23. November 2011 – Aufklärung. Revolution. Falle.

Die erste Nacht, die wirklich ruhig war: Kein Wind, keine Esel, keine Autos, keine Fußball-Übertragungen. Bis auf unser gegenseitiges Röcheln, weil die Nasenschleimhäute mittlerweile ziemlich trocken sind. Aber das zählt nicht.

Bei strahlend blauem Himmel fahren wir los.

Die nächtliche und morgendliche Ruhe trügt – gegen zehn wird es windig. Gegenwindig.

Bei Imzil finden wir eine Herberge, die einen sympathischen Eindruck macht. Drei Kinder spielen mit Katzen, Hühnern, einem Hund und Ziegen in Hof und Garten.

Wir setzen uns vor das Haus, die Frau des Hauses sieht uns und ruft nach ihrem Mann. Wir bestellen Tee, Brot und ein Omelett. Letzteres war gestern noch in den Hühnern, die hier so rumlaufen.

Das unbeschwerte Spiel der Kinder lässt uns an unsere Kindheiten auf den Bauernhöfen unserer Großeltern erinnern. Ist die Zeit hier stehen geblieben?

Ja – allerdings nicht nur die letzten dreißig Jahre. Für Mädchen und Frauen aus unserer Sicht gefühlte fünfhundert Jahre.

In Irghem, als die Männer das Lokal verließen, als Karla reinkam. Vorgestern in dem Dorf, als die Frau sich versteckte, nachdem sie mich sah. Gestern, als Karla eine Frau ansprach, sofort ein Mann kam und mit mir redete. Überall in den Dörfern auf den Fußball- und Spielplätzen, auf denen ausschließlich Jungen spielen. In jedem Laden, in dem der Besitzer mir antwortet, wenn Karla fragt.

Wir fragen uns, warum die westliche Kultur es hinbekommen hat, Mädchen mit Jungen und Frauen mit Männern gleichzustellen. Schließlich war die Rolle der Frauen im mittelalterlichen Europa vergleichbar mit der Rolle der Frauen im mittelalterlichen Arabien und als Mauren aus dem Maghreb mit Christen und Juden in Spanien zusammenlebten, waren sie es letztlich als Kulturführer, die Wissenschaft und Kunst voranbrachten.

Ich vernachlässige jetzt mal, dass es aus Sicht eines arabischen Menschen arrogant erscheinen mag, wenn Europäer die hiesige Situation als menschenrechtlich fragwürdig kritisieren. Und ich setze mal gleichzeitig voraus, dass wir die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen in Europa als „Fortschritt“ und in Arabien als „Stillstand“ definieren.

Dann stellen sich mehrere Fragen, warum die Entwicklung unterschiedlich verlief.

Woran liegt es also, dass Frauen hier heutzutage aus unserer Sicht weniger Rechte haben als Männer? Warum sind wir in Europa weiter? Was sind die Gründe?

Karla und ich sind beide keine Geschichtskenner und Historiker, aber uns einig, dass die aufklärerischen Vordenker wie Kant, Voltaire oder Locke Schlüsselfiguren am Anfang unseres Entwicklungsprozesses waren. Aber nur mit Philosophen ändert man keine Kultur. Ihre Ideen müssen ja getragen und umgesetzt werden. Und da war es früher wohl „hip“ in den höheren Kreisen, mit den Herren Philosophen mitzuhalten und ihre Ideen umzusetzen. So wurde die Idee gleichberechtigter, freier Menschen in die Verfassungen der europäischen Staaten und der USA aufgenommen. Und da die Adligen in Frankreich etwas schwer von Begriff waren, wurde die Aufklärung letztlich mit Gewalt durchgesetzt.

Wobei eine spannende Frage für mich unbeantwortet bleibt: Darf Aufklärung mit Gewalt durchgesetzt werden?

Egal – letztlich legte die Aufklärung den Grundstein für das was wir heutzutage unter Demokratie, Gewaltenteilung, Gleichberechtigung und Freiheit für alle verstehen.

Diese geistige und letztlich auch geistliche Entwicklung ist trotz der oben beschriebenen philosophischen Grundlagen der Mauren aus den „spanischen Jahrhunderten“ an den arabischen Völkern vorübergegangen.

Wir fragen uns, ob der arabische Frühling, der momentan stattfindet, eine Revolution ist, die mit der französischen vergleichbar ist.

Ich selbst bin da eher skeptisch, denn ich habe in den arabischen Staaten noch keine geistige Bewegung wahrgenommen, die sich auch mit dem Islam kritisch auseinandersetzt – schließlich war die kritische Haltung zur Kirche im Zeitalter der Aufklärung letzterer immanent.

Insofern kämpfen im arabischen Frühling wohl zwei Pole um geistige und politische Vorherrschaft: der den Alltag bestimmende geistliche Konservatismus über die Prediger, die Kultur, die Fatwas auf der einen und der Bürger- und Menschenrechte, Rechtsstaat, Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Wohlstand verlangende Impuls vor allem der jungen Menschen auf der anderen Seite.

In Tunesien und Ägypten findet nach den Umwälzungen der letzten Monate langsam auch ein Erwachen statt, dass es mit einer Revolution allein eben nicht getan ist. Ich habe den Eindruck, dass nach diesem Erwachen eine Orientierung zu irgendetwas hin notwendig ist. Bisher war sie eher von etwas weg. Und da sind die Araber momentan noch eher richtungslos. Aber stolz können sie sein, auf diesen Anfang.

In Marokko selbst ist es ja nicht zu ähnlich starken Strömungen gekommen wie in den restlichen Staaten des Maghreb. Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass Marokko wirtschaftlich vergleichsweise ganz passabel dasteht und der junge König offensichtlich eher mit dem deutschen Friedrich II als mit den letzten französischen Ludwigs sympathisiert. Man könnte auch annehmen, dass er aus der Geschichte und den Schicksalen dieser Herren und der seiner östlichen Nachbarn gelernt hat.

Jedenfalls bleiben für uns Fragen offen, die die nahe Zukunft wohl nicht beantworten wird. Freitag finden hier Wahlen statt – wir werden permanent von Autokaravanen überholt, die lauter kleine Zettel aus den Fenstern werfen. Kinder sammeln die Zettel von den Straßen auf. Ich habe eine Ahnung, zu was sie schlussendlich dienen werden.

Nach ausgiebiger Diskussion untereinander zahlen wir und fahren von nun an mal wieder bergauf. Wir wollen ins Vallee du Draa und müssen über einen Pass. Auf dem Pass ist es recht kalt, wir ziehen uns winddicht an.

Karla ist bergauf stärker als ich, also kommt sie ein paar Minuten eher oben an als ich. Als ich nachkomme, diskutiert sie mit Torwärtern der Arhbar-Mine hier oben. Wir wissen nicht, was hier abgebaut wird – jedenfalls sind die Berge hier und das was aus den Minen rauskommt, sehr blau.

Zirka fünf Kilometer vor Agdez, dem Tor zum Vallee du Draa, steht ein moderner Lieferwagen am Straßenrand. Ein Mann sitzt drin, ein anderer unterhält sich mit ihm durch das offene Fenster der Fahrertür. Beide begrüßen uns freundlich und fragen, ob wir eine Nachricht nach Agdez mitnehmen könnten – sie hätten kein Benzin mehr.

Hilfsbereit wie wir nunmal sind, glauben wir, den Marokkanern ja auch mal was zurückgeben zu können. Also warten wir ab, bis die beiden einen Zettel mit einer Weg-Skizze zu ihrem Verwandten in Agdez und einer Nachricht in arabischer Schrift vollgemalt haben.

In Agdez ist das Haus, zu dem wir fahren sollen, einfach zu finden. Davor stehen zwei Männer, die uns freundlich begrüßen und uns den Zettel abnehmen. Karla ist schon skeptisch: Warum erwarten die beiden uns?

Wir werden in einen Verkaufsraum geführt und zu einem Tee eingeladen. Und nun entwickelt sich das, was man gemeinhin „sensibles Verkaufsgespräch“ nennt. Wir werden gefragt, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Rissani – unser nächstes Ziel – wird verrissen, stattdessen sollten wir doch besser nach Mhamid fahren, dort seien wesentlich schönere Dünen und weniger Touristen.

Der Verkäufer kennt zufällig auch jemanden, der dort Allrad-Geländewagen vermietet und Kamel-Touren anbietet.

Wir verdeutlichen, dass wir nur mit dem Rad fahren und auf Autofahren liebend gern verzichten.

Dann sollen wir die typischen Trachten der Touareg anziehen. Das finde ich widerum gut – frage mich schon die ganze Zeit, wie die Menschen hier diese einfachen Tücher so um den Kopf binden, dass es gut aussieht und sehr funktionell gegen Kälte, Hitze, Sand und Regen schützt.

Als wir ablehnen, die Tracht zu kaufen – aus für ihn sogar plausiblen Gründen: Wir haben schlicht keinen Platz im Gepäck, schüttet er Schmuck aus Mauretanien auf einen Teppich.

Noch in voller Tracht staunen wir: Alles Silber, Gold und Ebenholz, alles Handarbeit. Sagt er. Mir gefällt ein Armreif und ich bekunde Interesse. Damit schnappt die Falle offensichtlich zu. Nach einiger Diskussion kaufe ich zwei Armreife für „good price“ – hoffnungslos überteuert wahrscheinlich. Aber wie ist es mit der Kunst? Wenn’s Dir gefällt und Du’s Geld hast, kauf’s.

Karla friert, ich auch und wir wollen in ein Hotel. Kein Problem, sagt unser Gastgeber, er kennt einen Verwandten, der ein Maison betreibt: „Good price!“ Karla wird sauer, wir wollen in das Hotel, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. Unser Händler schreibt etwas auf arabisch auf einen Zettel und sagt: „No problem – give it to Ahmed – he will make good price.“ Und morgen früh sollen wir hier nochmal vorbei kommen, um ein Auto und eine Kamel-Tour zu buchen. Ich bin fast soweit, mein Ehrlichkeitsprinzip über den Haufen zu schmeißen und „Yes!“ zu sagen, kann mich aber im letzten Moment noch zu einem „Maybe!“ retten.

Draußen ziehen zur Kälte noch dunkle Wolken auf und wir wollen jetzt nur noch eine heiße Dusche. Das scheint Ahmed auch zu merken und fordert 300 Dirham für ein Doppelzimmer ohne Frühstück von uns. Ich gebe ihm den Zettel, er mir kommentarlos mit rollenden Augen den Zimmerschlüssel. Ich bin gespannt – Zahltag ist morgen früh.

Beim Abendessen fragen wir uns, ob wir hier einem Betrug aufgesessen sind. Oder zumindest einer schlauen Masche, ahnungslose Touristen in einen Verkaufsraum zu locken. Wenn das so war, dann ist das Ding mit dem trockengefahrenen Auto schon echt ein Hammer. Soviel zur marokkanischen Gastfreundschaft in Touristengebieten.

Ich weiß nicht, ob mir das peinlich ist. Aber ich weiß eben auch nicht, ob das alles gespielt war. Ich will das aber auch gar nicht wissen. Ich werde künftig aber misstrauischer sein. Obwohl misstrauische Leute unglücklicher sind als Leute, die eher vertrauensselig sind.

Vielleicht verkaufe ich die Armreife mit dieser Geschichte bei ebay und spende das Geld für einen guten Zweck. Einer Flasche Wein zum Vergessen, zum Beispiel…

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