3. April 2011: Von Vogelbeobachtern und Schlangenschützern

So – jetzt muss ich noch die Fähre über den Guadalquivir finden. Es ist Sonntag, da sind die Spanier offensichtlich etwas träger als sonst – so richtig erwärmen kann sich niemand für mein Anliegen, wenn ich nach dem Weg frage.

Auf der Fähre treffe ich einen Engländer – besser gesagt: er trifft mich. Interessiert sich für mein Fahrrad. Der Mann ist ungefähr 65 und lebt auch hier in Spanien – scheint für Engländer attraktiv zu sein, dieses Land. Er ist allerdings noch mit seiner Frau zusammen und fährt mit ihr und einer befreundeten spanischen Familie zum „Bird-Watching“, zur Vogelbeobachtung. Ich überlege mir kurz, ob ich mit Frau Vogelbeobachter oder ohne Frau Tramp sein möchte.

Mein englischer Gesprächspartner beschwert sich auf der Fahrt über den Fluss darüber, dass die spanische Familie „immer alles“ einpacken muss, bevor es losgeht. Er hingegen wäre doch viel spontaner und könnte dann auch wie geplant viel früher losfahren zum „Bird-Watching“.

Auf der anderen Flussseite winke ich dem Tross in ihrem sehr nagelneuen und sehr gepflegten Landrover (genau: Das Ding, das früher mit Daktari-Tierärzten, schreienden Schimpansen und schielenden Löwen schonmal einen Nashorn-Angriff aushalten musste) zu. Auf zur Safari – man muss wohl so ein Auto haben, wenn man Tiere mag. Oder ein Fahrrad.

Ich fahre Richtung Los Palacios und kriege die ersten Regentropfen ab.

In Los Palacios entscheide ich mich, den Bus nach Lebrija zu nehmen und von dort fährt wohl eine Bahn nach Cádiz. Dann bin ich heute abend auch wieder am Meer und spare mir die Fahrt im Regen.

Busfahren in Spanien beginnt damit, dass zwar alle wissen, dass ein Bus fährt, aber keiner weiß, wann dieser Bus fährt. Und Fahrpläne gibt es zwar an den Haltestellen, aber daran hält sich offensichtlich niemand. Jedenfalls nicht sonntags.

Das hat zur Folge, dass ich zwei Stunden lang mit einem buswartenden spanischen Saison-Koch quatsche, der von April bis Oktober auf Mallorca in irgendwelchen Hotels arbeitet. Wir verabreden, dass wir uns schon mal gesehen haben, da wir beide vor drei Jahren gleichzeitig in Alcudia im Playa de Muro waren. Er als Koch, ich als Sportler im Trainingslager.

Auch er ist wieder sehr höflich, meint, ich spräche gut spanisch. Ha!

Spanier loben sich selbst und andere sehr gern. Das ist gut so, ein Zeichen von Wertschätzung. Alle sagen immer, dass das gute und leichte Mittelmeer-Essen sie so gesund halten würde. Das Essen der Spanier ist in der Regel fett und ungesund. Und auch Olivenöl ist pures Fett. Ich glaube, dass diese Form der gegenseitigen Anerkennung, Wertschätzung der Schlüssel für deren Gesundheit ist. Die sozialen, familiären Strukturen und die vielen Lobe, die sie verteilen und empfangen. Wie oft ich gehört habe, dass das bewundernswert wäre, was ich tue, dass mein Spanisch sehr gut sei, dass ich ein tolles Rad hätte – das ist schon klasse und ich genieße es. Es gibt sogar Frauen, die „Guapo“ zu mir sagen: „Schöner Mann“.

Da ich selbst entscheiden kann, wem ich glaube und wem nicht, nehme ich mir von dieser Reise eine große Reserve an Anerkennung und Lob mit. In Deutschland reicht das voraussichtlich vier bis sechs Wochen.

Als der Regen aufhört, kommt der Bus. So ein großer Reisebus mit großen Klappen unten dran. Der Busfahrer steigt aus, öffnet so eine Klappe und ich lege das Rad in den Gepäckraum – brauche nicht mal die Packtaschen oder das Zelt abnehmen. Ganz einfach.

In Lebrija steige ich aus und radel zum Bahnhof. Die Sonne zeigt sich sogar schon wieder. Auf dem Bahnhof fällt eine Schlange vom Dach direkt auf den Bahnsteig. Direkt vor mich. Schreck. Das Tier ist etwas größer als eine Blindschleiche und schlängelt sofort los Richtung Bahnsteigkante. Ein Spanier kommt sofort angelaufen und tritt nach dem Reptil. „No muerta, no muerta“ rufe ich ihm aufgeregt zu und hoffe, dass der Sinn meines Anliegens rüberkommt, obwohl das heißt „Nicht die Tote!“, mit ein bisschen Wohlwollen auch „nicht tot!“. Der Mann schaut mich entgeistert an und meint, das sei doch bloß eine Schlange. Ich bestehe darauf, dass diese Tiere sehr nützlich seien. Zum Glück kroch sie in irgendein Loch, wo sie der Spanier nicht mehr entdecken konnte.

Mit dem Rad im Zug fahren ist in Spanien auch eher locker. Ich habe zwar nicht kapiert, wann ich eine Radkarte lösen muss und wann nicht und wann sie was kostet und wann nicht, aber das ist letztlich auch egal. Es gibt nie Probleme und Bahnfahren in Spanien ist sowieso sehr preiswert. Andere Radfahrer schieben ihre Räder zur Seite, machen Platz oder organisieren sich kreativ, wenn es eng wird. Irgendwie kommt immer alles mit. Wenn ich an die Tragödien in den ICs oder Regionalzügen in Deutschland denke, die sich regelmäßig abspielen, wenn mal ein Rad an ein anderes gelehnt wird…

In San Fernando steige ich aus dem Zug und fahre erstmalig über eine spanische Autobahn. Mit dem Rad bis nach Chiclana. Das sind rund fünf Kilometer. Fünf Kilometer, auf denen mich locker zwei oder drei Autos der Guardia Civil überholen. Egal. Denen bin ich völlig egal. In Deutschland wäre ich spätestens nach fünf Minuten Thema in den Verkehrsnachrichten. Aber mangels Ortkenntnis oder ausgeschlilderten Alternativen ist das für mich der schnellste Weg zum Strand und zum Nachtlager – es dämmert so langsam. Am Torre del Puerco finde ich einen wunderschönen Platz rund 15 Meter oberhalb des Meeres an einer Steilküste.

Das Fotografieren habe ich heute irgendwie vollkommen vergessen – dafür haben sich viele Bilder und Gefühle in meinen Erinnerungen festgesetzt und ich habe meinen Lob-Speicher füllen lassen. Jetzt muss ich noch lernen, ein paar Lobe aus diesem Speicher wieder abzugeben – bin überzeugt, dass sie wundersam gemehrt zurückkommen. Ich schreibe noch ein paar Gedanken in mein Tagebuch und knipse die Stirnlampe aus. Das Meer rauscht mich leise in den Schlaf.

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