26. November 2011 – Regen, Sturm, Fossil-Museum

Um sieben werden wir durch den Krach der Zimmernachbarn geweckt. Es ist kalt, windig, regnerisch. Das Frühstück lockt höchstens ein paar Spatzen an, die durch die offenen Fenster kommen und fliegen. Nicht mal die Wäsche ist über Nacht getrocknet. Also: Super-Radtag heute.

Natürlich ist der Wind wieder gegen uns, heute aber richtig. Mittags beginnt es zu regnen. Und zu stürmen. Diesmal prasselt nicht der Sand sondern der Regen ins Gesicht. Der Schmerz ist der gleiche, die Sicht auch. Karla haut’s wieder fast in den Graben. Wir kämpfen uns Meter für Meter voran – eine Unterstellmöglichkeit gibt es weit und breit nicht. Noch nichtmal Schutz vor dem Wind.

So ungefähr eine halbe Stunde geht das in dieser Heftigkeit. Als das Schlimmste vorüber ist, halten wir an einem „Fossil-Museum“, um windgeschützt zu verschnaufen. Ich wundere mich darüber, dass das einzige Gebäude weit und breit ein Museum ist.

Bei näherem Hinsehen ist das natürlich kein Museum. Oder vielleicht doch: Eins, dessen Exponate man kaufen kann. Die Fossil-Suche scheint ziemlich viele Touristen anzuziehen – habe jetzt schon öfter entsprechende Hinweise auf Fossil-Gebiete, Fossil-Hotels, Fossil-Exkursionen, Fossil-Suchen und jetzt das Fossil-Museum gesehen.

Neben dem Museum bietet ein Dach Unterschlupf und Schutz vor Wind und Wetter. Wir sind nicht die ersten, die das nutzen. Einer der anderen ist ein einheimischer Reiseradler. Er hat nichts weiter als sein Fahrrad. Alles was er besitzt, ist daran befestigt. Das Rad selbst ist ein Unikum. Wir verstehen uns zwar verbal nicht, aber es entsteht eine lustige Unterhaltung. Einer der anderen Männer spricht gut spanisch und übersetzt. Und interpretiert: Der Alte hat weder Frau noch Haus noch Kinder noch Vieh – da kann er es sich leisten, durch die Gegend zu fahren.

Der Museumsbetreiber läd uns zu einer Tasse Tee ins Museum ein, was wir – ausgekühlt und fröstelnd – gerne annehmen.

Ammoniten gibt’s hier hundertfach. Sogar Dinosaurierzähne hätten sie schon gefunden, sagt der Marokkaner. Nach einer halben Stunde Tee-Zeremonie und wildestem Kauderwelsch kaufe ich noch ein paar Mitbringsel für meine beiden Jungs – auch, um etwas Geld dazulassen. Denn wenn man zum Tee eingeladen wird, sind die Gastgeber beleidigt, wenn man das bezahlen will.

Jetzt kommt noch ein kleiner Junge ins Museum – er gehört irgendwie mit zur Familie. Ihm gebe ich einen Lutscher, den ich in der Lenkertasche habe. Jetzt freuen sich alle.

Wir sind aufgewärmt, wieder einigermaßen angetrocknet und fahren weiter.

Da ich unterwegs mal wieder ein paar Bilder schieße, fährt Karla vor und wartet vor einem Dorf auf mich. Damit ist sie wieder ein Magnet für die spielenden Kinder. Kinder? Jungs!

Die Jungs bedrängen Karla, sie reißen ihr das Brot vom Gepäckträger. Auch danach sind sie weiterhin sehr aggressiv. Heute morgen hatten einige Jungs schon mit Steinen nach ihr geworfen. Ich selbst ignoriere diese Banden mittlerweile schon. Sie sind lästig, aber nach mir warfen sie bisher noch nicht. Als ich Karla vorschlage, nicht in Sichtweite von Dörfern zu halten um auf mich zu warten, reagiert sie frustriert und gereizt. Ich kann das verstehen. Aber ich kann mich auch in die Lage der Jungs in deren Kultur versetzen – ohne dass ich das tolerieren will. Wir als Gäste können das werten wie wir wollen – ändern können wir diese Realität hier und jetzt nicht. Frust und Ärger helfen da nicht weiter. Frauen haben hier nicht nur einen niedrigeren Rang als Männer sondern offensichtlich in einigen Regionen sogar einen noch niedrigeren als Jungen.

Um fünf Uhr nachmittags wird es ziemlich düster. Wir sind zwanzig Kilometer vor Rissani und bauen unser Zelt mitten im Nirgendwo auf.

Da es kalt und ungemütlich ist, muss heute die Drei-Feuchttücher-Hygiene reichen. Zum Kochen reicht das Wasser nicht mehr, wir teilen uns mein Brot, einige Datteln und Erdnüsse. Ich beiße hin und wieder in eine Chili-Schote, damit mir warm wird.

Um sieben legen wir uns hin, ich höre noch etwas Musik und schlafe ein.

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