6. April 2012 – La Habana Vieja y El Mojito Rico

Typisch Kuba: Eigentlich wollten wir heute eine Radtour machen aber wir gaben unsere Wäsche gestern Abend zum Waschen ab und wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Tochter der Frau, die die Wäsche waschen sollte, krank geworden und da muss die Mutter eben auf die Enkelin aufpassen. Oder so ähnlich. Ist ja auch egal, wir überlegen uns halt Alternativen: ¡No es fácil!

Familie ist hier sowieso ein wichtiges Thema. Ohne Familie funktioniert hier „alt werden“ nicht. Das haben wir jetzt schon häufiger gehört. Es hilft jeder jedem.

Dass wir nicht radeln können, nehmen wir locker und schieben noch einen Kulturtag ein. La Habana Vieja ist dran, nach dem Valle de Viñales das zweite UNESCO-Weltkulturerbe unserer Kuba-Reise.

In den engen Straßen und Gassen dominieren die Touristen. Restaurants, Museen, Bars – alles ist auf CUC-Zahler ausgerichtet. Selten ist mal eine Bar für Einheimische zu sehen. Wir finden dennoch eine und trinken einen Kaffee für einen Peso. Das Warten in der Schlange lohnt sich. Allerdings gibt es nichts mehr zu essen. Aus. Alle. Alles aufgegessen. Mittags um eins. Wenn wir noch was essen wollen, müssen wir in eine der Nachbar-Bars gehen und in CUC zahlen. Das sparen wir uns auf.

„Yes we can“ – Obama hat sich das hier abgeschaut

Als Touristen in einer Touristengegend werden wir natürlich auch permanent genervt: „Where’re you from?“, „Hey, friend!“, es ist fast wie in Marokko, vielleicht nicht ganz so aufdringlich. Leo antwortet immer noch ganz höflich, ich verfalle in meine mir in Afrika antrainierte Ignoranz, erkläre ihm, dass im Gegensatz zu den ländlichen Gegenden die Leute, die uns ansprechen, hier nicht an unserem Sein sondern an unserem Besitz, unserem Geld interessiert seien. Der eine oder andere junge Kerl probiert höchstens mal sein Englisch an uns aus.

Na ja, ohne Touristen wäre Habana Vieja allerdings auch nicht wieder aufgebaut worden. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Stadt, Havanna – wenn das Kapital irgendwann mal kommt – zu einer der schönsten der Welt mutieren wird. Die Plaza Vieja zeigt, wie das funktioniert und bietet einen anregenden und viel versprechenden Vorgeschmack auf die Zukunft, auch wenn sie noch in Dekaden gedacht werden muss.

Die Kathedrale in La Habana Vieja

Am späten Nachmittag trinken wir im Rum-Museum „Havana Club“ direkt an der Hafenmole noch einen leckeren Mojito. Einen wirklich leckeren! Und staunen darüber, wie viel Geld man für Rum ausgeben kann. Die Flaschen präsentieren sich in andächtigem Ambiente und verlangen, mit Ehrfurcht behandelt und irgendwann mal geöffnet zu werden. Das ist wohl das gleiche wie mit einem guten Wein, Whisky oder einer guten Zigarre. Mir selbst ist diese Genießer-Mentalität irgendwie fremd. Ich weiß nicht, ob mir ein Gläschen alter Rum leckerer schmecken würde als die Kola an der Autobahn bei Los Pinos, als es uns so schlecht ging. Das hat wohl was mit Verlangen und Bedarf zu tun. Ich hatte nie ein Verlangen nach einem Rum, aber nach kalten Getränken schon öfter. Ich finde: Verlangen muss man sich erlangen. Da stellt sich mir die Frage, ob ich überhaupt etwas genießen kann, wenn ich kein erlangtes Verlangen habe. Spannende Frage, die bei Genussmitteln noch einfach zu beantworten scheint. Aber was ist mit dem Leben? Kann ich mein Leben genießen, wenn ich kein Verlangen nach meinem Leben habe? Was ist das, „Verlangen nach Leben“? Kann ich dieses Verlangen auch erlangen oder ist es einfach da?

Das sind die Fragen, die uns auf dem Rückweg zu unserer Casa beschäftigen. Extrem assoziativ sind wir heute mal wieder.

Und dann springt uns dieser „Pussy Wagon“ ins Auge – mit welcher Hingabe sich hier Taxifahrer ihren alten Autos widmen, ist schon extrem. Das Ding muss ich fotografieren:

Gegenüber versucht ein Fischer in der Hafenmole sein Glück. Ihm zuzuschauen ist kontemplativ. Kuba. Der Rum ist Kuba, das Auto ist Kuba, der Fischer ist Kuba. Vieles ist Kuba. Es ist eines der authentischsten Länder die ich bisher bereist habe.

Wir gehen zum Malecón und setzen uns auf die von der Tagessonne vorgewärmte Kaimauer. Bei 25 Grad lässt sich ein lauer Frühlingsabend in der Karibik wunderbar genießen. Hier gibt es nur hin und wieder ein paar vorbei schlendernde Touristen, der Malecón ist abends von den Menschen der Stadt „besetzt“. Familien, Freundesgruppen, Liebespaare – alles trifft sich nach Anbruch der Dunkelheit am Malecón. Und irgendwer hat einen Ghettoblaster dabei und lässt kubanische Rhythmen abspielen. Und irgendwer anderes tanzt dann dazu.

Mir fallen zwei junge Mädchen auf, vielleicht drei und sechs Jahre alt. So wie bei uns die Kinder ihren Eltern stolz ihre Schulnoten oder Sportergebnisse zeigen, zeigen diese beiden Mädels ihren Eltern und Freunden ihre Tanz-Fertigkeiten. Und was soll ich sagen? Es sieht zwar noch ein wenig kindlich unbeholfen aus, aber die Ansätze lassen auf ein echtes Können in ein paar Jahren schließen. Tanzen ist hier Teil der allgemeinen Kultur. Das von mir in der Tanzschule meiner hessischen Heimatprovinz „erlernte“ Tanzen hat mit dem Tanzen der jungen Leute hier so viel zu tun wie ein Taiwan-Motorroller aus dem Baumarkt mit einer Ducati 1199 Panigale Superquadro.

Bei allem Genuss muss ich immer mal wieder auch an meine berufliche Situation denken. Allerdings tue ich dies nicht mehr mit Sorge oder Schrecken sondern bereits mit dem Sortieren neuer Möglichkeiten. Eine Abfindung in Deutschland würde ein gutes Auskommen hier in Kuba bedeuten. Bis zum Lebensende wahrscheinlich. Und wenn ich das hier so alles wahrnehme und tief in mich hinein fühle, frage ich mich: Warum nicht?

Gegen elf gehen wir zurück. Ricardo sagt, dass die Wäsche fertig sei. So können wir morgen also radeln.

Schön.

 

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