felge ist immer noch verzogen und müsste jetzt wohl von mir zentriert werden. Nun ist doch Schluss mit der Intuition – muss die Analytik ran: Wenn ich jetzt diese Speiche festdrehe, was passiert dann mit der Felge? Was muss ich mit den Nachbarspeichen tun? Wann muss ich aufhören zu drehen? Ich erinnere mich an das Hörbuch „Nada Brahma“ von Joachim-Ernst Behrendt: Die Welt ist Klang! Er sagte, dass ein Geiger seine Saiten über die Akustik wesentlich exakter einstellen könne als über irgendeine auch noch so genaue Spannungsmessung oder Optik. Also schlage ich mit meinem Leatherman, den ich an diesem Tag in den Olymp meiner Top 50 erhebe, an die Speichen und merke mir den dabei entstehenden Klang. Klar – die neue schwarze Speiche klingt völlig entspannt. Also schraube ich so lange an ihrem Nippel, bis ihre Anspannung deutlich hörbar ist. Woher kenne ich das nur? Aber da nehme ich dann nicht den Leatherman…

Ding, ding, ding, ding, dong, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, däng, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, deng, ding. Noch ein bisschen. Ding, ding, ding, ding, ding. Gut.

Der schweigsame Junge schaut skeptisch.

Aber siehe da: Die Felge ist gerade. Ich drehe hier noch ein wenig, dort noch ein bisschen, bis alle Speichen gleich klingen. Ein Lächeln macht sich breit, ich genieße dieses Konzert – „Minimal Music“, eine eigene Kunstrichtung – nur für mich, am Anfang des Cassiar Highway.

Der Rad-Einbau geht leicht von der Hand, ich hänge die Bremse ein, lasse das Rad drehen, schaue genau auf den Abstand zwischen Felge und Bremse und bin glücklich. Er bleibt bei drehendem Rad immer gleich. Auch die Höhe der Felge bleibt gleich.

Der Kopf des Druckluftschlauchs der Tankstelle passt auf den Adapter meines Sklaverand-Ventils, den ich für solche Fälle ebenfalls in der Satteltasche habe, ich pumpe meinen Reifen nach Gefühl auf (ein Manometer gibt es nicht), gebe dem Jungen zwei Loonies als Dankeschön für Luft und Gesellschaft und breche auf – Richtung Süden.

Ein unbestimmtes Gefühl des Misstrauens und der Sorge darüber, dass ich für die nächsten knapp 800 Kilometer bis zum nächsten größeren Ort nur noch eine Ersatzspeiche an Bord habe, kommt in mir hoch.

Aber – um es vorweg zu nehmen – das Hinterrad hält bis Vancouver. Ohne Seiten-, ohne Höhenschlag!

Dafür macht jetzt die Rohloff-Schaltung wieder arge Probleme. Die ersten sieben Gänge rutschen immer häufiger durch. Ganz großes Kino in den Rocky Mountains, wenn ein Sechzig-Kilo-Gefährt ab fünf Prozent Steigung geschoben werden muss, da fünfzig Prozent der zugesagten Gänge nicht funktionieren. Und natürlich: Es funktionieren genau die fünfzig Prozent nicht, die ich besser gebrauchen könnte.

Ich stelle fest, dass es nicht die Natur ist, die hier gegen mich ist, sondern eher die Technik. Meine Technik. Dieses Fahrrad nervt. Von Sorglosigkeit eines Welt-Reiserades keine Spur.

Hey – Alternativencheck: Ich finde mich damit ab und sehe es positiv: Eine hohe Frequenz mit wenig Krafteinsatz pedalieren kann ich immer. Aufgrund des fahrradspezifischen Kraftmangels in meinen Beinen muss das ja auch meine Methode sein. Meine Triathlon-Kollegen sagen immer, dass ich mal mit ordentlich Kraft fahren müsse, um Saft in die Beine zu kriegen. Dann würde ich auch schneller werden und endlich mal an die Fünf-Stunden-Marke beim Ironman-Radsplit ranfahren. Und Krafttraining heißt beim Radeln: Niedrige Frequenz mit hohem Einsatz fahren. Dann mache ich das eben jetzt! Scheiß auf die ersten sieben Gänge, Familie Rohloff! Ihr nicht, Ihr kriegt mich nicht zur Aufgabe! Ihr macht mich sogar schnell für die nächsten Wettkämpfe. Aber ein Dankesschreiben werde ich nicht aufsetzen.

Ein Schild am Wegesrand mahnt, dass ich meinen Treibstoffvorrat überprüfen sollte. 100 Kilometer sind es noch bis zur nächsten Tankstelle. Ich rechne kurz durch – mein Vorrat würde ungefähr drei Tage reichen. Wasser muss ich eben unterwegs finden und gegebenenfalls filtern. Also fahre ich unbeeindruckt weiter.

Checkit out, Man!

Die Seen hier sind – im Gegensatz zu Alaska – nicht blau, sondern grün. Kleiner, dafür mengemäßig mehr. Meine Mittagspause lege ich an einem ein, dessen Wasser so klar ist, dass ich sogar die Äste und Zweige der Bäume erkennen kann, die auf dem Grund liegen. Leider macht mir der Wind mal wieder einen Strich durch die Fotografen-Glück-Rechnung. Wenn die Oberfläche spiegelblank wäre – was gäbe das für Motive! Aber auch so bin ich beeindruckt und halte die Kamera drauf. Schließlich ist es ein wunderbares Ritual, abends im Zelt nochmal über den großen Drei-Zoll-Monitor meiner Kamera den Tag bildlich Revue passieren zu lassen.

Luxus ist, wenn der Wind schöneres verhindert!

Der Nachmittag bringt nicht so viel – ich gewöhne mich an den Cassiar und seine Landschaft, denke mal wieder, dass so etwas nur zu Fuß oder mit dem Rad möglich ist.

Es rollt bei bewölktem Wetter so auf und ab: Wellig, würde ich sagen. Insgesamt 80 Kilometer in viereinhalb Stunden – bei dem Gegenwind ganz in Ordnung.

Irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Rauschen in meinen Ohren. Ich will jetzt in Ruhe mein Zelt aufstellen, mir mein Essen kochen und dann in den Schlafsack. Ein Parkplatz etwas abseits der Straße lädt zum Nachtstätten-Prüfen ein. Er ist ziemlich groß, geschottert, die Reifenspuren verraten, dass nicht alle großen Trucks den Cassiar meiden. Bärensichere Müllcontainer erinnern mich wieder an das hiesige Gesprächsthema Nummer eins. Da ich heute auf der ganzen Fahrt vielleicht fünf oder sechs Autos sah, wird sich der Verkehr auf diesem Parkplatz wohl in engen Grenzen halten.

Etwas abseits des Parkplatzes – und von diesem aus auch nicht einsehbar – finde ich eine kleine erhabene Lichtung, wie gemacht für mein Drei-Personen-Zelt. Dies ist mein „Homeland for one Day“.

Kurz nach dem Abendessen fängt es an zu regnen. Ein Schauer nur, aber heftig. Als der Regen aufhört, gehe ich nochmal mit dem Fotoapparat raus und genieße es, diese unglaublichen Momente für mich festzuhalten.

Auf der einen Seite zieht eine düstere Regenwand über die Berge ab, auf der anderen Seite hat sich ein Wolkenskelett am Himmel gehalten, wird von der tief stehenden Sonne angemalt.

Abendstimmung nach Regen am nördlichen Cassiar

Wenn die Sonne Wolken anmalt...

Im Schlafsack trage ich meine Tagesetappe in die Karte ein, schreibe die Stichworte des Tages in mein Buch, schaue mir nochmal die Bilder des Tages an, stecke mir die Stöpsel meines Telefons in die Ohren und höre noch ein wenig Musik, bevor ich einschlafe.

Ein Gedanke zu „30. Mai 2009

  1. Adogi Nacar

    Hey, wieso geht es denn hier nicht weiter?
    Nicht doch etwa ein Bär…? *schluck*

    Ich habe die Lektüre bis hierher jedenfalls sehr genossen!

    Gruß
    Adogi

    Antwort

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