Freitag, Samstag, 13./14. Februar 2015: Costa de Bálsamo bis Zacatecoluca und in die grüne Schildkröte

Warm ist es nachts im Zelt. Der Fels ist von der Sonne aufgeheizt und gibt diese Wärme gerade wieder ab. Außerdem fahren die Laster hier die ganze Nacht durch, so dass ich schlecht schlafe.

Na ja, meist ist es so, dass ich dann zwar nachts nicht ganz so tief schlafe, aber frühmorgens nochmal so richtig weg bin. Dann drehe ich mich auf den Bauch, zupfe mir mein Seiden-Inlett auf der Isomatte zurecht, schmeichel mich mit meiner Wange dran und falle wunderbar tief in den letzten Schlaf der Nacht – schon in der Vorfreude auf den kommenden Tag.

Meistens ist die Freude auch gerechtfertigt, so auch heute.

Ich frühstücke – wie verabredet – wieder im Comedor. Esekiel ist schon da und bedient einen Tisch mit guatemaltekischen Lastwagenfahrern. Ich setze mich zu ihnen, um ein wenig über das Leben der Trucker in Mittelamerika zu erfahren.

Die Jungs sind total nett, ich werde ausgefragt über meine Ziele, meine Familie und bis hin zur letzten Schraube meines Fahrrads. Somit kriege ich von deren Leben gar nicht so viel mit.

Am Ende ist es ein herzlicher Abschied: Der Chef des Comedor fühlt sich sehr geehrt, umarmt mich. Ich bin sehr überrascht, freue mich und lasse noch ein ordentliches Trinkgeld für Esekiel da.

Jetzt geht’s erstmal wieder weg von der Küste, in die Hügel der Costa de Bálsamo. Anstrengend ist es, und schön. Die Landschaft ist grandios, der Pazifik, den ich immer wieder sehe, strahlt eine ruhige Kraft aus, eine Kraft, deren Gewalt sich erahnen lässt.

Die Menschen sortieren sich ja gerne ein. Der eine Hamburger ist ein Alster-Hamburger, der andere ein Elbe-Hamburger. Der eine Berliner ist ein Wessi, der andere ein Ossi. Ich bin ein Pazifik-Möger, im Gegensatz zu den Atlantik-Mögern. Gut, der Atlantik bietet die Karibik. Aber ich halte den Pazifik für ruhiger, für gelassener, für kraftvoller und mächtiger als den Atlantik. Ich mag ruhige Kraft. Ich mag Leute und Sachen, die nicht angeben. Ich mag Leute und Sachen, die nicht launisch sind. Und der Pazifik ist weniger launisch als der Atlantik.

Heiß, es ist heiß. Es ist heiß und einer dieser heißen Tage, an denen ich eine übergroße Lust auf kalte Cola habe. Ich komme an einem Kiosk vorbei und kaufe mir eine kalte Cola. Das mache ich allerdings nur, wenn sie die heimischen Colas haben. Die heißen dann Tu-Cola oder Big Cola oder irgendwie anders. Kein Geld nach Atlanta, was nicht hierbleiben könnte. Außerdem sind mir noch die Human-Rights-Watch-Bilder der Kinderarbeiter auf den Zuckerplantagen El Salvadors im Kopf. Coca-Cola wurde damals als Killer-Coke angeprangert. Mittlerweile werden die sich wieder ein wenig grün gewaschen haben, aber die vielen Grundübel, die von dem US-Multi ausgehen, bleiben.

Ich sehe, dass der Kiosk gleichzeitig ein Friseurladen ist und spüre im Geiste kaltes Wasser über meinen Kopf fließen. Die Friseurin bittet mich in ihren Laden und freut sich auf die allerersten blonden Haare, die sie schneiden darf. Ich winke gleich ab: Einfach nur mit der Maschine oder Abstandhalter rüber. Kahl rasieren, das soll sie mich. Auf dem Kopf. Und den Urwald an Kinn und Wangen zurechtstutzen.

Ich genieße die Behandlung. Zum ersten Mal seit 1999 oder so sitze ich wieder mal auf einem Friseurstuhl. Seither rasiere ich mir den Kopf immer selber. Und zum ersten Mal lasse ich mir mit einem Rasiermesser den Bart stutzen. So ein Messer, mit dem die Handlanger der Mafia den Handlangern der Justiz gerne mal die Kehle durchschneiden. Ich bin in El Salvador und hier gibt es eine Mafia. Ich gebe mich der Auslieferung hin und stelle mir vor, in Palermo als kleiner Dealer im Salon von Don Corleone rasiert zu werden.

Meine Mafia-Patin schäumt meinen Bart ein und schärft das Messer auf klassische Weise an einem Ledergürtel.

Diese Plastikschürze, die die Friseure einem immer umwerfen, klebt an meinen verschwitzten und schweißgesalzenen Armen, ein ekliges Gefühl. Jetzt, wo ich jeden Luftzug als Erfrischung nehmen würde, staut diese Folie meine eigene Hitze unter sich und um mich.

Aber ich vergesse dieses Gefühl, da ich meinen Kopf jetzt nach hinten lege und kühles Wasser über Stirn und Schläfen an den Ohren vorbei über den Hinterkopf rinnt. Herrlich.

Nach einer halben Stunde ist diese Wellness-Behandlung vorbei und ich kann erstmals die Leute verstehen, die gerne in diese Wohlfühltempel gehen, um sich berühren und verwöhnen zu lassen. Ich zahle eineinhalb Dollar und nehme mir vor, meine Freundin mit Wasser zu massieren, wenn ich wieder nach Hause komme. Wellness im Fitness-Studio? Alles schön. Aber wie schön ist es, das von einem Menschen zu erhalten, den man liebt? Haben die Wellness-Fans niemanden zuhause, der das kann?

Nach neunzig anstrengenden Kilometern komme ich in Zacatecoluca an, einer größeren Provinzhauptstadt. Gleich hinter dem Ortseingang finde ich ein Hotel, das damit wirbt, 24 Stunden am Tag geöffnet zu haben. Ich frage nach einem freien Zimmer und zahle acht Dollar für die Nacht. Die kalte Dusche ist herrlich: Wellness, Teil zwei für heute.

Auf Wellness, Teil drei verzichte ich dankend. Ich wohne in einem Stundenhotel, in dem man mich normalerweise mit weiblicher Begleitung erwarten würde. Da ich die nicht habe, bietet mir der Mann an der Rezeption eine Gelegenheit, das auszugleichen. Gegen Geld, versteht sich. Ich lehne dankend ab und kaufe mir dafür eine kühle Flasche Pilsener.

Am Ende ist es in Ordnung. Ich kann meine Wäsche waschen und werde heute nacht von einem Rent-a-Cop bewacht. Mit Gewehr im Anschlag mal wieder.

Ich schlafe gut, auch wenn nachts immer mal wieder irgendwelche Gestalten an meinem Fenster vorbei huschen.

Frühstück gibt es hier – wie in den meisten Hotels – keins. Also mache ich mich fertig und fahre durch die Stadt. In einem Supermarkt hole ich mir Bananen, Kuchen und einen Kaffee. Mein Rad lasse ich einfach unbewacht draußen stehen. Das mache ich immer so. Selbst hier, in El Salvador, ist das kein Problem. Draußen schaue ich auf die Karte. Ich will in die Tortuga Verde, die grüne Schildkröte. Das ist ein Hostel, das im Reiseführer als Top-Spot angepriesen wird. Auch deren Internetseite verspricht langsames Leben und einfache Dinge, die einen sauberen und grünen Lebensstil in Harmonie mit grünen Schildkröten und anderen Meerestieren ermöglichen. Na, das ist doch mal was.

Allerdings sagen Straßenkarte in der Lenkertasche und Sonne am Himmel rund 120 heiße Kilometer voraus.

Ich suche nach einer Bus-Station, um vielleicht mit dem Bus nach Usulutan zu fahren und ein wenig abzukürzen. Aber hier in Zacatecoluca verstehe ich das Bus-System nicht. Es gibt mehrere Gesellschaften, die die Routen unter sich aufgeteilt haben. Ich finde heraus: Einen Bus nach Usulutan gibt es nicht. Nur nach Santa Ana. Da war ich aber schon. Ich könnte nach San Miguel fahren, über Apastepeque. Da will ich aber nicht hin. Und natürlich nach San Salvador. Da will ich erst recht nicht hin, außerdem liegt das hinter mir und nicht vor mir. Und außerdem nehmen die Busse hier keine Fahrräder mit.

Ich setze mich auf mein Rad, pfeife auf die 120 heißen Kilometer und fahre einfach mal los. Richtung Usulutan. Würde ich gerne. Also frage ich einige Leute nach dem Weg. Einige? Ja, einige. Wenn ich hier irgendwen nach dem Weg frage, sagen sie immer „Alla, alla, recto!“ (frei übersetzt: „Da so“),  mit einer winkenden Handbewegung, die so ausgeführt wird, dass alle Himmelsrichtungen gemeint und richtig sein könnten. „Este calle?“ frage ich dann mit einem ausgestreckten Zeigefinger in irgendeine Richtung und hoffe auf ein binäres „Si“ oder „No“. Meistens ist das Fehlanzeige. „Alla, alla, recto!“ heißt es. Dann schalte ich mein GPS ein.

Der Vulkan begleitet mich. Den ganzen Tag. Volcan de San Miguel. Majestät mit Krone, Orientierung für mich. Seine Erscheinung ist meine Richtung. Ich wundere mich über die Spiritualität meiner Gedanken. Die Menschen, die hier vor hunderten und tausenden von Jahren lebten, lebten mit den Meeren, den Wäldern und den Vulkanen. Diese Berge mit ihrer heißen Glut hatten besondere Bedeutungen für ihre Anwohner. Erhaben, bedrohlich, zumeist friedlich, manchmal mit einer Macht vernichtend, die unergründbar, unermesslich, unverstehbar war und immer noch ist. Also lasse ich mich vom Volcan leiten.

Und vertraue auf seine wohlmeinende Sicht auf mich.

Den ganzen Tag versuche ich, eine Mitnahmegelegenheit zu finden. Manchmal stelle ich mich an die Straße, wenn da schon andere stehen und auf den Bus warten, nur um festzustellen, dass dieser große Bus rappelvoll ist und mein Fahrrad auch nicht mitnimmt. Manchmal halte ich den Daumen raus, wenn ein Pick-Up vorbeikommt, nur um festzustellen, dass die Leute keine Lust haben, andere Leute mit Fahrrad mitzunehmen. Einer hält an und sagt, dass er mich gerne mitnehmen würde, aber es nicht darf, da er ein offizielles Auto der Regierung fährt.

Ich weiß nicht, was das Thermometer sagt. Viel, glaube ich. Weit über dreißig Grad. Die Leute in Zacatecoluca sagten, dass das hier der Hitzegürtel Zentralamerikas sei. Ich glaube ihnen. Und ich fahre erstmals trocken. Kein Wasser mehr an Bord und keine Ahnung, wie weit es bis zum nächsten Ort oder Kiosk ist. Mein Durst meldet sich und in einem dieser lang gezogenen Orte an der Straße frage ich eine Frau, wo ich das nächste Wasser bekommen könnte. Sie sagt, sie könne meine Flaschen mit ihrem Wasser füllen, sie hätte gerade frisches geliefert bekommen. Ich nehme das Angebot gerne an, zahle einen Dollar und fahre weiter.

Kurz darauf erreiche ich ein Kiosk, kaufe mir ausreichend Wasser für mich und meine Flaschen und lasse mir eine frische Ananas aufschneiden. Ich muss heute so ungefähr schon sechs Liter Wasser und Cola getrunken haben und war noch nicht einmal pinkeln unterwegs. Die Sonne zieht mir die Flüssigkeit aus der Haut, ohne dass ich schweißnass wäre. Zum Glück macht mir das nicht viel aus.

Noch rund zehn Kilometer bis zur Tortuga Verde. Selbst jetzt, am späten Nachmittag, kennt die Hitze keine Gnade. Und die Landschaft auch nicht. Es geht bergauf. Ich schiebe. Ich schiebe hoch, rolle kurz runter und schiebe wieder hoch. Pausenlos. Dann kommt ein hoher Hügel. Ich schiebe. Ein Pickup überholt mich und hält vor mir. Ich bin zu sonnensediert, um mir irgendwelche Sorgen oder Hoffnungen zu machen. Ein Salvadorianer steigt aus und empfiehlt mir, mit ihm über diesen Hügel zu fahren. Er fährt nach El Cuco, also ganz in die Nähe der grünen Schildkröte. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mitfahren will oder selber fahren will oder einfach nur hier stehen bleiben will. Das scheint er zu merken und klappt die Heckklappe seines Autos runter. Gemeinsam heben wir mein Rad mitsamt Gepäck auf die Ladefläche, steigen in die Fahrerkabine und fahren los.

So langsam begreife ich das Ganze und bedanke mich erstmal richtig. El Salvador habe sich in den letzten Jahren gemacht, sagt Jorge, mein Namensvetter aus El Cuco. Er spricht Englisch mit mir, hat zwanzig Jahre in Maryland, USA, gelebt. Dort sei es ihm jetzt zu gefährlich, sagt er. Als Nicht-Weißer könntest Du Dir nicht mehr sicher sein in manchen Gegenden der Staaten. Und das sagt einer, der dann nach El Salvador zieht. Weil es dort sicherer scheint als in USA! Na das ist doch mal eine verkehrte Welt. Ich denke ein wenig nach und kann nachvollziehen, dass aus Jorges Sicht das durchaus ernst gemeint ist.

Kurz vor El Cuco lässt Jorge mich dann raus und ich fahre locker bergab zur Tortuga, meiner Hoffnung, meiner Tagesinspiration, meinem Ziel!

Eine übergroße Flagge El Salvadors erwartet mich am Eingang zur Hostel-Anlage und mit ihr auch der Stolz eines geschundenen und ausgebeuteten Landes. Und Tom, ein freundlicher Amerikaner mit dem Esprit der 70er Jahre, der dieses kleine Paradies hier direkt am Pazifik-Strand aufgebaut hat.

Mein Zimmer teile ich mir mit Jean, einem Franzosen mitte dreißig, der zu Fuß und per Bus durch Mittelamerika reist. Er ist ein sympathischer Zeitgenosse, ruhig und ein wenig traurig wirkend. Er mag heute nicht viel reden, wir verschieben das Kennenlernen auf morgen früh beim Frühstück.

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