Samstag, 24.1.2015: Von Frankfurt in zwölf Stunden nach Cancun

Das Frühstück ist kurz und gut, die Fahrt zum Frankfurter Flughafen ohne besondere Vorkommnisse, die Verabschiedung von Schwester und Schwager herzlich mit bestem Dank und der Gang zum Schalter erstaunlich kurz.

Meinen mitgebrachten Radkarton stülpe ich über das Rad, verklebe ihn mit einer Rolle Packband, stecke die Gepäcktaschen, Zelt und Schlafsack in zwei Ikea-Tüten, die ich dann zu einem einzigen kostengünstigen Gepäckstück verzurre und gebe alles am Condor-Schalter auf. Ohne Probleme checke ich ein, quatsche noch mit einem sehr interessierten Schalter-Mitarbeiter, der bedauert, dass alle guten Plätze an den Notausgängen bereits vergeben seien, und gehe dann über Sicherheitsschleuse und Wartebereich ins Flugzeug, eine moderne Boeing 767.

Eigentlich wollte ich gleich nach der Ankunft in Mexico mit dem Bus nach Valladolid fahren, aber da mal wieder irgendwer im Flugbereich in Deutschland streikt, hatte der Flieger eine Stunde Verspätung und es ist schon dunkel jetzt.

Die Fahrt vom Flughafen zum Zentrum von Cancun führt über eine Hauptstraße, entlang der Strände und der großen Hotels. Ich fahre in kurzen Klamotten, rieche das Meer und stoße einen Freudenschrei aus. Endlich Urlaub, endlich Stimmung, sieben Wochen Radreise liegen vor mir.

Ich schlafe mit einem Argentinier und einem Franzosen, der in New York arbeitet, in einem Zimmer im Mundo Joven Hostel, das im Lonely-Planet-Reiseführer empfohlen wird. Der Franzose ist schon seit zwei Monaten auf Reisen und will noch nach Argentinien. Wir gehen auf die Dachterasse und trinken erstmal ein Bier, sprechen bestimmt noch über Fußball.

Nein, tun wir nicht, irgendwie sind die beiden nicht so sehr interessiert. Ich ja eigentlich auch nicht. Andere Themen sind wichtiger.

Das Essen im Flugzeug war grausig, ich habe Hunger und sehe von der Dachterasse aus einen Hamburger-Stand an der Straße gegenüber meines Hostels. Ich gehe runter und rüber, bestelle einen, der frisch gebraten wird – samt Zwiebeln und Brötchenhälften – und esse den leckersten Hamburger meines Lebens. Nicht weil ich Hunger habe sondern weil die Zutaten frisch sind, frisch auf einer großen Eisenplatte gebraten werden und das Hackfleisch nicht aus der Tiefkühltruhe kommt sondern am Mittag von der Verkäuferin mit Kräutern, Salz und Pfeffer gewürzt wurde und dann lediglich in der Kühlbox gelagert wurde.

Kulinarisch fängt das ja wirklich wunderbar an. Ich freue mich, was ich der Frau vom Stand auch sage. Die freut sich, dass ich mich freue.

Die anderen Mexikaner, die ich so umher stehen sehe, stopfen sich das Essen eher in den Mund als dass sie wirklich essen. Lennart mailt mir von zuhause aus, dass die Mexikaner statistisch gesehen die fettesten Menschen der Erde seien. Zwei von drei Menschen hätten Übergewicht und jeder dritte sei fettleibig. Ich zähle kurz durch und komme auf noch drastischere Werte. Das liegt aber wohl an meinem Standort vor einem Fast-Food-Stand in einer Stadt. Auf dem Land mag es anders aussehen – wir werden sehen.

Michael, zirka 40, Mexikaner, spricht mich auf englisch an. Das Übliche: Where’re you from? Why’re you here? Mein erstes Gespräch mit den Menschen von hier beginnt. Ich antworte auf spanisch, was Michael überrascht. Er antwortet dann auf deutsch, was mich überrascht. Michael arbeitet in einer internationalen Logistikfirma und spricht auch noch französisch und italienisch. Er fragt mich, was „I am proud to be a German“ auf deutsch heißt. Diese Frage überrascht mich und ich erkläre, dass das keine übliche Floskel ist und dass es nur wenige Deutsche gibt, die diesen Satz ohne politische Hintergedanken über die Lippen bringen. Unsere Geschichte schwingt dabei mit und es gab nun mal Zeiten, in denen dieser Satz bei uns nicht nur Identität stiftete sondern im Gleichklang gewollte Ausgrenzung und Aussonderung.

Erst seit der Fußball-WM 2006 im eigenen Land mit Klinsi als Trainer sind wir Deutschen wieder etwas freier und können uns über unsere Erfolge freuen. Und, ja, auch stolz sein auf uns und unser Land.

Michael ist sehr interessiert und honoriert, dass Deutschland in der aktuellen Diskussion über Russland einen mäßigenden Einfluss auf die USA ausübt. Mir wird klar, dass wir Deutschen momentan einen ganz guten Ruf in der Welt genießen. Aber wir sind wohl auch ein seltsames Volk. Warum wir nackt baden würden, wollte mein Gesprächspartner wissen. Die Mexikaner und vor allem die Mexikanerinnen würden nicht mal im Traum daran denken. Da ziehe ich blank. Keine Ahnung, ob das einen speziellen Grund hat. Wenn wir Lust haben, machen wir’s einfach, sage ich. Michael meint, dass das was mit unserer weißen Haut zu tun hätte. Wenn bei uns die Sonne mal scheine, müssten wir das auch ausnutzen, um so viele Vitamine wie möglich produzieren zu können. Ich finde das schlüssig und stimme ihm zu, wenngleich ein leichter Hauch von Skepsis meine Antwort ein wenig verzögert.

Das Gespräch, das in einem Kauderwelsch aus englisch, deutsch und spanisch stattfindet, macht mir Spaß. Nach rund einer halben Stunde verabschieden wir uns und ich gehe in irgendein Fast-Food-Restaurant, kaufe mir mein Tagesbelohnungs-Eis und kehre zum Hostel zurück.

Dort setze ich mich auf eine Mauer, kurz darauf gesellt sich Melanie, geschätzte 40, aus Napa Valley, mit einer Flasche Tequila zu mir. Sie kommt gerade aus Kuba, muss über Mexiko wieder zurück in die Staaten, weil Direktflüge aus Kuba nach USA nicht erlaubt sind, hat sich verliebt in die Insel und einen jungen kubanischen Professor, der sie aber gleich wieder verlassen hat und jetzt ist sie traurig und betrunken und findet alle Männer scheiße. Wir reden – na ja, ich höre ihr höflicherweise zu – über Sport. Sie gibt an, sie würde die 10 km in 36 Minuten laufen. Trotz zweier Schachteln Zigaretten am Tag. Na ja…

Ich bin mir unschlüssig, ob ich Mitleid haben muss oder die Von-sich-selbst-überzeugte-Ami-Tussen-nach-der-sich-alle-richten-müssen-Schublade öffne, sie dort reinstecke und dann wieder schließe. Aus Höflichkeit und auch aus Interesse bleibe ich noch ein wenig sitzen und bin gespannt, ob und wie sie ihre noch halbvolle Flasche Tequila ganz leer trinkt. Das dauert knapp zehn Minuten, dennoch kippt sie nicht um und fängt auch nicht an zu lallen. Eine Gelegenheitstrinkerin scheint sie nicht zu sein.

Ich verabschiede mich höflich und gehe zu dem Franzosen und dem Argentinier auf mein Zimmer. Ein Kroate ist noch dazu gekommen, der schläft aber schon. Gute Idee, ich dann auch. Ganz schön viele Eindrücke in den ersten drei Stunden hier.

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