21. November 2011 – Prozessionen, Polizei, Persönliches

Kinder wecken uns – sind auf dem Weg zur Schule, schauen zu uns rüber, zögern, näher zu kommen. Schon lange habe ich diese süße Mischung aus Schüchternheit und Neugier nicht mehr gesehen.

Danach folgt eine kleine Ziegenherde. Die Hirtin ist in einen dunklen Talar gekleidet.

In Tata findet eine Prozession statt. Die marokkanischen Nationalflaggen flattern im Wind. Diese blutroten Tücher allerorten finde ich sehr schön. Vor allem mit diesem dunkelgrünen Stern in der Mitte. Ich mag den Kontrast.

Ich weiß nicht ob es eine religiöse oder politische Veranstaltung ist. Jedenfalls singen die Männer (Frauen sind nicht dabei) Kanon-ähnliche Strukturen und Rhythmen. Die Schwingungen der Gesänge, die gleichmäßige Trägheit der Schritte, das Flattern der Fahnen – irgendwas wirkt da gerade sehr beruhigend auf mich. Stundenlang könnte ich zuschauen und zuhören, die Augen schließen und nur zuhören.

Wir entscheiden mit Rücksicht auf die Kultur der Menschen und auf die uns unbekannten Motive und Ziele dieser Prozession, ihr nicht weiter zu folgen sondern jetzt raus zu fahren – Richtung Wüste.

Der nächste Ort ist 75 Kilometer entfernt: Tissint. Wir prüfen nochmal unsere Wasservorräte und fahren los.

Die Landschaft gewinnt an Weite, die Berge sind schwarz, braun, grün.

Kurz vor Tissint kündigt sich die Sahara an: Eine Art Schlucht ist in festen Sand gefressen. Die Strukturen werden durch die um diese Jahreszeit tief stehende Sonne wunderbar schattiert.

In Tissint kontrollieren uns zwei Polizisten. Sie fragen wo wir herkommen, hinwollen und wo wir schlafen wollen. Ich antworte, dass wir heute nur noch kurz und morgen bis Foum-Zguid wollen. Wann wir dort ankommen, wollen die Männer wissen. Gegen vierzehn Uhr. Einer geht mit unseren Pässen ins Gebäude, ich frage den anderen ob es Probleme mit oder für uns allgemein und an der algerischen Grenze im Besonderen gäbe. Nein – keine Probleme, alles sicher, alles klar. Ich überlege schon, was uns das kosten wird, hier wieder weiterzufahren.

Was mich allerdings beruhigt, ist die Tatsache, dass das hier keine kleine Dorf-Polizei-Station ist, in der die eine die andere Hand wäscht. Hier gehen auch Zivilisten und Soldaten ein und aus. Und zwar dauernd.

Der Polizist, der uns bewacht, und ich unterhalten uns in einer Mischung aus Englisch und Französisch. Nach rund fünfzehn Minuten kommt der andere wieder raus und fragt nach unseren Berufen. Manager und Scientist. Beide wollen wissen, was das bedeutet. Ich frage mich, warum die das wissen wollen. Ist es richtig, zu signalisieren, dass man einen einträglichen oder bedeutungsvolleren Beruf als andere hat? Ach – schnickschnack, was ist das ist. Ich bleibe bei der Wahrheit, auch hier. Nach einer kurzen freundlichen Erläuterung fahren wir weiter.

Die Menschen hier sind irgendwie ganz anders als bei den Berbern in den Bergen. Dunkler, viele Schwarz-Afrikaner. Wir kaufen uns noch Wasser, Brot und etwas Käse und fahren weiter. Karla fühlt sich nicht wohl hier als Frau mit nackten Beinen.

Im Oued el Maleh finden wir einen Bilderbuch-Platz zum Zelten. Ein kleiner Fluss fließt hier und wir stellen das Zelt auf einen Rasenplatz, eingerahmt von Dattelpalmen. Die Datteln können wir einfach so vom Boden auflesen, waschen und essen.

Wir genießen den Luxus, uns und unsere Wäsche im Bach waschen zu können. Die Sonne malt beim Untergehen die Palmen orange und die Wolken lila an.

Abends im Schlafsack gehe ich mal meiner Frage nach, warum eine Reise zu zweit so ganz anders ist als eine Reise allein. Es hat überhaupt nichts damit zu tun, ob Karla und ich uns verstehen oder nicht, ob wir gleich kräftig sind oder nicht, gleiche oder unterschiedliche Biorhythmen haben. Es geht auch nicht darum, was besser oder schlechter wäre. Es geht darum, das „anders“ zu erkennen. Ich merke, dass wir gegenseitig emotionale Impulse aussenden, auf die wir gegenseitig auch reagieren und mal mehr, mal weniger tief eingehen.

Das bindet Zeit und Energie, die ich sonst für mein freies Denken, Fotografieren, Reden, Beobachten, Ausprobieren einsetze. Also gebe ich etwas auf, das ich sonst sehr schätze und von dem ich auf Reisen und auch hinterher sehr zehre.

Andererseits genieße ich die Diskurse, die Karla und ich führen. Ihre Sicht auf die Verhältnisse hier, die Schilderungen ihrer so ganz anderen Gefühle, die sie hier entwickelt. Das nehme ich mit und das bereichert auch meine Eindrücke.

Es ist eben „anders“, zu zweit zu reisen – nicht besser, nicht schlechter.

Und es ist ganz „anders“, mit jemandem zu reisen, den man noch gar nicht so richtig kennt, noch nie in körperlichen, emotionalen oder sozialen Extremsituationen kennen gelernt hat. Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen möchte.

Und für mich ist es auch ganz „anders“, mit einem Menschen zu reisen, den ich liebe. So wie mit meinem Sohn im Sommer von Goslar nach Berlin. Ich weiß, dass ich das gerne mal wieder machen möchte.

Ein Gedanke zu „21. November 2011 – Prozessionen, Polizei, Persönliches

  1. Fränkyy

    Heute mal ein ganz anderer Reisebericht. Und wieder klasse!
    Abwechslung braucht das Leben.
    Interessante Gedanken, neben interessanten Berichten und Bildern.
    Es schreit nach mehr.

    Antwort

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