1. Juni 2009 – Beef Ground und Gummibärchen in Dease Lake

Mann, war das kalt letzte Nacht. Alles angehabt. Zwiebelprinzip voll ausgenutzt – fühlte mich wie eine Gemüsezwiebel.

Nochmal mit Verlaub: Scheiß‘ auf’s Waschen, wenn Du hinterher frierst.

Zum Glück scheint jetzt die Sonne und wärmt mich wieder auf. Ich spüre richtig, wie kraftvoll die Strahlen sind und wie sie Energie in mich reinbeamen. Danke, Scotty!

Nach dem Frühstück fahre ich los und erreiche erstmalig eines dieser berüchtigten Gravelroad-Stücke. 25 Kilometer sind angesagt. Deshalb habe ich mir doch diesen ***-Trecker gekauft. Mit dieser Fuhre merke ich in der Tat nicht, ob ich auf Asphalt oder auf Schotter fahre.

Aber die Straßenbauer hier haben den Dreh letztlich auch raus. Lohnt sich eben nicht, den Permafrostboden zuzubetonieren, wenn die Kälte des Winters den Beton jedes Jahr aufs Neue aufbricht. Da kommen so große Stone-Cruncher, in deren Mulde man einfach große Steine reinschmeißt, die dann zu Schotter geknackt und fein säuberlich in den Untergrund einmassiert werden.

Wenn’s trocken ist, ist’s staubig, wenn’s nass ist, ist’s schlammig. Aber nur ein wenig jeweils.

Die Lösung ist besser als der Alcan, über den ich mit dem großen Truck fuhr. Die Schlaglöcher im Asphalt dort sind echt riesig. Hier gibt’s keine.

Ich glaube, ich könnte hier auch ungefedert gut fahren. Ist eine Option, die ich mir zuhause nochmal genau überlegen werde. Letztlich ist das Fahrgefühl auf einem ungefederten Rad direkter, genauer, fahrradmäßiger. Und schneller.

Na ja, jetzt genieße ich die Sänfte. Bis zum nächsten Berg. Antritt: Raus aus dem Sattel. Ratsch! Scheiße, tut das weh. Diese dämliche Schaltung rutscht schon wieder durch. Absteigen. Schieben. Schlagt mich, wenn ich mir jemals wieder eine Rohloff-Schaltung kaufe.

Ich fummel ein wenig an der Kabelage, drehe alle Schräubchen, die irgendwo zu drehen sind. Steige auf, fahre weiter – es funktioniert. Wahrscheinlich Zufall, aber egal.

Ich merke, dass ich einen Ruhetag bräuchte. Die Beine sind echt leer. 76 Kilometer in fünf Stunden. Das bedeutet: Viele Berge, viel geschoben. Nicht nur wegen der Rohloff.

In Dease Lake kaufe ich in einem „Supermarkt“ frisches Gemüse und Beef Ground (Rinder-Mett). Heute abend wird richtig lecker gekocht – das gönne ich mir.

Aus einem Regal lachen mich Gummibärchen an. Ich lache zurück. Es funkt zwischen uns. Quicky. Nach unserem Verhältnis bin ich 450 Gramm schwerer. Und um eine Erfahrung reicher: Die Bärchen hier sind nicht so variantenreich wie die in Deutschland. Egal, welche Hautfarbe sie haben – sie schmecken alle gleich. Bei unseren Haribos kann ich noch sagen: Ich mag die weißen, roten und grünen am liebsten und die gelben und orangefarbenen sind nur das Vorspiel für die Liebsten. Die Ami-Bärchen hier sind Blenderinnen.

Was mich ja verblüfft, ist, dass das Vorurteil widerlegt ist, in Amiland gäbe es kein vernünftiges Brot. Ich bin hier irgendwo in der Wildnis – OK, in einem Tante-Emma-Laden – und es gibt gutes Vollkornbrot. Bisschen labberig, aber gut. Das werde ich zum Abendessen und vor allem morgen früh zum Frühstück essen.

Dease Lake – in der Mitte von Nirgendwo:

In der örtlichen Library gibt es ein öffentliches Internet. Ich lese meine Mails, schreibe ein paar, schaue aber vor allem nach dem Wetter der nächsten Tage.

Auf einem Campground in Dease Lake suche ich mir ein schönes Plätzchen, dusche heiß, wasche meine Wäsche durch, hänge sie auf und mache mich an mein Abendessen.

Selten so gut gegessen.

Der Campground-Inhaber ist ein älterer Mann mit großem Interesse an meinem Rad und an meinem Vorhaben. Er sagt, dass es hier schon Wölfe und Bären gäbe, die aber normalerweise nicht ins Dorf kämen. Mir ist das sowieso egal. Ich koche rund 20 Meter vom Zelt entfernt, hänge meine Taschen über die Äste eines Baums und schlafe gut. Ohne Gedanken an Tiere.

Die einzigen Viecher, die mich stören, sind die Mücken. Aber aufgrund der Kälte sind sie noch recht lethargisch. Sie setzen sich auf meine Haut und prokeln solange rum, bis ich sie erschlage. Ich sehe zu, dass ich soviele wie möglich von ihnen kriege – letztlich will ich mehr Mücken killen als ich Stiche von Ihnen kriege. Kleine Wette in der Wildnis.

Ich liege im Schlafsack und schaue mir die Bilder des Tages an. Magere Ausbeute – irgendwie war ich heute nicht inspiriert. Macht nix – bin wahrscheinlich einfach zu müde.

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