7. April 2012 – Teamwork und Provokationen am Malecon

Na ja, das Frühstück bei Ricardo war schon besser. Wenn das Obst aus dem Kühlschrank kommt, braune Flecken hat und säuerlich schmeckt, lass ich’s liegen. Nochmal Magenprobleme? Da haben wir beide keine Lust drauf.

Heute wollen wir mal wieder radeln. Eine größere Tour im Osten Havannas: Erst durch die Berge nach Jaruco, dann an der einzigen elektrifizierten Eisenbahnstrecke entlang bis Santa Cruz del Norte und von dort an der Küste zurück.

Die ersten 30 Kilometer sind laut und stinkig. Havanna eben.

Dann wird es allerdings ruhig und schön. Ohne Gepäck rollt es sich die ersten drei Stunden sogar gegen den Wind sportlich locker mit einem guten 20er Schnitt. Dann gönnen wir uns eine Pause mit Pan/Tortilla und Refrescos. Richtung Norden können wir noch etwas zulegen: „Nur“ noch Seitenwind.

Die elektrische Eisenbahn fährt hier zwar noch, aber wir bekommen sie nicht zu sehen. Dafür fahren wir an den Gleisen entlang. Deren Zustand nach zu urteilen ist die Fahrt mit dieser Eisenbahn eher holprig.

In Santa Cruz halten wir am Hafen. Die Reminiszenz der Kubaner lebt in Graffiti und Skulpturen. Ihre Helden vergessen sie nicht. José Julián Martí y Pérez war so einer. José Martí in Kurzform: Dichter und Symbol für die Unabhängigkeit des Landes von Spanien. Er begegnet uns hier in Kuba permanent. In Santa Cruz als Hausschmuck mit einem Zitat: „Cuando hay muchos hombres sin decoro, hay siempre otros que tienen en sí el decoro de muchos hombres.“ Was so viel heißt wie „Auch wenn es viele Menschen ohne Anstand gibt, gibt es immer andere, die den Anstand vieler Menschen in sich haben.“ Also gleicht sich das statistisch wohl aus. Oder so… Ich merke, dass mein Spanisch noch Potenzial nach oben hat.

Wir fahren weiter, am Strand entlang. Baden und Fischen sind hier verboten. Kein Wunder. Hier stehen petrochemische Anlagen und eine Raffinerie direkt am Meer. Da es stark nach Petrochemie riecht und die Schornsteine dunkle Wolken in die Luft pusten, gehen wir davon aus, dass Flüssigabfälle aus diesen Anlagen direkt ins Meer verklappt werden. So ist er dann eben weg, unser Müll. Aber wir kriegen ihn wieder.

Denn ein paar hundert Meter weiter wühlen Ziegen am Strand im Müll und fressen vergammelte Bananenschalen und sonstige Obstreste. Spätestens mit der Ziegenmilch oder dem Ziegenbraten holen wir uns den Schwermetall-Cocktail zurück. Und zwar direkt in uns rein. Der Mensch als finale Müllhalde. Wunderbare Aussichten.

Die Autobahn Richtung Westen ist sehr gut ausgebaut und jetzt geht’s mit Rückenwind und durchweg 30 Sachen nach Havanna zurück. Noch gute 50 Kilometer – schönes Konditionstraining für den Ironman Nizza im Juni.

Leo fährt bei mir im Windschatten – schließlich werden beim Radtraining nur die Kilometer im Wind gezählt. Sein Knie fängt allerdings auch wieder an zu schmerzen und so passt das ganz gut.

Den Leuchtturm Havannas erreichen wir nach rund 130 Kilometern. Jetzt noch durch den Tunnel der Hafeneinfahrt und dann sind wir zuhause. Doch ein Schild sagt: Verbot für Fahrräder und Fußgänger. Aber wir sind ja in Kuba, fahren einfach weiter. Ein Polizist mit Hund kommt uns kurz vor der Tunneleinfahrt entgegen und weist uns nochmals freundlich, aber bestimmt auf die Regel hin. Mist. Sie zu befolgen bedeutet rund 20 Kilometer Umweg – einmal komplett um die Hafenmole herum. Und Leo hat mittlerweile so starke Schmerzen, dass er kaum noch treten kann. Nochmal Mist. Egal – Taxis gibt es hier nicht, wir haben noch rund eine Stunde bis zum mit Ricardo verabredeten Abendessen und ich kann noch etwas Kraftausdauer-Training gebrauchen. Also schiebe ich meinen Sohn zunächst einen Berg hinauf, später hält er sich dann abwechselnd an meinen Schultern und Armen fest und lässt sich von mir ziehen. Gegen den Wind ist das schon eine ordentliche Widerstandsfahrt. Ich mach’s für einen Cuba Libre am Abend auf der Malecon-Mauer.

Kurz nach sieben sind wir fast pünktlich zum Essen wieder da. 152 Kilometer in knapp über sieben Stunden – wir sind zufrieden. Leos Knie ist nicht angeschwollen, warm ist’s auch nicht – äußerlich also nichts zu sehen. Vielleicht irgendwelche Wachstums-Schmerzen – keine Ahnung. Wenn wir zurück in Deutschland sind, geht’s zum Orthopäden.

Auf der Kaimauer des Malecon trinken wir Cuba Libre mit einem Mischungsverhältnis von 50/50. Danach lässt sich’s gut sinnieren. Ich schlage Leo vor, ein Fach „Selbst“ in der Schule einzuführen. Selbstvertrauen, Selbstwert, Selbstbestätigung, Selbstbewusstsein, selbst Entscheidungen treffen. Die jungen Leute mögen ja alle gute Schüler sein, aber was im Leben wirklich wichtig ist, was Halt gibt in einer hektischen und unkalkulierbaren Welt, steht nicht auf dem Stundenplan. Ich schlage Leo vor, ein Jahr Auszeit von der Schule zu nehmen, mit dem Rad um die Welt zu fahren und was wirklich wichtiges zu lernen. Ich komme auch mit.

Nee, Abi geht vor. Ich kenne meinen Sohn, provoziere hin und wieder. Was, wenn er zustimmen würde? Ich wäre dabei. Wenn mein Vater mir, als ich 17 war, ein solches Angebot gemacht hätte, hätte ich keine zwei Stunden gebraucht, um meine Sachen zu packen. Aber so lernen die Mädels und Jungs von heute halt eine Menge Theorie. Nehmen wir die Philosophie: Kann ein junger Mensch, der noch nie erfahren hat, was Unglück wirklich bedeutet, lernen, was Glück ist? Lennart muss das. Auch weiß er zwar, was Kant zur Aufklärung formuliert hat, aber wirklich räsonieren tut er noch nicht. Ich frage ihn, warum er soviel Zeit und Energie in das Aufbauen von Schulwissen steckt. Um später mal einen guten Job zu bekommen, sagt er. Ob es ihm denn Spaß mache, aus Wissen und Denken neues Wissen zu schaffen, frage ich ihn. Hmm, keine Ahnung, sagt er. Ich frage mich ob die Kinder aus der Mittel- und Oberschicht verzärtelt und satt sind. Frage ihn. Kann schon sein, sagt er. Wie wollt Ihr denn Eure eigenen Grenzen kennen lernen, wenn die einzige die zur Dekadenz ist, an der Ihr lebt, frage ich ihn. Rhetorische Frage, na klar. Die Eures Körpers, Eures Geistes, Eurer Emotionen – und damit Euch selbst, frage ich weiter. Hmm… Das Leben in der Komfortzone, behütet vom saturierten Elternhaus, zum Funktionieren curiculiert vom rationalisierten Bildungssystem mit dem Ziel, so schnell wie möglich in die Sozialsysteme einzuzahlen – das verbinde ich mit den Abiturienten von heute. Provoziere ich ihn. So langsam muss doch mal was kommen. Nie war Kant wichtiger als heute, sage ich. Beispiel Umweltschutz: Ich frage mich immer wieder, wann meine beiden Jungs mich endlich mal in den Arsch treten – als Vertreter der Generation, die ihnen ihre Lebensgrundlage wegkonsumiert hat. Und es wider besseren Wissens weiterhin tut. Nix. Da kommt gar nix. Die Kids werden mit elektronischen Geräten und Auto-Flatrates ihrer Eltern ruhiggestellt und an den Konsum gewöhnt. Keine Not, die Komfortzone zu verlassen.

Ich erzähle von meiner Jugend in der nordhessischen Kleinstadt, direkt bedroht vom kalten Krieg in den siebziger Jahren. Nato-Doppelbeschluss, Pershing-Raketen der Amis bei uns gegen SS20-Raketen der Russen in der DDR. Dünnsäureverklappung durch Bayer in der Nordsee. Hungerkatastrophen in Afrika. Wir waren permanent im Diskurs mit dem System. Das System waren die Lehrer, die Eltern, die Politiker, die Bonzen in den Firmen. Wir machten uns Gedanken, entwarfen Gegenkonzepte, komplexe Gedankenkonstrukte.

Und heute? Komm, Lennart, Du spielst jetzt mal Deine Kumpels aus der Schule. Vielleicht musst Du auch gar nicht spielen: Hungerkatastrophe? Wir spenden doch. Und Krieg gibt’s in… – wo war das nochmal? Ökologischer Fußabdruck? Natürlich in Nike-Schuhen. Wachstumswahn mit Bankenkrise? Schulterzucken. Artensterben? KIZ haben mal drüber gesungen – hab ich aber nicht verstanden.

Dass meine Eltern mich nicht verstanden haben und nicht mit mir diskutierten, habe ich irgendwann akzeptiert. Bei meinen Kindern fällt mir das schwer.

Es ist schön, hier zu sitzen, bei Mitte zwanzig Grad, das Meer hinter uns, das Leben von Havanna vor uns, den Cuba Libre neben uns. Wir hören auf zu quatschen und grinsen.

Ein Gedanke zu „7. April 2012 – Teamwork und Provokationen am Malecon

  1. Marleen

    Hallo Jörg,
    Ich weiß gar nicht mehr genau wie ich deinen Blog gefunden habe, aber seit längerer Zeit lese ich gerne ab und zu einen deiner Einträge. Bin auch 17 und finde deine Gedanken von der sozusagen ´´anderen Seite„ interessant. Vor meinem Abitur habe ich mir eine Auszeit gegönnt…einen langersehnten Traum erfüllt und verbrachte ein Jahr in Costa Rica. In dem Jahr habe ich unglaublich viel mehr gelernt und erlebt für meinen Weg, als in einem Schuljahr in Deutschland. Jetzt denke ich über viele Dinge anders und könnte mir die Erfahrungen nicht wegdenken. Du hast recht, dass durch das heutige auf zeitdruck eingepaukte theoretische Wissen vieles wirklich wichtige auf der Strecke bleibt. Das muss man schon selbst im Leben erfahren…
    Ich freue mich auf weitere Einträge
    Liebe Grüße
    Marleen

    Antwort

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