2. Dezember 2011 – Rückblick, Ausblick, Erlebnisse, Erkenntnisse

Die Sonne weckt uns. Es wird hell im Zelt. Acht Uhr – vierzehn Stunden Schlaf! Und zwar gut!

Karla sagt, wir hätten Besuch von Wildhunden gehabt heute Nacht. Ich habe nichts gehört.

Draußen sehe ich dann deren Spuren, sie führen zu unseren Essensresten von gestern Abend – dem scharfen Nudelberg. Die Spuren führen allerdings auch nur bis zu den Nudeln hin. Angerührt haben die Viecher nichts.

Wir frühstücken in Ruhe mit der Sonne in den Gesichtern. Eine Genusstour durch das mediterrane Hinterland von Nador ist der Abschluss des Rad-Teils unserer Reise.

Kurz vor der Hauptstraße nach Nador hat der Regen der letzten Woche eine Brücke über einen Fluss weggespült. Wir müssen durch das Wasser. Karla zieht Schuhe und Strümpfe aus und schiebt. Ich weiß es natürlich besser und fahre. Genau zwei Meter. Dann stoppt irgendein dicker Brocken im Flussbett meine Fahrt und ich muss vom Rad runter springen. Karla fährt mit trockenen Schuhen und Strümpfen weiter, ich mit nassen.

Durch Nador und Melilla zu radeln ist abenteuerlich. Nicht wegen des Verkehrs sondern wegen des Lärms der Autos und vor allem der alten Laster und deren Abgasen. „Berliet“ steht auf den Dingern drauf – ich glaube, das sind alte ausgemusterte Franzosen. Uns brennen Nasen, Augen und Hälse vom Dieselruß und den sonstigen Giften (teil)verbrannten Benzins und Öls. Bisher mochte ich die 123er Baureihe von Mercedes noch ganz gern – hatte ja selber mal einen 240er Diesel. Momentan kann ich die Dinger nicht mehr sehen oder hören oder riechen. Ich werde traumatisiert nach Deutschland zurückkehren, mich aber dann nicht in Behandlung begeben. Jedenfalls nicht wegen alter Autos.

In Europa geht es uns mit der verpflichtenden Abgastechnologie in den Autos echt gut. Was nicht heißen soll, dass damit der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor legitimiert sein soll. Schließlich zeigen die Menschen in Südmarokko und ich selbst in Deutschland, dass es auch ohne geht.

Am Ortsausgang von Nador sehen wir erstmals ein McDonalds. Auf der Wiese davor wirft ein Schaf gerade ein Junges. Wir bleiben stehen und schauen zu, wie es versucht, auf die Beine zu kommen. Lange nicht gesehen, so ein Schauspiel der Natur. Und das vor einem Fast-Food-Laden, der den Naturschutz nicht unbedingt zum Haupt-Geschäftszweck erkoren hat.

In Melilla finden wir ein kleines Hostal („Rioja“), gehen lecker Fisch essen und genießen an unserem Abschlussabend in Afrika eine gute Flasche Rotwein. Morgen werden wir noch ein wenig durch die spanische Exklave bummeln.

Hinter uns liegen jetzt genau zwei Wochen Radfahren. Eintausendzweihundert Kilometer, hinzu kommen rund fünfhundert Kilometer Bus-Abenteuer.

Zeit für einen Rückblick, Zeit für einen Ausblick, Zeit für das Sortieren der Erlebnisse zu Erkenntnissen.

Afrika ist ein vielfältiger, ein junger Kontinent.

Und den jungen Leuten gehört die Zukunft.

Wir in der alten Festung Europa haben viele Vorurteile gegenüber Afrikanern, den Maghrebinern und dem Islam als Religion. Ich kann kein einziges dieser Vorurteile hier bestätigt sehen. Im Gegenteil.

Die größten Probleme, die ich wahr nehme, sind westlichen Ursprungs: Der Müll, die Luftverschmutzung und das Anbaggern von hellhäutigen Menschen. Ich werde die Zeit nicht zurückdrehen können und der arabische Frühling steht nicht für eine bessere Welt, wie ich sie verstehe, sondern für ein Mehr an Konsum. Für ein „Wir auch!“. Was zunächst legitim erscheint. Insofern sehe ich eine Lösung der beschriebenen Probleme kurzfristig nur in der Adaption der Wege, die wir auch gehen: Sichere Müllhalden, gefilterte Müllverbrennung, Katalysatoren und Rußpartikelfilter in den Autos, mehr Reichtum in der Bevölkerung.

Der richtige Weg ist das nicht! Der Weg zum Zwei-Grad-Klima-Ziel bis 2050 führt nur über Verzicht. Und wie wollen wir einem aufstrebenden Land wie Marokko Verzicht predigen und nahelegen, wenn wir selbst im vorletzten Jahr noch so einen Irrsinn wie ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ ausdenken und umsetzen?

Was um alles in der Welt nutzen uns Arbeitsplätze und Luxus, wenn Bangladesh absäuft? Und Holland gleich hinterher? Wenn es keine Gletscher mehr gibt, der Golfstrom versiegt und klimatische Irritationen hervorruft, die unberechenbar sind? Wenn die Dürre hier in Marokko die jungen, kräftigen und starken Menschen in den demografisch überalterten Norden zwingt? Wenn selbst in Spanien Trinkwasser importiert werden muss? Frontex? Lächerlich!

Bis Afrika die beschriebenen Probleme signifikant merkbar angeht, werden noch zwanzig bis dreißig Jahre vergehen. In dieser Zeit wird viel passieren, was fast irreparabel sein wird. Meine Vorstellung einer gesellschaftlichen Lösung ist zu radikal als dass sie tragfähig sein könnte. Geschweige denn mehrheitsfähig.

Die Verwirklichung des Individuums müsste hinter die Verwirklichung einer nachhaltigen Existenz der Natur zurücktreten. Die Rolle der Menschheit müsste in der Natur neu definiert werden. Die Natur wird immer sein. Egal in welcher Ausprägung. Wir müssen uns so oder so mit ihr arrangieren. Wir versuchen aber, uns gegen sie zu arrangieren.

Leider haben wir kein kollektives Empfinden, kein kollektives Gedächtnis, kein kollektives Lernen und Handeln. Ich meine: Wirklich kollektives, kognitives Handeln. Wir handeln zwar – aus Sicht der Natur – auch als Kollektiv, aber wir handeln nicht aus Sorge und Motivation um das Kollektiv. Es ist uns nichts wert. Paradox.

Wir werden über Schicksalsschläge gezwungen werden, auf die Klima-, Gesellschafts- und Demografie-Änderungen zu reagieren. Manches – wie zum Beispiel Hungerkatastrophen – wird uns Zeit für Entwicklungen lassen, manches – wie zum Beispiel Fukushima oder Deepwater Horizon, nur noch um Zehnerpotenzen bedeutender – so radikal passieren, dass wir kaum reagieren werden können.

In Marokko sind siebzig Prozent der Bevölkerung jünger als dreißig Jahre. Es ist ein gutes Gefühl, mal wieder so viele Kinder und junge Menschen zu sehen. Eine „normale“ Alterspyramide. Es ist ein ungutes Gefühl, über die Konsequenzen der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen nachzudenken.

Kann ich etwas mitnehmen? Für uns?

Ja: Lasst uns unsere Länder öffnen. Die jungen Menschen aus dem Maghreb werden eine Bereicherung für unsere Kultur sein. Wenn wir es schaffen, diesen unsäglichen „Leitkultur“-Gedanken zu überwinden und uns gegenseitig wert zu schätzen, dann steht uns eine friedfertige Zukunft bevor.

Salam Afrika – Salam Europa!

Ein Gedanke zu „2. Dezember 2011 – Rückblick, Ausblick, Erlebnisse, Erkenntnisse

  1. Peter Schöler

    Sehr geehrter Jörg Gondermann!
    Ich habe jetzt alle Ihre Reiseberichte über diese Reise gelesen. Mich beschleicht da ein seltsames Gefühl. Beinahe in jedem Bericht schreiben Sie von Zusammenstössen mit den Bewohnern des von Ihnen bereisten Landes. Wenn einer dieser Kerle meine Frau bedroht oder angegriffen hätte, wäre es für diejenigen Herren sicher ein unvergessliches Erlebnis geworden: Niemand dürfte meine Frau so behandeln. Und es hätte einen Zeitpunkt gegeben, zudem ich meiner Begleiterin vorgeschlagen hätte, diese Fahrt abzubrechen und an einem anderen Ort den Urlaub fortzusetzen. Stattdessen bemühen Sie sich in Ihrem Resümee unseren gemeinsamen Kulturkreis zurück zu nehmen und herabzusetzen, als hätten wir ewige Schuld an den Umständen dort. Denn wir bemühen uns ja zu wenig, zu verstehen und die andere Kultur zu würdigen. Ihr Credo: auf ewig bleiben wir Kolonialmächte! Selbst all der Müll dort unten und McDonalds ist nur unsere untilgbare Schuld. Ich aber glaube, dass die Männer dort ihrerseits niemals die Demütigungen an ihren Frauen dulden würden, die Ihrer Begleiterin und Partnerin zugefügt wurden!
    Die Zeiten haben sich gewandelt: auch diese Länder müssen ihre Verantwortung für ihre Gesellschaft und ihre Ressourcen endlich wahrnehmen.
    „Uns“ ein gesellschaftliche Selbst(wert)gefühl („kollektiv“, wie Sie es nennen), abzusprechen, repräsentiert einen mittlerweile klassisch zu nennenden Kulturpessimismus, den ich langsam unerträglich finde. Die Menschen sind in gewissen Punkten alle gleich, nämlich gleich schlecht und gleich gut. Pflegen Sie Ressentiments gegen Ihr kulturelles Herkommen?
    Vielleicht waren Ihre Reisevorbereitungen hinsichtlich Sitten und Gebräuche nicht gut genug, allerdings möchte ich mir da auch nichts anmassen. Aber wenn ich alleine las, wie oft Sie sich zu Käufen entschlossen, wo sie nicht kaufen wollten! Warum tun Sie sich so etwas an?
    Vielleicht hätte ein entschiedeneres Auftreten Ihnen (und Ihrer Frau) die Reise angenehmer gemacht, als sie es in meinen Augen war.
    Ihre Photographien haben mir übrigens sehr gut gefallen! Auch das Motiv Schafgeburt und McDonald hat mir sehr gut gefallen. Das Naturhafte gegen das Industrielle. Aber diesen Dissens würde ich nicht zu schwer werten, selbst wenn er auch mir nicht behagt, sonder eher versuchen, beides nebeneinander bestehen lassen zu können. Wie war Ihre erste Dusche zu Hause? Das unkomplizierte Zurechtkommen in der Heimat?
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Partnerin noch schöne und freudenvollere Fahrradreisen.
    Herzlich
    Peter S.

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