Freitag, 6.2.2015: Von einer Passhöhe auf 1.000 hm über Utopia nach Cahabón

Die Nacht ist laut und nass, der Wind peitscht Regen ans Zelt. Ich konnte am Abend weder duschen noch mich waschen, immer war jemand da.

Etwas ist besonders bei den Mayas: Einer sieht dich immer – auch unterwegs. Der ruft oder pfeift kurz, dann sehen dich alle. Vor allem die Kinder. Ich kriege so langsam ein Gefühl für das Besondere dieser alten Kultur. Nach Chichen Itza und Tikal und auch meinen Begegnungen hier macht sich in mir der Gedanke breit, dass sie auf eine besondere Weise weniger Individuen sind sondern eher Wissens-, Glaubens-, Wohn- und Handelnsgemeinschaft.

Das deutete auch John im Hotel Kangaroo an, der ja mit einer Guatemaltekin liiert ist. Wenn in ihrer Familie etwas passiert, passiert das gleichzeitig mit allen. Und hier, im Urwald, habe ich das Gefühl, dass das auf die komplette Gruppe, über die Familien hinaus, ausgeweitet ist.

Am Morgen gegen vier kommen die ersten Collectivos, um die Arbeiter in die Mine zu bringen. Ich schlafe auf dem zentralen Platz, der auch gleichzeitig Treffpunkt für die Arbeiter ist. Sie sehen das Zelt, leuchten es an und reden darüber. Nachdem die ersten weg sind, kommen um fünf die nächsten. Das geht bis sieben, dann kommen die Kinder wieder.

Um halb acht stehe ich auf, packe zusammen und gehe rüber zum Dorfältesten, der mich am Abend noch zum Frühstück eingeladen hatte. Ich bin die Attraktion hier, kann nicht mal unbeobachtet pinkeln. Und das bei absolutem Schietwetter. Der Wind ist so stark, dass das Dach des Platzes nutzlos ist, der Regen kommt von der Seite.

Ich esse zum Frühstück den gleichen 5-Minuten-Nudeltopf mit Tortillas wie gestern abend. Und es gibt wieder einen lauwarmen Zuckerkaffee. Ich freue mich mit den Leuten, dass sie mir überhaupt etwas anbieten können.

Und wieder sind alle hier versammelt. Ich frage, ob ich etwas Geld für die Stromleitung da lassen kann und gebe dem Sohn 50 Quetzales, das sind rund sechs Euro.

Der Abschied ist herzlich, ich gebe allen die Hand und versuche, auf Kekchí “Adios” zu sagen. Ich hab’s schon wieder vergessen, der Begriff war viel zu lang und außerdem kann ich ihn sowieso nicht aussprechen. Wir lachen nochmal, dann fahre ich.

Ich muss noch ein paar Höhenmeter hoch, dann geht’s bergab. Die Piste ist so schlecht und der Lehmboden so glitschig, dass ich auch bergab schiebe. Die Regenmontur, die ich anhabe, ist schon bei der nächsten Hochschiebepassage unangenehm warm. Also packe ich das nasse Regenzeug auf die Packtaschen und schiebe weiter. Es ist so warm, dass der Regen nichts ausmacht. Die Leute hier laufen auch einfach so ohne Schutz herum.

Endlich habe ich die ganzen Laster hinter mir gelassen, ich habe immer wieder ganz lange Ruhe, bevor dann doch ein kleiner kommt, oder ein Moped oder ein Collectivo – das sind die Kleinbusse hier, die alle Leute aufpicken und wieder rauslassen, die das wollen.

Der Preis, den ich für meine Ruhe zahle, ist hoch. Es geht dauernd hoch und runter. Hochschieben, runterschieben. Und viele Passagen sind dabei so steil, dass meine Schuhe keinen Grip aufbauen und ich nur in Trippelschritten hochkomme. Und wenn der Grip da ist, dann zähle ich zehn Doppelschritte und mache dann eine Pause von fünf Atemzügen. So komme ich zwar langsam hoch, aber ich komme hoch. Und der matschige Lehm klebt alles fest. Vor allem setzt sich zwischen Schutzblech vorn und Reifen immer wieder alles zu.

Beim Bergabfahren klappert und scheppert dann die ganze Fuhre, so dass ich fürchte, die Packtaschen würden irgendwann abfallen. Sie halten aber. Dafür löst sich eine Schraube eines Flaschenhalters, was ich zum Glück rechtzeitig bemerke. Aber ich schaue alle paarhundert Meter, ob noch alles am Rad ist und rüttel mit den Händen an allen Anbauteilen, um zu prüfen, ob noch alles fest ist. Und schau an, den Ständer muss ich auch gleich nochmal festschrauben.

Hier im Hinterland spricht kaum jemand mehr spanisch. Meine Fragen nach dem Weg werden immer wieder mit Achselzucken beantwortet. Dafür kichern die Frauen häufig, wenn sie mich sehen. Die Kinder rufen “Gringo!” hinter mir her. Ich weiß nicht immer, ob das nun ein Schimpfwort ist oder eine Neckerei. Ich antworte meistens im gleichen Tonfall mit “Chico!”.

Die kleinen Läden hier haben vor allem extrem süße Getränke und salzige Chips in allen Variationen. Vor einem allerdings entdecke ich Bananen und kaufe gleich mal drei Stück, da ich Hunger habe. Ich frage den Besitzer nach einem Comedor, einer kleinen Küche, die es hier überall gibt und die ganz gutes Essen verkaufen. Er fragt, ob ich auch mit ihm und seiner Familie essen würde, was ich bejahe. Es ist wieder wie bei meinen letzten Gastgebern gestern abend und heute morgen: In der Hütte laufen Hühner rum, ein Hund schläft auf dem Boden und die Frauen und Kinder stehen am Herd. Der ist aus Stein und qualmt den Holzruß in die Luft. Alle leben hier den Tag über mit den Tieren. Der Fußboden ist die Erde, auf der die Hütte steht. Fließendes Wasser gibt es auch hier nicht, dafür große Krüge mit Wasser. Wenn ein Topf gewaschen ist, wird das Dreckwasser einfach auf den Boden gekippt. Es versickert halt. Ich frage nach der Müllabfuhr. Die gibt es hier in den Bergen nicht. Die Dorfbewohner verabreden sich unregelmäßig, bringen all ihren Müll zusammen und verbrennen ihn einfach. Organischer Müll landet direkt ohne Kompostierung in den Flüssen oder auf den Feldern.

Ich frage mich in solchen Situationen, ob wir es uns erlauben dürfen, mit den Fingern auf die anderen zu zeigen. Natürlich ist es falsch, die Umwelt über Gebühr zu belasten, aber was haben wir denn vor tausend Jahren und spätestens seit der industriellen Revolution gemacht? Ich werde wieder erinnert: Wir schimpfen auf Guatemala. Aber wofür wird, bitteschön, Nickel verwendet? Wo landet dieses Metall am Ende? In “unseren” Autos, Waschmaschinen, in unserem Konsum. Und dann auf afrikanischen Müllhalden. Den zerstörerischen Beginn und das dreckige Ende unserer Konsumkette blenden wir aus. Also dürfen wir solange nicht urteilen, bis wir selbst anfangen aufzuhören. Aufhören mit dem Konsumwahn, mit dem schneller, höher, weiter. Aber das ist Utopia. Und Utopia hat noch nie funktioniert.

Warum eigentlich nicht, und was funktioniert denn dann – verdammt nochmal? Alles, was ich bisher über Utopia gelesen oder gehört habe, basiert auf dem perfekten Menschen. Und irgendwann merkt der Utopianer, dass es zu viele nicht perfekte Menschen gibt, die aber auch in Utopia leben. Also schmeißt der Utopianer diese raus oder versucht, sie umzuerziehen oder gleich ganz zu töten – im Sinne des großen Ganzen. Und damit zerstört der Utopianer sein Utopia. Die Weltgeschichte gibt uns unzählige Beispiele. Nicht-Utopia tötet zwar auch, aber ohne Schuldzuweisungsmöglichkeiten.

Worauf können wir Menschen denn dann noch bauen, wenn wir nicht mal auf uns selbst bauen können?

Der Versuch einer Antwort – inspiriert vom guatemaltekischen Bergland: Hmm, vorausgesetzt, die Physiker haben Recht: Dann hat es rund fünfzehn Milliarden Jahre vom Urknall bis jetzt gedauert. Davon gibt es den Menschen – sagen wir: 150 Tausend Jahre. Das ist besser zu rechnen und sind überschlagene Nullkommanulleins Promille Menschzeit in der Raumzeit. Ich glaube nicht, dass sich diese Zahl signifikant erhöhen wird, bis der Mensch der Natur und dem Rest des Universums wieder Platz macht. Fatal? Klar. Hoffnungslos? Nein. Schließlich macht Denken Spaß und es gibt ein gutes Gefühl, zumindest eine Ahnung von einem möglichen Utopia zu haben. Und das wird kommen. Ohne uns. Vielleicht ist es das Paradies? Wer wirklich die Hoffnung für sich und die Menschheit behalten will, muss die rationale Hoffnung durch eine spirituelle ersetzen.

Um drei erreiche ich nach knapp 30 Kilometern Tagesetappe ziemlich ausgelaugt Cahabón, eine alte Kolonialstadt mit einer mächtigen katholischen Kirche, mitten in den Bergen. Eigentlich will ich heute noch nach Semuc Champey, aber das schminke ich mir ab, da das Höhenprofil dorthin nicht so ganz zu meiner derzeitigen körperlichen Verfassung passt. Ich baue mein Zelt im Garten eines alten Hotels auf, wo ich endlich duschen kann.

Das Betreiberpaar ist sehr nett. Das Hotel ist ausgebucht, ich bekomme aber den Platz, ein Abendessen und ein Frühstück. Über den Preis reden wir dann… genau: Mañana!

2 Gedanken zu „Freitag, 6.2.2015: Von einer Passhöhe auf 1.000 hm über Utopia nach Cahabón

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