22. November 2011 – Ich. Arroganter Weltverbesserer.

Bis heute nacht wusste ich nicht, wie Esel exkrementieren, fressen, stinken und schreien können. Nachts um vier prägt sich das aber schnell ein. Vor allem, wenn das Anschauungsobjekt genau zwei Meter entfernt agiert. Also wieder eine unruhige Nacht.

Dafür entschädigt der Morgen. Die Sonne sorgt für thermische und optische Wärme.

Karla und ich entscheiden, erst in Mrimina einen Tee zu trinken und jetzt ohne Frühstück loszufahren.

Eine halbe Stunde später stehen wir an der Straße und schauen unsicher in Richtung des Dorfes. Einladend ist was anderes… Mrimina ist ein Wüstendorf, ähnlich einer Festung. Die Wege, die hineinführen, sind geschottert. Vor dem Dorfeingang sitzen ein paar Menschen, die im Schatten wahrscheinlich auf einen Bus warten. Karla fragt eine Frau in einem dieser typisch kräftig-farbenen Talaren, ob wir hier ein Brot kaufen könnten. Sofort kommt einer der Männer, die eigentlich woanders sitzen, um sich als Ansprechpartner zu präsentieren. Und er geht auch nicht auf Karla zu sondern auf mich. Er schickt uns rein ins Dorf, dort gäbe es eine „fête“, wo wir einkaufen könnten.

Langsam fahren wir über die Sandpiste ins Dorf, zwischen Lehmmauern und nahezu fensterlosen Häusern. Die Stille hier ist seltsam. Ich habe mich auf meinen Reisen noch nie so fremd gefühlt wie in diesem Moment. Noch nie so uneingeladen, so unwillkommen.

Die „fête“ scheint irgendwas religiöses zu sein – der Eingang sieht aus wie der Eingang zu einer Moschee. Wir rollen weiter. An einer Ecke steht ein Schwarzafrikaner – ihn frage ich nach Brot. Ob ich hier welches kaufen könnte. „No!“ – kurz und bestimmt. Ein älterer Beduine kommt hinzu, fragt auf arabisch nach. Nach einem kurzen Gespräch zwischen den beiden Männern sollen wir warten: „Attends!“

Der Alte geht in eines der Häuser und kommt mit einem halben Laib Brot wieder raus. Aus einem Nachbarhaus kommt noch ein Mann mit zwei kleinen Broten auf uns zu. Ich merke, wie die Menschen auftauen und sich die Mienen auf den Gesichtern erhellen. Als ich frage was ich zahlen soll, sind die Männer fast beleidigt. Ich gebe ihnen einen Erdnussriegel aus Deutschland, den ich noch als Notration in meiner Blechbüchse habe.

Jetzt sollen wir noch zum Tee ins Haus kommen. Karla winkt ab, ihr ist es zu mulmig. Wir bedanken uns ganz freundlich und verabschieden uns herzlich. Der junge Schwarze fragt nach meiner Adresse. Ich überlege nicht lange und schreibe sie ihm auf.

Dann fahren wir wieder zurück auf die Hauptstraße N12 und fragen uns, warum die Männer meine Adresse wollten – vielleicht als Anlaufpunkt in Deutschland. Karla und ich sind beide der Meinung, dass es richtig wäre, diesen Menschen in Deutschland zu helfen soweit das möglich wäre. Das sind keine Flüchtlinge! Das sind keine Extremisten! Das sind keine Verbrecher! Das sind keine Terroristen! Das sind keine Migranten! Das sind wunderbare, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen, die unsere Gastfreundschaft genauso verdient haben wie sie uns ihre andienen.

Was sehen wir denn schon auf unserer abgeschotteten Insel der Glückseligkeit in den Zeitungen und Nachrichten von muslimischen Ländern und dieser Gesellschaft? Das, was uns eben passiert ist? Die Unbekümmertheit der Kinder, die vor den Häusern spielen? Das wuselige Treiben auf den Märkten hier? Den Respekt, den die Menschen sich gegenseitig allein beim Grüßen und Verabschieden entgegenbringen?

Nein. Wir sehen das, was wir sehen sollen, weil es das ist was wir sehen wollen. Wir wollen unsere Schubladen füllen. Und auf der Schublade „Arabischer Staat“ steht: Randale in den Vororten von Paris durch maghrebinische Jugendliche, Revolution in Tunis oder Algier, Al Quaida fasst Fuß in Libyen, Kriminalität durch Ausländer nimmt zu, und so weiter.

Wir bekommen verkürzte Ausschnitte präsentiert, zugeschnitten auf ein sensationsgeiles Publikum, das ansonsten bei Wetten dass oder DSDS degeneriert und sich einen Scheißdreck darum kümmert, warum die Welt so ist wie sie ist. Wahrscheinlich weil die Degeneration des Denkens schon zu weit fortgeschritten ist…

Wenn ich hier in der aus unserer Sicht „herrschenden“ Armut sehe, mit welcher Herzlichkeit Menschen miteinander umgehen können und dann an die Novembergesichter denke, die mich in Deutschland wieder daran erinnern, dass ich auf der falschen Radwegseite fahre, würde ich am liebsten hierbleiben.

Diese Menschen sollen „arm“ sein? Diese Menschen sollen von uns lernen wie „man“ lebt? Betet? Konsumiert? Wenn wir nicht so arrogant wären, könnten wir hier lernen – von diesen Berbern, Marokkanern, Beduinen, Moslems – wie Herzlichkeit gelebt werden kann. Wie „Miteinander“ funktioniert. Wie Prioritäten gesetzt werden können.

Nach zwei Stunden machen wir Pause. Eine Akazie spendet wohltuenden Schatten. Die Wüste meldet sich an. Karlas Vorderrad ist platt. Wir flicken es, ich wasche mir die Schmiere mit Sand und einem Mund voll Wasser von den Händen. Hier hat Wasser einen großen Wert. Auch wenn wir überall welches kaufen können (von Coca-Cola!), so haben wir doch Respekt vor dem Verbrauch. Mitten im Nichts in praller Sonne kann jeder Schluck lebenswichtig sein.

Kamele haben sich ja sehr gut an diese Bedingungen angepasst. Einige von ihnen überqueren direkt vor uns die Straße. Ihre Bewegungen und offenbar auch ihr Gemüt sind extrem unemotional. Für das Überleben in der Extremsituation „Hitze“ optimiert. Während Karla versucht, eines der Tiere zum Bleiben zu animieren, denke ich darüber nach, was ich von diesen Tieren lernen könnte.

Foum Zguid sehen wir schon von weitem. Dennoch sind es noch über zwanzig Kilometer bis dahin. Wir glauben das nicht – anscheinend täuscht uns diese Landschaft Entfernungen vor, die de facto viel größer sind.

Der Ort selbst ist ein Touristenort. Eine große Kaserne und ein Campingplatz begrüßen uns. Auf dem Hauptplatz kaufen wir Obst und Gemüse, danach essen wir Mittag in einem Restaurant. Ich bestelle ein Omelett – es kommen zwei Sorten Oliven, Brot und ein Rührei mit Tomaten. Lecker.

Ein großer Geländewagen hält direkt vor dem Restaurant – ein „originalgetreuer Touareg“ und vier amerikanische Touristen steigen aus und setzen sich an den Nachbartisch. Karla und ich diskutieren, ob eine solche Form von Urlaub legitim ist oder nicht. Ich empfinde diese Sorte Touristen als Zoo-Besucher, die sich im Schutz ihrer Klima-Anlagen und Zoo-Führer durchs Land karren lassen und zwar viel fahren, aber absolut nichts wirklich „erfahren“. Was Land und Leute hier wirklich ausmachen, zum Beispiel. Wie sich ein Sandsturm anfühlt, zum Beispiel. Wie man sich begrüßt, zum Beispiel. Karla sieht in meiner Sicht ein wenig Arroganz und verweist darauf, dass nicht jede(r) mit dem Rad durch die Wüste fahren kann. Ist ja gut…

Ich bin noch bewegt von meinen Gedanken von vorhin und frage mich dennoch, ob diese Menschen ihre Einstellungen zu Reichtum und Armut auch mal aufgrund einer solchen Reise in Frage stellen. Oder ihre Einstellungen zu den sich andeutenden Süd-Nord-Wanderungsbewegungen (die sich zwangsläufig verstärken werden – allein schon wegen der demografischen Entwicklungen in der Welt). Ja, jetzt bin ich mal arrogant: Nein. Tun sie nicht. Die freuen sich, mit hundert Sachen im Jeep über die Wüstenpisten zu heizen und hinterher nur hundert Dirham für ein Vier-Gänge-Menü zu zahlen.

Ach – was rege ich mich auf… Nur eins noch: Ich künde Karla an, dass, wenn jetzt hier ein holländisches Wohnmobil hier auftaucht, ich mich in den Sand werfe und eine halbe Stunde schreie. Diese Dinger und ihre Insassen haben mich in Südfrankreich im Herbst traumatisiert.

Wir haben nicht mehr viel Zeit und fahren weiter. Die Berge rücken wieder enger zusammen und sind teils braunrot, teils grauschwarz, teils grünblau.

Gegen halb vier kaufen wir noch mal drei Liter Wasser. Die Kinder, die neugierig um uns herumstehen, lachen uns an. Ein kleiner Junge trägt ein Fußballtrikot von Real Madrid. Ich sage auf spanisch: „Real? – Pah! – Yo soy de Barcelona! Fue alli y miré a Messi y Xavi y David Villa!“

Der Kleine schaut erst scheu zu mir, dann lache ich, dann grölen die Barca-Anhänger seiner Kumpels angedeutete Fan-Gesänge und dann lacht die ganze Bande. Rufen gegenseitig die Argumente für und gegen die beiden Klubs. Die Erwachsenen wissen erst gar nicht was los ist, lachen dann aber auch mit.

Direkt an einem Fluss finden wir einen schönen Platz für unser Zelt. Eine Horde Kinder hat hier wohl gerade gebadet und gespielt – auf dem Nachhauseweg lächeln und winken sie uns zu. Es ist ein besonderes Gefühl, in einem so freundlichen und jungen Land zu sein.

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