1. April 2011: Anarchie und Wallfahrtskapellen

Ach war das schön! So richtig gut geschlafen. Der erste Blick aus dem Zelt am Morgen zeigt eine komplett andere Farbpalette als der letzte gestern abend. Keine Wolken, angenehme Temperaturen – die Freude am neuen Tag ist richtig groß.

A propos Wolken und Wetter: Der Engländer von der Fähre sagte, dass die Wettervorhersage der Spanier im Internet und den Nachrichten seiner Erfahrung gemäß so funktioniere: Sie nehmen die Statistiken der letzten Jahre und setzen sie in die Prognose für die nächsten Tage ein.

Das heißt: Wir schreiben beispielsweise den 1.4.2011. Dann wird das Ist-Wetter des 2.4.2010 zum Soll-Wetter vom 2.4.2011. Es sei denn, das Ist-Wetter vom 1.4.2011 weicht allzusehr vom Soll-Wetter des 2.4.2011 ab – dann wird das Soll-Wetter bis auf ein akzeptables „Epsilon“ an das Ist-Wetter des 1.4.2011 angepasst. Am 2.4.2011 schaut der Meterologe dann nach dem Öffnen der Fensterläden raus und passt die Prognose des 2.4.2011 an das aktuelle Wetter an. Und erreicht eine Treffergenauigkeit von 100 Prozent (ein mögliches „Epsilon“ hier vernachlässigen wir mal höflicherweise).

Das ist für mich der „Missing-Link“, der mir während meines Mathematik-Studiums in Statistik immer fehlte: Wann wird „Wahrscheinlichkeit“ zur „Wirklichkeit“? Wie groß darf das „Epsilon“ dazwischen sein, um diese beiden Begriffe zu Synonymen werden zu lassen? Was mir in einem ganzen Jahr kein Professor vermitteln konnte, lernte ich auf der Fähre in einem portugiesisch-spanischen Hafenbecken.

Reisen bildet eben!

Ich breche auf und fahre Richtung Osten – muss ja noch den Ausgang aus diesem Naturpark finden. Der schöne Weg hier führt in Richtung Norden. Ach egal – ich fahre einfach weiter.

Nach rund einer Stunde (irgendwann ging’s auch wieder Richtung Osten) stehe ich vor einem geschlossenen Tor. Schloss dran. Abgeschlossen. Rechts und links des Tores Maschendraht – rund zwei Meter hoch. ¡Mierda!

Fahrrad abladen, Gepäck rüberwerfen, Fahrrad rüberwerfen, wieder aufladen, weiterfahren? Ihr könnt mich mal… Die Spanier haben offensichtlich eine blühende Zaun-Industrie – die Dinger stehen wirklich überall hier in Andalusien. Ich selbst bin ein Zaun-Anarchist, mag die Dinger überhaupt nicht. Das liegt vielleicht daran, dass ich im Zonenrandgebiet-West aufwuchs. Ärgerte mich immer, dass ich mit dem Motorrad nur in drei Richtungen fahren konnte – war nicht eingeschlossen, sondern ausgeschlossen.

Also – lange Gedanken, kurzer Sinn: Mein Leatherman machte mich zum Aktivisten und ich schnitt den Maschendrahtzaun sauber entlang der Torpfosten durch. Schob mein Rad durch die neue Freiheit, verknüpfte die Maschen hinter mir wieder notdürftig und freute mich über mein Universalwerkzeug.

Was machen die auch den Eingang auf, aber den Ausgang zu…

Ich kam in Acebuche raus, im Parque Nacional de Doñana. Dort wurde ich durch ein Schild darauf hingewiesen, dass das Geschrei von letzter Nacht durchaus von Katzen kommen könnte – von Luchsen.

Ich bog auf die Landstraße ab, erstmal weg vom Meer, weg vom Strand, weg von der Küste in Richtung Sevilla.

Das erste Dorf, in das ich kam, war Rocío. Ich hatte noch keinen ccl+c und bog in Richtung Kirche ab. Was für eine Kirche! OK – eine „Ermita“, auf deutsch: Wallfahrtskapelle. Wenn das eine Kapelle sein soll, will ich nicht wissen, was mich mit der Kathedrale in Sevilla erwartet.

Ich lernte an den Tafeln, dass jedes Jahr zu Pfingsten über eine Million Pilger in dieses Pueblo kommen. Und jetzt wird mir auch klar, warum dieser Platz vor der Kapelle so groß ist. Und er ist aus Sand! Überhaupt sind Teer, Pflastersteine, Beton und Bodenfliesen an den Rocioanern völlig vorbeigegangen. Das ganze Nest hat Straßen und Plätze aus Sand!

Wahrscheinlich hat es eine spirituelle Bedeutung, wenn sich die Pilger in selbigen werfen. Das steht aber nicht auf den Tafeln. Für Papst Johannes Paul II haben sie hier eine Statue aufgestellt.

Und die Häuser sehen aus wie in einem Western mit John Wayne – sogar die Pferdeparkplätze sind authentisch.

Ich konzentriere mich statt auf die Suche nach Erleuchtung auf die Suche nach einem Saloon mit ccl+c. Das ist hier übrigens unchristlich teurer als bisher in allen anderen Orten. Pilgerpreise wohl.

Nach Rocío mache ich Kilometer. Es läuft genial. Ich sehe alle Sorten von Vögeln, Störche scharenweise, Schwalbennester an den Häusern in Fünferreihen. Wenn wir in der hannoverschen Leinemasch ein neues Storchenpäärchen entdecken, bauen wir gleich einen Beobachtungsposten und es steht in der Neuen Presse. Das würde die Menschen hier wohl amüsieren.

Der Boden deutet Trockenheit, die ja jetzt noch gar nicht so groß ist, an. Ich glaube, das Wasserhaushaltssystem ist durch die ganzen Bewässerungssysteme hier ziemlich aus dem Gleichgewicht. Im Hochsommer wird wohl deutlich, dass Nordafrika und sein Klima nicht so weit weg ist.

Bei Isla Mayor will ich mit einer kleinen Fähre über den Rio Guadaira, weil ich mir in Los Palacios ein Zimmer nehmen will – Ausgangsstation für meinen Ruhetag in Sevilla. Ich fahre den rund fünf Kilometer langen staubigen Feldweg in Richtung des Zeichens, das in meiner Landkarte eingetragen ist: Paso de Barca – Fährübergang.

Als ich am Ende des Weges am Ufer des Flusses ankomme, sehe ich zwar, dass die Straße auf der anderen Seite des Flusses weitergeht, aber ich sehe keine Fähre.

Zwei Arbeiter aus einer Fabrikhalle nebenan fragen mich, was ich von ihnen wolle. Von Ihnen? Gar nix – ich will rüber! Sie schauen sich an, lachen und sagen, dass die Fähre schon seit zwei Jahren nicht mehr fährt. Die nächste Möglichkeit über den Fluss wäre die Fähre in Coria del Rio, südlich von Sevilla.

Also zurück über die staubige Piste und in Richtung Coria. Dort schaue ich nach möglichen Busverbindungen nach Sevilla (gibt es reichlich) und nehme mir ein einfaches Hotelzimmer.

Coria ist schon ein Vorort von Sevilla und das Großstadtgewusel auf den Straßen nimmt zu.

Spanische Menschen sind geduldige Menschen. Im Gegensatz zu schottischen Menschen. Letztere warten nicht an roten Fußgängerampeln, erstere sogar länger als drei Minuten. Ich bin irgendwo dazwischen. Deutscher eben.

Spanier haben Zeit, keine Eile. Schotten doch aber eigentlich auch. Vielleicht sind die eher aus Prinzip gegen Bevormundung und gehen deshalb bei Rot. Spanier sind ja historisch eher Bevormunder und haben wohl deshalb kein Problem mit roten Ampeln.

Ich sollte in Hannover ein spanisch-schottisches Forum gründen, um darüber zu diskutieren…

Ein Gedanke zu „1. April 2011: Anarchie und Wallfahrtskapellen

  1. José Maria

    En el Parque de Doñana bin ich Stunden lang geritten. Zum Rocio bin ich von Bollullos Par del Condado zu Fuß zum Rocio gepilgert mit ca. 200 Fußpilger 80 Reiter ein Ochsenkarren und viel Gesang Vino y Alegria. Und auf meine erste lange Radreise nach meine OP bin ich von Barcelona zum Rocio quer durch España gefahren.

    Wow muchas Gracias für die Tollen Fotos und den Reisebericht bravo
    Da kommen Erinnerungen hoch.

    Hasta la vista
    José Maria

    Antwort

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