4. April 2011: Der Wind ist ein ehrlicher Gegner

Ich fahre am Strand lang, steige ab und fotografiere mein Rad. Für das Radreise-Forum, Mario macht da bestimmt eine schöne Geschichte draus.

Zwei ältere Ehepaare kommen auf mich zu. Ich grüße freundlich „¡Holá – Buenos dias!“. Da hält mir einer der Männer seine Kamera hin und sagt in breitestem ruhrpottdeutsch: „Du – hier – Foto machen!“ und gestikuliert wie wild. Die älteren Damen werden dadurch zu ollen Tussen, die auch noch rumgackern wie Gänse. Ich antworte auf deutsch: „Du mir Apparat geben – ich Foto machen.“ Die Gänse gackern eine Quarte höher, der Typ entschuldigt sich nicht mal.

Ich weiß nicht ob ich mich schämen soll für meine Landsleute. Die machen das ja nicht nur mit mir so…

An der Punta Camarinal möchte ich gern an der Küste weiterfahren, jedoch gibt es keinen Weg dort. Ich muss über eine kleine Nebenstraße zur Hauptstraße Cadíz – Algeciras und komme erstmalig an einer Kuh-Weide vorbei – habe mich sowieso schon gewundert, wo denn die ganzen Viecher stehen, aus denen die Spanier den anerkanntermaßen besten Schinken der Welt machen.

Die arabische Welt ist nah hier. Die von früher und die von heute. Maurische Kirchtürme, christianisiert, stehen neben Wegweisern mit arabischer Schrift.

In Tarifa kann ich rüber schauen – nach Afrika. Näher als ich dachte, der schwarze Kontinent.

Auf dem Weg nach Algeciras geht’s mal wieder hoch und über eine viel befahrene Küstenstraße. Ich probiere einen schönen Weg an der Küste entlang, komme aber nicht weit. Muss umdrehen und über die Hauptstraße.

Die Gegend hier ist Surfer-Paradies. Ich merke, warum. Der Wind ist echt heftig. Laugt mich aus. Treibt mich immer wieder Richtung Straßenmitte. Autofahrer hupen. Ich würde ihnen gern den Stinkefinger zeigen, aber wenn ich meinen Lenker loslasse, verliere ich die Kontrolle über mein Rad. Dann fluche ich halt eben einfach nur. Soll ja sogar gesund sein.

In Schottland habe ich den Wind auch angeschrien. Da war er noch etwas schlimmer, dort musste ich sogar mein Liegerad auf gerader Strecke schieben.

Mir läuft die Zeit weg. Es ist schon acht, ich bin völlig kaputt und friere. Aber an dieser dämlichen Bundesstraße gibt es keine Möglichkeit, irgendwo einen windgeschützten Zeltplatz zu finden. Ich würde ja sogar ein Hotel nehmen. Aber bis Algeciras sind es noch locker 20 Kilometer und ich weiß nicht, wie hoch ich noch muss.

Kurz nach dem Puerto del Cabrito biege ich in einer Siedlung rechts ab, suche mir ein abgelegenes Grundstück mit Mauer und stelle mein Zelt an dieser Mauer auf. So richtig windgeschützt ist das zwar nicht, aber besser als auf freiem Feld.

Ich liebe mein Hilleberg-Zelt – es ist sogar bei Starkwind relativ einfach aufbaubar und ist heute mal wieder meine Überlebenszelle.

Ich „wasche“ mich notdürftig mit drei feuchten Tüchern und genieße selbstgebackenes Brot aus einer Panaderia und leckeren Schafskäse aus einer Queseria. Langsam werden Körper und Seele wieder warm.

Luxus. Hier. Ich zelte jetzt gerade zwanzig Kilometer von Afrika entfernt. Komisches Gefühl: Hier „Wir“, dort „Die“. Hier Luxus, dort Kampf um Würde und Menschenrechte. Ich erinnere mich an früher, als ich über die Werra in die DDR schaute.

Ich werde nochmal wütend. Wir sind so scheißdekadent – könnten alle so leben, dass alle leben könnten. Aber müssen wir uns das vorwerfen? „Das steht uns doch zu!“ Was steht uns wirklich zu? Ist, was legal ist, auch legitim?

Ich denke an Albert Camus, der sagte: „Man muss sein Leben verantworten.“ Seins. Sein eigenes. Und das der anderen? Welche Verantwortung habe ich für die, die ihre Verantwortung ablehnen, nicht sehen, nicht wahrnehmen können? Ich komme zum Schluss, dass ich als Weltverbesserer lediglich zwei Möglichkeiten habe: Vorbild sein oder eine Revolution anzetteln. Ich entscheide mich für ersteres. Aber ich muss da wohl mal philosophisch rangehen.

Jetzt ist mir das zu spät.

Ich versuche, einzuschlafen. Der Wind lässt das Zelt nicht nur laut flattern sondern auch noch vibrieren. Ich stecke mir die Ohropax in die Ohren, aber das dämpft die Windgeräusche nur. Leise ist anders. Der Zeltboden trommelt neben der Isomatte an meine Arme.

Um kurz vor zwei schaue ich das letzte Mal auf die Telefon-Uhr. Wenn ich mal ein Buch schreiben würde, wäre ein guter Titel: „Maslow ganz unten“.

Ein Gedanke zu „4. April 2011: Der Wind ist ein ehrlicher Gegner

  1. Tom

    Hallo Jörg,

    toller Bericht, ich bin gespannt auf die nächsten Folgen bzw. Etappen, zumal ich über Ostern selbst durch Andalusien geradelt bin.

    Ca. drei Wochen nach Dir bin ich auch die Autovia San Fernando-Chiclana gefahren, allerdings andersherum und bin in San Fernando, wo du aus dem Zug ausgestiegen bist, eingestiegen, um mit dem Zug (Cercanía, nimmt problemlos Räder mit) nach Jerez zu fahren. Die Autovia bis Chiclana ist tatsächlich auch nach meiner Kenntnis alternativlos. Wenn Du Dich aber wunderst, daß die Guardia Civil sich für einen Radfahrer auf der Autovia nicht groß interessiert: auf den spanischen Autovias ist das Radfahren (anders, als auf den „echten“ Autobahnen, den Autopistas) grundsätzlich erlaubt. Ich habe diese Option noch zwei weitere Male wahrnehmen müssen: bei der Einfahrt aus Gibraltar kommend nach Algeciras hinein und beim Rückflug zum Flughafen von Sevilla. Nach dem Hinflug vom Flughafen Sevilla in die Innenstadt hatte ich mich noch gescheut und letztlich völlig unnötigerweise für ca. 35 Euro ein Taxi genommen (nachdem zwei oder drei Taxifahrer hektisch versucht hatten, mein noch vom Flug im Karton verpacktes Rad in ihr Taxi gestopft zu bekommen, hat es dann beim dritten oder vierten Wagen geklappt).

    An der Atlantikküste fand ich – neben Tarifa – den kleinen Badeort Los Canos de Meca am schönsten, wo ich auch gezeltet habe (am Kap Trafalgar, ich weiß nicht, ob Du da durchgekommen bist). Trotz der generell verregneten Osterwoche gab es da auch wunderschönen Sonnenschein.

    Wegweiser in arabischer Schrift, von denen du schreibst, habe ich auch schon wesentlich weiter im Landesinneren gesehen, knapp südlich von Écija. Und während Du nur zum „schwarzen Kontinent“ rübergeschaut hast, war ich drüben schmunzel und bin ca. 40 km in Marokko geradelt (Mit der Fähre von Algeciras nach Tanger MED, von dort nach Tanger und von dort mit der Fähre nach Tarifa).

    Gruß
    Tom

    Antwort

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