8. Juni 2009 – Das Ende des Cassiar, der Anfang der zivilisierten Welt

Kitwanga. Das Ende des Cassiar, Beginn des Yellowhead. Ich bin völlig geschafft.

Eine kleine Kirche begrüßt mich am Ortseingang – mit einem echten Heiligenwölkchen drüber, wie gemalt. Das ist wirklich die einzige Wolke am Himmel – erstaunlich.

Als erstes fahre ich in ein Café. Bestelle mir zwei Donuts und zwei Muffins. Und einen großen Kaffee mit free refill. Da das Café erstaunlich klein ist und erstaunlich voll ist, setze ich mich an einen Tisch, an dem schon ein älteres Ehepaar sitzt. Er ist – na sagen wir mal: extremstfüllig, sie normal. Na ja, was hier eben „normal“ ist. Ich bin jedenfalls unnormal – mit meinem BMI von rund 20.

Holländer! Seit vierzig Jahren hier, aber: Holländer! Ich finde es fast schon aberwitzig, dass ein so kleines Land sich einem in der ganzen Welt immer wieder aufdrängt. Aber wir unterhalten uns wenigstens auf englisch. Na ja, die beiden sind ganz nett. Aber er frisst wirklich wie eine Maschine. Hat kaum die Möglichkeit, sich nach vorn zu beugen, da er dann mit seinem Bauch den Tisch verschieben würde. Er greift nach seinem Kaffeelöffel und dieser fällt ihm runter.

Jetzt wird’s spannend, denke ich. Statt auch nur den Anschein zu machen, sich bücken zu wollen, redet er seelenruhig weiter. Seine Frau bückt sich und hebt den Löffel auf. Und beide vermitteln den Eindruck, als sei genau das das Selbstverständlichste von der Welt. Er kann halt nicht und sie hilft ihm.

Fett sein als Behinderung. Selbst gemacht, selbst verschuldet. Toll. Was, wenn seine Frau auch nicht mehr kann? Wer hilft solchen Menschen dann eigentlich? Wird die Betreuung von den Krankenkassen bezahlt, also von mir? Himmel, ich als Finanzierer der Dekadenz der Überflussgesellschaft.

Manchmal finde ich die Idee sympathisch, unser Überleben hinge immer noch davon ab, ob wir das nächste Reh erlegen, um uns zu ernähren und davon, dass wir schneller als Bären und Wölfe sind, um nicht selbst gefressen zu werden.

Der Skeena River ist ein imposanter Fluss. Ich stehe auf der Brücke und schaue nach rechts, nach Westen.

Den Yellowhead bis Prince Rupert fahren? Ich überlege. Knapp 250 Kilometer eine Strecke. Und Einbahnstraße, also die gleiche Strecke wieder zurück. Und das Wetter am Pazifik ist unberechenbar. Ich kann die fünf Tage nicht erübrigen und biege links ab.

Auf dem Yellowhead Highway geht es wesentlich turbulenter zu als auf dem Cassiar. Kein Wunder – er verbindet zwei wirtschaftliche Knotenregionen miteinander: Das Fährterminal in Prince Rupert und die Holzindustrie-Zentrale in Prince George im Zentrum British Columbias.

Ein Schild warnt vor Hitchhiking, dem Fahren per Anhalter. Der Yellowhead hat zwischen den beiden genannten Orten auch den Beinamen „Highway of Tears“ – in den letzten Jahren verschwanden dort über 30 Frauen oder wurden ermordet. Alle waren als Anhalterinnen unterwegs oder nahmen Anhalter mit.

Also: „Eastbound“ geht’s weiter.

Die Landschaft ändert sich schnell. Teilweise habe ich den Eindruck, ich bin in den Alpen unterwegs. Die einsamen Brocken Alaskas und die rauhe Natur des Cassiar werden abgelöst durch alpines Gelände mit Bergen, Tälern, Wiesen, Weiden und Almen.

Und Zäunen. Spätestens die erinnern mich daran, dass ich wieder in der Zivilisation angekommen bin.

In Hazelton kaufe ich mal wieder ordentlich ein. Die Verkäuferin erzählt mir von einem Campground, der von den ‚Ksan Natives betrieben wird – in Eigenregie. Unten am Skeena River. Das reizt mich, den Umweg nehme ich gern in Kauf. Außerdem müsste ich mal wieder duschen und meine Wäsche waschen.

Mein Zelt baue ich dann auch tatsächlich auf dem Campground und direkt rund fünf Meter vom Skeena River entfernt auf. Aber eine Illusion wird mir genommen: Moskitofreiheit. Na ja, ich habe mich mittlerweile an die Insekten gewöhnt. Die Moskitos sind auch das kleinere Übel – im Gegensatz zu den Horseflies und den Blackflies.

Es gibt Nudeln mit frischen Paprika, Ingwer, Grounded Beef und Chili zum Abendessen. Lecker.

Einer meiner Lieblingsausrüstungsgegenstände ist mittlerweile mein Seiden-Inlett geworden. Ich freue mich jeden Abend, wenn ich da reinschlüpfe, über das wohlige, streichelnde Gefühl auf meiner Haut.

Morgen will ich mir das Dorf der Natives anschauen, das sie hier direkt neben dem Campground aufgebaut haben.

Ach, ich lasse nochmal meine Gedanken über die letzten siebenhundert Kilometer fliegen – über den Cassiar Highway und alle Erlebnisse, die ich dort sammeln konnte. Und schlafe sehr zufrieden ein.

Ein Gedanke zu „8. Juni 2009 – Das Ende des Cassiar, der Anfang der zivilisierten Welt

  1. Helge

    Fett sein als Behinderung: Vielleicht darf man das nicht nur negativ sehen. Wir Menschen sind wohl doch soziale Wesen und deshalb besonders überlebensfähig. In Studien über Menschen, die in Extremsituationen überleben mussten, haben komischerweise selten bis nie die fittesten überlebt sondern immer nur diejenigen, die in einer Kleingruppe zusammengehalten haben. Stell Dir doch mal eine Periode extremer Nahrungsknappheit vor, slebst die fitten erbeuten keine Wildtiere mehr, da hängen wir Hungerhaken dann schon nach einigen Tagen ganz schön am Zahnfleisch, die Dicken können jetzt endlich mal zeigen, wozu ihre Reserven gut sind. Und nach ein paar Wochen gibt´s wieder was zu kauen und die verschlankten Dicken päppeln jetzt die erschlafften Hungerhaken wieder auf. Na ja das Problem unserer Überflussgesellschaft ist nur, dass es dieses auf und ab nicht mehr gibt, hat so ein dicker Holländer früher einmal seinen Segler noch heil in den Hafen gebracht, wenn die Leichtmatrosen halbverhungert unter Deck rumlagen, so schaden die mit dem Übergewicht einhergehenden Selbstverstümmelungen und Folgeerkrankungen den dickeren Zeitgenossen inzwischen eigentlich nur noch, obwohl ihr Erbgut bestimmt einmal bestimmt das Überleben der Menschheit ermöglicht hat. Ganz fatal ist natürlich, dass jetzt auch noch von Maschinen die Mobilität übernommen wird, da ist dann auch noch das letzte Selbstregulativ abgeschafft, denn ein Dicker verbraucht beim Radfahren natürlich wieder viel mehr seiner überflüssigen Energie. Schade, dass im Schulsport nicht die Freude an eigener Bewegung vermittelt wird, sondern in erster Linie die Nachwuchskaderschmiede für den Leistungssport gesehen wird. Im anderen Fall wären diese Auswüchse bestimmt auch nicht so extrem oder würden sich in einem für die Betroffenen erträglichen Maß einpendeln.

    Eigentlich wollte ich nur Deine Gedanken zum Survival of the fittest etwas korrigieren, nun ist da gleich ein statement draus geworden. Toll wie Du Deine Gedanken während Deiner tour in Deine Beschreibungen einfließen läßt, das ist doch sehr anregend beim Lesen.

    Antwort

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