8. bis 12. Mai 2013 – Vier Tage, fünf Flüsse, sechshundert Kilometer

Manchmal kann das Leben ziemlich absurd sein. Allerdings ist es nicht das Leben selbst sondern die Menschen in meinem Leben. Und eigentlich auch nicht die Menschen in meinem Leben sondern deren Verhalten. Und auch das ist nicht absurd sondern meine Sichtweise auf das Verhalten der Menschen macht dieses absurd. Als Agnostiker habe ich gelernt, mit Absurditäten gelassen umzugehen. Es kann ja auch alles Absurde völlig normal sein. Nur ich bin absurd. Noch absurder ist allerdings, und das macht mich froh, das Leben zu negieren. Camus, der Philosoph der Absurdität, hatte wohl recht, wenn er annahm, dass Sisyphos ein glücklicher Mensch gewesen sein muss.

Es ist eine Dienstreise diesmal. Ich habe am Montag einen beruflichen Termin in München und davor liegt ein langes Himmelfahrt-Wochenende. Mittwochmittag noch schnell die Steuererklärungen der letzten Jahre abgeben (Stichtag ist heute!), dann Klamotten packen und mit dem Rad im Gepäck nach Frankfurt fahren. Von dort will ich die Touri-ADFC-Premium-Fünfsterne-Wellness-Noproblem-Radwege an Main, Tauber, Altmühl, Donau und Isar bis München fahren. Tauber und Altmühl komplett, die anderen teilweise.

Ich erreiche Frankfurt nach einer stressfreien Zugfahrt Mittwochnachmittag gegen fünf. Um halbsechs sitze ich auf dem Sattel und rollere durch’s Rotlichtviertel in Richtung Main. Über den eisernen Steg erreiche ich dessen Südseite und biege links ab, nach Osten.

Während der ersten Kilometer lasse ich noch ein paar Gedanken um die letzten Tage in der Firma durch den Kopf gehen, dann verfliegen diese wie erwartet und ich bin frei. Dennoch frage ich mich, ob es eine gute Idee ist, eine „Dienstreise“ mit Urlaub zu verbinden oder im Urlaub eine „Dienstreise“ zu unternehmen. Letztlich ist das Ziel der Reise ein beruflicher Termin. Vielleicht kann ich während dieser Reise einfach mal testen, ob ich in der Lage bin, den Weg als Ziel zu sehen. Egal – mein Ziel für heute ist, möglichst viele Kilometer zu sammeln, um etwas Puffer für die nächsten Tage zu haben (ups, da ist es wieder: Ich muss ja am Montag in München sein und der Termin ist unaufschiebbar).

Das Wetter ist perfekt, der Wind schiebt von hinten. Um neun wird’s langsam dunkel, die aktuellen und lokalen Probleme drängen sich in den Vordergrund: Ich suche einen geeigneten Zeltplatz am Flussufer. 70 Kilometer habe ich auf dem Tacho, drei Kugeln Sahneeis im Bauch und eine zufriedene Müdigkeit im Geist.

Ich bin angetan von den Fachwerkstädten Aschaffenburg und Miltenberg. Als Nordhesse bin ich ja mit Fachwerkhäusern aufgewachsen, aber hier im Süden haben sie nochmal ein sympathischeres Wesen. Und sind gepaart mit Burgen und Schlössern. Allerliebst – mein Touristenherz hüpft ein wenig. Der Main-Radweg ist ab Offenbach naturnah und recht ruhig, im Vergleich zum Rhein regelrecht ein Naturparadies. Allerdings zieht der nahe Rhein-/Main-Flughafen die großen und kleinen Flugzeuge an wie das Licht die Motten. Leider sind die Flieger lauter als die Insekten.

In der Nähe der Handball-Hochburg Großwallstadt schlage ich mein Zelt direkt am Main auf und hoffe darauf, dass nachts Ruhe am Himmel herrscht.

Ich schlafe ziemlich schnell ein und bis gegen halb acht durch. Dass es nachts regnete, muss ich irgendwie mitbekommen haben, denn ich habe Ohropax in den Gehörgängen, kann mich aber nicht mehr daran erinnern, sie mir reingesteckt zu haben.

Da ich mich dafür entschieden habe, ohne Kocher und Geschirr zu reisen, muss ich mir morgens meinen Kaffee irgendwo in einem Ort organisieren. Hier suche ich mir Obernburg aus. In einem schönen Altstädtchen fahre ich in der Fußgängerzone bergauf in Richtung Bäcker. Ich sehe den Laden, rieche den Duft und freue mich auf die schwarze Belebung. Einen Radfahrer von links will ich noch vorbei lassen. „Bescheuert oder was? Einbahnstraße!“ schreit der mich an. Ich fühle mich zunächst überhaupt nicht angesprochen, sehe dann aber, dass die Fußgängerzone durchaus auch noch mit einem Einbahnstraßen-Schild bestückt ist und ich offensichtlich – Himmelfahrt vor neun Uhr morgens, also ohne irgendwelchen Autoverkehr – unbewusst und ohne warnende oder gegenteilige Impulse in einer autoarmen Zone in die falsche Richtung fuhr.

Vor der Bäckerei sitzt ein Pärchen, das die Szene interessiert beobachtet. Ich stelle mein Rad ab und frage die beiden jungen Leute, ob man hier seine Gäste immer so nett begrüßt. Antwort: „Habbe se des net in de Faaschull gelennt?“ Loriotesk. Die meinen das ernst. Und das sind Menschen mit Migrationshintergrund, wie man so schön sagt. Da sage mir noch ein Politiker, dass sich Ausländer nicht assimilieren könnten. Dabei könnten sich hier alle freuen: Noch ein Sieg gegen den TV Schweinheim und der TUSPO Obernburg ist Meister! Nächsten Sonntag.

Ich gönne mir zwei belegte Brötchen und einen großen Pott Kaffee. Lecker. Das Frühstück hat auf Radtouren immer eine besondere Bedeutung. Vor allem, da ich abends nicht so viel essen kann und will, um gut schlafen zu können. Es ist das erste freudig erwartete Ziel des Tages und beschwingt Körper und Seele für die folgenden Kilometer.

In Wertheim raste ich in einem Restaurant, esse einen selbstgemachten Flammkuchen und einen Amarenabecher und biege vom Main auf den Tauber-Radweg ab. „Radweg Liebliches Taubertal“, um genau zu sein. Hört sich im ersten Moment kitschig an, aber mit der Zeit er“fahre“ ich die Bedeutung dieses Begriffes. Der Radweg ist hügeliger und anstrengender als der am Main. Aber damit auch abwechslungsreicher. Da Kirschen, Flieder, Raps und Kastanien gerade in voller Blüte sind, akzeptiere ich das Adjektiv „lieblich“ voll und ganz und erfreue mich daran.

Nach einem ereignisarmen, aber lieblichen Tag finde ich einen ebensolchen Platz an der Tauber zum Zelten. Es ist wirklich idyllisch. So idyllisch, dass nachts irgendwelche Vögel anfangen zu zwitschern. Das ist mir neu. Also: Wieder Stöpsel rein, Ruhe. So ruhig, dass ich den Regen, der auch diese Nacht wieder beginnt, nicht höre. Das Problem ist nur, dass der am Morgen noch nicht aufgehört hat. So warte ich noch ein halbes Stündchen im Zelt. Es nieselt nur noch, ich stehe auf, packe mein Zelt und die gestern abend zum Trocknen aufgehängten Klamotten nass zusammen und fahre los. Ist ja kein Ponyhof, so’n Radlerleben in Deutschland. Außerdem habe ich Montag einen Termin in München.

Es ist kalt im Taubertal am Freitagmorgen nach Himmelfahrt. Und es geht hoch und runter. Mein Schnitt pendelt sich bei 15 km/h ein. Das muss noch besser werden. Ich beschließe, meinen Kaffee in Rothenburg ob der Tauber zu nehmen. Dann ist das Taubertal zu Ende und ich kann mich seelisch und körperlich auf das Altmühltal einstellen.

Rothenburg liegt oben und ich fahre noch unten. Das was ich von unten oben sehe, scheint ein recht attraktives Städtchen zu sein. Das sehen unzählige Amis, Japsen, Chinesen, Russen, Holländer und fnL-Deutsche auch so (ach so: fnL = fünf neue Länder). Ich kaufe mir zwei Brötchen, einen Kaffee und setze mich in der historischen Altstadt auf eine Bank. Die Sonne scheint zwischen zwei Wolken durch und ich genieße warme Strahlen von außen und heißen Kaffee von innen.

Plötzlich donnert es. Aber nicht oben, sondern unten. Es wird lauter. Motorlärm. Mindestens fünfzig Motorräder ötteln jetzt durch die enge Gasse. Alles Harleys. Die, die zwar laut, aber langsam sind. Diese Blender-Dinger, von denen Willy G. Davidson, einer der Gründersöhne der Marke, sagte, dass sie keine Motorräder sondern Lebensgefühle seien. Und diesem Lebensgefühl, von dem ich gar nicht weiß, wie es sich anfühlen soll, eiern jetzt fünfzig Fahrer, die meisten irgendwo zwischen fünfzig und scheintod, hinterher. Deren Lebensgefühl scheint etwas mit kurzen Gasstößen in engen Gassen zu tun zu haben. Mit einer dubiosen Macht, die sie über ihre Maschinen und damit die Ruhe und Beschaulichkeit dieser Stadt und ihrer Besucher haben. Viele der Fahrer fahren sogar Dreiräder. Wahrscheinlich zur eigenen Sicherheit. Mit zunehmendem Alter schwinden eben auch die Körperkräfte. Hauptsache: Krach.

Ich frage mich despektierlich, wie man so viel Geld für eine Eisenkonstruktion ausgeben kann, die das, was sie darstellt, nicht mal kann: Motorrad. Wenn man Gas gibt, passiert (außer Lärm) nix. Wenn man bremst, passiert auch wieder nix. Wenn man Kurven fahren will, muss man rangieren. Wenn man zwei Stunden gefahren ist, muss man mittels Kran runtergehoben werden. Außerdem sollte man dann auch eine Tankstelle gefunden haben. Aber das ist einem Harten, einem Desperado, einem Rocker, einem Outlaw aus Obernkirchen oder Bad Gottleuba-Berggießhübel wahrscheinlich egal.

Ich setze mich nach dem Umzug auf mein Rad und fahre weiter durch Rothenburg. Die Harleys posen auf dem Marktplatz. Und ihre Besitzer? Shoppen! Die Lebensgefühlphilosophen in Lederkutten schauen sich inmitten der holländischen und chinesischen Touristen Schaufenster von Schuh- und Taschenläden an. Loriotesk schon wieder.

Ich verlasse Rothenburg und suche den Weg zur Altmühl. Die entspringt auf der anderen Seite der kontinentalen Wasserscheide, auf deren nördlicher Seite ich mich noch befinde. Also kurz rüber über’n Berg und schon geht’s bergab nach München. Na ja, fast…

Aber allein der Gedanke, dass es bergab geht, treibt mich an. Nach rund 100 Kilometern entlang der Altmühl frage ich mich allerdings wo sie denn sei, die Altmühl. Alle Welt schwärmt von irgendwelchen prämierten Rad- und Wanderwegen, ich fahre die entlang und sehe nur eine Hochebene, auf der der Wind weht, auf der ich schon heute sehen kann, dass es morgen regnen wird und auf der die Landwirte der Region massenweise Pflanzen für Biogasanlagen anbauen. Aber alles ohne Altmühl. Einen See haben sie hier. Einen künstlich angelegten, den Altmühlsee. Der ist, wenn man an ihm entlangfährt, allerdings so präsent, dass er das emotionale Fehlen der Altmühl mehr als kompensiert. Ich lerne, dass dieser See die längste Stauanlage Deutschlands hat.

In Gunzenhausenn soll es dann losgehen mit der Schönheit des Altmühltals. Sagen sie hier am See. Ich bin skeptisch, denn für heute waren meine durch die allgemeinen Lobpreisungen gespeisten Erwartungen wohl entscheidend zu hoch. Wenn man vom Erlebten die Erwartungen subtrahiert und das Ergebnis negativ ist, nennt man das Enttäuschung. Also bin ich enttäuscht.

In Pappenheim sind sie stolz auf sich selbst, auf die Pappenheimer, die man gemeinhin „kennt“. Ich lerne in einem Hotel-Restaurant mitten in der Stadt die Kreativität eines Kochs kennen, die mich verblüfft. Ich ziehe erneut die Erwartungen vom Erlebten (besser: Geschmeckten) ab und erhalte ein positives Ergebnis. Ich bin schlicht begeistert von der Pappenheimer Küche. Ein Spargelsüppchen hatte ich bestellt und einen Altmühltaler Lammbraten. Von den Viechern, die ich kurz vor Pappenheim gesehen hatte. Nach zwei Nächten im Regen, einem kalten Tag an der unsichtbaren Altmühl und diesem göttlichen Essen frage ich, ob noch ein Zimmer frei ist im Hotel. Nach dem „Ja“ bestelle ich mir einen halben Liter Schwarzbier und einen Herrenbecher zum Nachtisch. Hach, so kann leben eben auch gehen.

Nach einem guten Frühstück fahre ich die Altmühl weiter bergab. Heute präsentiert sie sich mir von ihrer schönen Seite. Ich radel sie ab bis Kehlheim. Unterwegs werde ich Zeuge von einem Zwischen-Ausscheid der deutschen Meisterschaften im Goldwaschen. Ich packe meinen Fotoapparat aus und tue so als sei ich ein Reporter – nicht, dass die Jungs und Mädels auf die Idee kommen, ich würde mich grundsätzlich für absurdes Verhalten interessieren. Also kann ich vollen Ernstes fragen, ob man die Altmühl mit dem Yukon verwechselt. Ich selbst war ja schon in Whitehorse und stand dort sogar auf dem zugefrorenen Fluss, der wie nichts anderes für den Goldrausch Amerikas steht. „Gold gibt’s überall!“ sagt der Gewinner dieses Ausscheids und präsentiert mir in einem Reagenzröhrchen ein paar kleine Staubkörnchen, die goldig schimmern. Ich glaube, hier gewinnen nicht die mit dem meisten Glück sondern die mit den besten Augen. Egal – ich fahre weiter nach Kehlheim.

Zelten will ich hier an der Altmühl. Aber die nahe Straße ist mir zu laut. Also fahre ich ein wenig weg von der Altmühl. An einem See finde ich einen ruhigen Platz, aber dort sind überall Angler. Na gut, ich will mich hier mit niemandem anlegen, also fahre ich nach Kehlheim – dort gibt es eine Jugendherberge.

Warum nur müssen Jugendherbergen immer so weit oben sein? Von der Altmühl-Mündung in die Donau ist es bis zur Jugi gut ein Kilometer. Ich brauche geschlagene zwanzig Minuten dafür. Es geht 22 Prozent hoch! So steil war es noch nicht mal am Frazer River in Kanada, wo ich schiebend fluchte wie ein Rohrspatz. Ich schiebe nicht, ich stemme meine Rocinante vollbepackt den Buckel hoch. Und das nach rund 140 Kilometern im Sattel.

Oben angekommen, sehe ich: Nichts. Niemanden. Alle Türen zu. Ein Schild. Zu! Samstag und Sonntag geschlossen. Die nächsten Jugis wären in Regensburg und Ingolstadt, schreiben sie auf das Schild. Als wäre das für einen 22-Prozent-Fahrradstemmer eine Alternative. Dezent ausgedrückt: Ich fühle mich missverstanden.

Zum Glück habe ich mein Zelt dabei. Als Mitglied des deutschen Jugendherbergswerks rede ich mir ein, dass ich zumindest einen Miteigentumsanteil an dem Jugi-Garten hier habe und deshalb nicht als Einbrecher gelte. Ich suche mir im ein schönes Plätzchen, wasche mich an der Rinne, wo sonst dreckige Fußballschuhe gesäubert werden, esse ein paar Nüsse und gehe schnell schlafen.

Am nächsten Morgen suche ich eine Bäckerei in Kehlheim. Es ist Sonntag – OK – aber es wird doch wohl was zu beißen und einen Kaffee geben. Ich fahre zweimal durch die Altstadt. Nix. Offensichtlich sind mit den Herbergseltern alle hier ausgeflogen. Na dann eben zu Macdonalds. Ich kann mich erinnern, dass der Kaffee dort immer gut war und dass es auch mal ganz ordentliche Frühstücke gab. Ja, die gibt es immer noch. Die heißen jetzt zwar irgendwas mit Macdingsbums, aber die Macbrötchen sind gut und dazu gibt es Macbutter, Maczentismarmelade und Macnutella. Und einen richtig guten Mackaffee.

Ich sitze draußen mit Blick auf den Macparkplatz und ein Industriegebiet. Die Macdudelmusik mit der Macwerbung drinnen halte ich morgens nicht aus. Mir gegenüber sitzen zwei Frauen im Macformat mit zwei Kindern, ebenfalls bereits im Macformat. Prekariat gibt’s halt auch im Schulstaat Bayern. Die eine Frau schickt ihre Tochter (schätzungsweise acht Jahre alt) zum Macbacon holen. Das Kind kommt zurück und bringt eine Packung mit. Die Mutter schaut rein und ranzt das Kind an: „Des is jetzet e Mecktschicken. Wos soi i jetzet do domit?“ Das Kind schaut ängstlich. „Wos hobi dia gsockt? E Meckbeiken woiti homm! Un wos bringst? E Mecktschicken!“ Ich frage mich, ob die standardisierten Prekariatszungen überhaupt in der Lage sind, einen Unterschied zu schmecken. Diese Dinger schmecken doch sowieso bloß nach irgendwelchen Soßen und Dressings. Das Kind tut mir leid. Und die Kinder, die es später mal bekommt, wahrscheinlich auch. Wahrscheinlich hätte mir vor rund 20 Jahren die Mutter, die jetzt rumranzt, an gleicher Stelle auch Leid getan, weil deren Mutter vielleicht auch so rumgeranzt hat. Ich stelle mir die Frage, welche Kinder eine solche familiäre Bestimmungskette durchbrechen können und bin meinen Eltern für eine angst- und gewaltfreie Erziehung dankbar. Der einzige, vor dem ich mich als Kind fürchtete, war Gott. Der Pfarrer sagte immer, dass Gott alles sehen und bestrafen könne. Letztlich bin ich dem damaligen Pfarrer für diese These dankbar. Ich kann mich heute überzeugter denn je jeglicher theistischen Erkenntnis entziehen, akzeptiere die Begrenztheit menschlichen Wissens (wir können eben auch nicht die Nichtexistenz eines derart abstrakten Konzepts – wie das theistische nunmal eins ist – beweisen) und orientiere mich und mein Leben an plausiblen Philosophien.

Kalt ist es beim Losfahren, hinter Kehlheim geht’s noch ein wenig an der Donau entlang und dann hoch auf die Hallertau, Richtung Süden, Richtung Isar. Abseits der Flüsse ist es hügelig in Bayern. Ich befinde mich auf dem Radfernweg Prag-Regensburg-München, der mich jetzt ganz schön fordert. Und oben auf der Hallertau erwartet mich ein Gewitter, wie ich es so noch nicht erlebt habe. Ich sehe die dunklen Wolken rechts von mir auf mich zukommen und ziemlich weit vor mir einen winzigen Kirchturm. Unterstellen kann ich mich hier nicht, also lege ich ein Trainingsintervall auf dem Treckingrad ein. Volle Kraft voraus! Kurz vor dem Dorf, meinem Ziel, beginnt es zu regnen. Ich finde eine neue Scheune, die offen ist, und stelle mein Rad und mich unter.

Und dann geht es auch gleich los. Der Himmel öffnet sich, es blitzt und kracht heftig und ich bin froh, es hierher geschafft zu haben.

Ungefähr eine Stunde dauert das Unwetter, dann reißt der Himmel wieder auf. Die Hallertau ist eine Hochebene und das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Überall stehen die Gerüste mit Drähten, an denen die Bier-Pflanzen emporranken sollen. Was ich spannend finde, ist das Wetter. Der Himmel zeigt Wolkenformationen, die mich immer wieder nach oben schauen lassen. Es ist fast wie in Schottland: Ich fahre durch die Sonne und sehe keine fünf Kilometer entfernt einen Regenguss aus dunkelsten Wolken auf die Landschaft niedergehen. Das Ganze wird farblich wunderbar mit dem fast reifen Raps arrangiert. Die Wolken führen die Strahlen der Sonne mal hierhin, mal dorthin, sind wahre Beleuchtungsprofis.

Die nach den Regengüssen klare Luft verschafft mir eine fantastische Fernsicht. Kurz bevor es von der Hallertau wieder runter geht, kann ich schon München sehen. Dort wo die Flugzeuge starten und landen, ist mein Reiseziel. Und ich muss locker noch rund 100 Kilometer fahren. Großartige Aussicht.

Bei Freising erreiche ich die Isar, an der entlang ich nun bis München fahre. Ich merke gar nicht, dass ich in den Ausläufern der Millionenstadt bin. Wenn da nicht die Flieger dauernd über mich rüber düsen würden. Einen letzten Regenschauer für heute warte ich noch ab, genieße einen der seltenen kompletten Regenbögen und fahre noch einige Kilometer bis es beginnt zu dämmern. Zwischen Ismaning und Unterföhring stelle ich mein Zelt direkt am Isar-Ufer auf.

Die ersten Frühflieger kündigen den neuen Tag an. Mein Zelt ist vom nächtlichen Regen nass, ich packe es nass zusammen und achte darauf, dass der Schlafsack nicht auch nass wird. Wenn die Wetteraussichten für meine nächste Tour genauso bescheiden sind wie für diese hier, dann nehme ich mir lieber den Kunstfaserschlafsack mit. Aber ich liebe meinen Yeti-Daunensack. Der ist so wunderbar leicht und dennoch warm.

Ich schlage den Kurs weiter in Richtung Süden ein, an der Isar entlang bis zur Praterinsel. Zwischendurch werde ich ein letztes mal nass. Zum Glück kann ich bei der Thüga duschen – mein Empfang ist sehr freundlich. Nach einem guten Mittagessen, einem erfolgreichen Termin und einer kleinen Radrunde durch’s abendliche München fahre ich zum Hauptbahnhof.

In der Theatinerstraße, einer Shoppingzeile, höre ich meditative Gesänge. Ein Geleitzug von Menschen kommt auf mich zu. Ich erkenne eine theophore Prozession und bin überrascht von dem Gegensatz zwischen demütigem Schein und konsumenter Wirklichkeit.

Ich sei arrogant, wenn ich sowas sage, muss ich mir hin und wieder anhören.

Die Distanz, die ich zu den erlebten Szenen und den beobachteten Menschen aufbauen muss, um in meiner Art darüber zu berichten, mag an Arroganz erinnern. Aber auch die Harleyväter und Prekariatsmütter haben meine volle Empathie. Genauso wie der Pfarrer in dieser Prozession vor dem Münchner Shoppingpalast und der Ministrant, der den Lautsprecher halten muss, über den die meditativen Gebete seines Herrn in den Münchner Abendhimmel schallen. Manchmal stelle ich mir vor, die Türen der Läden, an denen vorbeiprozessiert wird, gingen auf und es gäbe 15 Minuten alles umsonst. Wer von den paradierenden Menschen würde weitergehen und wer würde sofort die Wühltische stürmen? Was würde der Pfarrer machen oder der Polizist, der in der Prozession für Ordnung sorgt und mich freundlich bat, in der leeren Fußgängerzone mein Rad doch bitte zu schieben? Würden die vier Träger der Reliquie diese abstellen, um sich ein weltliches Angebot zu sichern?

Also stelle ich mir ja auch die Leben der Menschen außerhalb der beobachteten Szenen vor. Ist das Arroganz? Ich glaube nicht, denn das kann und will Arroganz nicht leisten.

Diese Gedanken beschäftigen mich noch im Nachtzug nach Hannover. Ich genieße die Einzelkabine, die ich aus beruflichen Gründen belegen durfte. Ich will ja morgen früh um neun wieder im Büro sitzen und arbeitsfähig sein. Das könnte ich nach einer Nacht im Sechser-Abteil vergessen.

Der Schlaf im Zug ist zwar nicht so tief wie im Zelt, aber um fünf werde ich mit Kaffeeduft geweckt, um halb sechs steige ich aus dem Zug aus und um neun sitze ich im hannoverschen Büro, um die Ergebnisse meiner Dienstreise zu verarbeiten.

Ich weiß nicht, ob ich nochmal einen beruflichen Termin ans Ende einer Radreise legen werde. Ich hatte den Kopf nicht so frei wie ich das habe, wenn ich einfach so unterwegs bin – ohne ein beruflich bedingtes Ziel. Dennoch habe ich viele neue Eindrücke und Sichtweisen auf Deutschland und seine Provinz erhalten. Und mit der Kamera festgehalten. Und schlussfolgere: Besser eine Dienstreise mit dem Rad als gar keine Reise mit dem Rad. So oder so absurd.

2 Gedanken zu „8. bis 12. Mai 2013 – Vier Tage, fünf Flüsse, sechshundert Kilometer

  1. Anonymous

    Super toller Bericht dessen Humor fabelhaft ist.
    Auch ich habe die Hügel der Tauber erbuckelt und auf der Fahrt nach Kelheim die Altmühl gefunden.
    Ich wünsche noch viele schöne Touren mit Bach und deinem Fahrrad!

    LG
    Markus (cyclerps)

    Antwort

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