29. März 2012 – Ein stoischer Tag

„Meine Güte, was ist denn hier los?“ Überall juckt es – wir werden gebissen. Ich habe doch extra das Zelt ordentlich geschlossen – Moskitos können das nicht sein. Leo meint, dass diese kleinen Minifliegen so nervig sind. Ich glaube das nicht. Leo zerdrückt ein paar an der Zeltwand, was wiederum rote Flecken hinterlässt: Von unserem Blut.

Wie kommen die Viecher hier rein? Es ist dunkel, ich schalte die Stirnlampe an. Sofort prasseln hunderte von diesen Fliegen von außen an die Zeltwand des Innenzelts.

Ungefähr zwanzig haben wir hier im Zelt. Wir killen die meisten von ihnen. Ich frage mich nach wie vor, wie sie hier reingekommen sind und klebe vorsichtshalber das Loch des Mückennetzes, das die beiden Reißverschluss-Handstücke lassen (wo nicht mal ein Moskito durchkommt) mit Heftpflaster.

Wir schlafen weiter. Nicht lange. Dann geht das Spiel von vorn los. Lennart versucht, die Beißerei zu ignorieren, zittert dabei aber unkontrolliert an Händen und Füßen. Es wird ernst. Ich schalte die Stirnlampe ein und vermute ungefähr dreißig bis fünfzig von diesen Mini-Drecks-Mistviechern im Zelt. Da hilft nur noch eins: Kopf mit Anti-Mücken-Tinktur einreiben und den Rest des Körpers im Schlafsack mumifizieren. Das Anti-Mücken-Zeugs stinkt wie Sau, man soll’s nicht einatmen. Spaßvögel, die, die die Bedienungsanleitung geschrieben haben. Wenn wir jetzt das Zelt lüften, werden zwei ausgewachsene Europäer von 0,5-Millimeter-Fliegen getötet. Piranhas der Lüfte, diese Viecher.

Ich bewundere meinen Sohn – wie ruhig der bleibt. Hat in Philosophie wahrscheinlich ausreichend über die Stoa gelesen und versucht hier, über Gelassenheit und Selbstbeherrschung im Angesicht der Fliegen-Attacken Weisheit zu finden.

Das Anti-Mücken-Zeugs wirkt – Gott sei Dank. Und durch mein Seiden-Inlett kommen sie mit ihren Stacheln oder Beiß- oder Kauwerkzeugen nicht durch.

Ich frage mich immer noch, wie sie hier rein kommen. Schlafe dann aber auch wieder ein.

Gegen sieben stehen wir etwas müde auf und fangen an, unsere Sachen zu packen. Diese Mini-Fliegen sind weg. Ein paar Moskitos versuchen, sich mit uns die Zeit zu vertreiben, bis ihnen die Sonne zu warm wird. Wir versuchen, die Moskitos zu vertreiben. Um acht sitzen wir auf der Veranda der Strandbar von Caya Jutia und fragen unsere beiden Gastgeber, die uns herzlich begrüßen, was das denn für Viecher sind. „Sunflies“ sagen die beiden. Diese Fliegen sind wohl ziemlich nervig und sie kommen durch alle Ritzen. Das haben wir auch gemerkt. Zum Glück bleiben keine Quaddeln oder Dellen oder juckenden Haut-Irritationen zurück.

Lennart mag Zelten am Strand nicht. Seit letzter Nacht. Schade. Dabei ist dieser Platz so wunderschön, dass ich ihn zu meinen schönsten Zeltplätzen sortiert habe.

Kurz vor neun verabschieden wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück von unseren Gastgebern und fahren wieder zurück aufs Festland. Na ja, auf die Hauptinsel.

  

In Minas de Matahambre ist es Zeit für ein zweites Frühstück. Und wie lecker! Zitronensaft, Bananen, Pizza, Guarapo (Zuckerrohr-Press-Saft). Der Guarapo wird in kleinen Quioscos durch Walzen gewonnen. Dabei schieben die Verkäufer ein oder zwei Zuckerrohr-Stangen zwischen zwei Walzräder und drehen an einer Kurbel. Dadurch wird der Saft herausgepresst und in Gläser mit Eis gefüllt. Das Ganze kostet dann ein paar Pesos und ist eine ideale Radfahrer-Erfrischung.

  

In Minas fahren wir in eine Seitenstraße, die uns dann ins Hinterland führt. Die Wege werden nach und nach anstrengender, unfahrbarer. Häufig schieben wir die Räder jetzt. Manchmal schieben wir zu zweit ein Rad einen Hügel hoch, gehen gemeinsam wieder runter und schieben das zweite Rad hoch.

     

Am späten Nachmittag befindet sich nur noch ein knapper Liter Wasser in unseren Flaschen und wir werden heute Nacht wohl hier im Wald zelten müssen. Dörfer gibt es hier keine, hin und wieder mal vereinzelte Häuser.

Gegen sechs – wir wollen jetzt so langsam geeigneten Zeltplatz suchen – treffen wir einen Soldaten, der uns irgendwie bedeutet, dass wir hier nicht weiter dürften. Dass wir hier eigentlich gar nicht sein dürften. Sein Spanisch ist so undeutlich, dass weder Leo noch ich verstehen, was er meint. Schließlich verschwindet er wieder und wir schieben weiter bis zu einem Haus. Dort ist ein Militärposten, der mit zwei Soldaten besetzt ist. Einer von ihnen ist der freundliche Herr, dem wir vorhin begegneten. Der andere scheint der Chef zu sein. Ich frage nach Wasser – kein Problem. Er schöpft aus einem großen Fass und gießt uns zwei Flaschen voll. Ihn verstehe ich einigermaßen. Eine Woche müssen die beiden hier Dienst machen, bevor sie abgelöst werden. Wasser, Reis und schwarze Bohnen werden hin und wieder durch Kameraden vorbeigebracht. Karges Leben. Reduziert auf das Minimum mitten im kubanischen Hinterland.

Eine unschöne Nachricht müssen wir uns dann aber doch noch anhören: Wir müssen aus dem Wald hier raus und der Soldat, den wir nicht verstehen, wird uns mit dem Pferd begleiten.

Sowas mag ich ja überhaupt nicht. Unser Begleiter trottet neben uns her, zieht hin und wieder an seiner Zigarre. Er kann uns nicht erklären, warum wir hier raus müssen. Ich zeige ihm, dass ich ein GPS-System habe und die Straße, auf die er uns führen soll, schon sehen kann. Sie ist noch rund zehn Kilometer von hier entfernt. Und jetzt ist es halb sieben und es wird bald dunkel und wir schaffen das nicht bis zur Dunkelheit bis zu dieser Straße.

Auch er scheint von den Stoikern gelernt zu haben. Befehl ist Befehl. Er wird uns zur Straße begleiten.

Bergauf ist er mit seinem Pferd schneller, bergab sind wir schneller. So geht das eine Stunde lang. Dann wird es dämmerig und ich sage, dass wir jetzt hier zelten und morgen früh garantiert den Wald verlassen werden. Ich weiß nicht warum, aber er war einverstanden. Oder auch nicht, ritt aber letztlich davon und ließ uns gewähren.

Leo und ich verstehen das nicht und beginnen, das Zelt aufzubauen. Hier gibt es keine Moskitos und keine kleinen schwarzen Fliegen. Und es ist herrlich ruhig hier.

Wir bereiten uns ein herrliches Abendessen aus Keksen, Bananen, Nüssen und Wasser. Lennart kommt auf die Idee, alles zusammen in seine Stahltasse zu tun und es zusammenzumantschen. Ich teste skeptisch. Gut. Ich nehme meine Tasse und mantsche ebenfalls.

Wir freuen uns, dass wir das Spanische so gut beherrschen. Interesse zeigen können, Interesse an uns wahr nehmen können. Wir lernen, erzählen, manchmal erreichen wir sogar das eine oder andere Herz. Vor allem Lennart. Der wird hier von den Chicas angehimmelt und von den Frauen verwöhnt. Und ich muss mir dann immer anhören, dass ich ihm doch eigentlich viel zu viel zumuten würde, dem armen Kerl. Ich spiele diese Rolle gern – wissend, dass mir die Frauen eigentlich sagen, dass ich stolz auf meinen Sohn sein kann. Bin ich auch.

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