9./10. April 2012 und Epilog – Der Sinn des Lebens in Melonen

Zum Frühstück gibt’s Melonen. Aus der Frage, ob eigentlich die Kerne im Fruchtfleisch sind oder das Fruchtfleisch um die Kerne, entwickelt sich eine Diskussion über den Sinn des Lebens.

Das Fruchtfleisch ist um die Kerne herum konstruiert, damit Menschen und andere Tiere Melonen fressen. Mit dem Kot werden die Kerne mit ausgeschieden. Unter günstigen Bedingungen fallen die Kerne auf fruchtbare Erde. Unter noch günstigeren Bedingungen entwickelt sich eine Pflanze und damit neues Leben. Ohne Fruchtfleisch würde somit keine Vermehrung stattfinden. Na gut, ohne Kerne auch nicht. Themenspeicher: Wie vermehren sich eigentlich kernlose Weintrauben?

Naja, und was hat das jetzt mit dem Sinn des Lebens zu tun?

Blendung. Alles Blendung! Alles Leben auf dieser Welt ist darauf ausgerichtet, sich zu vermehren. Und da blenden wir uns und werden geblendet, was das Zeug hält.

Warum schmecken Melonen so gut? Weil sie sich vermehren wollen. Warum riechen Rosen so gut? Weil sie sich vermehren wollen. Warum sehen Pfauenmännchen so gut aus? Weil sie sich vermehren wollen. Warum malen sich Menschenweibchen bunt an? Weil sie sich vermehren wollen. Warum streben Menschenmännchen nach Geld und Macht? Weil sie sich vermehren wollen. Alles Leben strebt nach Vermehrung. Glück? Zufriedenheit? Moral? Scheiß drauf: der Sinn des Lebens ist die eigene Vermehrung. Bis zum Kollaps.

Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Wo gehen wir hin? Vergessen wir es! Sobald eine attraktive Frau oder ein attraktiver Mann unseren Weg kreuzt, ist die Suche nach der Antwort auf diese Fragen beendet. Dann geht es um Vermehrung. Dann setzt das ein, was die Attraktivität zum Ziel hat: Trieb.

Es wäre spannend, nachzuweisen, dass selbst das Philosophieren über die Frage nach dem Sinn des Lebens letztlich nur dazu dient, um beim anderen Geschlecht damit anzugeben und über den Umweg „Bewunderung“ Vermehrungsbereitschaft hervorzurufen. Und dass die Leute, die sich jetzt echauffieren, in der Vermehrungsglockenkurve nach Gauß links und rechts eines Ein- bis Zwei-Sigma-Intervalls liegen. Aber darüber sollen sich Biologen und Psychologen die Köpfe zerbrechen.

Nur eins noch: Wir Menschen rühmen uns ja damit, uns unter anderem durch unsere Triebbeherrschung von den Tieren zu unterscheiden. Gut. Schön. Bestätigt aber allein das Wort „Triebbeherrschung“ nicht schon das Vorhandensein von Trieb? Und „Trieb“ ist doch allein schon von der grammatikalischen Form her passiv, etwas Passives, das uns aktiviert. Die deutsche Übersetzung des Wortes „Passiv“ lautet übrigens „Leideform“. Das heißt: Wir treiben nicht, wir werden getrieben. Wir müssen es erleiden. Das ist nicht negierbar. Höchstens beherrschbar. Es wäre dann negierbar, wenn wir den Treiber ausschalten könnten. Aber wer oder was ist das? Was müssten wir ausschalten?

In einigen Religionen und verwandten Ideologien, die Triebbeherrschung normativ aufgreifen und regeln, werden die Rezeptoren der Getriebenen vor allzu vielen Impulsen bewahrt. Zum Beispiel durch Klosterdienste oder durch Burkas oder durch Gefängnisse. Dass das aber den kruden Willen, durch Restriktionen noch phantasiebeflügelt und -befeuert, nicht immer bezwingen kann, zeigen Beispiele bis in die höchsten Würdensphären hinein. Die Frage nach dem Treiber wird dort genauso lapidar beantwortet wie die Frage nach dem Schöpfer. Hier das böse Diabolische, dort das gute Schaffende. Also können zumindest die auf dem alten Testament aufbauenden großen Religionen den Trieb nicht negieren sondern weisen ihn als „Prüfung“ für uns dem treibenden Bösen zu. Warum das gute, das perfekte Schaffende das Böse geschaffen hat, bleibt eine der ungelösten Fragen, die mir schon als Kind niemand logisch beantworten konnte.

Unterstützend für meine radikale Vermehrungs-These wirkt, dass der Sexualtrieb die einzige vitale Funktion ist, die mit zunehmendem Alter nicht verkümmert. Für die einen Fluch, für die anderen Segen. Aus Kuba nehmen wir auf jeden Fall mit, dass die Altersthese stimmt.

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Heute Morgen nehmen wir ein Taxi zur Fortaleza. Zweimal haben sich die Spanier Havanna abnehmen lassen: einmal von den Franzosen, die mit Schiffen kamen, dann tauschten die Spanier irgendwelche anderen Kolonien wieder gegen Kuba ein. Danach bauten sie eine Burg an der Hafeneinfahrt. Dann kamen die Engländer. Die Inselerfahrenen waren trickreich: Sie landeten an einer Stelle etwas östlich von Havanna und nahmen die Burg und dann die ganze Stadt als Landstreitmacht von hinten her ein. Der Rücktausch kostete Spanien wieder ein paar Ländereien oder ein paar Tonnen Geld oder ein stolzer spanischer König musste eine hässliche englische Prinzessin heiraten. Egal, jedenfalls bauten die Spanier noch eine Burg. Größer, dicker, und vor allem: auch gegen Angriffe von Land her gewappnet. Und die heißt Fortaleza. Und die besichtigen wir. Und lernen, dass „El Che“ die Fortaleza als letzter einnahm, nachdem er mit Fidel den Diktator Bautista besiegt hatte. Der wiederum nutzte die Fortaleza vorher als Gefängnis und als Exerzier- und Exekutier-Anlage. Che dann auch.

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Ich weiß nicht ob das Exekutieren von den einen durch die anderen und dann der anderen durch die einen irgendwie zu unterscheiden ist. Und damit jeweils zu rechtfertigen ist. Kein Land, keine Regierung hat das Recht, Menschen zu töten. Seine Gefängnisse und was in ihnen passiert, sind die Visitenkarten eines jeden Landes. Kuba ist in einer besonderen Situation: auf der einen Seite proklamiert es für sich, das einzige wirklich freie und unabhängige Land der Welt zu sein. Auf der anderen Seite ist es ein einziges Gefängnis. Reisefreiheit gibt es nicht. Und die USA unterhalten hier noch ein eigenes Gefängnis – zur Untermiete sozusagen. Eine schmutzige Visitenkarte für das aus seiner Sicht einzige wirklich freie und unabhängige und demokratische Land der Welt.

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In der Fortaleza hängt die längste Zigarre der Welt. In einem Plexiglas-Terrarium, das sich an der Decke einer kleinen Zigarrenfabrik entlang windet, liegen über 80 Meter gerollter Tabak. Und dem Dreher, der Legende José „Cueto“ Castelar, sehen Lennart und ich über die Schultern. Zigarren sind hier Teil der Kultur. Aber wie das in Kuba auch mit dem Rum eben so ist: Die besten und teuersten Zigarren gehen in den Export, die billigeren Varianten werden von den Kubanern geraucht. Ich würde mich allerdings nicht wundern – im Gegenteil: Eher freuen, wenn die ganz exorbitant guten Exemplare von alten Genießern in den Hinterzimmern der Fabriken geraucht werden.

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Von der Festungsmauer schauen wir nochmal runter auf die in hundert Jahren wahrscheinlich schönste Stadt der Welt: Havanna. La Habana.

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Unsere letzte Fahrt in die kubanische Hauptstadt genießen wir in einem alten amerikanischen Straßenkreuzer. Ich frage den Fahrer, wieviele Kilometer das Auto schon auf dem Buckel hat. Das weiß er nicht, hat das Auto geerbt. Es ist aber schon die dritte oder vierte Maschine unter der Haube. Mein Traum zerplatzt: Kein Acht-Liter-Chevy-Motor oder sowas sondern ein relativ moderner Mitsubishi-Diesel versieht seinen Dienst über der Vorderachse.

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Wir steigen am Hafen aus, nehmen noch einen Mojito, gehen durch La Habana Vieja an der Catedral de la Virgen María de la Concepción Inmaculada de La Habana vorbei und schlendern so langsam wieder zu Ricardo.

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Die Taxifahrt zum Flughafen thematisiert das Thema „Freiheit“ nochmal. Der Fahrer hat 20 Jahre für die kubanische Armee gedient, daheim, in Angola und im Kongo. Und nun arbeitet er seit zehn Jahren als Taxifahrer. Er ist Patriot durch und durch, aber er möchte selbst entscheiden können, ob er seine Tochter und die Enkelkinder in Miami besuchen kann oder nicht. Er gestikuliert wild während der Fahrt. Gut, dass Autos und Straßen hier nur gemächliche Geschwindigkeiten zulassen.

Am Flughafen verpacken wir unsere Räder mit ein paar Kartonfetzen und stellen uns an den diversen Warteschlangen an: Check-In, Emigration, Flughafensteuer, nochmal Emigration, Sicherheitskontrolle, Busfahrt zum Flieger selbst. 2 Stunden vor Abflug in Kuba am Flughafen zu sein, ist mutig. Kann auch schon mal schief gehen bei der ganzen Warterei (wir nennen das seit diesem Urlaub „sozialistische Hast“).

Jetzt sitzen wir in einer kapitalistischen Boeing 767 mit 261 anderen Kapitalisten an Bord und trinken garantiert keinen Tomatensaft. Hah! Die Tinte in diesem Tagebuch ist noch nicht trocken, da bestellt sich ausgerechnet mein Sohn einen T-Saft mit Salz und Pfeffer. „Scheiß-Touri!“ necke ich ihn. „Wieso, deutsches Flugzeug – deutsche Kultur!“ bekomme ich zurück.

Epilog

Kaffee- und Brötchen-Geruch wecken uns – wir konnten ordentlich schlafen. Zeit für ein Fazit, 10.000 m über Paris, 10.000 m über einer mitteleuropäischen Wolkensuppe, die Regen und einstellige Temperaturen für uns parat hält. Ich frage Lennart nach seinen drei besonders intensiven Eindrücken

Erstens: Dass er seine eigenen Grenzen weiter stecken kann, dass es manchmal auch immer noch weitergehen muss und kann, auch wenn es einem ziemlich dreckig geht. Und dass das auch funktioniert. Gleichgültigkeit gegenüber der Situation ist dann ein geeignetes Mittel. Das hat er über sich selbst gelernt. Und damit gelernt, dass das Leben der eigentliche Lehrer ist und nicht die Schule.

Zweitens: Wenn man offen und interessiert auf Menschen zugeht, erhält man Offenheit und Interesse zurück. Grundlegende Basis-Sprachkenntnisse sind dann ein wichtiger Türöffner. So wie wir uns gegeben haben, und das auch noch absolut authentisch, kamen wir als Gäste und gingen meist als Freunde. Dazwischen waren wir Familienmitglieder.

Drittens: Lennart erlebte das erste mal Politik. Sozialismus heißt hier Gleichheit. Die Menschen sind zwar insgesamt ärmer, aber sie gehen anders miteinander um als bei uns in Deutschland. Sie diskutieren, lamentieren, schimpfen über Preise und miese Qualität von Schuhen. Aber sie sind zumeist fröhlich und wollen mit niemandem tauschen. Hier begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe. Sie arbeiten für sich, helfen sich gegenseitig, vor allem innerhalb der Familien und unter Freunden. Unverständnis herrscht bei uns beiden, wenn wir erfahren, dass eine Ärztin nicht mal 20 und ein Lehrer nicht mal 15 Euro im Monat verdient. Ricardo muss als Vermieter rund 300 Euro im Monat an den Staat zahlen, um eine Casa-Particular-Lizenz zu erhalten. Egal, ob er Gäste hat oder nicht. Ein Taxi-Particular-Fahrer ebenfalls.

Häufig wissen die Menschen nicht, wie sie den Monat rum bringen. Das Geld ist für Essen und Wohnen mit der Familie verplant. Aber sie wissen, dass es irgendwie doch funktioniert. Für das Lebensnotwendige ist gesorgt. Bildung und Gesundheitssystem gibt es für alle kostenlos, und alles darüber hinaus Gehende wird irgendwie organisiert.

Ich selbst kann Lennarts Zusammenfassung nichts hinzufügen. Vielleicht noch die wunderbare Landschaft und das hervorragende Essen. Vor allem die Langusten bei Toni. Aber das Wichtigste für mich war die gemeinsame Zeit mit Lennart. Dass wir gemeinsam reisten, diskutierten, lernten, litten, improvisierten und genossen. Uns jetzt noch mal anders, inniger kennen. Und ich lernte, dass es mir gelungen ist, Leo zu zeigen, dass lernen immer stattfindet. Und dass das Fach „Leben“ das spannendste ist. Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Tochter auch einst eine solche Reise unternehme. Und ihr wünsche ich das auch.

Diese Reisegeschichte hatte eine Einleitung, die sie emotional und gedanklich beeinflusste. In Kuba lernte ich, dass Geld einen noch geringeren Stellenwert hat, als ich ihm bisher schon nur zumaß. Das macht mich sicherer. Sicherer für die Zukunft, die jetzt kommen wird.

Ich dachte immer, ich sei sozial abhängig von meinen Arbeitgebern. Ich weiß jetzt, dass das nicht der Fall ist. Wenn ich von irgendetwas sozial abhänge, dann von meiner Familie und meinen Freunden. Von den Menschen, die mir wichtig sind.

Ich kann sagen: Wer das negiert, blendet sich selbst. Wer sich selbst und andere schindet, um nach vorne zu kommen, um Status und materiellen Wohlstand zu erreichen, wird während der letzten Atemzüge seines Lebens frustriert feststellen, dass irgendetwas nicht richtig lief.

Und wer das nicht feststellt, hat für sich eine eigene Moral und einen eigenen Charakter aufgebaut, die fragwürdige Differenzen zu unserer langfristig gewachsenen, erprobten und belastbaren gemeinsamen Moral aufweisen müssen.

3 Gedanken zu „9./10. April 2012 und Epilog – Der Sinn des Lebens in Melonen

  1. ilka

    War heute morgen schon in kuba und im philosophiekurs und habe Geschichte gelernt und tolle bilder geschaut und dann noch die melonen-theorie. .!!! Und dann gefallen meiner zarten Seele zum schluss die worte zu sohn und tochter am besten🙂
    LG Ilka

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      Moin Mayer,

      das Gleitschirmfliegen steht auf meiner Lebens-To-Do-Liste mittlerweile ziemlich weit oben.

      Ich war mit Claudia über Silvester zum Schnee- und Bergwandern in den Schweizer Alpen und dort konnten wir auch ganz viele Gleiter beobachten.

      Das wär schon mal was🙂

      Geile Bilder hast du geschossen, ich kann mir richtig vorstellen, so erhaben über der Landschaft zu schweben.

      Und die Angst deiner Freundin, was Kuba angeht, ist nicht unbegründet…😉

      Schönen Gruß aus dem Norden,

      Jörg.

      Antwort

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