18. Juni 2009: Von Clinton nach Pavillion über DEN Berg

Ich fahre weiter auf dem Highway. Das ist Grund genug für mich, mir wieder meine Stöpsel in die Ohren zu stecken und Musik zu hören.

Ich trete so vor mich hin, als mich John Lennon ansingt. Zunächst singe ich einfach so mit, bis der erste Refrain ertönt: I’m just sitting here watching the wheels go round and round, I really love to watch them roll.

Irgendwie macht das gerade „Klick“. Nie hat mich ein Lied so berührt wie dieses jetzt und hier. Ich lasse es zurückspringen und höre nochmal bewusst von vorn.

People say I’m crazy doing what I’m doing. Jepp, genau, sagen meine auch. Die nächsten Zeilen wecken Sehnsüchte in mir. Sehnsüchte, die mir meine eigene Unfreiheit bewusst machen. Nein, John, ich kann mich nicht hinsetzen und mir die Schatten an der Wand anschauen. Ich muss noch auf dem Karussell sitzen bleiben. Vielleicht sogar so lange bis ich runterfalle.

Es ist faszinierend, zu merken, was ein eigentlich simples Lied auslösen kann. Wie eine Billardkugel trifft es meine im Dreieck schön geordnet liegenden Gedankenkugeln. Sie stieben auseinander, knallen an die Bande meiner Vorstellungen, prallen zurück, knallen wieder gegenseitig auf sich und hören nicht auf zu rollen. Als gäbe es keine Reibung, keinen Luftwiderstand, nur Bewegung. Mein Ich, Kinder, Eltern, Arbeit, Geld, Gesundheit, Zukunft, Vergangenheit, Haus, Freunde, Pläne, Reisen, Fremdes, Vertrautes – alles rollt durcheinander, knallt aufeinander und wieder voneinander.

I really love to watch them roll.

In Clinton muss ich mein Billardspiel aufgeben, nehme mir vor, die Kugeln jetzt mal ausrollen zu lassen und sie mir dann einzeln anzuschauen und vielleicht ein neues Dreieck zu sortieren.

Jetzt will ich nach Pavillion. Endlich wieder Backroad fahren. Pavillion ist nicht ausgeschildert, ich frage einen Mann auf dem Bürgersteig, ob ich hier nach Pavillion komme. Pavillion? DAS Pavillion, über DEN Berg? Ich frage wieviele Pavillions es denn hier so gibt. Es scheint ihm völlig abwegig zu sein, mit einem Fahrrad nach Pavillion zu fahren. Irgendwas muss zwischen hier und dort sein, das schwierig zu überwinden ist. Ich biege rechts ab, es ist die letzte Straße vor dem Ortsausgang von Clinton und sie heißt Clinton-Pavillion-Road.

Am Kelly Lake lädt mich eine Bank nochmal zum Verweilen ein. Neben ihr empfiehlt mir ein Schild, zu beten, dass der kommende Berg einfach so verschwindet. Gut, für ein Selbstportrait falte ich die Hände, mich fragend, was denn wohl kommen möge.

Erst kommt noch ein Schild, das mir ganz nüchtern mitteilt, dass die nächsten fünf Kilometer mit 14% Steigung zu rechnen ist, dann kommt es heftig. Die Rohloff rutscht wieder durch, ich steige ab und schiebe eine ungefähr 30 Kilo schwere Fuhre fünf Kilometer DEN Berg zwischen Clinton und DEM Pavillion hoch.

Zum Glück ist es heute etwas kühler als die letzten Tage. Und gutes Wetter. Zum Unglück finden das die Moskitos auch.

Die Mistviecher sitzen im Gras und warten auf Schatten, die vorbeiziehen. Sie haben John Lennon besser verstanden als ich. Schiebend bin ich wehrlos gegen die Angriffe der Insekten, schiebe in der Mitte der Straße und zwar so, dass mein Schatten nicht über das Gras zieht. Ich lege mein Fahrrad mitten auf die Straße und pinkele mitten auf die Straße, damit mein Schatten nicht aufs Gras fällt. Straße ist ja auch übertrieben. Eine Gravelroad, auf der mich niemand überholt und mir niemand entgegenkommt. Bis oben zum Hochplateau, was ich nach ungefähr zwei Stunden Schieberei erreiche.

Es scheint zu funktionieren, mich stechen höchstens zehn Moskitos.

Oben ist dann auch Abend. Und das Radfahrerparadies. Ich bin stolz und ausgelaugt, fahre noch rund zehn Kilometer, bis ich zum Tal des Frazer River komme. In einer Kurve der Clinton-Pavillion-Road fahre ich von der Straße ab und suche mir einen Zeltplatz. Hier ist es wunderschön.

Ich zelte am schönsten Ort meiner bisherigen Reise und frage mich, ob ich Lust habe, meine Billiardkugeln noch ein wenig klickern zu lassen. Nein, keine Lust. Sie klickern von alleine vor sich hin, ohne meine Aufmerksamkeit zu binden. Die schwindet, während die Müdigkeit erscheint.

Ich genieße den Blick in den Canyon bis es dunkel ist. Einfach so.

In Clinton people said I’m crazy doing what I’m doing,
Well they gave me all kinds of warnings to save me from ruin,
When I said that I’m o.k. they looked at me kind of strange.

I’m just sittin‘ here watchin‘ the sun going down…

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