16. Juni 2009 – Will’Yum

Die ganze Nacht lärmten die großen Holzlaster mit Motorbremse oder Vollgas, ich konnte kaum eine Stunde durchschlafen. Ich fühle mich wie von einem dieser Monster überfahren.

Auf dem Weg zu den Waschräumen treffe ich Victor, einen älteren Amerikaner, der mit seinem Wohnmobil unterwegs ist. Wir kommen ins Gespräch. Victor ist stolz auf seine Söhne, die in den USA Karriere machen. Einer der beiden ist Informatiker und sorgt dafür, dass Victor technisch auf dem Laufenden bleibt. So besitzt er ein modernes Mobiltelefon für unterwegs und hat in seinem Haus einen Apple Computer stehen. Victor hat schon gefrühstückt und fragt mich, ob ich noch Milch bräuchte. Er selbst würde sie ansonsten wegschütten. Ich schlage ihm einen Tausch vor: Milch gegen Bilder. Victor gibt mir seine Mail-Adresse und ich genieße mein Frühstück mit Müsli und Milch statt mit Müsli und Wasser.

Ich beschließe, heute total locker zu fahren. Meine Beine sind leer. Die Hauptsache ist, dass ich keine Berge fahre, und so scheint das Streckenprofil von heute auch auszusehen.

Im Visitor Information Center empfiehlt mir eine der freundlichen Frauen, auf jeden Fall auf dem Highway zu bleiben. Die Straßen im Hinterland sind nicht beschildert und bei Lilloet lodern Waldbrände. Abseits der Highways gibt es keine Fluchtmöglichkeiten. Mit einem Blick auf meine Beine frage ich die Frau auch noch mal schüchtern, ob denn die Straßen im Hinterland einigermaßen flach verlaufen würden. Sie lacht mich an: in den Cariboo Moubnains gibt es keine flachen Straßen!

Ich schaue mich noch ein bisschen um: Die Visitor Information Center in Kanada sind sehr informativ eingerichtet. Die Leute hinter den Tresen sind in der Regel sehr freundlich und freuen sich, wenn ein Auswärtiger nach den Besonderheiten der Region fragt. So lerne ich noch etwas über Williams Lake.

Diese Stadt lebt von der Holzverarbeitung. Sie lebt von dem Kahlschlag, den die Kanadier im Hinterland produzieren. Möbelholz, Hausholz, Holzplatten, Holzschnitzel, alles wird produziert und via Bahn und Truck verfrachtet. Die Trucks fahren 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das habe ich letzte Nacht gemerkt.

Der Name dieser Stadt kommt von Will’Yum, einem alten Indianerhäuptling. Die Indianer dieser Region flüchteten früher vor der Kälte und der Unerbittlichkeit des Winters hierher, weil es hier am Fraser River milder ist als in den Bergen und es hier auch im Winter noch Tiere zum Jagen und Fangen gab.

Heute ist dies ein Ort der Weißen, die Indianer erhalten ein kleines Areal zum Leben. Die „Häuser“ im Williams Lake Indian Band sehen aus als wären sie Baracken für die Wächter der Müllhalden, die sie umgeben.

Die Menschen der Secwepemc-Nation leben bereits seit über viertausend Jahren hier. Deren Kultur war immer auf die Wanderungen mit den Jahreszeiten ausgelegt. Jetzt müssen die indigenen Völker Amerikas nicht mehr wandern – sie leben häufig von Sozialhilfen. Ich bin jedes Mal wieder verstört, wenn ich an diesen Indianer-Siedlungen vorbeifahre. Beobachte häufig achtlos weggeworfenen Müll, kaputte Autos, ungepflegte Häuser. Die Indianer-Gemeinden sind in der Regel selbstverwaltet. Somit sind diese Menschen für ihre Umgebung selbst verantwortlich und scheinen es hinzunehmen, dass sie im Müll leben.

Ich frage mich, ob meine Abscheu, mit offen sichtbarem Müll zu leben, aus meiner Kultur herrührt oder ob es nicht ein allen Menschen inherentes Interesse gibt, das uns dazu bringt, aufzuräumen und „es ordentlich“ zu haben.

Öffentlicher Müll und Unordnung gehen zumeist einher mit Armut und sozialer Ausgrenzung. Man könnte meinen, ärmere Bevölkerungsschichten könnten die Müllabfuhr nicht bezahlen. Aber sie könnten sich selbst organisieren. Oder doch nicht? Könnten die Indianer nicht auch die Infrastruktur der Weißen nutzen? Oder gibt es Annährungsprobleme zwischen den First Nations und den Invaders?

Ich könnte für die Indianer noch anführen, dass sie traditionell nie Müll produzierten und alles was sie durch die Jagd erbeuteten oder in der Natur sammelten, verwendeten. Selbst die Gräten der Fische wurden als Nadeln eingesetzt. Und das, was übrig blieb, konnte vergraben oder liegengelassen werden, da es aus der Natur und nicht aus einer Chemiefabrik der Weißen kam.

Aber zählt das heute noch als Entschuldigung? Ich bin kein Soziologe und habe mich zu wenig mit der Geschichte und den aktuellen Problemen der Indianer Nordamerikas beschäftigt, um sauber argumentieren zu können. Insofern bleibt es bei Beobachtungen und meinen Interpretationen. Ich bezweifele, dass meine Interpretationen angemessen sind und versuche, sie auf ein Minimum zu reduzieren.

Auf dem Highway 97, dem Cariboo-Highway, komme ich wieder mit den Lastern zusammen. Furchtbar. Furchtbar laut, furchtbar stinkend, furchtbar gefährlich.

Ich stöpsel mir die Ohrhörer rein und stelle Peter Gabriel auf Truck-Wettbewerb-Lautstärke. Shaking the Tree. Ich bin zwar keine Frau und lebe auch nicht in Afrika, aber es ist trotzdem mein Leben und – ja – this new life has begun. Turning the tide, you are on the incoming wave. Turning the tide, you know you are nobody’s slave. Genau. Weder der der Gesellschaft noch der der Konventionen. Weder der meiner Gefühle noch der meiner Zwänge. Zum Glück brauche ich mir sowas nicht mantrahaft vorsingen und darüber bin ich auch echt froh. Aber hin und wieder ist ein bestärkender Impuls wohltuend. Und so fahre ich fröhlich neben den Lastern, Trucks und Motorhomes. Mich fragend, warum eigentlich so viele Menschen auf ein besseres Leben warten, wo sie doch einfach nur einsteigen müssten.

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Der Traum vom flachen Land in den Cariboo Mountains ist ein Albtraum. Nach zwei Stunden und 45 Minuten im ersten Gang der Rohloff mit dem 42er Ritzel vorn habe ich genau 34,8 km geschafft. Und? Egal: Geile Lanschaft, gute Fotos, schönes Leben.

Kühe gucken mir zu, ich gucke ihnen zu und lasse mir meinen Hintern für ein paar Portraits kanadischer Kühe zerstechen.

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Bryan Adams besingt gerade den 69-Sommer als die besten Tage seines Lebens.

Klar – ich frage mich natürlich sofort, wann ich denn die besten Tage meines Lebens hatte. Thanks to Bryan. Ich will nicht ganz so pathetisch sein, wie ein Kanadier, der mit seinem Pathos viel Geld verdient. Aber dennoch macht es Spaß, mal darüber nachzudenken. Im nachhinein erinnere ich mich sehr gerne an die Zeit der Oberstufe. Klassen zwölf und dreizehn des Gymnasiums in meiner kleinen Heimatstadt.

Das war die Zeit der Unbekümmertheit, der Freiheit. Partys feiern, Motorradfahren, nach der Schule abhängen und über ideale Regierungsformen diskutieren. Noten waren mir sowas von egal. Lehrer waren grundsätzlich erstmal Teil des Systems und insofern abzulehnen. Mädels kamen und gingen, bloß nicht festlegen. Ich war 18, konnte mir meine Entschuldigungen selber schreiben und fuhr mit dem Motorrad zur Schule, wenn ich Lust hatte. Verblüffend war, dass ich zu der Zeit die besten Noten erhielt. Ich habe noch einen alten Holzkasten bei mir irgendwo im Keller stehen. In dem sind Briefe, die ich schrieb und erhielt, Zeugnisse, Strafzettel, Plattencover, Eintrittskarten, die leere Hülle einer Patentex Oval (gibt’s das heute eigentlich noch?), und so weiter.

Ich überlege, ob ich meinen Kindern einen solchen Kasten aus Holz baue, in dem sie auch wichtige Reliquien ihrer Zeit aufbewahren können.

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Am Lac la Hache buche ich ein Slot auf einem privaten Zeltplatz. Im Ami-Highway-Restaurant gegenüber esse ich den größten Hamburger meines Lebens. Er hat Pizza-Format. Die Frau, die mich bedient, ist gleichzeitig erfreut und erstaunt, dass ich ihn geschafft habe und sogar noch ein Eis zum Nachtisch bestelle.

Was noch? Keine Moskitos! Dafür aber ein Zeltplatz zwischen See und Highway.

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Ich fürchte, die Laster werden mir heute nacht wieder durch’s Zelt fahren. Aber ich habe je meine Ohropax und bin ziemlich müde.

4 Gedanken zu „16. Juni 2009 – Will’Yum

  1. Annika

    Moin Jörg! Bin gestern übers Radforum auf deinen Reiseblog gestolpert und konnte seither nicht aufhören zu lesen. Du schreibst aufrichtig und ehrlich und mit einem dicken Batzen Hintergrundwissen zu so ziemlich allem was anfällt. Ich bin begeistert und habe die letzten zwei Tage in Gedanken in Kanada und Alaska verbracht statt in Bangkok. Deine Fotos sind auch super – man merkt dass du Spaß daran hast, nach Motiven zu suchen und auf Momente zu warten.
    Mach weiter so, ich freue mich schon auf den nächsten Teil (kommt da noch was?).
    Viele Grüße aus ebenso mückenverseuchten Gefielden,
    Annika

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      Hey Annika, vielen Dank für deinen Kommentar. Na klar kommt da noch was, allein: die Zeit ist der limitierende Faktor. Ihr seid momentan in Bangkok unterwegs? Asien kommt bei mir noch dran, allerdings erst später. Eure Internetseite ist auch sehr spannend geschrieben. Vor allem, dass ihr dreisprachig schreibt, finde ich gut. Zum übersetzen ins englische fehlt mir leider die Zeit. Dabei weiß ich, dass viele Menschen, die ich unterwegs treffe und getroffen habe, gern meine Geschichten (mit ihnen) in Englisch lesen würden. Das ist ein Projekt für den Ruhestand… 😉 Ich wünsche euch eine gute Zeit und eine sichere Reise. Viele tolle Erlebnisse und Geschichten, ihr mitbringt. Gruß aus der Kälte, die langsam vom Frühling vertrieben wird. Jörg.

      Antwort
  2. ilka

    Ganz wichtig Jörgi! Besingt nicht brian adams den summer of 69? Bruce danct dafür gern im dunkeln 😉 LG ilka

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      ..auweia, stimmt – Bryan Adams war das. Egal, beides gute Rocker 😉 Ich werd’s im Text ändern. Übrigens war Bryan Adams im Jahr 1969 noch keine zehn. Er selbst sagt von diesem Lied, dass er nicht das Jahr meinte sondern eher eine Körperstellung… Komm‘ ich auch mit klar 😉

      Antwort

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