2. Juni 2009 – Wolf pinkelt, Adler trifft nicht, Radler treffen sich

Mensch – es ist doch noch dunkel. Dämliche Köter, was kläffen die hier rum. Ich schwitze in meinem Schlafsack – gestern noch den Hintern abgefroren, heute das ganze Gegenteil.

Ich steige aus den Daunen und liege nur mit Seide umhüllt (hmmm… wunderbares Gefühl, immer wieder Streicheleinheiten…) auf meiner Isomatte.

Da wo es eben noch gekläfft hat, heult es jetzt.

O-Oh… Wölfe.

So laut jault kein Hund. Auch wenn Herrchen noch so lange im Aldi bleibt und der Schäferhund draußen angeleint ist.

Ich stecke mir Wachs in die Ohren, das dämpft die Lautstärke, und schlafe wieder ein.

Irgendwann stören mich die Stöpsel nachts immer und ich puhle sie wieder raus, lege sie in die Tasche am Kopfende des Zelts – dahin, wo alles Greifbare liegen muss: Stirnlampe, Wasserflasche, Plastikbeutel, Ohropax, Klappmesser.

Es scheint irgendwie so gegen sechs Uhr morgens zu sein. Ich höre irgendwas an meinem Zelt schnuppern. Dann plätschert’s. Der Schatten an der Zeltwand ist ziemlich groß.

Endlich. Ein Bär!

Adrenalin. Pur. Ersetzt das Blut.

Messer rausholen.

Aufklappen.

Hinknien.

Horchen.

„Hey!“ rufe ich laut.

Warten.

Der Schatten verschwindet, ich höre Laufgeräusche – leiser werdend.

Nach ungefähr zwei Minuten Stille lege ich das Messer (aufgeklappt) wieder weg, auf meine Lenkertasche. Lege mich langsam wieder hin.

Auf dem Rücken liegend spüre ich meinen Herzschlag. Gar nicht mal so schnell, aber sehr intensiv. Wahrscheinlich rauscht da jetzt mit jedem Schlag ein Wasserglas voll Blut durchs Organ. Interessantes Gefühl.

Ich fahre langsam wieder runter und schlafe irgendwann auch ein. Eigentlich schlummere ich nur noch so vor mich hin. Das genieße ich so – das Gefühl, dass die Nacht zwar vorbei ist aber der Kuschelwärmebedarf im Schlafsack eben noch ein bisschen größer ist als die allmählich emporsteigende Freude auf den neuen Tag. Ich hole tief Luft und atme mit einem lächelnden langgezogenen „hhmmmmmm…“ wieder aus. Drehe mich noch mal um und schlummere weiter.

Irgendwann wache ich auf und krabbel raus aus meinem Zelt. Es ist nicht so sehr der Handlungsdruck des Tages, der mich treibt sondern eher der der Blase.

Als ich vom Pinkeln zurückkomme, schaue ich auf die Spuren neben meinem Zelt. So große Pfoten hat doch kein Hund. Und auch für einen Wolf wäre das echt riesig. Ich ziehe mich an und gehe zum Platz-Chef. Frage, ob die Bären bis hier ins Dorf kommen. Ja, manchmal schon, aber sehr selten.

Ich nehme ihn mit zum Zelt und zeige ihm die Spuren. „Wolves! No bears.“ OK – er muss es ja wissen. Was ich von ihm jetzt weiß, ist, dass es hier in der Gegend die größten Wölfe der Welt gibt. Rocky-Mountain- oder Alaska-Wölfe sind das. Diese Art kann bis zu zwei Meter lang und einen knappen Meter hoch werden. Das passt in etwa zum Schatten von heute morgen. „Oh – he pissed at your tent“ sagt der Meister noch im Weggehen. Jetzt weiß ich was da so plätscherte letzte Nacht.

Normalerweise sind die Tiere sehr scheu und kommen nicht bis ins Dorf. Aber da die Leute hier auf dem Campground schon mal vergessen, ihr Barbeceu restlos aufzuessen oder die Reste ordnungsgemäß zu entsorgen, fühlen sich die Wölfe eben eingeladen. Ihr Geruchssinn ist ähnlich gut wie der von Bären. Und jetzt, im Frühjahr, haben sie eben Hunger.

Ein Einzelner sei nicht gefährlich – im „Pack“ kann’s schon mal brenzlig werden, sagt der alte Mann.

Ich frühstücke ausgiebig, packe meine Sachen zusammen, zahle, wünsche meinem Wirt ein schönes Restleben und fahre weiter, Richtung Süden.

Dease Lake liegt – von Norden aus gesehen – vor einem Berg. Die Bergkuppe, über die die Straße führt, heißt „Gnat Pass Summit“ und ist 1.241 Meter hoch. Und dieser Pass wird mir als der Pass-an-dem-ich-für-dreizehnkommafünf-Kilometer-einestundevierunddreißig-gebraucht-habe in Erinnerung bleiben. Echt fertig war ich danach. Schnitt unter zehn. Und dabei schaltet sich der Tacho ab, wenn die Geschwindigkeit unter 4 km/h fällt. Blödes Ding – hat keine Lust, meine Schiebereien mitzuzählen. Oder das Teil wurde von Psychologen konstruiert. Abends im Zelt sollte der Schnitt dann schon bei über 10 liegen, damit der gemeine Radler auch zufrieden einschlafen kann.

An diesem Abend sollen’s dann letztlich 62 km sein mit einem Schnitt von 12,8 km/h.

Aber vorher fahre ich noch eine Weile. Bin jetzt auf einem Hochplateau, auf dem der Cassiar Highway wie ein verträumtes Sträßchen inmitten einer idyllischen Berg- und Seenlandschaft meandert. Wunderschön hier.

Nachdem ich nun rund zwei Stunden mehr geschoben als pedaliert habe, gönne ich mir eine Rast oberhalb eines wunderbar grünblauen Sees. Enten und irgendwelche schwimmenden Hühner flirten jeweils untereinander miteinander – auch für sie ist jetzt Frühling, fruchtbare Zeit. Ich packe mein Restbrot aus, beschmiere es mit Erdnussbutter und Salz und beobachte das liebliche Geflatter und Geschwimme und Genecke vor mir. Plötzlich stiebt alles auseinander – ich weiß gar nicht warum und wundere mich. Da – platsch! – fällt direkt vor mir irgendwas Größeres ins Wasser. Da, wo eben noch das Federvieh plantschte. Das war der Versuch eines Seeadlers, einen Fisch zu fangen. Leider hat er den Anvisierten verpasst und muss ohne Beute wieder hoch. Das ist natürlich ein spannendes Schauspiel. Heute morgen Wölfe, heute mittag Adler – das ist hier wie in einem Zoo ohne Zäune. Jetzt fehlen nur noch die Bären. Ach, die kommen auch schon noch irgendwann…

Auf der Weiterfahrt kam aber erstmal Sven. Sven kommt aus Wiesbaden, seine familiären Wurzeln liegen auch in Hannover. Was für ein Zufall. Wir stellen fest, dass wir uns ungefähr in der Mitte unserer Wege treffen. Er kommt aus Vancouver und will nach Fairbanks, ich aus Anchorage und will nach Vancouver.

Sven ist ein echt netter Kerl. Er hat Probleme mit den Sitzknochen auf dem Sattel, fährt oft im Stehen und hat sich mit einer wilden Konstruktion beholfen. Ich staune nicht schlecht, als er mir den Sattelüberzug – eine Socke – zeigt, unter die er Gras und Stroh vom Wegesrand gestopft hat, um die Druckstellen besser zu verteilen.

150 Kilometer pro Tag hat er sich vorgenommen – Respekt. Aber er hat ja auch Rückenwind und kalkuliert das ein.

Die obligatorischen Fragen nach den Bären werden gestellt und nach den potentiellen Abwehrmaßnahmen. Sven hat Pfefferspray in der Lenkertasche und sagt, er könne ruhiger schlafen mit dem Pfefferspray in Reichweite.

Auch ein gutes Prinzip: Der Bär kommt, klopft an, der Mensch zückt das Pfefferspray, drückt in der Panik drauf und der Bär ist tot. Hat sich totgelacht, weil der Mensch im Zelt hustet und prustet und laut die wüstesten Flüche ausstößt.

Grübelnd fährt Sven weiter. Beruhigt ich. Ich glaube, dass ich mit dem Messer die für mich geeignetste Abwehrmaßnahme gewählt habe.

Die Weiterfahrt führt mich an hölzernen Wasserrohren, weggeworfenen Bacardi-Flaschen und toten Bäumen vorbei.

Ich dokumentiere noch eine Brücke, über die ich fahre: Der Boden besteht aus ganz normalen Gitterrosten, die auf einer Stahlkonstruktion liegen. Schwindelfrei sollte man als Radfahrer schon sein…

Es wird langsam Abend, ich bin müde und leer, suche mir ein schönes Plätzchen zum Zelten.

Nach dem Abendessen liege ich im Zelt, lasse den Musikspieler aus und höre den Wölfen zu. Sind gar nicht so weit weg, die Jungs und Mädels. Ich lasse mein Leatherman aufgeklappt auf der Lenkertasche neben meinem Kopf liegen…

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