4. Juni 2009 – Blackflies-Strategie und anders sein

Puh, ich bin völlig erschöpft und überlege schon beim Losfahren am Morgen, ob ich nicht einen Ruhetag einlege.

Wahrscheinlich.

Der Wind ist permanent gegen mich. Das hatte ich zwar schon erwähnt, aber was soll ich sagen? Manchmal hilft auch das Jammern, die Lage zu ertragen.

Aber etwas Gutes hat der Wind eben auch: Er hält mir diese kleinen Blackflies vom Leib.

Eigentlich sind das ja gar keine Fliegen – es sind Mücken. Sie sehen aber aus wie kleine Fliegen. Sie stechen auch nicht wie die Moskitos sondern beißen eher Löcher in die Haut und saugen dann das sich darin sammelnde Blut auf. Und hier in Amerika können sie irgendwelche Fadenwürmer auf – beziehungsweise „in“ – die Menschen übertragen.

Diese kleinen Biester nerven sehr und haben es immer direkt und sofort auf Nase, Augen und Ohren abgesehen. Wenn ich anhalten muss um auf einen Bären zu warten oder zu fotografieren (oder beides), ziehe ich mir sofort mein Mückennetz über den Hut.

Ich habe mal gelesen, dass sowohl die Moskitos als auch die Blackflies letztlich nicht im Wind fliegend auf ihre Opfer warten sondern – windgeschützt – im Gras. Dazu erkennen sie optisch, dass da wer kommt und auch olfaktorisch. Riechen mich also.

Angewandtes Wissen kann ja manchmal helfen: Wenn ich pinkeln muss oder sonstwie anhalten, tue ich das in dieser verlassenen Gegend einfach mitten auf der Straße. Pinkel auch mitten auf die Straße. Die Viecher riechen mich nicht und sehen mich offensichtlich auch nicht so gut. Es hilft, ich habe kaum Probleme wenn ich mitten auf der Straße bin.

Wenn ich denn mal schieben muss, tue ich das auch mitten auf der Straße.

Und zwar oft, heute.

Die Landschaft hier ist ziemlich hügelig. Immer solche kleinen Anstiege und Abfahrten. Das zehrt. Ich habe permanent Hunger und muss aufpassen, dass ich meine mitgenommenen Rationen an trocken Essbarem in kleinen Portionen „tanke“.

Bei solchen Bedingungen sind 80 Kilometer echt schon viel – kein Vergleich zu einer Radtour an Aller oder Elbe.

Drei Bären sehe ich heute: Auf zwei muss ich warten: Ansprechen, ausweichend weitergehen und genau beobachten. Einer läuft in den Wald als er mich sieht.

Es ist ein mulmiges Gefühl, an einem fressenden Bären vorbeizugehen – ich will ja jetzt nicht jedesmal eine halbe Stunde warten bis der Herr oder die Dame satt ist. Das kann auch wesentlich länger dauern. Bären haben immer Hunger.

Im Vorbeigehen erzähle ich denen laut das Lied von der Glocke. Die ersten drei Strophen. Schiller ist offensichtlich nicht so ihr Ding.

Heute fahre ich ohne Zwischenstation. Keine Tankstelle, kein Café, kein Haus, keine Zivilisation. Außer ein paar entgegenkommende Autos. Und die Bären. Aber die sind ja unzivilisiert.

Sind sie das wirklich?

Ich habe ein Gefühl für diese Wesen entwickelt, das von Achtung und Respekt geprägt ist. Ich glaube, Bären sind hochsensible Tiere mit unterschiedlichsten Charakteren. Und intelligent sind sie wohl auch. Ich habe mittlerweile viele Geschichten über Bären gehört, die ihre Intelligenz verdeutlichen sollen – ein wenig davon wird wohl wahr sein. So hat ein Bär angeblich Steine und Stöcke in eine Falle geworfen, um sie auszulösen und sich hinterher den Köder geschnappt.

Ich frage mich, was denn bitte – wenn Tiere wie Bären oder Schimpansen eine echte Intelligenz entwickeln und anwenden können – uns soweit über diese Lebewesen erhebt, dass wir über ihr Leben, Qual und Tod nahezu konsequenzenlos entscheiden dürfen.

Aber dazu gibt es ja viele Lehrstühle an philosophischen Fakultäten der Universitäten weltweit, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen. Momentan ist die Meinung wohl noch die, dass unsere Empathiefähigkeit uns von den Tieren unterscheidet. Das läd natürlich geradezu ein, Menschen aus dem näheren und weiteren Umfeld auf Empathiefähigkeit zu analysieren…

Die Landschaft hier in British Columbia ist für mich weniger spektakulär als die in Alaska. Dort gibt es Weite und Größe und Höhe. Hier fehlt die Weite. Dafür ist die Natur wilder. Und näher. Und sie ist auf weniger Raum abwechslungsreicher.

Und das Hochplateau gestern war landschaftlich auch ein echter Höhepunkt.

Ach, die Gedanken können so oder so fliegen. Glück ist, manchmal einfach nur zu sitzen. Hier und jetzt. Ruhe genießen, Inspiration genießen, Schönheit genießen, Denken-können genießen, Nicht-denken-müssen genießen.

Vielleicht lasse ich das Denken in Kategorien einfach mal sein. Schöner, besser, spektakulärer, größer. Wieviele Streitereien haben sich wohl schon über Vergleiche anhand dieser Begriffe entzündet?

Es ist anders hier. Wie überall. Anders schön. Anders gut. Anders spektakulär. Anders groß.

Und doch: Ich erlaube mir, eine Lieblings-Fußballmannschaft haben zu dürfen. Und alle anderen sind nicht anders sondern können nix.

Ich erreiche Bell II, eine Hubschrauber-Tankstelle. Zum Glück mit angeschlossenem Restaurant und Campground. Hier schlage ich mein Zelt am Rand des Campgrounds auf – geschützt vor dem Wind und mit den höheren Bäumen in Richtung Osten, damit ich morgen früh schön lange – von ihnen beschattet – schlafen kann.

Mit aufgeklapptem Leatherman auf der Lenkertasche im Zelt und Gedanken an die Bären von heute und den morgigen Ruhetag schlafe ich ziemlich schnell ein.

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