17. Juni 2009 – 100-Mile-House bis 70-Mile-House

Ich zelte nicht mehr am Highway. Nie wieder! Never ever! Das Zelt steht etwas unterhalb der Straße – die LKWs fahren über mich drüber. Die ganze Nacht. Es ist jetzt zwei Uhr und ich komme maximal zu fünfzehn Minuten Schlaf am Stück. Trotz Ohropax. Ich stöpsel um: Ohropax raus, Ohrhöhrer rein. Madonna volle Lautstärke, ich summe leise mit. Aber schlafen kann ich damit auch nicht. Nach drei Liedern stöpsel ich wieder zurück. Es reicht ja, wenn ich einfach nur liege. Ausruhe. Muss ja morgen nix Intellektuelles leisten. Ein neues Geräusch macht mich neugierig: Regen. Na, prima. Ach, hier ist’s zwar laut, aber trocken und kuschelig. Und so schlafe ich dann auch irgendwann ein.

Ich frühstücke nochmal in dem Hamburger-Restaurant von gestern abend: Pancakes mit Whipped Butter und Obst. Das muss ich zuhause mal ausprobieren: Butter schmelzen, mit Sahne verquirlen und auf den Pfannkuchen schmieren. Im Gegensatz zu hier werde ich natürlich Vollkorn-Mehl für die Mehlspeise nehmen. Und frisches Obst statt die Dosen-Plürre hier. Aber lecker ist’s hier dennoch. Und groß. Großes Land, große Trucks, große Hamburger, große Pancakes. Alles groß hier.

Gegen Mittag komme ich los. Etwas spät, aber das macht nichts. Zelt und Klamotten können derweil trocknen, es hat erst am Morgen aufgehört zu regnen. Aber wirklich trocken werden die Sachen nicht – ich packe nass zusammen. Das sind allerdings gut ein bis zwei Kilo mehr Gewicht auf dem Rad. Und das in den Cariboos und mit meinen leeren Beinen…

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich 100-Mile-House und warte ein Gewitter ab, dem ich noch knapp davon fahren konnte. Im Visitor-Center lese ich meinen Mail-Eingang und schreibe ein paar Nachrichten nach Hause. Die Benutzung des Computers ist kostenlos – wie in allen Bibliotheken des Landes. Nachdem ich fertig bin und mich wieder abgemeldet habe, werfe ich einen Dollar in die Kaffeekasse. Das scheint ungewöhnlich zu sein, die ältere Dame hinter dem Tresen bedankt sich freundlich. Draußen hat sich die Luft merklich abgekühlt. Ich fahre los und merke, dass die Knie besser einen Wärmeschutz erhalten sollten. Wo kann ich nach hundert Metern Fahrt besser anhalten und mir meine Knielinge anziehen als bei Dairy Queen? Nirgenwo. Zur Belohnung, dass das alles so wunderbar geklappt hat mit dem Überziehen der Kniewärmer, genehmige ich mir ein Eis. Na ja, einfach nur ein Eis geht hier gar nicht. Das Ding, das ich ordere, heißt „Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae“, wiegt 320 Gramm und erhöht meine heutige Kalorienzufuhr um 950. Effizienter geht das Ausgleichen von Vier-Stunden-Bergauffahrt-Energieverlust nicht. Der Super-Bowl ist eine frisch gebackene Zimtwaffel mit vier Erkern, die mit einem Teppich aus Schokolade ausgelegt ist. In die Mitte wird eine ordentliche Portion Frozen Yoghurt gelassen. Damit der nicht umfällt, stützen ihn einige Früchte in den zuvor erwähnten Erkern. Die widerum werden mit eigens dafür kreiertem Eis drapiert. Da das Auge bekanntlich mit isst und Schokolade auf dem Weltmarkt offensichtlich billig genug zu haben ist, wird – passend zum Waffel-Teppich – ein Überzug aus Schokolade appliziert. Aber nur auf den Gipfelgrat des Frozen Yoghurt. Die Erker erhalten als optische Unterstützung kleine Brownie-Würfel. Das Mädel hinter dem Tresen geht förmlich auf in ihrem Handwerk. Ich bestätige ihr Tun durch meine jahrelange Eis-Expertise und verweise auf den künstlerischen Gehalt dieses Werks. Sie freut sich, ich zahle knapp fünf Dollar plus zwei Quarters Trinkgeld und überlege, ob es jetzt dem Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae gut gehen soll oder mir. Ich entscheide mich für mich, bleibe im Warmen und genieße nach der Optik den Geschmack.

Draußen empfangen mich Kälte und die Trucks. Draußen auf dem Highway überholen sich zwei von den Riesendingern auf eine Brücke, mir mit rund 50 Meilen entgegenkommend. Platz ist da irgendwie nicht allzu viel. Haben die mich nicht gesehen? Ich erinnere mich an meine Fahrt mit Randy, oben in Alaska. Die Jungs sind normalerweise ganz OK, sagte er, hätten alles im Griff. Darauf vertraue ich. Die beiden Ungetüme kommen näher, erst mir und dann sich selbst. Lassen mir so mein Leben. Ich schreie denen irgendwas hinterher, was mit ihren Müttern zu tun hat und bei den Rappern der Ghettos dieses Landes Umgangssprache ist.

Der Cariboo-Highway ist nach Meilen sortiert. Ich hatte mich schon beim Blick auf die Landkarte gefragt, warum die Orte hier numerische Bezeichnungen haben. Es ist wohl so wie mit den Straßen in den Städten: Wo die Kreativität nicht hinkommt oder der Mangel an historisch bedeutsamen Personen oder Partnerstädten groß ist, wird einfach durchnumeriert. Der Ort bei Meile hundert heißt eben 100-Mile-House. Eine Langlauf-Loipe bei Meile 99? 99-Mile-Trail. Baut man einen Bauernhof bei Meile 95, heißt der 95-Mile-Ranch. Ganz einfach. Von 100-Mile-House bis zur 95-Mile-Ranch geht es deutlich bergauf. Einstellige Tachozahlen zermürben mich. Vivaldi baut mich jetzt wieder auf. Ich versuche, den Rhythmus zu halten. Wenn ich bei Gang 2 der Rohloff den Vier-Jahreszeiten-Takt halte, zeigt der Tacho genau 6,8 km/h. Aber das Takttempo ändert sich hin und wieder bei dem alten Italiener. Das heißt, ich variiere mit den Streichern zwischen 5,9 und 7,4 km/h. Das kostet allerdings mehr Kraft als ein gleichmäßiger Tritt. Die Brandenburgischen Konzerte von Bach sind da besser geeignet. Der Rhythmus ist gleichmäßig und kraftschonender. Irgendwie hat sich auch ein Oratorium auf meinen Telefon-Chip verirrt – da ich beide Hände am Lenker habe und bergauf nicht in die Lenkertasche greifen will, um vorzuspulen, höre ich halt zu. Ich weiß gar nicht, wie ich mich fühlen soll. Wenigstens ist der Rhythmus gut.

Auf dem Begbie Summit halte ich nochmal an, um das bis dahin Geschaffte zu genießen, auszuruhen und dann doch die „Vor“-Taste zu drücken. Mit „ora et labora“ kann ich nicht viel anfangen, halte es da eher mit Kant: „Betet nicht, räsoniert!“ Ein Auto mit zwei jungen Amerikanern hält ebenfalls. Sie müssen pullern, danach beginnen wir eine Unterhaltung. Sie sind kritisch gegenüber dem Tun ihrer Landsleute und würden sich gern mehr für den Erhalt der Welt einbringen. Radfahren wäre eine gute Alternative zum Autofahren, sage ich. Na ja, das wäre zu wenig, meinen sie. Al Gore wäre ein gutes Beispiel für ein Umdenken. Na ja, gut – er hat es geschafft, mit seinen Umwelt-Ideen gemeinsam mit dem Weltklima-Rat den Friedensnobelpreis zu erhalten. Aber ich bin der Meinung, dass Politiker Machtmenschen und letztlich doch Opportunisten sind. Auch Al Gore war in Vietnam, obwohl er den Krieg offiziell ablehnte. Warum geht jemand gegen seine eigenen Überzeugungen in den Krieg? Die beiden Amis sind überrascht, dass ich die Geschichte von Gore einigermaßen gut kenne. Das täte noch nicht mal die Mehrheit der US-Amerikaner. Ich erwidere, dass sich halb Deutschland gefragt hätte, wie jemand die Wahl zum Präsidenten des nach eigenen Angaben demokratischsten Landes der Welt verlieren kann, obwohl er die meisten Stimmen gesammelt hat. Und so haben wir uns dann eben auch mit dem Verlierer beschäftigt. Den „Gewinner“ kannten wir ja zur Genüge…

Ich höre mir noch ein wenig an, was ich irgendwann allerdings laberig finde: Die Jungs fahren mit ihrem Auto durch die Gegend und klappern Millionäre ab, um Geld für „gute“ Projekte zu sammeln. Ich empfehle nicht Vancouver als Ziel sondern Seattle, um dort Bill Gates anzubaggern. Der hat doch echte Probleme, sein Geld für „gute“ Projekte unterzubringen. Vielleicht hat er ja was übrig und Seattle ist ja nicht allzu weit von Vancouver entfernt.

Es ist jetzt halb acht und nachdem die beiden Jungs weg sind, fotografiere ich die Szene nach dem Gewitter noch ein wenig. Es ist faszinierend, was das weiche Abendlicht mit der Landschaft macht. Und dass die Sonne nach den Wolken tagsüber jetzt nicht nur den Rücken sondern auch die Seele wärmt. Unbeschreiblich.

Ich beschließe, auf ein warmes Abendessen irgendwo in einem Ort oder auf einem Zeltplatz zu verzichten und stattdessen hier in der Nähe wild zu zelten und die Situation zu genießen. Brot mit Mandelbutter, Käse und Trailmix (Studentenfutter) sind ja schließlich nicht zu verachten.

Bei 70-Mile-House riecht es nach frisch verbranntem Wald. Die Waldbrände der letzten Tage sind also bis hier hoch gekommen. Bald sehe ich auch die riesigen abgebrannten Streichhölzer, die in der Erde stecken. Stelle mir vor, wie das ist, wenn ich von einem Feuer umzingelt werde. Dann kann ich nur hoffen, dass ich eine Schaufel finde und mich eingraben kann. Das sieht nicht gut aus hier.

Ich biege in einen Feldweg ein und fahre zwei Kilometer. Weg vom Highway, hin zur Ruhe, die ich an einem See finde. Heute übernachte ich im Paradies.

 

 

Ein Gedanke zu „17. Juni 2009 – 100-Mile-House bis 70-Mile-House

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s