1. April 2012 – Schotten für Deutschland und die Carretera Central

Kein Aprilscherz: Ich weiß nicht, was für ein Tag heute ist. Dienstag oder Sonntag oder Donnerstag? Egal. Leo geht’s genauso. Gutes Zeichen, im Urlaub angekommen.

Jetzt ist Packen angesagt. Olga bereitet ein gutes und reichhaltiges Frühstück vor.

Gestern abend kam Olgas Sohn noch zu Besuch. Sein Motorrad, eine alte Zweitakt-Jawa, steht im Wohnzimmer. Und meine Mutter schaute früher schon schief, wenn ich mal ein Fahrrad in den Hausflur geschoben hatte…

Gegen zehn verabschieden wir uns. Tränen stehen in Olgas Augen, sie küsst Lennart herzlich und mich dann auch. Ich glaube, dass wir hier in Kuba insgesamt ganz sympathisch rüber kommen. Ich muss aber auch schlucken – die Menschen hier in Kuba kommen bei mir eben auch ganz sympathisch rüber, meistens jedenfalls. Leo ist von Olga begeistert. Ihre ruhige, gelassene Art – gepaart mit einer Extra-Portion Herzlichkeit lässt uns den Abschied schon sehr schwer fallen.

In Viñales kaufen wir in einem Laden noch eine Flasche Wasser für den Weg. Ein Schotte bestaunt draußen unsere Räder, allerdings dauert es genau zwei Sätze, bis wir beim Thema Fußball gelandet sind. Wir lernen, dass die Schotten, wenn die Engländer gegen Deutschland spielen, in deutschen Nationaltrikots vorm heimischen Fernseher sitzen. Oder noch besser so eingekleidet in englischen Pubs öffentlich Fußball gucken.

Wenn wir jetzt nicht nach Pinar del Rio sondern nach Glasgow fahren würden und in einem Pub all die Schimpfwörter gegen England, die Queen, Chelsea und die „Three Lions“ aufsagen würden, die wir gerade lernen, würden wir die schottische Zuneigung den Deutschen gegenüber erheblich vertiefen. Jogi Löw sollte nach einer irgendwann mal möglichen Demission nach Schottland gehen und dort Nationaltrainer werden. Sie würden ihn wie einen der ihren empfangen. Vor allem weil er weiß, wie man England schlägt. Was ja eigentlich nur bedeutet, dass man bis zum Elfmeterschießen ein Null zu Null halten muss.

Der größte Wunsch unseres Schotten hier in Viñales ist, dass Deutschland die „bluddy fuck’n“ Engländer bei Olympia in London im Endspiel besiegt. Ich weiß noch nichtmal ob sich Deutschland überhaupt qualifiziert hat. Ist mir auch egal. Hauptsache, Reiseradeln wird nicht olympisch.

Kurz hinter Viñales, auf dem Weg nach Pinar, kommen wir an einem Hotel vorbei, dessen Ausblick allein wohl schon mal eine Übernachtung wert ist. Vom Restaurant-Bereich draußen aus wandert das Auge über das Viñales-Tal und kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Eine wunderbare Aussicht.

Aber wir stellen uns das Essen dort einfach nur vor – ab hier ist unsere Route endlich mal flach – wir wollen hundert Kilometer schaffen.

Pinar del Rio ist die Provinz-Hauptstadt: Eine quadratisch aufgebaute Stadt, in der der Tabak das Sagen hat. Und in der der Papst von rosa Kirchen winkt.

Zwei angetrunkene Männer mit einem quiekenden Ferkel auf dem Arm kommen auf uns zu, als wir eine Orientierungspause einlegen. Wir sollen sie fotografieren, da das doch so lustig aussieht. Für ein paar Pesos mache ich das, lösche die Bilder aber gleich wieder.

Als wir aus Pinar rausfahren, zeigt ein Wegweiser, dass es eigentlich egal ist, wohin man fährt. Es geht immer in die Vergangenheit, in die Zukunft, in das Jetzt. Manchmal frage ich mich, wo wir hier in Kuba sind. Ist das Jetzt hier Vergangenheit, Zukunft? Ingenieure würden sicherlich überall das Alte sehen, das zu verbessernde. Bei Soziologen wäre ich mir unsicher. Ich könnte mir vorstellen, dass die Art zu leben wie in Kuba eine mögliche Alternative zu unserem aktuellen Weg in ein ökologisches und ökonomisches Desaster ist.

Wir nehmen jetzt die Carretera Central, eine Landstraße, die die Insel von West nach Ost komplett durchquert. Sie hat für Kuba eine große historische Bedeutung, bis zum Bau der Autobahnen verband sie als einzige Verbindung alle wichtigsten Städte des Landes mit einer befestigten Fahrbahn. Das gilt natürlich heute immer noch. Sie scheint aber auch eine soziale Funktion zu haben: Auf ihr sammeln sich Fußgänger, Trekker, Laster, Autos, Fahrräder, Ochsenkarren – alles was gehen, laufen oder fahren kann. In den Ortschaften, durch die sie führt, ist sie Treffpunkt und Marktplatz zugleich.

Mit unseren Rädern befinden wir uns also in bester Gesellschaft, hier auf der Carretera Central. In Consolacion del Sur sehen wir eine alte Eismaschine, die von einem jungen Mädel betrieben wird. Wir wissen zwar nicht wie das funktioniert, aber das Ding ist groß, laut, irgendwas wird mit einem dicken Treibriemen angetrieben – die Maschine erinnert mich eher an eine Getreidemühle von früher in der Scheune meines Großvaters als an eine Maschine, die Eis produziert. Uns ist’s auch ehrlich gesagt egal. Wir kaufen uns einfach jeder ein Eis und… es schmeckt hervorragend!

Es gibt nur eine Sorte und die ist weiß. Wahrscheinlich ist das Vanille oder Fior di Latte oder sonstwas in der Richtung. Dafür sind die Häuser, die Autos, die Treppenstufen, die Menschen, die Launen, die Musik, die Soldaten – alles ist hier bunt.

Weiter geht’s. Gegen fünf Uhr nachmittags erwischt uns ein Regengebiet. An einer Kreuzung in einem Ort stellen wir uns unter das Dach einer Halle und warten auf besseres Wetter. An einem Kiosk nebenan kaufen wir Paprika und Tomaten, die wir gleich essen. Für das Abendessen im Zelt haben wir schon Brot und Erdnuss-Mus aus Viñales im Gepäck.

Der Regen hört auf, wir fahren weiter. Nach kurzer Zeit allerdings beginnt es erneut zu regnen. Kurzerhand biegen wir auf einen Feldweg ab, in die Pampa in Richtung eines Sees, an dem wir zelten wollen.

Es regnet nun in Strömen, allerdings ist es warm – kein Problem. Das Zelt ist schnell aufgebaut, wir waschen uns in einem kleinen Bach nebenan und unter der großen „Natur-Dusche“. In der Zelt-Apsis trocknen wir uns nacheinander ab und bereiten uns dann im Zelt selbst ein leckeres Abendessen zu: Erdnuss-Mus-Bananen-Brot.

Um acht ist es dunkel, wir schlafen schnell ein.

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