3. Juni 2009 – Tag der Einheit

Gleich am Morgen steht rund dreißig Meter vor mir ein Wolf quer auf der Straße. Ein imposantes Tier. Ich stoppe, um ihn zu beobachten. Leider sieht er mich und läuft in den Wald.

Es folgen zwei Elche (Mooses), zwei Schwarzbären und ein Grizzly und eine Landschaft, vor der ich mich verneige.

Das ist einer der schönsten Tage meines Lebens.

Das ist ein ziemlich pathetischer Spruch und er passt nicht so recht zu mir. Ich überlege mir, warum ich heute so empfinde.

Es ist die Natur. Die Unmittelbarkeit, die Einheit mit ihr – ich bin Teil eines großen Ganzen und das große Ganze ist ein Teil von mir. Hier spüre ich das zum ersten Mal in einer besonders berührenden Weise.

Wenn ich jetzt Hunger und nichts zu essen hätte und jagen müsste, ein Tier erlegen und essen würde, wäre das für mich hier und jetzt ein zwangsläufiger Akt und eben normal, fast schon trivial. Das gilt genauso wenn mich hier und jetzt ein Rudel Wölfe oder ein Bär angreifen und töten würden.

Nicht dass ich das wollte oder herbeisehnen würde. Nur bin ich hier und jetzt von einer Schicksalsergebenheit ergriffen, die ich so noch nicht kenne.

Das sind so intime Momente mit mir, dass ich ausschließe, sie erleben zu können, wenn ich eine/n Reisepartner/in hätte.

Einen der Schwarzbären beobachte ich aus rund dreißig Meter Entfernung beim Grasfressen. Ich bin allein mit dem Tier. Ich rufe ihn an, er hebt den Kopf, sieht und ignoriert mich. Im Liegen stillt er seinen Hunger. Ist er fertig mit der Parzelle, die er liegend erreichen kann, steht er auf, geht ein paar Schritte und legt sich wieder hin, um mit dem Grasen fortzufahren. Seelenruhig.

„Never approach a bear!“ Das habe ich mir gemerkt und so dauert meine erste Begegnung mit einem Bär ohne Zaun zwischen uns rund eine halbe Stunde. Ich fühle in mich, versuche, Angst zu spüren. Ich finde nichts, wundere mich, bin einfach nur. Emotionslos. Sehe zu und spüre.

Es dauert rund zehn Minuten, bis ich auf die Idee komme, den Bären zu fotografieren. Und auch, mein Messer mal rauszuholen.

Leider komme ich mit dem 85er Objektiv trotz 1,5-fachem Crop der Nikon D300 nicht so nah ran wie ich möchte. Näher ran gehen werde ich allerdings auch nicht. Ich schaue auf den Grasbestand zwischen uns. Da ist noch viel Grün…

Hinter mir höre ich ein Auto. Es bremst ab und bleibt neben dem Bären stehen. Der Fahrer hupt, der Bär erschreckt sich und springt in den Wald. Und zwar so behänd, dass ich staune, wie ein Lebewesen eine so große Masse in so kurzer Zeit so schnell beschleunigen kann.

Ich packe meine Kamera und meinen Leatherman ein und fahre weiter, kombiniere jetzt das Aufsagen der Glocke, deren dritte Strophe ich nun kann, mit dem Aufmerksammachen für die Wildtiere.

Mir fällt ein Lied ein, dass ich als Kind nicht verstand – jetzt schon. Obwohl ich garantiert nicht gottergeben bin, singe ich laut und aus vollem Herzen „Wem Gott will rechte Gunst erweisen…“.

Nach einem aufregenden Fahr-Tag finde ich einen Zeltplatz direkt am Abgrund zu einem Canyon. Aus der Tiefe höre ich den Fluss rauschen.

Für meine Komplettdusche reichen 1,5 Liter geschmolzenes Schneewasser, ein wenig Spüli und ein Schwamm.

Ich koche mir Cheddar-Nudeln. Lecker.

Ich mache Bekanntschaft mit den ersten Blackflies. Das sind ja Mistviecher. Sehen aus wie Miniaturfliegen, landen irgendwo in der Nähe von Schleimhäuten, laufen ganz schnell auf der Haut rum und fangen dann an, ein Loch ins Organ zu schneiden.

Ich ziehe meine Regenhose an, meinen Hut auf und stülpe mein Mückennetz über. Das Equipment ist Gold wert.

Glücklich gleite ich in mein Seideninlett. In meinem Schlafsack. In meinem Zelt. In meiner Welt.

3 Gedanken zu „3. Juni 2009 – Tag der Einheit

  1. Jürgen

    „ich bin Teil eines großen Ganzen und das große Ganze ist ein Teil von mir. Hier spüre ich das zum ersten Mal in einer besonders berührenden Weise“

    ich zitier mal aus Deiner Homepage, weil ich dich für diese Beschreibung knutschen könnte. lach
    und wenn Du doch mal ein Buch schreibst (bin dafür!), dann bestelle ich es hiermit verbindlich vor.

    Danke für Deine Berichte
    Jürgen

    Antwort
  2. Arthur York

    Alles im Leben ist Veränderung. Aber ich hoffe, Du bleibst, wie Du bist. Und Du kannst es auch noch so trefflich in Worte fassen. Alles Gute auf Deinen Wegen.

    Gruss
    Arthur

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s