31. März 2012 – Ruhiger Tag, heißer Abend

Unser Ruhetag in Viñales beginnt mit einem wunderbaren Frühstück bei Olga, unserer Gastgeberin. Sie ist eine herzensgute Frau, die die manchmal melancholische Ruhe Kubas ausstrahlt.

Einer kurzen Tour durch den Ort folgt ausgiebiges Faulenzen auf der Veranda in den Schaukelstühlen. Ein echter Ruhetag, wunderbar passend zur Aura dieses Hauses.

Zum Abendessen gibt es Hühnchen (nicht ganz so gut wie bei Toni).

Jetzt fehlt noch der krönende Abschluss des Tages: Mojitos. Also gehen wir nochmal raus, auf die Suche. Viñales lebt bei Einbruch der Dunkelheit offensichtlich auf. Was am Morgen noch die lethargisierende Hitze widerspiegelte, hat sich in vitalisierende Lebendigkeit gewandelt. Überall hören wir Musik, überall sind Menschen auf der Straße, in den Bars, auf den Veranden der Hauptstraße.

In einer Bar wird gerade ein Live-Auftritt vorbereitet. Wir wissen zwar nicht, was dort gespielt werden wird, aber das Ambiente und die erwarteten Mojitos laden uns fast schon aufdringlich ein. An einem kleinen Tisch ziemlich weit vorn sitzt bereits eine Französin, irgendwas zwischen dreißig und vierzig, die momentan in Mexiko lebt und jetzt in Kuba Urlaub macht. Höflich fragen wir, ob wir uns dazu setzen können. Klar, kein Problem. Warum fragen wir überhaupt?

Auf der Bühne schräg vor uns arrangieren sich mindestens neun Musikerinnen und Musiker. Sie sind zwischen zwanzig und geschätzten hundert Jahren alt. Eng geht’s zu dort, aber das ist kein echtes Problem. Der Älteste zeigt mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht was er drauf hat: Rhythmusgefühl. Im allgemeinen Instrumenten-Klangteppich kann ich seine Gitarre nicht heraushören, aber warum er so alt ist, kann ich sehen: Musik, Rhythmus, Chicas. Wahrscheinlich Abend für Abend. Und irgendwann wird er einer der hübschen Tänzerinnen hinterherlaufen, hinterhertanzen, hinterherspielen und einfach nur umfallen. Gar keine Chance haben, sein Lächeln und seine Glückseligkeit zu verstecken. Aber heute abend halten sie ihn noch zurück.

Die Band spielt sich warm. Der Sänger ist echt cool. So ein langer Schlacks mit einem Strohhut auf dem Kopf. Seine Mimik, Gestik, Bewegung verschmelzen im Salsa der Band zu einer ansteckenden Eurythmie. Was er rüber bringt, ist klar: Die vertikale Expression eines horizontalen Aktes.

Noch besser können das die beiden jungen und hübschen Tänzerinnen, die zum zweiten Lied vor die Bühne treten und die die Musik in Bewegungen umsetzen. In Bewegungen, die sie schon seit ihrem zweiten Lebensjahr drauf haben. Ich wusste nicht, wie ästhetisch menschliche Bewegung sein kann.

In dem Augenblick, in dem ich das Lennart sagen will, kommt die kleinere, weiße Chica an unseren Tisch und fordert mich auf mit ihr zu tanzen. Na klasse: Verglichen mit den beiden ist das Deutsche Fernsehballett eine Ansammlung kühler Stelzen und ich soll genau jetzt vor kubanischem Publikum mit denen tanzen. Die große dunkelhäutige Chica schnappt sich Lennart. Wenigstens bin ich nicht allein. Wir machen mit, so gut wir können. Und nein: Dies ist keine Touri-Kneipe. Die Französin, zu der sich noch eine französische Freundin gesellt, und wir beiden Deutschen scheinen die einzigen Touris zu sein. Zumindes im engeren Umfeld der Bühne. Und die Bar ist voll. Die beiden Mojitos, die ich schon intus habe, machen meine Beine locker. Um meine Hüfte kümmert sich meine Partnerin. Sie fasst meine Hände, hält sie fest, dreht sich zur Hälfte um sich selbst und dockt dann mit ihrem verlängerten Rücken bei mir an. Ich kann mich nicht befreien. Ob ich will oder nicht – ich muss den libidinösen Bewegungen ihrer Hüfte folgen. Es funktioniert auch. Ich kann tanzen! Salsa, Rumba, Son – ich weiß zwar nicht was, aber es ist mir auch egal. Leo geht’s offensichtlich genauso und das Publikum applaudiert. Vergiss die deutsche Tanzschule – spende das Geld lieber an die Welthungerhilfe. Hier lernst Du tanzen! Nach der Hüfte ist der Oberkörper dran: Meine Tanzlehrerin dreht sich wieder zu mir und zeigt mir, wie die gleiche Idee ihrer Hüftbewegungen bei den Schultern anfangend mit dem Oberkörper aufgenommen und weitergeführt werden kann. Ich erinnere mich an meine Pilates-Übungen und versuche, sie im Rhythmus der Musik zu praktizieren. Das funktioniert gut. Leo scheint sich auch nicht gerade zu langweilen.

Nach dem zweiten Lied gesellen sich noch weitere Paare aus dem Publikum zu uns und Leo und ich können wieder an unseren Tisch zurück. Die beiden Französinnen sind begeistert. Wie sich herausstellt, ist eine von den beiden Tänzerin in einem klassischen Ensemble und muss in den nächsten Tagen nach Bratislava zu einer Aufführung. Auch mit ihr tanze ich dann mal. Ich Bewegungslegastheniker. Aber es funktioniert und macht Spaß. Wir kommen uns ziemlich nah – näher als es für den Urlaub mit Leo gut ist. Ich verdränge alle Gedanken, die jetzt nicht hier her gehören und genieße einfach die Musik und die Bewegung.

Gegen ein Uhr nachts sind wir wieder zurück in unserem Casa. Unglaublich, was in einem solchen Urlaub alles geschieht. Wenn man es zulässt.

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