14. Juni 2009 – DEET gegen den Wahnsinn, Radfahrers Traum

Sonntag. Unmengen von Autos, Trucks und Motorhomes fahren in Richtung Barkerville. Alle überholen mich. In vielen sitzt Daddy mit Cowboyhut auf dem Kopf. Sohn auch.

Ich brauche nicht lange überlegen, bis ich umdrehe – zurück nach Quesnel.

Auf einem Bergabstück rolle ich mit gut fünfzig Sachen runter, als plötzlich hinter einer Kurve direkt vor mir ein Schwarzbär auf der Straße steht. Ich rufe, schreie ihn an – habe keine Lust auf Bremsen und Bären erschrecken. Zum Glück ist er scheu und rennt wieder in den Wald. Zum Glück sind diese Tiere wieselflink. Wenn man allerdings Mann gegen Bär steht, wird zumindest dieses Glück zum Pech.

In Quesnel überquere ich die Brücke über den Fraser River wieder und fahre rechts des Flusses über eine kleine Nebenstraße Richtung Süden. Auf der anderen Seite führt der Cariboo Highway am Fraser entlang.

Ist das herrlich. Die Straße ist fast autofrei und ich habe einen wunderbaren Blick links auf den Fluss und rechts in das hügelige Hinterland.

Nach gut zwanzig Kilometern überquere ich einen kleinen Bach und dann geht’s hoch. Ich meine: Richtig hoch. Ich ahne schon, was da auf mich zukommt…

Gleich an der ersten Steigung rutscht die Schaltung wieder durch. Das heißt: Absteigen und schieben.

Die ersten zwei, drei Stiche auf den Beinen lasse ich noch geschehen – während ich schiebe, kann ich den Lenker nicht loslassen, um die Moskitos zu erschlagen.

Es ist nicht mehr weit zur nächsten flacheren Stelle – da reicht dann der achte Gang der Rohloff zum Radeln und den Moskitos davonfahren.

Hinter einer Kurve dann die Serpentinen.

Oh Mann, ey! Lasst mich in Ruhe! Scheißviecher! Drecksmücken! Ich fluche, ich schreie sie an. Während ich schiebe. Es ist so steil, dass ich kaum schieben kann.

Ich schwitze unter meinem Hut mit Mückennetz. Ich japse nach Luft in der Hitze des Frühsommers. Meine Beine tun weh vor Laktatüberfüllung. Beide Hände sind am Lenker. Mein Oberkörper neigt sich bergauf, um das Rad zu schieben. Wenn auch nur eine einzige Hand den Lenker loslässt, fallen Rad und Fahrer einfach um.

Ich sehe sie starten und landen. Direkt vor mir auf meinen Armen. Ich fühle sie pieksen an Armen und Beinen. Ich schreie sie an, hoffend, dass die Schallwellen sie fortjagen. Ich schmeiße die Fuhre am Straßenrand ins Gras, hole mein DEET-Spray raus und sprühe mich ein. Sie haben’s geschafft. Was ich nie wollte, mache ich nun. Dieses Teufelszeug an meine Haut lassen. Aber es ist mir einfach nur egal. Schietegal. Extremschietegal. Ich lasse mir von diesen kleinen Viechern doch keine Psychose verpassen.

Und was soll ich sagen?

Es wirkt. Meine Beine, meine Arme sind ab sofort keine Landebahnen für fliegende Blutsauger mehr. Teuer erkaufter Frieden – ich will nicht wissen, was da jetzt mit meiner Hautflora und -fauna passiert.

Nach rund fünf Kilometern und gut dreihundert Höhenmetern erreiche ich ein Hochplateau, das mich für all die Strapazen entschädigt. Radfahrers Traum. Wunderbar.

Ich halte inne, schaue an meinen Beinen runter, sehe die Bissspuren und denke nochmal über diese Extremsituation von vorhin nach. Bemerkenswert, zu was der Mensch (ich) doch in der Lage ist (bin). Diese Schiebestrecke mit der Fuhre trotz Kraftlosigkeit ohne Pause mit dem Psychomückenterror bei der Hitze hochächzen – da kann man(n) in meinem Alter oben auch schon mal tot umfallen.

Ich denke noch nicht richtig zu Ende, da taucht wieder ein Schwarzbär vor mir auf. Steht auch wieder mitten auf der Straße – wie der von heute morgen. Ich rufe ihn an, er sieht mich und will in den Wald. Sein Problem und auch meins ist, dass da links und rechts am Straßenrand Zäune gezogen sind. Stacheldraht-Zäune. Der Bär rennt von links nach rechts nach links nach rechts und findet keine Lücke. Ich fahre langsam hinter ihm her. Nach sechs oder sieben Anläufen findet er dann wohl eine Lücke und verschwindet.

Am späten Nachmittag belohne ich mich mit einem wunderschönen Platz, an dem ich mein Zelt aufstelle. Direkt an einem Steilhang über dem Fraser River.

Mit zwei Litern Wasser aus den Aluflaschen dusche ich das DEET ab und fühle mich gut.

Das Schöne am Alleinsein in der Natur ist ja auch: Iss was Du willst (Knoblauch-Knolle), iss wie Du willst (schlürf, schmatz – was im Übrigen den Geschmack feiner macht), iss so viel Du willst (rülps) und mach einfach nur, wonach Dir gerade ist. Das genieße ich.

Nach dem Sonnenuntergang liege ich im Zelt und höre den Moskitos zu. Hört sich an wie ein Zweitakt-Motorrad-Rennen in Spa Franchorchamps. Da war ich mal, als Freddie Spencer noch unschlagbar war. Muss Anfang der Achtziger gewesen sein. Gut, dass die Viecher draußen sind und Hilleberg beim Zeltbau einen guten Kompromiss zwischen Mückenschutz und Lüftung gefunden hat. Wenn die Evolution diesen Viechern irgendwann mal Schneidwerkzeuge für Zelt-Mückennetze verpasst, gebe ich auf. Dann bleibe ich in Niedersachsen.

2 Gedanken zu „14. Juni 2009 – DEET gegen den Wahnsinn, Radfahrers Traum

  1. Markus

    Tatsächlich noch steigerungsfähig! Hätte da glaub‘ ich auch lieber die eigenen Prinzipien über Bord geworfen und zu DEET gegriffen.

    Gruss
    Markus

    Antwort

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