6./7. Juni 2009 – Blackflies, Moskitos, Thunfische

Die Blackflies killen mich! Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht bis Vancouver trampe und da unten ein paar Rundtouren unternehme.

Diese Kriebelmücken sehen aus wie kleine Fliegen, sind aber Blutsauger. Gemein sind die. Ich frage mich nach dem Nutzen solcher Viecher und wer die erfunden hat.

Die Indianer (politisch korrekt: Natives) hatten ja früher mit ihren Art-, aber anderen Stammesgenossen manchmal nicht viel gutes im Sinn. Unter anderem galt es als Kunst, Gegner trotz Folter so lange wie möglich am Leben zu erhalten.

Wenn ich Indianer von früher wäre, würden Blackflies bei meiner Methode eine wesentliche Rolle spielen.

Ansonsten hält der Tag Gegenwind und vier Schwarzbären bereit. Das Menü ist mittlerweile etwas eintönig und insbesondere der Wind schwer verdaulich.

Wenn ich allein schon das Rauschen in den Ohren höre und die Blätter der Bäume und Büsche sehe, die irgendwie in die falsche Richtung zeigen, dann frage ich mich, warum gerade dieses Jahr der Wind falschrum weht.

Nach 93 Kilometern und sechs Stunden Fahrt finde ich am Meziadin Lake einen wunderschönen Campground.

Zwar gibt’s hier keine Blackflies, aber ihre schlanken Kolleginnen, die Moskito-Damen finden mich sehr attraktiv. Am See waschen? Fehlanzeige. Die Prozedur geht in etwa so:

Rad abstellen, Moskitos wegwedeln. Mückennetz aus der Trikottasche über den Hut werfen – aufpassen, dass keine Moskitos drunter sind. Eine Hand wedelt, die andere wühlt in der linken hinteren Packtasche nach den Regenklamotten. Regenjacke anziehen. Niedergelassene Moskitos auf den Beinen erschlagen. Regenhose anziehen. Off (diesen Insektenabwehr-Cocktail) aus der Lenkertasche holen, Handrücken einreiben. Schwitzen. Es herrschen rund 27 Grad Celsius.

Zelt aufstellen – jetzt in Ruhe. Isomatte, Schlafsack, Kissen, Kulturtasche reinwerfen. Alles nacheinander – Reißverschluss minimalst öffnen, Teil rein, Reißverschluss schließen. Auf – rein – zu. Auf – rein – zu. Konzentration, jetzt ich selbst. Auf – rein – zu. Schauen, wieviele Biester mit rein sind. Killen. Ausziehen, feuchte Tücher rausholen, „waschen“ (außer die Handrücken), Baumwollklamotten anziehen, Regensachen drüber, Hut auf, Mückennetz drüber, auf – raus – zu.

An der Rezeption kaufe ich mir eine Dose Thunfisch. Ich frage nach dem MSC-Siegel. Rätselraten. „Marine Stewardship Council“ – ein Hinweis darauf, dass nicht so viele Delphine mitgefangen werden und qualvoll umkommen.

„Never heard of that!“ höre ich als Antwort.

„The brandmark or that dolphins are killed while fishermen are hunting tunas?“

„Both.“

„OK. One can of tuna though.“ Ich sehe das Siegel und kaufe mir die Dose für das Abendessen.

Nach einer ruhigen Nacht, in der ich einmal aufwache und in einen Plastikbeutel gepinkelt habe, um nicht raus zu müssen, ist am Morgen erstmal Ruhe. Vor den Moskitos. Aber dafür kommen die Blackflies bald.

Meine Güte – Was für Tage! Der komplette Rhythmus wird bestimmt von den kleinen Schwarzen. Moskitos, Blackflies. Selbst der Wind hält sie nicht ab. Sie kriegen einen immer. Und die Löcher, die die Blackies beißen, sind echt groß.

Ich kann doch nicht in Regenklamotten bei praller Sonne fahren, da schwitze ich mich irre!

Aber so machen mich die Viecher irre. Das ist die größte Herausforderung dieser Reise. Ich bin absolut wehrlos! Was für ein Gefühl: Landschaft, Hunger, Bären, Erschöpfung, Natur – alles unwichtig. Nur der Hass auf diese Biester bewegt mich.

Um fünf Uhr nachmittags geht nix mehr. Auf einem Parkplatz baue ich mein Zelt auf, die Prozedur ist die gleiche wie gestern abend und vorgestern und vorvorgestern und morgen und übermorgen und… ich werd‘ noch verrückt!

Ich liege im Zelt und fühle mich wie in einer Oase. Isomatte und Kopfkissen brauche ich nicht. Das autogene Training dauert keine Minute, dann bin ich weggedöst.

Nach rund einer halben Stunde bin ich wieder wach. Überlege, ob ich hierbleibe oder weiterfahre. Noch 55 Kilometer Cassiar Highway. Noch 55 Kilometer Mückengebiet. Auf dem Campground gestern sagten sie, dass das unten in Hazelton zu ende sei mit den Moskitos. Normalerweise. Aber dieses Jahr wüssten sie’s auch nicht. „Not usual!“ – hatte ich schon ein paar mal.

Ich packe mein Zelt zusammen und fahre noch ein paar Stunden – zwischen sechs und neun fahre ich gern, hab‘ ich ziemlich oft einen Lauf. Endlich habe ich mal Rückenwind, kann mal wieder die Landschaft genießen, ahnen, warum ich überhaupt hier bin.

Nach 100 Kilometern und knapp 15 Kilometern vor Kitwanga, dem Ende des Cassiar, schlage ich mein Zelt auf. Morgen ist’s vorbei mit Insektenplage. Hoffentlich.

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