Sonntag, 15.2.2015: Ruhe für den Körper, Tumulte für die Gefühle

Noch vor dem Frühstück gehe ich zum Strand. Schwimme das erste Mal in meinem Leben im Pazifik. Kraft pur. Das, was ich gestern schon gesehen und geahnt habe, kann ich jetzt mit meinem Körper fühlen.

Als Triathlet und Ironman kann ich gut schwimmen und bin auch schon Wettkämpfe mit knapp vier Kilometern im Meer geschwommen. Nie hatte ich mir Gedanken gemacht über Strömungen, Wellen, Salzwasser. Viel gehört hatte ich schon von Leuten, denen vom Wellengang beim Schwimmen schwindlig oder schlecht wurde. Oder beides. Ich kenne das nicht.

Aber ich bin bisher auch noch nicht im Pazifik geschwommen. Hier ist ein Surferparadies. Das heißt, dass die Wellen schon recht ordentlich und kraftvoll sind. Und so gehe ich voller Respekt ins Wasser. Am Strand sind die Wellen eher klein und unscheinbar. Das ändert sich nach rund fünfzig Metern im Wasser. Jetzt werde ich zum Treibholz. Ich gehe mit den Wellen hoch und runter, schwimme den Stellen entgegen, wo sich die Wellen brechen. Die erste Welle kommt auf mich zu, die sich wahrscheinlich genau über mir überschlagen wird. Ich tauche ab. Ich höre erst das normale Gluckern, dann ein Rauschen und dann ist Ruhe. Über mir wurde es dunkel, jetzt ist es wieder hell. Ich tauche wieder auf. Wie gerne würde ich surfen und mit diesen Wellen spielen können. Die nächste Welle kommt, ich versuche, mich steif zu machen und einfach nur mit meinem Körper auf ihr zu surfen. Kläglich, der erste Versuch. Die Gischt zieht mir fast die Badehose aus. Auch der zweite und der dritte Versuch enden ähnlich. Ich versehe mich wieder auf’s Drunterdurchtauchen.

Nach einer halben Stunde lasse ich mich mit den Wellen wieder zum Strand treiben und gehe in mein Zimmer, um zu duschen. Jean, mein französischer Zimmergenosse, ist mittlerweile auch wach und wir gehen gemeinsam zum Frühstücken. Jean spricht nur wenig englisch, dafür allerdings sehr gut spanisch. Ich verstehe sehr gut spanisch und spreche sehr gut englisch. Wir einigen uns auf spanisch als Hauptsprache und ich darf hin und wieder ins Englische wechseln, wenn ich auf spanisch nicht weiterkomme. Das funktioniert gut.

Tortuga Verde I

Tortuga Verde I

Jean kommt aus Lyon und ist seit Weihnachten in Zentralamerika unterwegs. Allein, wie ich.

Seine Freundin, mit der er seit drei Jahren zusammenlebt, hat ihm gestern per Mail geschrieben, dass sie keine Perspektive mehr für eine gemeinsame Zukunft sieht und die Beziehung somit beendet. Jetzt ist mir auch klar, warum er so traurig und wortkarg ist. Und jetzt sitzt er hier mit einem Deutschen, der kein Wort französisch spricht und legt seine Gefühle auf spanisch offen. Ich weiß gar nicht wie ich reagieren soll, höre aber einfach mal zu.

Was ich verstehe, ist, dass es eine sogenannte Patchwork-Problematik ist. Jeans Freundin hat Kinder aus einer früheren Beziehung, Jean sieht sich nicht als Vater oder Vater-Ersatz. Sie fordert Entwicklung, er weiß gar nicht was damit gemeint ist. Sie fordert emotionale Resonanz, er weiß gar nicht was damit gemeint ist. Ich selbst kann mit diesen ganzen therapeutischen Begriffen sowieso nicht viel anfangen. Wenn eine Beziehung therapeutisch seziert wird, ist das meist der Anfang vom Ende.

Ich selbst kenne das mit diesen Patchwork-Beziehungen auch, bei mir hat es ebenfalls nicht funktioniert. Jean meint allerdings, dass das bei ihm gut funktionieren würde und dass diese Trennung absolut unnötig sei.

Dazu kann ich nicht viel sagen. Was mich aber wütend macht, ist die Tatsache, dass er mitten im Urlaub – aus heiterem Himmel – eine Mail erhält, die mit dutzenden verklärenden Worten irgendwelche Alibis auflistet. Ich finde so etwas feige. Ich bin für ehrliche Worte und für klare Trennungen, wenn es nicht mehr passt oder wenn die Gefühle weg sind. Aber per Mail über zehntausend Kilometer nach drei Jahren Beziehung? Und dann mit Begründungen, die der Gegenüber gar nicht versteht? Die auch noch suggerieren sollen, dass es an seiner mangelnden „Entwicklung“ liegt? Klar – ich kenne die Beziehung nicht und auch Jeans Freundin nicht. Aber die Art und Weise dieser Trennung finde ich nicht in Ordnung.

Was Jean am meisten zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass er hier keine Freunde hat, denen er sich anvertrauen kann, die ihn kennen und die mit ihm seinen Schmerz, seine Wut, seine Trauer teilen können. Das ist das Los des Weltenbummlers: Man lernt zwar überall tolle Menschen kennen, aber echte Freundschaften entwickeln sich daraus kaum. Die besten Freunde, die eigene Familie, die soziale Basis – alles ist zuhause, wo auch immer das ist. Ich weiß, dass ich Jean nie diese Rolle bieten kann. Er weiß das auch, fühlt sich aber dennoch erleichtert – allein dadurch, dass jemand zuhört und seine Gefühle und Gedanken nachvollziehen kann.

Das Leben meint es manchmal gut mit einem und manchmal nicht. Und Jeans Leben ist gerade nicht gut zu ihm. Aber er kommt am Ende klar, sagt er. Das erleichtert mich. Als Individualist, der er als Reisender nun mal ist, kann er immer wieder auf sich zurückfallen, sich immer wieder auf sich selbst und seine eigene emotionale Stabilität verlassen. Das kann ich nachvollziehen und von mir selbst auch so sagen.

Ich frage mich, wie ich in seiner Situation reagieren würde, was das mit mir machen würde. Ich weiß es nicht.

Manche Trennungen fielen mir leicht, manche schwer. Egal, ob von Frauen, Freunden, Jobs oder Möglichkeiten. Was haben sie letztlich gemacht? Mich stabiler. Und – komischerweise auch Lust auf mich selbst. Sie haben mir immer gezeigt, dass ich mich am Ende auf mich und mein Selbstwertgefühl verlassen kann. Bei aller Trauer oder aller Erleichterung war ich hinterher zwar immer allein, aber niemals einsam. Und habe immer eher die neuen Perspektiven für mich gesehen als die Verluste. Wer sagt denn, dass ein Glück immer ein Glück ist? Ein Unglück immer ein Unglück? Eine Trennung immer eine Trennung? Ein Anfang immer ein Anfang?

Ich versuche, Hermann Hesse auf englisch zu zitieren: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Tortuga Verde II

Tortuga Verde II

Ich suche mir eine Hängematte im Schatten und genieße die Stimmung. In mir und um mich herum.

Menschen und Beziehungen. Ich glaube, es gibt nichts, was uns mehr beschäftigt als wir uns gegenseitig untereinander miteinander. Vor allem, wenn wir diese Dynamik aufbauen, die Beziehungen haben können. Dynamik heißt immer auch Energie. Diese kann einen hoch hinaus tragen und auch tief fallen lassen.

Alleine können wir nunmal nicht. Selbst der überzeugteste Globetrotter braucht Menschen, braucht den anderen, in dem er sich wiederfinden kann. Wer in eine Reise oder in die Wildnis flüchtet, kommt nicht weit. Weil er sich selbst ja immer dabei hat. Wer hingegen eine Reise oder die Wildnis sucht, um sich selbst zu deuten, hat gute Chancen, etwas Wertvolles zu finden.

Den ganzen Tag chille ich ab, wie meine Söhne sagen würden. Hier passt dieser Begriff ganz gut.

In der Tortuga-Cosmic-Cocina koche ich mir immer wieder mal einen Tee oder einen Kaffee, allesamt von Kooperativen aus Zentralamerika. Tom, der Gründer dieses Kleinods ist etwas jünger als ich und ein schwuler Amerikaner von der Westküste. Wir schwärmen von der Flowerpower-Zeit der Siebziger, die er als Kalifornier natürlich viel intensiver erlebt hat als ich. Tom lebt ein tolles Prinzip: Wenn junge Leute – egal aus welchen Teilen der Welt – hierher kommen und irgendwelche Fähigkeiten mitbringen, die hier irgendwie verwendet werden können, dann zahlt Tom Essen und Aufenthalt und lässt die Leute einfach machen. So hat die Tortuga einen Web-Auftritt durch einen jungen Kerl aus Maine, einen Kompost durch einen Wissenschaftler aus Kalifornien, eine Küche durch einen Mexikaner, der auch noch Yoga für die Gäste anbietet. Comunity at it’s best.

Tom erzählt auch von den Anfängen der Tortuga, kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs. Was heute als Paradies durchgeht, war noch vor zehn Jahren ein einziger Improvisationskraftakt. Es gab nichts. Kein Geld, kein Material, kein Werkzeug, kaum Gäste. Aber es gab Idealismus, es gab Aufbruchstimmung. Und Nachbarn und Freunde. Das hat die Tortuga zu dem gemacht, was sie heute ist. Und Tom gibt viel von dem, was er von den El Salvadorianern bekommen hat, an sie zurück.

Am Abend, als alle Gäste weg sind, liege ich direkt am Strand in einer Hängematte und hänge meinen Gedanken nach. Sie kommen und gehen im Takt des Rauschens der Pazifikwellen. Ich schaue in den Sternenhimmel, sehe erstmals in meinem Leben einen Sternennebel. Ich erahne, warum unsere Galaxie Milchstraße heißt.

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