31. Mai 2009 – Quads, Jade, kalte Füße

Das Wetter ist gut heute. Das Gewitter von gestern abend hat die Luft gesäubert und irgendwie alles mal durchgepustet.

Für’s Frühstück taue ich mir etwas Schnee und koche arachide miellé à avoine croqueuse – auf deutsch: halbgare Haferpampe mit Erdnussbutter und Honig.

Beim Essen fährt so ein Monstertruck – diese Pickups mit den riesigen Reifen – mit Anhänger auf den Parkplatz.

Auf der Ladefläche des Autos und auf dem Hänger stehen zwei Quads. Das sind diese neumodischen, tierisch lauten vierrädrigen Dinger für Menschen, die zwar den Wind um die Nase spüren wollen, aber kein Motorrad fahren können oder dürfen. Irgend so eine Mischung aus Unimog ohne Dach und Motorrad.

Egal – die beiden Jungs laden diese kleineren Vehikel von ihrem größeren Vehikel und bereiten sich auf irgend eine Tour vor. Das irrste an den Quads ist, dass sie ziemlich große Halfter an der Seite haben – für Jagdgewehre. Jagd ist ja nun hier nicht nur Sport sondern gehört zum Lebensgefühl der Einheimischen, zur nordamerikanischen Kultur dazu wie bei uns das Grillen (by the way: Ich weiß gar nicht, was ich grausamer finde…).

Ich spreche die beiden an, kurz bevor sie losziehen. Es sind Typen aus Dawson, die für zwei Tage in den Wald wollen – jagen. Ich kämpfe mit mir: Soll ich eine Diskussion lostreten über den Schwachsinn, den die da gerade fabrizieren und die beiden nach dem Sinn fragen oder soll ich interessiert tun und als freundlicher Gast alles Gute wünschen?

Ich muss das insgesamt nochmal für mich regeln, entscheide mich für die Unterlassungsalternative, sage einfach nur „Bye!“, verkneife mir das „Good“ – guter Kompromiss.

Wann begreifen wir Menschen bloß, dass wir NICHT neben der Natur herleben können, sie nutzen, ausnutzen, ausbeuten können? Wir sind TEIL dieses Systems und indem wir andere Teile unseres Systems zerstören, gefährden wir den Bestand des Gesamtsystems. Und damit unseren auch.

Ach Mensch, was machst Du mit Dir?

Die beiden sind weg, ich denke, ich werde hier nur Beobachter sein. Missionieren ist für alle Seiten doof, hab‘ ich auch keine Lust zu. Ich glaube, es ist gut, einfach nur Fragen zu stellen. Fragen, die möglicherweise Konsequenzen andeuten, Inkonsistenzen aufzeigen, Nachdenken anregen.

Aber ich glaube auch, dass meine Wertungen über Fragen auch schnell rüberkommen und damit Konfrontationen begünstigen. Das will ich ja nicht – jedenfalls nicht in den jeweils aktuellen Situationen… Puhhh, schwer.

Ich packe zusammen und will losfahren. Was sehe ich? Eine Halteschraube des hinteren Stoßdämpfers hat sich ein Stück rausgedreht. Klasse. Ich schaue, ob es eine Haltemutter auf der anderen Seite gibt, die ich eventuell verloren haben könnte. Nein – zum Glück ist das Gewinde in der Schwinge und ich drehe die Schraube wieder fest.

Soll ich mich wieder über mein Rad ärgern? Ich vertage das auf morgen früh – man soll ja immer eine Nacht drüber schlafen, wenn man sich über irgendwas oder irgendjemanden ärgert.

Das ist gut so. Sonst hätte ich die Schönheit dieses Tages möglicherweise verpasst. Das helle Grün der Seen, an denen ich vorbeifahre, das Grau und Weiß der Berge, das dunkle Grün der Wälder, die Brauntöne der Steine und Erde – das sind Farben und Kombinationen, die meine Seele anmalen.

Und ich kann das alles in Ruhe genießen. Bin fast allein hier auf dem Cassiar. Es gibt zwar Autos und auch hin und wieder einen Laster, aber manchmal dauert es eine halbe bis dreiviertel Stunde, bis mal wieder wer vorbeifährt.

Ich fahre an einer Siedlung vorbei, die von „Natives“ bewohnt wird. Mir fällt auf, dass diese Menschen zwar immer wieder auf ihr nachhaltiges Leben hinweisen, das sie führten bevor der weiße Mann kam. Aber das ist jetzt vorbei. Müll, alte Autos, Schrott, Bauschutt, Reifen, alles Mögliche liegt hier einfach nur so rum. Mitten in einem der schönsten Teile der Welt, die ich bisher gesehen habe.

Warum tun die das? Kommt das Wort „Abfall“ nicht in ihrer Sprache vor und somit auch nicht die Entsorgung desselben? Es mag ja sein, dass es Abfall früher nicht gab, da alles, was Jagd, Zucht und Ernte brachten, zu allem möglichen verarbeitet wurde. Haut wurde zu Kleidung, Fleisch zu Nahrung, Knochen zu Werkzeugen, Federn zu Schmuck, und so weiter.

Tja – ich frage mich auch gerade, zu was denn bitte ein kaputtes Auto mitten in der Wildnis werden kann, außer zu einem Mini-Biotop für Insekten und Kleintiere.

Im Meer versenkte Schiffe, Panzer und Ölplattformen werden innerhalb kürzester Zeit von den Organismen da unten angenommen und bieten sogar Schutz, wenn die großen Schleppnetz-Trawler mal wieder kommen.

Ich überdenke meine Meinung über die abgestellten Autos nochmal. Komme aber trotzdem zu keiner positiven Einstellung.

Außerdem pustet der Wind jetzt mal wieder so heftig, dass jeder Gedanke mit fort geweht wird. Das zehrt echt. Das zermürbt. Es ist noch nicht mal so sehr die Gegenwehr, die das Vorankommen so langsam sein lässt. Es ist das ständige Rauschen in den Ohren. Das macht mich echt fertig. Ich fahre morgens los, es rauscht. Ich mache mittags eine Pause, es rauscht. Nur am späten Nachmittag – da lässt das Rauschen etwas nach.

Etwas Gutes hat das allerdings doch: Es relativiert Alltagsdinge zu schierem Luxus. Ich erreiche Jade City, einen „spot on the road“, wie es hier heißt.

Hier gibt es einen Parkplatz, ein paar abgestellte Baumaschinen, eine Tanke und einen Jade-Store. Früher gab es wohl mal einen Jade-Abbau hier – heute nur noch Jade-Schmuck im Laden. Und Kaffee. Aber keine Muffins. Dafür so was ähnliches wie Snickers.

Der Kaffee ist zwar lasch, aber heiß. Und das Snickers süß und fettig. Das tut gut jetzt. Ich beginne einen Smalltalk mit dem Kassenmädel – einer Studentin, die hier einen Ferienjob macht. Geil, oder? Vier Wochen hier draußen im Nirgendwo Jadeschmuck an übergewichtige Amis verkaufen, die das alles nur „greatgreatgreat“ finden und alle fünf Tage mal einen durchgeknallten Radfahrer zum Weitermachen motivieren. Ich musste früher Brote vom Band in Körbe einsortieren – in einer Brotfabrik direkt über dem Ofen. Habe ich genau zwei Tage ausgehalten, dann gekündigt und lieber Kirschen gepflückt.

Den Job dieses Mädels hier würde ich sogar für lau machen. Hmm, wahrscheinlich nicht allzu lange, weil ich manchen Amis und Kanadiern die Jadestücke nicht um den Hals sondern woanders hin schieben würde. Und das ist nicht umsatzförderlich.

Nach einer Stunde Quatschen steige ich wieder auf meine Rosinante und kämpfe gegen die Dämonen. Aber nicht in Form von Windmühlen sondern eher in Form von nur Wind.

Die Rohloff rutscht manchmal durch, ich nehm’s gelassen (die Landschaft wirkt so langsam) und nach 88 Kilometern und fünfeinhalb Stunden Fahrt suche ich mir einen Zeltplatz.

An einem Fluss werde ich fündig, baue mein Lager in ausreichender Entfernung von der Straße auf und beginne meine Tagesabschlussprozedur.

Wenn schon mal ein Fluss da ist, kann ich mich auch darin waschen. Das tue ich. Ich steige ins flache Wasser und bemerke, dass dieses ziemlich kalt ist.

Nach dem Essen steige ich schnell in meinen Schlafsack. Die Füße sind immer noch kalt. Das bleibt auch so bis ungefähr ein Uhr nachts. Ich überlege dauernd, ob ich nicht den Kocher anwerfe und mir eine Wärmflasche mache. Das ist mir aber zu viel Aufwand. Ich versuch’s mit autogenem Training: „Meine Füße sind gaaaaanz warm. Meine Füße sind gaaaaanz warm…“. Ich entscheide mich, dass ich in einer ähnlichen Situation künftig auf’s Waschen verzichten werde. Irgendwann schlafe ich ein. Mit lauwarmen Füßen.

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