12. Juni 2009 – Arsen und Spitzenhäubchen und Shining

So – meiner nächtlichen Eingebung folgend habe ich mich endgültig für die Süd-Variante entschieden. Jasper und Banff mache ich irgendwann mal extra – vielleicht wie Rio empfohlen hat als Bestandteil der Great-Divide-Tour.

Das heißt: Ich fahre jetzt über Quesnel und den Sea-to-Sky-Highway direkt nach Vancouver. Kann sein, dass ich etwas früh dort bin, aber es soll ja eine schöne Stadt sein, die für einen Radler nach fünf Wochen auf dem Rad sicherlich etwas Abwechslung bieten kann.

Mein Fahrrad will nicht so richtig durch den engen Treppenaufgang passen und ich jongliere ganz schön rum. Die beiden älteren Damen an der Rezeption des Hotels schauen interessiert zu – gar nicht so sehr mit dem kritischen „Pass-ja-auf-und-mach-nix-kaputt!“-Blick sondern offensichtlich sich fragend, was das schwarze Ding da denn sei. Wie ein normales Fahrrad sieht das jedenfalls nicht aus.

Bevor sie mich weglassen, muss ich erst noch ein paar Fragen beantworten und mir anhören, dass der Enkel der einen auch immer so wilde Touren im Gelände macht – aber ohne Gepäck. Ich merke ein wirklich echtes Interesse an mir als Mensch. Auch, dass ich aufpassen soll auf die Bären, klingt besorgt. Letztes Jahr wäre ein Russe namens Ivanow hier in der Nähe von einem Grizzly getötet worden.

Das Gespräch mit den beiden erinnert mich an „Arsen und Spitzenhäubchen“ – wie die beiden Schwestern gestikulieren meine beiden Empfangsdamen miteinander.

Ich verlasse Prince George in Richtung Westen auf dem Yellowhead – also Richtung „zurück“. Ich habe keine Lust auf viel Verkehr und will eine der Waldstraßen fahren, die auf meiner Karte gerade noch eingezeichnet sind. Baldy Hughes ist ein Ort, zu dem eine dieser Straßen führt.

Nach knapp 15 Kilometern habe ich immer noch keine Straße links ab gefunden. Ich werde stutzig und frage an einer Tankstelle nach Baldy Hughes. Der Kassierer fragt mich ob ich mir sicher wäre. Ziemlich sicher bin ich. Na ja, Baldy Hughes sei ein Irrenhaus, das von einem ehemaligen Politiker gemanaged würde, der wegen Drogendelikten zurücktreten musste und den man jetzt dorthin abgeschoben hätte.

Ich frage trotzdem nach dem Weg und muss eingestehen, dass ich schon rund drei Kilometer zu weit gefahren bin. „Blackwater Road“ sagt der Kassierer, Richtung Prince George, nach zwei Minuten rechts ab.

Ich frage wieviel das in Meilen sei. Weiß er nicht. Hier wird in Minuten und Viertelstunden gerechnet. Auf Auto-Tempo bezogen.

Ich will nicht großartig insistieren und rechne. Zwei Minuten bei 50 Meilen pro Stunde, das sind rund 75 Kilometer die Stunde, durch 30 sind zweieinhalb. Gut – ist doch mal was.

Die Blackwater Road sieht eher aus wie eine Seitenstraße zu einem Grundstück – deshalb habe ich sie vorhin auch ignoriert. Jetzt fahre ich rein. Nach wenigen Kilometern bin ich endlich wieder in der Wildnis.

Die Moskitos begrüßen mich auch ganz aufgeregt. Ihre schwarzen Kumpels, die Blackflies, haben sie allerdings nicht dabei. Na wenigstens etwas.

Der Weg nach Baldy Hughes ist nicht ausgeschildert. Das lässt mich schon stutzen – die Blackwater Road fahre ich wohl. Dafür finde ich am Straßenrand ein Schild des „Prince George Rod and Gun Club“. Das Gelände hinter diesem Schild ist wohl eine Spielwiese für schießwütige Kanadier – jedenfalls würden alle verfolgt, die das Gelände betreten würden. Ich würde mich nicht wundern, wenn die aus fahrenden Trucks heraus auf irgendwelche Zielscheiben oder auch wilde Tiere schössen. Zwar sind die Waffengesetze hier in Kanada wohl etwas schärfer als in USA, aber ich kann zwischen beiden Nationen kaum Unterschiede in Haltung und Verhalten finden. Die Kanadier hätten den Unterschied zu ihren südlichen Nachbarn gerne größer als er ist.

30 Kilometer nachdem ich vom Yellowhead abbog, erreiche ich Baldy Hughes. Es ist heiß und staubig und ich will fragen ob ich Wasser nachfüllen kann.

Das Gelände hat etwas kasernenhaftes, ist allerdings nicht ganz so groß – vielleicht hundert mal hundert Meter. Ungefähr zehn Baracken stehen drauf, wobei sie ansprechend und gepflegt aussehen. Auf dem Parkplatz vor dem Haupthaus stehen Autos und Motorräder.

Ich gehe durch die offene Haustür und horche nach Stimmen.

Nichts.

Ich rufe: „Hello!“.

Nichts.

Nochmal: „Hellooho!“.

Nichts.

Eine Katze kommt und windet sich um meine Beine – will gestreichelt werden.

Und wieder erinnere ich mich an einen Film: „Shining“. Nicht ganz so lustig wie die Film-Assoziation heute morgen.

Da ich Wasser will, gehe ich ins Haus und schaue mich um. Das Büro ist verlassen, ansonsten gibt es nur Zimmer im Erdgeschoss. Ich gehe die Treppe runter, rufe nochmal. Kein Mensch zuhause. Unten im Keller finde ich eine Art Waschküche. Meine beiden Wasserflaschen sind schnell gefüllt, ich gehe wieder hoch und raus. Schaue nochmal zu den Nachbarhäusern, ob mich von dort vielleicht jemand beobachtet hat.

Ich bin mir bei den Amis eben nicht so ganz sicher – vielleicht sitzt irgendwer mit einem Gewehr im Anschlag am Fenster und hat mich im Visier.

Offensichtlich sind aber alle ausgeflogen – bei dem Wetter lädt der nahe Lynx Lake wahrscheinlich zum Baden ein.

Ich steige wieder auf mein Rad und fahre weiter. Der Fahrbahnbelag ändert sich allerdings genau hier. Die Straße wird zur Gravelroad – jetzt bin ich wirklich im Hinterland angekommen. Das erzeugt allerdings ein Problem, das ich bisher noch nicht hatte: Kreuzungen. Da es im Wald weder Wegweiser noch Haupt- und Nebenstraßen gibt, muss ich immer nach Gefühl und Orientierung abbiegen oder geradeaus weiterfahren.

Das Fahrgefühl selbst auf Gravel ist ordentlich – war von meinem Trekker auch nicht anders zu erwarten. Ich wundere mich immer wieder über die Haftung meiner Conti-Reifen, die in der Mitte völlig blank sind und nur an den Seiten ordentliche Stollen haben. Auf Asphalt laufen sie völlig ruhig und im Gelände greifen die Stollen da ein wo die Mitte ins Rutschen kommt. Gute Konstruktion.

Allerdings wird es jetzt auch hügelig und ich vermisse meine Rohloff-Gänge eins bis sieben.

Ich merke, dass ich im Ernte-Gebiet bin. Ganze Wald-Areale sind hier „harvested“, geerntet. „Kahlschlag“ bezeichnet es besser. Wenn das Ganze einen positiven Effekt hat, dann den, dass ich mich an die wunderbaren Touren mit meinen Söhnen über die Höhenzüge des Schwarzwald erinnere.

Und es ist einfach, hier einen ruhigen Zeltplatz zu finden. Der Verkehr beschränkte sich heute auf genau vier Autos zwischen Baldy Hughes und dem Yellowhead. Sonst war ich allein.

Regenwolken ziehen auf, es ist sechs Uhr nachmittags und ich bin müde und hungrig genug für Abendessen und Nachtlager. Genau in dem Augenblick, in dem das Zelt steht, prasselt ein Hitzegewitter-Schauer auf mein Lager. Ich nutze die Gelegenheit, mich im Regen zu duschen. Herrlich. Zum Abtrocknen und Anziehen ins Zelt, kleines Nickerchen und nach einer guten halben Stunde ist der Himmel wieder blau.

Nudeln mit frischen Paprika und einer ganzen Knoblauchknolle köcheln im Topf über meinem Primus-Kocher. Hmm, lecker! Ich sehe zu, dass Paprika und Knoblauch nicht verkochen und mit den Nudeln gemeinsam „bissfest“ sind. Das entfaltet erst in der Nase, dann beim Löffeln und dann nochmal beim Kauen jeweils unterschiedliche Geruchs- und Geschmacksreize. Und riechen muss mich hier sowieso keiner. Höchstens der Bär. Aber der ist auch schon satt, hat ja gerade einen Russen verspeist.

Dass das nicht ganz so lustig ist, haben mir schon vorher einige Recherchen im Netz gezeigt. Aber wenn ich mir ständig solche Gedanken machen würde, würde ich hier nicht essen und schlafen können.

Essen war lecker und jetzt geht’s in den Schlafsack. Endlich wieder. Um meinen Schlaf mache ich mir keine Sorgen.

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