28. März 2012 – Karibik pur

Im Abschied ist die Geburt der Erinnerung, sagt ein deutsches Sprichwort. An Toni und ihre Familie, ihr Casa, ihr Essen, ihre Herzlichkeit und das Hierseindürfen werden wir uns immer erinnern. Und damit das so ist, schieße ich ausnahmsweise mal ein Standard-Abschieds-Erinnerungs-Foto. Und weil Küssen so schön ist, wird die junge Nachbarin auch noch mit einbezogen. Lennart ist für die jüngere kubanische Weiblichkeit ein attraktives Ziel. Herzensbrecherpotential.

Richtung Westen wollen wir weiter, Richtung Pons und dann ins Hinterland. Caya Jutia hat uns Toni empfohlen: Karibik wie auf den Postkarten. Toller Strand, tolles Wasser. Den Tipp nehmen wir gerne auf und fahren los Richtung Santa Lucia. Die Mogotes des Viñales-Tals sind in der Ferne zu sehen. Die werden wir uns dann auf dem Rückweg genauer anschauen. Mogotes sind bis zu 400 Meter hohe Erhebungen, die in flacher Landschaft stehen. Erhebung ist wohl das falsche Wort – eigentlich sind sie der Teil der Erde, der nicht abgesackt ist. Denn unter dem Viñales-Tal ist ein weitverzweigtes Netz von Höhlen und Grundwasser-Kanälen. Und irgendwann sind mal ein paar Höhlen zusammengestürzt. Das heißt: Die Erde ist abgesackt. Aber nicht komplett. Und das was nicht abgesackt ist, nennt man hier Mogotes. Und wenn man nicht weiß, dass die Plateaus dieser Mogotes eigentlich das „Erdgeschoss-Level“ sind, könnte man meinen, das seien Berge. Was sie aber nicht sind. Denn wir befinden uns im Untergeschoss. Philosophy at it’s best.

Die Gegend hier scheint fruchtbar zu sein. Die rote Erde bringt so viele verschiedene Pflanzen hervor, dass uns monokultivierten Deutschen fast schon schwindelig wird. Gut, dass mich die Flora nicht so sehr interessiert, sonst hätte ich hier meine Speicherkarte vollfotografiert. Aber ich weide mich an ihrer Vielfalt – hier.

Mein GPS zeigt mir irgendwann, dass wir abbiegen müssen. Auf einen Feldweg, der in das Dickicht führt. Unsere Räder sind ja robust und so eine kleine Gelände-Einlage ist doch eine schöne Abwechslung. Der Weg ist so eng, dass Autos hier gar nicht langfahren können. Da haben die Jungs und Mädels von Openbikemap gute Arbeit geleistet, so einen Pfad als routingfähig ins System zu programmieren. Ich finde deren Arbeit sowieso absolut genial. Ohne die hätte ich viele spannende Sträßchen und Wege – egal ob mit dem Rennrad, Reiserad oder Mountainbike nie gefunden.

Irgendwann treffen wir einen Mann auf einem Ochsenkarren, der sich wundert, dass hier ein paar Gringos mit Fahrrädern langfahren. Wir grüßen freundlich und ich frage, ob ich ihn fotografieren darf. Dazu hält er extra an und positioniert sich. Wieder mal eine total freundliche Begegnung.

Ich navigiere uns nach Sitio Morales, um dann links abzubiegen und auf der befestigten Straße nach Caya Jutia zu fahren.

Dazu müssen wir über einen Damm fahren, vor dem wir „Eintritt“ bezahlen müssen. Der Wärter fragt, wie lange wir bleiben wollen. Mist, denke ich, vielleicht dürfen wir dort gar nicht zelten und müssen heute wieder raus hier. Das klappt aber nicht, weil es schon vier Uhr ist und der Park um halb sieben schließt. Ich frage ob wir zelten dürfen, kein Problem, sehr schön. Dann kann ich Lennart mal zeigen, wo es sich wirklich traumhaft schlafen lässt: Am Strand mit leisem Meeresrauschen im Hintergrund.

Am Ende der Straße nach Caya Jutia gelangen wir auf einen Parkplatz und zu einer Strandbar. Dort trinken wir erstmal eine Kola und ein kühles Wasser. Normalerweise trinke ich überhaupt keine Kola, aber im Gefühl einer unterzuckerten Müdigkeit weckt das Zeugs echt meine Lebensgeister. Und Leos auch.

Und dann noch dieser Blick auf genau dieses Meer. Toni hat Recht: Hier ist Karibik. Palmen, weißer Sand, hellblaues Wasser, zum Horizont hin dunkelgrün abgesetzt, eine zarte Brise, kaum Wellen. Und das Beste: Wir sind fast allein um diese Zeit.

Nach unserer kleinen Erfrischung suchen wir uns einen Zeltplatz. Und finden einen, der schöner nicht sein kann: Im Schatten von Pinien direkt am Strand. Ich schieße noch ein paar Fotos vom Rad fürs Radforum, Lennart steht schon im Meer. Nach dem Aufbau unseres Lagers wollen wir richtig ins Wasser.

Noch nie habe ich so gern im Meer gebadet, noch nie so das Wasser, den Sand, die Sonne, das ganze Ambiente genießen können. Wir spielen mit unseren Schwimm- und Tauchfähigkeiten: Brust, Kraul, Rücken, Delphin – alle Lagen sind im Salzwasser so spielerisch zu beherrschen. Unter Wasser mit offenen Augen und der Nase den Sand streichend eins sein mit dem Element, aus dem wir kommen. Das Wasser streichelt mit seiner Wärme und seiner Schwere meinen Körper. Jetzt hätte ich gerne Kiemen, würde gerne einfach nur hier unten bleiben, über den Boden, die Algen hinweggleiten. Und wieder ist es da: Das Gefühl, ein Teil der Ewigkeit zu sein. Dass es mehr geben muss als nur dieses Leben. Diesmal durch das Meer vermittelt. Und man muss nicht mal religiös sein, um das fühlen und auch intellektuell greifen zu können. Platon, Sokrates und Aristoteles helfen da durchaus weiter. Aber sie sind natürlich schwer zu verstehen. Umso schöner, dass ich sie in genau solchen Momenten greifen kann.

Gegen sieben gehen wir nochmal in Richtung Strandbar, wollen uns auf einer der Liegen den Sonnenuntergang anschauen. 3D-Freiluft-Kino mit der größten aller möglichen Leinwände.

Ein Mann kommt auf uns zu – wir dachten, wir wären allein. Er stellt sich vor, ist von einer Sicherheitsfirma, die die Strandbar nachts bewachen soll. Auch ihn fragen wir, ob es in Ordnung ist, dass wir in der Nähe zelten. Klar, kein Problem – wir sollen nur bedenken, dass es nachts auch noch andere Leute gibt, die hier feiern oder rumspazieren. Er erzählt uns, dass er eigentlich Lehrer für Englisch und Französisch sei, aber bei einem Monatslohn von 14 CUC (rund 12 Euro) könne er sich sein Leben kaum leisten. Als „Security-Guy“ verdient er hier das Doppelte eines Lehrers. Pervers ist das. Findet er auch. All das Studieren, die pädagogischen Herausforderungen, der Auftrag des Staates, eine Alphabetisierungsrate von 100% zu erreichen – all das ist nur halb so viel wert wie hier nachts auf ein leeres Haus für Touristen aufzupassen.

Er bietet uns Mojitos aus der Bar an, bringt sie uns an den Liegestuhl. Wir quatschen noch ein wenig, seine Kollegin kommt dazu. Wir verabreden uns für die Zeit nach dem Sonnenuntergang auf der Veranda der Bar.

Doch nun beginnt für uns das romantische Finale des Films, den wir hier sehen wollen: „Caya Jutia Sunset“. Schweigend, genießend sitzen Leo und ich nebeneinander. Der Mojito ist gut. Ich fotografiere noch ein wenig, dann ist das Schauspiel auch schon vorbei.

Auf der Veranda quatschen wir noch eine Weile bis die Moskitos unsere Beine als Nahrungsquelle entdecken. Morgen früh um neun öffnet die Strandbar für die Besucher. Wir erhalten ein Angebot, um acht ein ordentliches Frühstück zu erhalten. Klar, machen wir.

War das ein schöner Tag! Wir krabbeln schnell ins Zelt und horchen dem Meer noch ein wenig zu.

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