Samstag, 7.2.2015: Von Cahabón nach Lanquin

Es regnet noch, ich lasse mir Zeit mit dem Frühstück, zumal ich heute nicht so weit fahren werde. Bis Lanquin sind es knappe 30 Kilometer. Der Zustand der Straße lässt sich ermessen, wenn man die Einheimischen fragt, wie weit das ist. Eine Stunde mit dem Auto, sagen sie. Kilometer-Angaben gibt es kaum hier in Zentralamerika. Das erinnert mich an Kanada. Dort fragte ich an einer Tankstelle nach der Entfernung zum nächsten Ort, um abschätzen zu können, wieviel Verpflegung ich kaufen musste. Eine Stunde. Wieviele Kilometer? Keine Ahnung. Eine Stunde mit dem Auto? Klar. Wie schnell fährt denn so ein Auto? Keine Ahnung – wie’n Auto halt. Ich kann mich gut an diesen Dialog erinnern, weil er mir so skurril erschien.

Ich brauche für die 30 Kilometer rund fünf Stunden – mit Pausen, Fotografieren, Quatschen, Bergauf-Schieben und Bergab-Schieben.

In Lanquin fahre ich direkt am Ortseingang an der Retiro Lodge vorbei, die mich geradezu festhält. Ich entscheide, hier meinen nächsten Ruhetag zu verbringen. Morgen fahre ich dann von Lanquin nach Semuc Champey, dem Natur-Ereignis.

Ich kann mein Zelt direkt am Fluss aufstellen, der an der Lodge vorbei fließt. In ihm steht ein Boots-Anleger, auf dem Tische und Bänke und Hängematten Chillen pur versprechen. Hier will ich bleiben.

Ich mache Bekanntschaft mit Iñaki aus dem Baskenland („¡Soy de pais vasco!“), der mich einlädt, zu sich zu kommen, wenn ich mein Portugal-/Nordspanien-Projekt realisiere. Wir reden über Fußball und Handball und warum wer gerade gut und wer schlecht ist. Auch wenn Iñaki betont, wieviele Basken in der spanischen Liga spielen – egal ob Handball oder Fußball -, jetzt ist er dann doch Spanier. Wäre er Katalane, könnte er noch bei Barcelona bleiben – auch egal ob Handball oder Fußball. Aber Bilbao als Team kennt international kaum jemand.

Jahrelang hat der spanische Fußball mit seinem Tikitaka-System der kurzen Pässe den Weltfußball beherrscht. Aber wie das nun mal mit den Systemen ist, wenn sie scheinbar unbesiegbar sind: Erfolg macht arrogant und lenkt von Entwicklungen der anderen ab. Und plötzlich bricht ein System in sich zusammen, weil der Gegner irgendeinen Transmitter zwischen zwei oder mehr Komponenten ausschaltet.

Komplexität macht Systeme schön, aber eben auch anfällig.

Ich liege in einer Hängematte, im Hintergrund höre ich argentinische Tango-Musik. Auf dem Anleger sitzt Ariel, ein Argentinier aus Buenos Aires, der Bandoneon, eine Art Akkordeon, spielt. Ich liebe diese Situationen auf Reisen. Die Musik begleitet meine Gefühle, meine Gedanken im Hier, in der Hängematte am Fluss. Glück. Für mich ist es wichtig, zu erkennen, wann ich nicht einfach nur zufrieden bin sondern glücklich. Glück braucht Nicht-Glück, um existieren zu können.

Ich trinke ein Bier mit Ariel – sein argentinisches Spanisch ist für mich schwer zu verstehen. Von ihm lerne ich, dass das Bandoneon ursprünglich aus Deutschland kommt. Das typischste der Tango-Instrumente kommt von uns. Na! Und der Name Bandoneon ist von einem Deutschen namens Band abgeleitet, der das Instrument erfunden hat.

Buenos Aires – das Zentrum des Tango. Ariel schwärmt von seiner Stadt und bittet mich, ihn zu besuchen. Dieser Gedanke begleitet mich in den Schlaf.

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