5. Juni 2009 – Ruhetag mit Bären, Menschen und Erinnerungen

Meine Güte, ich hab‘ das Zelt doch am Waldrand aufgestellt und es ist gerade mal hell geworden – der Wind kommt doch immer erst viel später, wieso wackelt das hier so?

Noch müde öffne ich die Augen und sehe einen sich bewegenden Schatten neben und über mir.

Häh?? OK, jetzt wird’s ernst!

Mit einer schnellen, aber keinesfalls hastigen Bewegung nehme ich meinen Leatherman von der Lenkertasche.

Der Schatten verschwindet.

Ich selbst bin mucksmäuschenstill, die Atemluft kommt höchstens bis in die ersten Kubikzentimeter meiner Lunge. Das einzige was sich bewegt, sind die Augen. Blicken hin und her. Außer meinem Herzschlag höre ich nichts.

„Hey, hey, hey, wer ist da draußen? Gibt es irgendwas besonderes?“ Ich beginne leise und werde lauter während ich spreche.

Jetzt fest und laut: „Anybody out there?“

Pause. Immer noch Bewegungsstarre.

„What’s up?“

Pause.

„You can get out now!“ höre ich jemanden aus der Ferne rufen.

Ich öffne die Reißverschlüsse meines Zelts und schaue raus. Nix zu sehen, außer den Büschen, die gestern abend auch schon da waren. Und die bewegen sich nicht. Und die Baumwipfel auch nicht. Und das allgegenwärtige Rauschen des Windes in den Baumblättern höre ich auch nicht.

Wer hat dann an meinem Zelt gerüttelt? Ich ahne schon was…

Ich ziehe meine lange Hose an und krabbel aus dem Zelt.

John, ein Motorradfahrer aus den USA, um die vierzig, begrüßt mich. John kam gestern abend noch spät mit seiner Tochter Quinlan hier an. Sie ist vierzehn.

Ein Schwarzbär wäre hier im Lager gewesen, ein ziemlich großer. Zuerst bei John und Quinlan – die frühstückten gerade. Offensichtlich hat der Geruch von Brot und Erdnussbutter den Bären angelockt.

John erzählt die Story: Als der Bär vor ihnen auftauchte, stand John abrupt auf, holte sein Pfefferspray raus und stellte sich vor seine Tochter. Bären sind Jäger und Sammler und greifen sich natürlich immer erstmal das, was am einfachsten zu haben ist. In dem Fall wäre das das kleinere Mädchen gewesen.

Zum Glück war der Bär scheu genug, dann wieder ins Gebüsch abzuhauen. Aber nicht scheu genug, bei meinem Zelt aus dem Gebüsch wieder aufzutauchen.

Er richtete sich tatsächlich über meinem Zelt auf und rüttelte dran, wie John schilderte. Der Bär fasste von oben auf das Zelt, als wolle er es wie einen Kochtopfdeckel hochheben um zu schauen, was drunter ist. Dann ging er zu meiner Wäscheleine, die ich zwischen zwei kleineren Bäumen in Zeltnähe gespannt hatte und auf der meine Radklamotten zum Trocknen hingen. Auch dort richtete er sich auf und schnupperte wohl insbesondere an der Hose.

John hatte sein Spray immer einsatzbereit, wollte seine Tochter aber nicht allein lassen. Deshalb beobachtete er den Bären zunächst nur. Und fotografierte ihn.

Jetzt schaue ich mir die Bilder an. Ich bin fasziniert. Das ist tatsächlich mein Zelt und das ist ein ziemlich großer Bär, dem meine Radklamotten sicherlich zu klein sind. Und das, obwohl ich selbst immerhin über einsachtzig groß bin.

Wäre der Bär aggressiv geworden, hätte John das Spray benutzt – das glaube ich ihm auch und verstehe, dass er bei seiner Tochter blieb.

Wir kommen ins Gespräch. Quinlan ist ein sehr aufgewecktes Mädchen – ich bin beeindruckt von der Tiefe unseres Gesprächs. John bedauert, in Kanada keine Waffen tragen zu dürfen – in den USA hätte er sich in der vorherigen Situation mit einem Gewehr sicherer gefühlt. Ich nicht! Und das verdeutliche ich auch. Erstmalig lasse ich mich auf eine Diskussion über Waffenrecht ein und stelle zumindest klar, dass ein Gewehr nicht nur einen Schutz sondern auch eine Gefahr darstellt. Manchmal sogar für den Besitzer selbst, wie Johns Namensvetter, Herr Cash sang: „Don’t take your guns to town!“

Ich glaube, kognitiv ist das für die Amis verständlich – aber Kultur ist nun mal Kultur. Eine Waffe gehört zum amerikanischen Naturburschen dazu. Punkt. War schon immer so. Wird immer so sein.

John und Quinlan wollen weiter – wir tauschen Mail-Adressen aus, damit ich die Fotos von ihm kriege. Darauf bin ich echt scharf.

Ich höre in mich rein und entscheide, heute einen Ruhetag einzulegen.

Im Restaurant ordere ich ein vernünftiges Frühstück und genieße Pfannkuchen mit Ahornsirup. An den Schlabberkaffee der Amis und Kanadier habe ich mich mittlerweile nicht nur gewöhnt, ich mag ihn sogar zum Frühstück. Er betont den Geschmack des Essens eher als dass er ihn mit seinem normalerweise kräftigen Geschmack übertüncht.

Michael ist Manager von Bell II, Koch, Wander- sowie Schiführer und kommt aus Bayern. Wir kommen kurz ins Gespräch und verabreden uns auf ein Bier heute abend.

Mit Rio, der jungen Bedienung hinter der Kasse verabrede ich, dass ich einfach nur hier sitzen bleibe – im klimatisierten Raum und vor Moskitos und Blackflies geschützt meinen Ruhetag verbringe. Schiller ist dran und die Geschichte, die ich hier gerade schreibe.

Und hin und wieder ein Schnack mit Rio. Sie selbst fährt leidenschaftlich Mountainbike und empfiehlt zur Fortsetzung meiner Reise den Great-Divide-MTB-Track. Das ist die kontinentale Wasserscheide Nordamerikas und führt vom Banff Nationalpark bis runter nach Mexiko. Überlegenswert, da ich die kalifornische Küstenstraße bereits schon einmal mit dem Auto abgefahren bin. Damals noch mit einer „Ex“ drin. Manche Erinnerungen muss man ja nicht immer wieder hervorrufen.

Das bringt mich zur Frage, welche Erinnerungen welchen Wert haben. Heute habe ich ja Zeit, mal nachzudenken. Ich merke für mich, dass mir Erinnerungen grundsätzlich wichtig sind. Wichtiger als früher. Mit meiner Erfahrung weiß ich, dass sie mich bereichern. Dass sie einen Reichtum darstellen, der vielleicht verloren gehen kann, der mir aber nicht weggenommen werden kann. Und einen möglichen Verlust merke ich nicht. Vergessen ist eher wie ein Neusortieren oder Wegwerfen von Unwichtigem. Und ich vertraue darauf, dass die Zeit Wunden heilt. Wunden, die ebenfalls Erinnerungen sind.

So eine Wunde kann ganz schön lange weh tun. Und kein Mittel hilft dagegen. Vor allem, wenn sie auf vorsätzlicher Verletzung, auf Vertrauensbruch, auf Lügen, auf niederen Motiven beruht. Solche Erinnerungen sollten rar bleiben – kann man sich aber dagegen wehren sie zu haben?

Aktiv ja. Ich meine: Ich setze mich nicht hin und erinnere mich aktiv an alle meine kränkenden Erinnerungen.

Passiv nein. Über Assoziationen können wir nicht verhindern, dass wir immer wieder auch an Situationen erinnert werden, die wir gerne abhaken möchten.

Also bleibt mir doch lediglich, dafür zu sorgen, dass das Leben, das ich hier und jetzt führe, so angelegt ist, dass Verletzungen und Intrigen gegen mich ausbleiben. Das heißt: Das Leben von heute ist die Erinnerung von morgen. Bewusst leben, defensiv leben, auf einen stabilen Ethos vertrauen. Das fällt mir spontan dazu ein.

Diese Reise hier ist eine wunderbare Quelle für tolle Erinnerungen. Erinnerungen an Menschen, an Landschaften, an Tiere, an Herausforderungen und deren Bewältigung. An Situationen, in denen ich mit mir und dieser Welt eins bin. Das sind wertvolle, positive Erinnerungen. Ich schreibe sie auf, um sie nicht zu verlieren. Papier vergisst nicht. Und ein Reiseblog auch nicht.

Erinnerungen brauchen aber auch Zeit. Ich meine Ruhe. Und innere Bereitschaft, um positiv wirken zu können. In der Alltagshektik und beruflichem sowie privatem Stress kommen Erinnerungen nicht zur Entfaltung. Da können Erinnerungen an schöne Stunden mit der ersten Freundin sogar zynisch wirken, wenn man gerade im dicksten Scheidungsstress steckt.

Jetzt, nach knapp drei Wochen Alleinsein, komme ich langsam zu mir. Weicht der Stess der letzten Jahre so langsam. Ich habe eine Idee davon, wie es ist, wenn er ganz abfällt. Und da kann ich sowohl meinen Erinnerungsschatz positiv aktivieren als auch die Erlebnisse dieser Reise als Erinnerungen für später festhalten. Mit dem Fotoapparat, mit dem Tagebuch und mit meinem Gedächtnis.

Schiller ist jetzt wieder dran. Die vierte Strophe. Rio fragt, wer das war. Ich sage, ein Freund. Ein Mensch, der schon vor 250 Jahren wusste, was in meinem Leben bedeutsam sein sollte. Wenn Du ein Gedicht auswendig lernst, gibt es keine verlorene Zeit. Dann kommst Du auch an einem Ruhetag voran.

Auf einem leeren Blatt kalkuliere ich nochmal die vor mir liegenden Streckenabschnitte:

Smithers 300 km / 4 Tage Rad – Jasper 2 Tage Bahn – Lake Louise 230 km / 3 Tage Rad – Castlegar 600 km / 8 Tage Rad – Hope 650 km / 8 Tage Rad – Vancouver 150 km / 2 Tage Rad.

OK – abhaken, das schaffe ich nicht mehr. Also: Entweder Banff/Jasper streichen oder noch mehr Bus und Bahn fahren.

Ich glaube, ich will Rad fahren. Nicht wie ein Japaner irgendwo hinhoppen, kurz fotografieren und weiterhoppen. Also lasse ich die Nationalparks und fahre direkt Richtung Vancouver.

Am Abend zeige ich Michael meine bisherigen Bilder auf seinem Laptop. Ich bin echt beeindruckt – er auch. Wir trinken Bier zusammen und schnacken über Deutschland (er ist schon ziemlich lange hier) und Kanada und die Unterschiede. Das Übliche.

Das Schöne am Biertrinken ist, dass ich trotz Ruhetag am Abend so richtig schön müde bin. Im Zelt lege ich den Leatherman wieder aufgeklappt auf die Lenkertasche neben meinem Kopf.

2 Gedanken zu „5. Juni 2009 – Ruhetag mit Bären, Menschen und Erinnerungen

  1. Jörg Pfaffenbach

    Hallo Jörg,

    deine Berichte sind echt klasse.
    Respekt vor deinem Mut und dem Durchhaltevermögen.
    Ich denke oft an die Fahrten über den Rennsteig. Deine Entwicklung.. Hut ab…

    Liebe Grüße von Jörg aus Kassel…

    Antwort

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