Donnerstag, 12. Februar 2015: Von Ahuachapán über die Ruta de Flores an die Costa de Bálsamo

Bumm! Peng! Sechs Uhr in der Früh. Bummbumm! Peng!

„Fuck, eine Schießerei!“

Ich schnelle hoch, ein Fenster, aus dem ich luken kann, gibt es in meinem Zimmer nicht. Ich öffne vorsichtig die Tür. Schaue raus. Niemand in der Hotellobby. Die Tür zur Straße ist offen. Peng! Ich zucke zurück. Vor der Tür zur Straße sehe ich Leute vorbeigehen. Normal gehend. Ich gehe zur Tür und schaue raus.

Irgendein Heiliger hat heute Geburtstag. Und direkt neben dem Hotel steht eine Kirche. Und in der Kirche steht ein Bildnis dieses Heiligen. Und dem Heiligen huldigen sie heute. Mit Böller- und Gewehrschüssen. Das geht den ganzen Tag so, sagen Passanten, die ich frage.

Ach, da ich nun schon mal wach bin und es wunderbar warm und dennoch morgenfrisch ist, packe ich meine Sachen zusammen und fahre einfach los. Ich freue mich auf die Ruta de Flores und den meditativen Anstieg, der sich in meiner Karte andeutet und der ein wohltuender Ausgleich für den frühen Schreck des Tages ist.

Am Ortsausgang von Ahuachapán treffe ich so einen Straßenhasardeur, der sich von Lastern den Hügel der Ruta hochziehen lässt, oben Waren abholt und diese mit so einer Art Lasten-Seifenkiste wieder nach Ahuachapán bringt. Das Ding – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll – ist allein schon beim Anblick ein Abenteuer. Die Räder sind aus Holz, umklebt mit Reifenresten. Gelenkt wird mit den Füßen, gebremst mit einem Holzblock, der über eine Eisenstange auf die Straße gehebelt wird.

Der Mann macht das schon seit rund zehn Jahren und hatte noch keinen ernst zu nehmenden Unfall. Zwei Schneidezähne sind mal durch einen unsanften Aufprall auf einen Baumstamm rausgeflogen, aber das war wohl nicht so schlimm. Na ja, alles ist relativ. Ich habe einen Schneidezahn beim Rückwärtssalto vom Dreimeterbrett im Schwimmbad verloren, weil ich nicht weit genug vom Brett weg sprang. Und ich fand das damals ziemlich scheiße und finde das auch heute noch, wenn ich mir beim Zähneputzen meine Krone anschaue.

Für Kronen haben die Leute hier kein Geld, also bleibt beim Lachen die Lücke zu sehen.

Nach einem Zehnminutengespräch bedauere ich, ihn nicht mit hochziehen zu können. Er wartet gerne am Straßenrand, gehört zu seinem Job und er grüßt viele Leute, die ihm regelmäßig begegnen. Dieser Mann zeigt mir mit seiner Einstellung, dass Epikur sehr wohl in den Hallen der Stoa hätte wandeln können.

Eineinhalb Stunden brauche ich nun für die 750 Höhenmeter, die noch an der Passhöhe fehlen. Fünfzehn Kilometer gleichbleibender Rhythmus. Ich liebe das.

Die Ruta de Flores ist eine Touristenattraktion. In den Orten, durch die sie führt, betteln viele Menschen um Geld. Das habe ich in Mittelamerika bisher so noch nicht gesehen. Die meisten Bettler sind auf Drogen und brauchen den nächsten Intake. Dem Seifenkistenfahrer gab ich einen Quarter, Junkies – soweit ich sie erkenne – möchte ich in ihrem Drogenkonsum nicht unterstützen.

Leider ist es ziemlich diesig, so dass ich die Aussicht vom 1.500 Meter hohen Pass der Ruta auf den Pazifik nicht wirklich spektakulär finde und meinen Fotoapparat stecken lasse. Dafür geht es dann rasant bergab bis Sonsonate.

Im Ort fahre ich an einer bilingualen Schule vorbei. Ich halte, drehe um und parke mein Fahrrad vor dem Eingangstor. Eine ehrwürdige Ordensschwester fragt, was ich wolle. Eine Englisch-Stunde halten, von meiner Reise auf englisch erzählen. Das biete ich ihr an.

Sie begleitet mich zur Oberin, die in einem ganz einfachen Zimmer ihr Büro hat. Leider sind die Englisch-Klassen noch nicht so weit, dass sie meine Erzählungen verstehen würden. Außerdem ist jetzt gerade Schulschluss. Die Oberin bittet mich, aufzustehen, nimmt ein Mikrofon und betet zum Mittag.

Schade, finden wir beide. Sie erzählt mir ein wenig vom Schulalltag und dass sie immer wieder vorsichtig sein müssten wegen der Drogenhändler. Diese würden immer jünger und träten an jede Schülerin und an jeden Schüler heran. Und in letzter Zeit würden sogar Mädchen mit Drogen handeln.

Die Frau macht einen pragmatischen Eindruck und weiß, dass das alleinige Legen der Probleme in Gottes Hand nicht helfen wird. Die Kirche verteufelt die Drogen zwar, die Schwestern klären dann aber doch auch über Hintergründe und Folgen auf. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, was die Schulschwestern gegen die Macht der Drogen tun. Sie hoffen, dass Gott aus vielen Tropfen einen Regenschauer macht.

Von Sonsonate zur Küste führt ein stillgelegtes Bahngleis, der Bahnhof in der Hauptstadt des Departamentos zeugt von den Zeiten, in denen die Amerikaner hier noch investierten. Nun ist alles verfallen, alte Loks und Waggons stehen hinter Gittern auf Abstellgleisen. Das Gleis entlang der Straße führt dicht an den Häusern der Leute vorbei, die hier wohnen. Hin und wieder bleibe ich stehen, um mir vorzustellen, wie das wäre, wenn hier noch Züge fahren würden. Das würde die Straßen entlasten, wird aber nicht wieder geschehen.

Das Gleis könnte zu einem tollen Radweg ausgebaut werden. Das denke ich jetzt und dann, dass ich meine europäische Mentalität einfach mal ausschalten sollte. Hier fährt niemand Rad, nebenan gibt’s eine Autobahn und Geld haben die Behörden hier nicht. Sie haben nicht mal eine eigene Währung. Ein Radweg zur Erbauung der Bevölkerung wäre so ziemlich das letzte, woran ein Politiker hier denken würde. Woran die Politiker hier überhaupt denken, weiß ich sowieso nicht so richtig. Der Ruf dieser Kaste ist in der Bevölkerung ziemlich schlecht.

Aber: El Salvador beeindruckt mich nachhaltig. Auch hier zwischen Bergen und Küste herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Autobahn nebenan ist eine Baustelle. Eine lethargische Tristesse wie in einigen Orten Marokkos kann ich hier nicht wahrnehmen. Was mir immer wieder auffällt, ist die Fröhlichkeit der Kinder. Wenn sie groß sind, gibt es hier auch einen Radweg. Daran glaube ich.

Zwei Kinder winken mir zu, als ich vorbeiradel. Ich winke zurück und bleibe stehen. Die Mutter ist auch da, sie frage ich ob ich die Kinder fotografieren dürfte. Klar – kein Problem. Ich drücke ein paar mal auf den Auslöser und zeige den Kindern die Bilder auf dem Bildschirm der Kamera. Sie freuen sich über ihr eigenes Bild. Noch mehr freuen sie sich über die Chicles, die Kaugummis, die ich wieder rausrücke.

Ich bin hin und hergerissen. Wenn ich den Kindern Kaugummis schenke oder den Erwachsenen einen Quarter, wenn ich sie fotografiere, dann lernen sie ja daraus. Es könnte sein, dass sie dem nächsten Touristen sogar anbieten, sich fotografieren zu lassen. Und dass das dann irgendwann zu einem Wettbewerb um die Touristen und die wertvollsten Geschenke wird. Oder dass sich die Menschen nur noch gegen Geld fotografieren lassen und somit die Verbindung zwischen Reisenden und Residierenden ausschließlich eine kommerzielle ist.

Auf der anderen Seite sind Menschen und Porträts auf Reisen das Salz in der Fotosuppe. Landschaft, Landschaft, Landschaft. Wunderbar und wunderschön. Aber was mir wirklich in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mit den Menschen. Die besonderen Momente, wenn klar wird, ob man sich sympathisch ist oder in gegenseitiger Skepsis distanziert bleibt.

Nach rund hundert Tageskilometern und sechs Stunden Fahrzeit erreiche ich ziemlich müde die Küste. Die Küstenstraße geht permanent rauf und runter. Ich kann irgendwie überhaupt nicht abschätzen, wo der nächste Ort ist und wo ich heute abend übernachten werde. Hunger habe ich jetzt. Vor allem, als ich an einem Comedor vorbeifahre, in dem gerade unter Palmendächern mit Blick auf den Ozean eine leckere Fischplatte serviert wird. Neben dem Comedor ist ein Mirador, ein Aussichtspunkt auf den Pazifik und seine Steilküste, die hier rund vierzig bis fünfzig Meter hoch ist.

Ich halte an und frage den Wirt, wie weit das nächste Hotel entfernt ist. Zwanzig Kilometer – eine Antwort, die ich nicht haben wollte. Oder gerade doch. Ich hake nach: Kann ich hier, bei dem Mirador mein Zelt aufschlagen und heute nacht hier schlafen? Ich würde auch ein großes leckeres Abendessen und morgen ein großes Frühstück essen. Und Bier trinken. Der Wirt lacht mich an und sagt, dass ich überall übernachten könnte und neben der Toilette auch eine Dusche sei. Ich freue mich, grinse über beide Ohren und bedanke mich herzlich.

Als erstes baue ich mein Zelt auf, direkt am Abgrund – einen anderen Platz gibt es nicht. Ein Stein fällt runter, ich schaue ihm nach und richte das Zelt so aus, dass der Eingang in Richtung Gebüsch zeigt. Dann kann ich aber nicht gut rein und raus. Also: Eingang zum Pazifik. Tolle Sicht mit Risiko. Zum Glück bin ich kein Schlafwandler und weiß in der Regel nachts, was ich mache. So bleibt’s denn dabei.

Die Dusche ist ein Wasserfass mit einem kleinen Eimer drin – ich kann mich waschen.

Ich bestelle einen Red Snapper mit Krabbensoße, zunächst zwei Bier und einen Liter Wasser. Kurz vor Feierabend rufe ich Esekiel, den jungen Kerl, der hier bedient, zu mir und frage ihn, ob er mit mir ein Bier trinkt. Er wischt noch eben die Tische ab und setzt sich dann zu mir. In dem Augenblick kommt auch Cesar. Cesar ist ebenfalls ein junger Kerl, nicht ganz so aufgeweckt wie Esekiel und insgesamt ein wenig mürrisch. Er setzt sich zu uns, ich will ihm auch ein Bier bestellen, aber er will nicht trinken, muss heute nacht noch wach bleiben. Cesar ist der Nachtwächter für den Comedor und wird auch auf mich aufpassen, das verspricht Esekiel.

Ich frage natürlich, warum hier überhaupt ein Nachtwächter aufpassen muss. Cesar holt eine lange Machete aus seinem Rucksack und legt sie demonstrativ auf den Tisch. Die beiden erzählen, dass die Maras, die kriminellen Banden, in El Salvador mittlerweile nicht mehr nur in den Städten ein Problem darstellen sondern auch auf dem Land. Vor allem junge Polizisten tun tagsüber ihren Dienst und gehen nachts auf Beutezug. Die Polizei ist nicht gut gelitten hier in El Salvador und wird eher als Problem gesehen denn als Lösung. Und einen Nachtwächter töten wird dann doch niemand, nur um in einen Comedor einzubrechen.

Cesar wollte auch Polizist werden, aber sie wollten ihn nicht. Jetzt ist er halt Nachtwächter – Rent-a-Cop, wie so viele Menschen hier in Zentralamerika.

Gegen neun Uhr abends packen der Wirt, seine Frau, bei der ich mich nochmal ganz besonders für das leckere Essen bedanke, und Esekiel ihre Sachen zusammen, schließen den Comedor und fahren nach Hause. Wir verabreden uns für morgen früh zum Frühstück. Ich stehe ebenfalls auf, verabschiede mich von Cesar und gehe in mein Zelt, in dem ich noch ein wenig dem Rauschen des Pazifiks zuhöre, bevor ich einschlafe.

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