25. November 2011 – „Silou! Silou!“

Wir haben ein tolles Frühstück: Frisch gepresster Orangensaft, Eier, Käse, Butter, Feigen, Marmelade und frische Blätterteig-Omeletts. Das alles passt wunderbar in das Gesamtkonzept dieses Hotels. Wenn ich irgendwann mal aussteigen sollte und ein Buch schreiben wollte, würde ich mich genau hier für ein paar Monate einquartieren. Aber: Wir wollen weiter.

Unsere Gastgeber verabschieden uns herzlich, ich gebe ihnen ein großzügiges Trinkgeld.

Die Sonne scheint wieder, der Wind hat sich beruhigt und es rollt gut. Gegen zehn frischt er aber wieder auf – der unsichtbare Gegner. Das heißt: Hier ist er sichtbar, wenn sich in der Ferne Sandwolken um sich selbst drehen wie Eiskunstläufer bei Olympia. Die Landschaft in Richtung Tazzarine und Alnif vermittelt weiterhin Weite bis zum Horizont. Rechts und links Berge, von denen die höchsten im Norden mit frischem Schnee bedeckt sind. Grandioses Panorama. Einzig mein Darm grummelt ein wenig – letzte Nacht hatte ich Durchfall. Wahrscheinlich vom frischen Koriander, der das Abendessen garnierte. Eine Immodium-Tablette hilft, dass ich das Frühstück bei mir behalte.

Der Wind bläst uns kalt entgegen – wir ziehen uns warm an. Im Norden sind wieder Regen- und Gewitterwolken zu sehen, die uns Sorgen machen. Zumal der Wind aus Norden kommt, wir in Richtung Norden fahren und es keine Möglichkeit gibt, abzubiegen. In den kleinen Dörfern, durch die wir fahren, kommen uns immer wieder Kinder entgegen- und hinterhergelaufen. „Silou! Silou!“ rufen sie (jedenfalls höre ich das so) oder „Bombon! Bombon!“. Manche rufen nicht nur und warten ab sondern fordern regelrecht. Das ist bisweilen lästig. Es sind eben immer so viele Kinder (eigentlich ja nur Jungen), das wir tütenweise Bonbons mitführen müssten, wenn wir alle gleich behandeln wollten. Wenn wir mal Pause vom Wind machen wollen, geht das hier nur in den Orten, da nur Mauern oder Gebäude einen nennenswerten Schutz bieten. Aber sobald wir stehen, kommen die Kinder. Wenn einheimische Erwachsene dabei sind, halten sich die Jungen zurück, sind weniger forsch oder teilweise gar aggressiv.

Bei Ait Saadane setzen wir uns, um Brot und Datteln zu essen. Nach drei Minuten sind rund zehn Jungen um uns versammelt – alle so zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Wir wissen gar nicht wo die alle herkommen. Auf ihr „Silou! Silou!“ zeige ich ihnen meine Datteln – gerne gebe ich welche ab. Aber das wollen sie nicht – sie wollen (sic!) Geld oder Bonbons. Sie beginnen, mit Lehmklumpen und Steinchen auf unsere Räder zu werfen. Ich schaue zwei von ihnen böse an und hebe meinen Zeigefinger. Dann lassen sie’s auch bleiben. Aber mir stellt sich die Frage, was ich machen soll, wenn sie mit Steinen auf uns werfen. Schimpfen? Dann lachen sie mich aus. Zurückwerfen? Was wenn ich einen träfe? Schlagen oder festhalten? Dann hab‘ ich’s mit der ganzen Familie zu tun. Abhauen? Das würde sie animieren, hinterherzuwerfen. Die beste Erfahrung habe ich gemacht, wenn ich freundlich und bestimmt das „Silou“ ablehne, in Dorf-Nähe nicht anhalte und wenn, dann dort wo andere Erwachsene sind. Je älter desto besser. Letztere dann freundlich mit „as-salamu!“ grüßen und die Kinder sind nicht mehr frech.

Wenn Kinder dennoch auf freier Strecke zu aufdringlich werden, dann habe ich die Erfahrung gemacht, sie böse und grimmig anzuschauen und mit fester lauter Stimme zu reden. In welcher Sprache, ist egal. Da kommt es eher auf entschlossene Körpersprache und Phonetik an. Aber eins würde ich nie tun: Kinder anfassen, schlagen, halten oder bewerfen.

Gegen vier Uhr nachmittags frischt der Wind nochmal stärker auf und wir sehen eine sehr dunkle Gewitterfront auf uns zukommen. Karla kriegt trotz Kapuze und eng anliegender Sonnenbrille wieder ein paar Sandkörner unter ihre Kontaktlinsen und kann von einer Sekunde auf die nächste nichts mehr sehen. Da sie hinter mir fährt, bemerke ich erstmal nichts. Erst nach rund hundert Metern drehe ich mich um und sehe sie auf der Straße stehen. Der Wind wirft ihr Fahrrad um, sie steigt in den Straßengraben, um Schutz zu suchen. Ich fahre zurück und bemerke, dass sie ziemlich starke Schmerzen haben muss. Ich kann das nicht nachvollziehen, da ich noch nie Kontaktlinsen auf den Augen hatte. Karla kann ihre Augen kaum öffnen, die Linsen sind offensichtlich verrutscht, hier kann sie sie nicht herausnehmen. Wir müssen warten bis der Schmerz nachlässt. Letztendlich schafft sie es, die Linsen abzunehmen und ihre normale Brille aufzusetzen. Dennoch sieht sie zunächst erstmal nur wenig. Wir sind hier allerdings mitten im Nirgendwo, eine Gewitterfront kommt auf uns zu und wir müssen weiter. Ich fahre vorneweg, jetzt biete ich mal Windschatten. Das Unwetter scheint durch die Berge etwas aufgehalten zu werden, die ersten Regentropfen erreichen uns dennoch.

Der Wind wird zum Orkan, wir sehen einen Ort in rund einem Kilometer Entfernung. Mit einstelliger Geschwindigkeitsanzeige kriechen wir mit voller Kraft den mittlerweile schwarzen Wolken entgegen. Gerade beginnt es zu regnen, da erreichen wir eine Kasbah gleich am Ortseingang. Punktlandung! Unser Zelt hätten wir bei dem Wind in der vegetationslosen Ebene kaum aufgestellt bekommen.

Der Hotelier will 600 Dirham mit Halbpension, unsere Situation gibt keine gute Verhandlungsposition her. Wir schlagen 400 ohne Essen vor und einigen uns auf 500 mit Halbpension.

Trotz der Umstände sind wir heute in fünfeinhalb Stunden 87 Kilometer gefahren und jetzt schon kurz vor Alnif.

Spannend, zu sehen, wozu Menschen in der Lage sind. In Extremsituationen. Für mich war es eher eine körperliche Herausforderung und Anstrengung. Karla hat der Wind eher mental herausgefordert.

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