10./11. Juni 2009 – Persönliches Feast, Bahnfahrt locker, Begegnungen

10. Juni 2009

„Hey George!“

„Hey George!“

„Hmmm…?“ Ich schaue auf meine Uhr – es ist halb sieben.

„Hey George!“

„Yeah?“

„Morning!“

„Morning!“

Anscheinend ist in Matt ein Jäger versteckt – Jäger stehen früh auf. Ich ziehe mir was über und krabbel raus aus meinem Zelt.

„Nice day!“ meint Matt

„Yeah!“

Ich kann noch nicht so viel reden so früh am Morgen.

Ich gehe zu ihm ins Haus und fühle mich vom Fernseher genervt, der den ganzen Tag läuft. Dabei ist das Programm gestört und der Ton ist völlig verrauscht. Matt schaut auch gar nicht hin. Na das wird was…

Nachdem ich im Bad fertig bin, hole ich Haferflocken, Erdnussmus, Studentenfutter und Honig aus meinen Radtaschen und koche uns ein nahrhaftes Frühstück. Matt kocht Kaffee und gibt die Milch dazu.

Sowas kennt Matt nicht – aber ihm schmeckt das offensichtlich sehr gut. Dennoch fehlt ihm Ahornsirup. Ein halbes Wasserglas davon landet dann schon noch auf seinem Teller. Gut – mir wäre das zu süß.

Ich frage, ob wir die Flimmerkiste ausschalten können – kein Problem. Ruhe. Schön.

Matt erzählt mir noch ein wenig von seinen Angel-Touren und zeigt mir stolz eine alte und schwere Taschenlampe. Ich erzähle ihm von den modernen Stirnlampen, die mit LED funktionieren, leicht sind, eine lange Batterielaufzeit haben und wasserdicht sind. Und da man sie um den Kopf trägt, hat man beide Hände zum Hantieren frei.

Das wäre eine gute Idee, sagt Matt.

Ich denke daran, dass ich heute noch nach Smithers fahre, dass es dort garantiert Outdoor-Läden gibt und ich mir eine neue Stirnlampe kaufen kann. Gehe raus ins Zelt, hole meine Stirnlampe rein und lege sie auf den Tisch.

Da liegt schon eine Holzmaske. Matt schenkt sie mir, sagt, er hätte sie selbst auf dem letzten Feast geschenkt bekommen. „Our spirit!“ sagt er.

Ich sage, dass wir heute auch Feast machen und gebe ihm meine Stirnlampe. Matt freut sich wie meine Kinder letztes Jahr Weihnachten. Die Lampe hat für ihn einen großen praktischen Nutzen und eben die traditionelle Bedeutung, dass sie mit einem Freund getauscht wurde.

Ich selbst frage dreimal nach, ob ich die Maske wirklich mitnehmen könne.

„Sure!“

Nachdem ich mein Rad gepackt habe, binde ich die Maske vorn an meine Lenkertasche.

„Good spirit!“ sage ich zu Matt. Der lacht.

Wir geben uns zum Abschied die Hand – wie zwei Männer – und für mich geht’s weiter, Richtung Osten, Richtung Smithers.

Matt wird selbst wohl wieder einen eher tristen Tag verleben in seinem Haus in Moricetown.

Die 40 Kilometer Landschaft bis Smithers sind eher landwirtschaftlich geprägt. Erinnern mich an Nordhessen: Weiden, Kühe, Pferde, geschwungene Hügel, Bauernhöfe. Nur Dörfer gibt es hier nicht. Dafür riesige Farmen mit mondänen Häusern drauf.

In Smithers selbst genieße ich erstmals wieder so etwas wie „Stadtathmosphäre“. Menschen, Läden, Möglichkeiten.

Kurz nach dem Ortsschild fahre ich auf den Parkplatz des ersten großen Supermarktes. Kaufe mir Süßigkeiten und Nüsse in der Bulk-Food-Abteilung.

Draußen packe ich die Sachen in meine Packtaschen, eine Frau spricht mich an. Sie ist ungefähr mitte dreißig, attraktiv. Sechs Kinder hat sie – wow! Die drei, die sie dabei hat, sind ruhig und schauen mich interessiert an. Ihre Fragen lese ich in ihren Gesichtern: Ungepflegter Bart, kurze enge Radhose, braungebrannt, mit einem Fahrrad unterwegs, was ist das für ein Typ? Ihre Mutter sagt, dass sie den Drang hatte, mich anzusprechen und mich als „Traumverwirklicher“ bewundert. Nach einem kurzen Gespräch über meine Herkunft und meine Ziele streichelt sie mir kurz über den Arm und geht mit den Kindern in den Supermarkt. Huch… was war jetzt das?

In einem Outdoorladen kaufe ich mir eine neue Stirnlampe, in einer Bäckerei (sic) ganz leckere Donuts und sonstige Süßigkeiten, am Bahnhof Fahrkarten nach Prince George. Zwei Stunden habe ich noch bis der Zug fährt. Setze mich auf eine Bank im Stadtpark von Smithers, esse meine Leckereien und hole etwas Schlaf nach, den ich heute morgen abbrechen musste…

Der Dieselzug kommt pünktlich. Mein Fahrrad soll in den Gepäckwagen vorne. Ach Du meine Güte – die Türschwellen der Waggons sind so hoch und der Bahnsteig so niedrig, das ich nicht weiß, wie ich meine Rad-Fuhre in die Zug-Fuhre reinkriegen soll. Ein freundlicher Bahnarbeiter kommt und hilft mir.

Ich gehe nach hinten in einen Passenger-Coach und suche mir ein freies Plätzchen. Der Waggon ist ungefähr halb voll – nette Gesellschaft, ich setze mich an einen Tisch, am Tisch neben mir zwei junge Mädels.

Im Laufe der Fahrt nach Prince George lerne ich die beiden kennen – eine Schweizerin und eine Holländerin. Pia, die Schweizerin will auch mal die Panamericana abfahren, aber mit dem Motorrad. Ist hierher nach Kanada ausgewandert, weil sie sich in der Schweiz zu sehr eingezwängt gefühlt hat. „Alles so eng, räumlich und auch geistig.“

Die Pünktlichkeit der Schweizer geht ihr extrem auf die Nerven. Und dass alles geregelt sein muss.

Hier in Kanada nehme man es nicht so genau mit der Pünktlichkeit und überhaupt sei alles ziemlich locker, käme ihrem Naturell wesentlich näher. Lena, die Holländerin, meint, dass das in Deutschland doch auch so sei.

Ich fühle mich leicht herausgefordert und versuche, zu verdeutlichen, dass Pünktlichkeit ja nicht per se schlecht sei. Wenn ein Flugzeug einen Flugplan hat, der wiederum von anderen Flugplänen abhängt und der auch selbst wieder andere Flugpläne beeinflusst, dann ist es sinnvoll, den einzuhalten. Wenn dann eben ein Passagier zu spät kommt, hat der Pech und nicht 400 andere, die im Flugzeug warten.

Und eine Operndiva hat sicherlich auch keine Lust, bei einer ruhigen Arie im Konzert ständig durch Spätkommer gestört zu werden. Und ich glaube, dass da auch die Kanadier keinen Spaß mehr verstehen und die Lockerheit ihre Grenzen hat.

Jedenfalls hat die Lockerheit beim Einhalten des Fahrplans dieses Zuges hier keine Grenzen. In Deutschland ist es so, dass die langsamen Güterzüge in der Regel auf ein Nebengleis gestellt werden, wenn auf einspuriger Strecke ein Personenzug überholt oder entgegenkommt. Hier sind entweder die Güterzüge zu lang oder die Nebengleise zu kurz. Jedenfalls muss dieser Zug, in dem wir hier sitzen, permanent warten, bis wieder einer von diesen hunderte von Metern langen Mega-Zügen vorbei ist. Und da die Strecken hier offensichtlich noch aus den Wild-West-Cowboy-Zeiten stammen, ist der Begriff „zügig“ hier nicht auf Güterzüge ausgerichtet.

Wir erreichen Prince George kurz vor Mitternacht mit siebeneinhalb Stunden Verspätung. Es ist dunkel. Alle werden von irgendwem abgeholt oder gehen in ein vorgebuchtes Hotel.

Nur ich soll mir jetzt einen Zeltplatz suchen? Schnickschnack. Ich entscheide mich, einen Ruhetag einzulegen, Materialpflege zu betreiben und gehe ins nächste Hotel. Eine ältere Dame begrüßt mich total freundlich, bietet mir ein Zimmer für 150 CDN-Dollar und zwei Nächte an. Ich versuche wieder, zu verhandeln, wie oben in Alaska, aber die Hoteliers hier in Amerika haben offensichtlich alle die gleichen Gene. 150. OK – ich zahle und genieße eine heiße Dusche und ein frisches Bett.

11. Juni 2009

Ruhetag: Spazierengehen, einkaufen, Material pflegen, Mails schreiben, essen, mit Leuten quatschen. Easy Living.

Das bemerkenswerteste an Prince George, einer zentrumslosen Business-Stadt, ist, dass sie mückenfrei ist.

Ich gehe nochmal meine Route durch. Jasper und Banff hatte ich mir vorgenommen, aber nicht erreicht. Dafür habe ich Ziele erreicht, die ich mir gar nicht vorgenommen hatte:

So viele tolle Menschen erlebt. Ich habe den Cassiar durchgehalten. Wildnis und Abgeschiedenheit lieben gelernt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich noch mehr davon nur über das Wandern erleben kann. Ich wünsche mir, dass ich mehr Zeit hätte für eine solche Tour. Ich nehme mir vor, dass ich mehr Zeit haben werde für eine solche Tour. Dann werde ich Radfahren und Wandern kombinieren.

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