13. Juni 2009 – Emotionale Ausnahmesituationen

Auf meinem Weg vom Nachtlager zurück zur Forststraße sehe ich, dass es hier auch Elche gibt. Ein riesiger Unterkiefer liegt vor mir auf dem Weg.

Eins weiß ich: Gestern abend, als ich diesen Weg schon mal fuhr, lag dieser Knochen noch nicht hier. Also gibt es hier nicht nur Elche.

So fünf bis zehn Kilometer Schotterpiste sind ja gut und OK. Mache ich alles mit. Aber fünfzig, hundert? Ich bin jetzt bei Kilometer siebzig nach Baldy Hughes und immer noch Gravel.

Dieses permanente Hoch und Runter schlaucht total. Wenn ich dann mal wieder irgendwo auf einem Hochplateau angelangt bin, höre ich in der Ferne wieder das Rauschen eines Baches und weiß: Da musst Du wieder runter, weil die Bäche unten fließen und die Brücken nur so kurz wie möglich sein können in dieser Wildnis hier.

Klar – wenn ich tausend PS unter der Haube habe, ist mir das egal, ob’s hügelig oder eben ist. Und die tausend PS brauchen diese riesigen LKW auch, die hier hin und wieder Baumstämme abtransportieren. Laut sind die Dinger – das kenne ich so nicht, fahre jedesmal rechts ran, wenn einer von hinten oder vorn kommt, halte an und mir die Ohren zu.


Wenn ich allerdings länger als ein, zwei Minuten anhalte, dann kriegen sie mich. Die Moskitos, meine ich. In Alaska waren sie ja schon nervig, aber hier? Solche Mengen kenne ich nicht. Sie totschlagen nutzt schon gar nichts mehr. Ich sah mal ein Interview einer Reporterin mit einem Lappen oben in Finnland im Sommer. Die Reporterin war bestens gegen die Moskitos ausgerüstet, Ihr Gesprächspartner hatte offensichtlich eine Lederhaut im Gesicht. Diese Viecher surrten so um seinen Kopf rum, setzten sich ständig auf Wangen, Nase, Stirn, Lippen – es störte ihn überhaupt nicht. Nur wenn sie in seine Augen krabbelten, dann wischte er so nebenbei mal kurz das Insekt weg. Aber stören tat ihn das auch nicht so wirklich.

Ich wünsche mir in diesem Augenblick die Gelassenheit und die Haut eines sechzigjährigen Finnen aus den Sümpfen des Polarkreises.

Ich frage mich, warum ich das eigentlich mache. Warum ich mich diesem Widerstand gegen mich aussetze. Diese Natur will mich nicht hier haben. Ich gehöre nach Europa. Mit meiner weißen Haut und meinen blonden Haaren und meinem Organismus ins sonnenarme Niedersachsen. Ich bin gemacht für Äpfel, keine Kiwi. Haselnüsse, keine Erdnüsse. Vier moderate Jahreszeiten, keine Hundertgrad-Unterschiede zwischen Sommer und Winter.

Wenn es keine Flugzeuge oder Schiffe gäbe, wäre ich ja auch gar nicht hier.

Da frage ich mich, ob es richtig ist, zu reisen. Ich meine nicht so, wie ich reise sondern wie die Touristen reisen. Oder noch einen Schritt weiter: Ist es richtig, seine angestammte Region auf dieser Erde zu verlassen und andere Regionen zu bevölkern?

Zu was führt das? Ich fahre durch ein Land, in dem genau das seit dem siebzehnten Jahrhundert zu einer Ausrottung von Kulturen und einer Umweltnutzung und -zerstörung ohne Maß geführt hat.

Der Anteil der indigenen Bevölkerung in USA und Kanada ist mittlerweile verschwindend gering. Und die Traditionen und Kulturen der Natives existieren auch bloß noch in Büchern oder vor Touristen.

Hin und wieder mal ein Indianer-Museumsdorf, hin und wieder mal eine selbstverwaltete, runtergekommene Kommune.

Ich glaube, dass ich als Reisender fragend und beobachtend durch die Welt reise. Nicht antwortend und missionierend.

Welche Ignoranz muss Menschen begleiten, die von sich meinen, sie wüssten das Richtige, glaubten das Richtige, täten das Richtige. Das Richtige, das für alle das Richtige sei. Das Richtige, das allen Heil, Wohlstand und Glück brächte.

Ich hoffe, dass die Moskitos und Blackflies die Conquistadores vor vierhundert Jahren genauso gequält haben wie mich. Ich jedenfalls will kein Conquistador sein. Eher Visitador.

Und wieder kommt mir so ein brüllendes Monster entgegen. Beansprucht die Forststraße komplett, die für es gebaut wurde. Ich fahre früh genug rechts ran, halte mir die Ohren zu. Als der Truck auf meiner Höhe ist, hält er. Der Fahrer schaut aus seinem geöffneten Fenster mit einem Hauch von Mitleid zu mir herab.

Die Amis fragen – wenn sie denn mal halten – einen Radfahrer immer ganz höflich, ob alles in Ordnung sei. Und das scheint echt und ehrlich zu sein. Hier in der Wildnis und auch oben in der Weite Alaskas kann Hilfe überlebensnotwendig sein.

Also auch hier: „Ev’rything OK?“

„Yeah, thanks!“

„Whereya from?“

„Germany!“

„And whereya comin‘ from?“

„Alaska!“

„You don’t look like bee’n crazy!“

„I’m about get’n crazy with the moskitos!“

„Oh yeah – it’s not usual this year!“

Hah – da ist es wieder: „Not usual!“

Ich frage noch kurz, ob ich auf dem richtigen Weg sei – nach Quesnel. Bin ich. Immer gerade aus, der Straße nach. Noch ungefähr zwei Stunden.

Ich frage erst gar nicht nach der Entfernung in Kilometern. Sie können ja nicht mit sechzig Meilen hier durchbrettern (obwohl…) und so komme ich auf rund fünfzig Kilometer.

Die Menschen hier ernten den Wald rigoros und generalstabsmäßig. Überall sind Parzellen-Schilder, auf denen steht, wann geerntet und wann wieder aufgeforstet wurde. Mir fällt auf, dass das ziemlich langsam geht mit dem Wiederaufforsten. Hier sind die klimatischen Verhältnisse insbesondere im Winter nicht gerade so, dass die Bäume rasend schnell wachsen. Vor fünfundzwanzig Jahren wiederaufgeforstet und alles was ich sehe, ist eine Schonung mit ein paar mickrigen Bäumchen drauf.

Die Athmosphäre hier hat etwas Düsteres – trotz Sonne und blauem Himmel. Ich überlege, ob ich die Bilder, die ich hier fotografiere, so verändern kann, dass die Stimmung rüberkommt. Passt zwar nicht so ganz zum „Reporter-Ethos“, aber ich muss mich ja nicht immer dran halten.

Die Verkarstung des Bodens – auf solchen riesigen Flächen gerodet – schreit sogar mich als Flora-Legastheniker an.

So langsam mache ich mir Sorgen um meinen Wasservorrat. Ich habe zwar einen Wasserfilter dabei, aber wenn es noch nicht mal Pfützen gibt hier im Wald, dann kann ich auch nichts filtern. Am letzten Bach bin ich auch schon lange vorbei. Das ist ein komisches Gefühl, mir vorzustellen, ich hätte gar kein Wasser mehr und müsste noch viele Kilometer fahren.

Ich glaube, ich würde auf einen absolut niedrigen Anstrengungslevel zurückfallen. Aber schieben würde ich nicht – da müsste ich ja mein eigenes Gewicht auch noch selber tragen. Aber das ist hoffentlich heute kein Thema. Ich rationiere mir mein Wasser und trinke alle viertel Stunde einen Mund voll.

Nach einigen Kilometern komme ich zum Blackwater-Fluss, wo ich eine meiner leeren Alu-Flaschen mit Wasser fülle – falls ich innerhalb der nächsten Stunden an kein frisches Wasser komme, muss ich eben filtern. Kurz, nachdem ich den Blackwater-Fluss im Wald überquert habe, komme ich aber zur Blackwater-Road und habe nach ziemlich genau 100 Kilometern wieder Asphalt unter den Reifen. Yippieh!

Ich fotografiere mein Fahrrad mit dem Vorderrad auf Asphalt und dem Hinterrad auf Gravel und zurückblickend das Schild, was so typisch ist für die vergangenen Tage.

Also wieder zurück in der Zivilisation. Ich Weichei. Scheißzivilisation, Scheißberge, Scheißmoskitos, Scheißrohloff. Ich weiß momentan nicht was ich eigentlich will. 105 Kilometer durch Hitze, Staub, Moskitoschwärme ohne ausreichend Wasser und mit nicht funktionierender Gangschaltung in hügeligem Gelände mit einer 60-Kilo-Fuhre. Okay – da darf ich auch mal missmutig sein. Ich kenne mich – das legt sich schnell wieder. Bin ja auf Glückssuche, nicht auf Unglückssuche.

Kurz vor Quesnel fahre ich auf einer alten Holzbrücke über den Frazer River. Den werde ich jetzt eine ganze Weile begleiten – bis nach Vancouver.

In Quesnel fülle ich meine Wasserreserven wieder auf, kaufe ein und entscheide mich, in das berühmte Cowboy-Städtchen Barkerville zu fahren. Das wird mich rund einen Tag kosten, aber ich habe ja noch ein paar Tage in Reserve.

Raus, Richtung Barkerville, steht auf einer verlassenen Tankstelle so ein Riesentruck mit lauter verschrotteten Autos drauf.

Das System nährt das System.

Ginge es nach mir, würden hier nur noch Laster mit solcher Ladung rumfahren. Bis sie arbeitslos wären. Und sich dann gegenseitig abtransportieren.

Auf halber Strecke will ich nur noch ein Lager. Finde aber keins. Dieses Sträßchen nach Barkerville führt ständig durch Mini-Dörfer und an Gehöften und Weiden vorbei. Keine ruhige Waldstraße, kein Feld, auf dem ich campen könnte.

Die Rohloff spinnt mal wieder und es geht permanent bergauf, bergab. Bergauf muss ich schieben. Ich könnte kotzen. Ich fahre einen kleinen Stichweg in den Wald, will durch eine Pfütze fahren und genau in dem Augenblick rutscht die Rohloff durch. Ich falle um, in die Pfütze und fluche nur noch. Dann kommen die Mini-Stukas. Wow. Das ist jetzt das, was man gemeinhin „Emotionale Ausnahmesituation“ nennt.

Ich renne mit Rad knapp hundert Meter bis zu einer Lichtung, schmeiße die Fuhre ins Gebüsch, ziehe meine Regensachen an und beginne mit dem Zeltaufbau. Ich habe null Bock auf Kochen, wasche mir kurz den ganzen Dreck ab, hänge die Klamotten auf und lege mich ins Zelt. Die Moskitos bleiben draußen.

Heute abend müssen Brot und Erdnussbutter reichen. Ich hatte mir in Quesnel mal Würstchen aus Schweinefleisch gekauft. Wow – das schmeckt echt mies! Beef können sie von mir aus, die Amis. Aber Pork nicht. Nach dem Essen packe ich alles luftdicht ein, wickel meine Ortlieb-Rolltaschen fein säuberlich zusammen und schmeiße sie einfach in die Pampa. Hoffentlich weit genug weg vom Zelt, falls die Bären kommen.

Ich atme ein paar mal tief durch und bin froh, den Tag geschafft zu haben.

3 Gedanken zu „13. Juni 2009 – Emotionale Ausnahmesituationen

  1. Thomas Huber

    Tja, Tage, wo der Wurm drin ist, machen auch vorm Urlaub nicht halt – Life goes on at anytime !
    Aber nichts desto trotz gilt auf jeden Fall das Leit-Motto oben auf dieser Seite: das Leben ist schön ! Bei mir übrigens ganz oft in Verbindung mit einfachen, elementaren Erlebnissen bzw. Empfindungen – und das ist auch gut so !

    Antwort
  2. Markus

    Gefällt mir sehr gut wie du aufzeigst: ohne Tiefs gibt’s auch keine Hochs; „per aspera at astra“
    Dies gilt doch speziell für Fernreisen per Rad: Wetterunbill, Topographische Hindernisse, Insekten- Quälgeister, Materialschwierigkeiten, physische Ermüdung, Monotonie und der innere Schweinehund wollen alle überwunden werden.

    Gruss
    Markus

    Antwort
  3. Jürgen

    au backe.
    an diesem Tag, so wie Du ihn beschreibst, hätte ich den Daumen raus gehalten, wäre abgehauen und über Vancouver in die Südsee geschippert.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s