Mittwoch, 11.2.2015: Vom Lago de Güija nach Ahuachapán

Ich habe den Wecker auf sechs gestellt, pünktlich fängt er an zu spielen, um mich zu wecken. Die bellenden Hunde aus der Nachbarschaft haben das allerdings schon früher geschafft. Und die krähenden Hähne von überall noch früher.

Es ist ein schönes Gefühl, so früh am Morgen einfach aufzustehen, aus dem Zelt zu krabbeln und sich wohl zu fühlen. Die Sonne geht gerade auf und es sind locker über 20 Grad.

Nach dem Zähneputzen und meinen Yoga-Übungen packe ich meine Sachen zusammen und sitze bereits um sieben Uhr auf dem Fahrrad. Ich denke noch mal über gestern Abend nach. Der Wirt gab mir die Hand und sagte, es würde die Nacht über nichts passieren. Wahrscheinlich ist es so, dass ich mich entweder verstecken muss und gar nicht gesehen werde oder dass ich eben einen Pakt schließen muss mit den Leuten vor Ort.

Immer noch nicht habe ich ein einziges Mal das Gefühl gehabt, in unsicherem Terrain unterwegs zu sein. Allerdings hängen in Santa Ana, einer der größeren Städte El Salvadors, in einer Straße Turnschuhe über den Stromleitungen. Menschen machen sich überall in der Welt einen Spaß daraus, ihre ausgetretenen Schuhe über Kabel, Zäune, Bäume oder sonstige Haken zu werfen. In den Ländern Zentralamerikas hat dieses Zeichen auch noch eine andere Bedeutung: Hier stecken die Banden ihre Claims ab. Häufig gehörten die Schuhe, die dann über den Stromkabeln hängen, ausgeschalteten Rivalen.

Zu mir sind die Menschen ausnahmslos freundlich. Ich werde ganz häufig aufmunternd begrüßt oder behupt. Auch wenn das manchmal ganz schön laut ist und irgendwann auf die Nerven gehen kann, grüße ich immer wieder freundlich zurück. Auch die Menschen am Straßenrand, seien es noch so viele, werden von mir mindestens mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt. Nach einem kurzen Augenkontakt kommt dann das Antwort-Lächeln zurück. Vor allem bei den zurückhaltenden und schüchternen Kindern ist das dann immer wieder ein schöner Moment.

Unterwegs ist auch mal wieder eine längere Strecke Schieben angesagt. Schieben ist immer gut für Gedanken. Eine ehemalige Freundin von mir hatte mir mal vorgeworfen, ich wüsste nicht was Respekt sei und sollte doch mal im Duden nachschauen. Das habe ich getan. Aber der Duden gibt nicht mehr als eine allgemeine Definition und die korrekte Schreibweise her.

Ich hatte mir in der Tat vorgenommen, den Begriff während meines Urlaubs mal für mich genauer zu betrachten. Denn reden tun immer ganz viele Leute ganz viel über Respekt und Respekt ist auch durchgehend positiv besetzt, aber ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, was mit diesem Begriff wirklich gemeint ist. Die Definition aus dem Duden ist definitiv zu wenig.

Schön wäre es, wenn wir alle und alles respektieren könnten. Denn alles, was ist, also eine Existenz hat, hat diese ja zurecht. Und alles was ein Recht hat, ist zu respektieren. Also scheint es opportun, alles, was ist, also eben alles, zu respektieren.

So, das könnte es doch schon gewesen sein mit dem Respekt. Gut gegliedertes Argument, nichts einzuwenden, Schlussfolgerung steht und ist eingängig.

Das Problem mit der Universalität ist nur, dass wenn ein Begriff auf alles anzuwenden ist, er opportun erscheint. Denn was hilft uns der Begriff des Respekts, wenn er auf alles anzuwenden ist? Außerdem weiß ich immer noch nicht, was Respekt denn nun eigentlich wirklich ist.

Also frage ich einmal anders: was bedeutet es für ein Objekt oder ein Subjekt, das von mir respektiert wird, dass es von mir respektiert wird? Und was würde es im Gegensatz dazu bedeuten, wenn es von mir nicht respektiert würde? Kann man Respekt messen? Wenn ja, wie? Gibt es irgendwelche Bedingungen für Respekt? Wenn ich das herausgefunden habe, bin ich mir klar darüber, wen oder was ich respektieren kann und wen oder was ich eben nicht respektieren kann oder muss oder sollte.

Kurz vor Ahuachapán habe ich dann meine zweite Reifenpanne. Respekt hin oder her – das Zuendedenken verschiebe ich auf später. Diesmal ist das Hinterrad platt. Glück im Unglück: ich bemerke den schleichenden Plattfuß direkt neben einer Tankstelle. Das Rad wird in den schattigen Gäste-Bereich geschoben und nach dem Abnehmen der Packtaschen auf den Kopf gestellt. Zwei der Tankleute sind interessiert und beobachten meine Arbeit. Da ich mittlerweile etwas Routine habe, geht es sehr schnell von der Hand. Ruckzuck sind alle Züge abgebaut, der Kettenschutz demontiert, die Schrauben gelöst und das Rad ausgebaut. Der Reifen ist ebenfalls schnell von der Felge, der kaputte Schlauch wird auf das Loch inspiziert. Da der Reifen selbst einen kleinen Einschnitt mitten in der Lauffläche aufweist, kann ich das Loch im Schlauch recht einfach finden. Ich klebe einen Flicken drauf, baue alles wieder zusammen, pumpe den Reifen mit dem Luftkompressor der Tankstelle auf und bin innerhalb einer knappen halben Stunde wieder unterwegs. Vorher allerdings bedanke ich mich noch beim Personal und lasse ein paar Quarters da.

In Ahuachapán fahre ich zu einer Hotelempfehlung aus dem Lonely Planet. Das Hotel liegt an einem zentralen Platz, direkt gegenüber der Kirche. Der Empfangsbereich ist ein wärterloses Museum. Kunst aus El Salvador wird ausgestellt, vom massiv geschreinerten Tisch über zumeist sehr bunt gemalte Bilder bis hin zur fein ziselierten Metallfigur. Ich bin überrascht von der Fröhlichkeit, die die Kunst hier vermittelt.

Kunst hat ihren Preis. In diesem Fall der Zimmerpreis. 45 Dollar will die Frau an der Rezeption. Das ist mir zu teuer. In meinem Kopf blitzt es hin und her: Ist das Hotel voll belegt? Wie hoch sind die Grenzkosten für eine Übernachtung für das Hotel? Was bin ich bereit, für das sympathische Ambiente drauf zu legen? Ist mir die Frau von der Rezeption sympathisch? Wie kann ich meinen Respekt den Hotelangestellten hier gegenüber monetär bewerten?

Wir einigen uns auf 25 Dollar für ein Zimmer ohne Tageslicht. Ich kann duschen, Wäsche waschen und sie zum Trocknen aufhängen.

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