Montag, 16.2.2015: Von El Cuco/El Salvador nach Choluteca/Honduras

Jeans Situation beschäftigte mich noch eine ganze Weile in der Nacht – ich frage mich, wie es denn sein muss, wenn die Partnerin in der Beziehung keine Perspektive für sich sieht.

Was treibt uns denn nach vorn, wenn nicht die Perspektiven, die Erwartungen für und an die Zukunft? Ja, wenn in einer wichtigen und wesentlichen Situation für uns keine Perspektive erkennbar ist und sich das auf das gesamte Leben auswirkt, dann müssen wir uns wieder Perspektiven verschaffen. Oder wir werden depressiv oder verzweifelt oder fatalistisch.

Und da hat Hermann Hesse dann Recht (und meine Mutter auch): Ein Ende ist immer auch ein Anfang, etwas Neues mit neuer Perspektive.

Jean und ich umarmen uns zum Abschied. Er ist der erste Franzose, den ich kenne und der richtig sympathisch ist. Das sage ich ihm. Er weiß, wie ich das meine. Vielleicht sehen wir uns wieder in La Union oder in Nicaragua.

Ich bin im Brutkasten Zentralamerikas. Aus meiner Haut dringt höchstens noch das Mineralsalz, das ich eigentlich dringend brauche. Ablecken kann ich’s nicht, weil ich mich mit Sonnenschutz eingecremt habe. Wieder fahre ich von Kiosk zu Kiosk, von Wasserstation zu Wasserstation.

El Salvador ist ein stolzes Land. Seine Bewohner sind stolz auf ihr Land. Und sie wissen, dass der Frieden, den sie haben, noch sehr jung ist. „El respeto al derecho ajeno es la paz“ steht auf einem Bordstein. Der Respekt vor dem Recht des anderen ist Frieden. Benito Suarez hat das als ehemaliger mexikanischer Präsident und Freiheitskämper mal gesagt. Und dann die Erschießung des einzigen Kaisers von Mexiko persönlich angeordnet und überwacht.

Mir stellt sich bei solchen „Helden“ und „Kämpfern für die Freiheit“ wie Suarez oder Che Guevara oder auch Obama immer wieder die Frage, wann es gerechtfertigt ist, Menschen wissentlich und absichtlich zu töten – noch perfider: Töten zu lassen – und das als legitim und sogar legal zu verkaufen. Ist das Mord? Nein, Mord verlangt ja einen niederen Beweggrund. Und die Freiheit ist natürlich kein niederer Beweggrund. Also: Wenn ich im Namen der Freiheit töte, ist es kein Mord. Es ist – aus Sicht der Tötenden – ja sogar legal. Also kann es dann auch kein Totschlag sein.

Ja, was ist Töten im Namen der Freiheit denn dann, wenn es legal ist? Dann muss es wohl Notwehr sein. Wenn ich jemanden töte, der die Freiheit bedroht, dann handele ich also aus Notwehr.

Bleibt die offene Frage: Wessen Freiheit und überhaupt: Was ist das, Freiheit? Ist dieser Begriff überhaupt für alle Menschen auf dieser Welt mit einer einzigen Definition greifbar zu machen? Wenn ja, dann weiß jeder Mensch auf dieser Welt, wann er töten darf. Und weil er sich nur im Namen der Freiheit wehrt, muss er nicht mit Strafe rechnen.

Suarez den Kaiser, Guevara die Anhänger von Batista, Obama den Anführer von Al Quaida. Alles Notwehr. Alles legal. Alles für die Freiheit.

War Mexico danach freier? Kuba? Die USA?

Ich glaube, die Sonne kocht gerade mein Hirn im Kopf.

In La Union will ich mit irgendeinem Boot nach Honduras. Im Hafen findet gerade ein Fest statt. Ich frage nach einer Fähre. Es gibt keine, ich soll die Jungs auf den Lanchas fragen. Die Fischer sagen das typische „mañana, quizas“ – morgen, vielleicht. Damit fahre ich wieder raus aus La Union, nehme den Landweg in Richtung Grenze.

Die restliche Fahrt durch El Salvador bis Honduras ist eher unspektakulär. Ich bin bald auf der Panamericana, die erstaunlich ruhig ist: Kaum Verkehr.

An der Grenze in El Amatillo fallen die Geldhändler wie die Fliegen über mich her. Tauschen? Superkurs! Hast Du noch Quetzales? Tausche gegen Lempiras! Dollares? Kein Problem! Superkurs! Ich bleibe freundlich und wehre alle und alles ab. Passe auf, dass mir niemand zu nahe kommt.

Ein junger Mann mit irgendeiner Karte um den Hals kommt auf mich zu und überreicht mir ein Einreise-Formular, das ich auszufüllen habe. Er sei ein Grenzpolizist, das Formular koste zehn Dollar. Ich lasse mich auf nix ein und erwidere, dass ich erstmal die Formalitäten der Ausreise aus El Salvador klären müsse, bevor ich in Honduras einreise.

Und da habe ich tatsächlich ein kleines Problem am offiziellen Schalter. Ich bin bei der Einreise von Guatemala nach El Salvador wohl an der Einreisekontrolle vorbeigefahren, habe wohl vergessen, mir einen Stempel in meinen Pass drucken zu lassen.

Ich erscheine der Frau hinter der Scheibe aber offensichtlich harmlos. Sie fragt mich, wann ich ungefähr eingereist wäre, drückt mir zwei Stempel in den Pass und winkt mich durch. Ich gehe zum offiziellen Honduras-Einreise-Büro, zahle drei Dollar – honduranische Lempiras nehmen die gar nicht an – für den Stempel, nicht für das Formular, und fahre dann weiter. Mit Stempel, ohne Lempiras.

Es ist jetzt vier Uhr nachmittags, bis Choluteca, dem nächsten Ort mit Hotel, sind es noch rund 35 hügelige und heiße Kilometer, mein Hirn ist durchgegart und hier fahren permanent irgendwelche Busse nach Choluteca. Ich frage den Fahrer eines wartenden Chicken-Busses – so heißen die alten ehemaligen US-Schulbusse hier – ob ich mit meinem Fahrrad einsteigen könne. Kein Problem, anders als in Guatemala oder in El Salvador. Der Fahrer steigt aus, öffnet die hintere Tür und hilft mir beim Reinschieben des Rades.

Ich selbst setze mich weiter vorn hin, nah beim Fahrer.

So langsam füllt sich der Bus mit Einheimischen. Ein junger Mann setzt sich neben mich und beginnt ein Gespräch. Nach dem üblichen Wokommstduher, Wasmachstduhier, Wowillstduhin, Woistdeinefamilie frage ich nach dem Land Honduras und seinen Verhältnissen. Ich habe ungute Nachrichten gelesen über diesen Staat, der nach Haiti der zweitärmste in Mittelamerika ist und in dem mit San Pedro Sula die Stadt mit der wahrscheinlich höchsten Mordrate pro Einwohner liegt.

Mein Sitznachbar schämt sich für sein Land, in dem Polizei und Militär extrem korrupt sind. Er erzählt von einem zweijährigen Mädchen aus Choluteca, unserem Fahrtziel, dem von Polizisten die Kehle durchgeschnitten wurde, weil sein Vater kein Schutzgeld zahlen konnte. Ich kann das nicht nachprüfen, aber komplett verwerfen kann ich den Gedanken an solch grausame Taten auch nicht.

In Choluteca suche ich ein Hotel, möglichst nah an der Bushaltestelle. Es ist mitlerweile dunkel und da will ich mich nicht weiter in der Stadt aufhalten. Wie üblich, kriege ich nur vage Beschreibungen über die Richtungen, in die ich fahren sollte. Ich fahre einfach zur Hauptstraße und schaue rechts und links nach Schildern. Mein Hotel ist diesmal zwar kein Stundenhotel, aber ein Fahrerhotel. Hier übernachten LKW-Fahrer, denen es in ihren Kabinen zu gefährlich ist. Ich beziehe ein Zimmer, mein Fahrrad stelle ich in einem Abstellraum ab, das mir der Hotelmanager zeigt. „¡No hay problemas con ladrones!“ sagt der Manager, kein Problem mit Dieben hier. Etwas besorgt gehe ich ins Zimmer. Vorher frage ich noch, ob ich hier im Hotel etwas essen kann. Hier nicht, aber nebenan gibt es einen Comedor, eine Küche, die warmes Essen anbietet.

Nach der kalten Dusche – herrlich – gehe ich dann rüber. Der Comedor ist abgeschlossen, ein großes Gitter ist davor. Ich gehe zurück ins Hotel. Der Manager fragt mich, ob ich doch keine Lust hätte. Doch, antworte ich, aber es sei eben geschlossen. Er kommt mit mir mit und ruft einen Namen durch das Gitter. Eine ältere Frau erscheint, sie fragt er, ob es noch Essen gäbe. „¡Claro que sí!“

Mir wird aufgeschlossen, ich gehe in die Küche und setze mich an den großen Küchentisch. Werde gar nicht gefragt, was ich denn essen wolle, da es sowieso nur ein einziges Gericht gibt. Warum, weiß ich nicht, aber ich fühle mich vom ersten Moment an als würde ich in der großen Küche meiner Großmutter sitzen. „Junge, setz Dich erstema hin, denn krisste au was zu essen, damitte groß un stark wirs!“

Ich frage, ob es ein Bier gibt oder eine Kola – Nein, nur Wasser. Ist gut. Kurze Zeit später kommt eine jüngere Frau – so um die dreißig – in die Küche. Sie fängt sofort an, mit ihrer Mutter zu quatschen, begrüßt mich dann aber auch ganz freundlich. Wir kommen schnell ins Gespräch.

Margarita ist politisch sehr engagiert und arbeitet für eine Organisation, die Frauen hilft, die Gewalt in der Familie erfahren. Insbesondere die Ehemänner, die arbeitslos und perspektivlos sind, lassen ihre Wut und Verzweiflung häufig an den schwächsten Familienmitgliedern aus. Gewalt gegen Frauen ist in Honduras an der Tagesordnung. Wenn Frauen verschwinden oder gar getötet werden, interessiert das hier niemanden. Die Kinder werden dann von einer der Großmütter aufgezogen, Fragen nicht gestellt.

Mein Essen kommt. Es gibt – wie üblich – Reis mit schwarzen Bohnen und Rindfleisch. Lecker, aber ich kann mich gar nicht auf das Essen konzentrieren, bin gefesselt von dem Gespräch mit Margarita.

Sie muss extrem vorsichtig sein bei dem, was sie erzählt und vor allem, wem sie das erzählt. Politischer Widerstand wird im Keim erstickt in Honduras. Nirgendwo in Zentralamerika ist die Ungleichheit größer als hier, sagt sie. Es gibt wohl fünf Familien hier, in deren Händen Geld und Land liegen. Diese Familien steuern das Militär und den Politikbetrieb. Das Militär ist hier noch gefährlicher als die Polizei. Die Polizisten sind insofern korrupt, als sie selbst hin und wieder als Verbrecher, Räuber, Entführer oder Handlanger der Drogenmafia agieren. Das Militär hingegen läuft nicht wegen der Verbrecher oder fremder Mächte durch die Straßen sondern um Umsturztendenzen sofort zu erkennen und zu unterdrücken. Am schlimmsten sind die Militärs ohne Uniform. Sie spionieren das Volk aus und schicken dann ihre Kollegen in Uniform mit Waffen, um „aufzuräumen“.

Das Leben in Honduras ist schwer. Die Preise rennen davon, selbst wenn Geld vorhanden ist, muss das nicht heißen, dass es dafür etwas zu kaufen gibt. Wer etwas verkaufen will, muss vermehrt Schutzgelder zahlen. An die Jugendbanden, die Maras. Hier in Choluteca machen sie sich auch langsam breit, importiert aus Tegucigalpa und San Pedro Sula, der Hochburg der Drogenmafia hier in Honduras – wenn nicht in ganz Zentralamerika. Das Volk wird ungeduldig.

Man bräuchte jemanden wie Merkel. Die ist berühmt hier. Deutschland kommt extrem gut weg – in allen Ländern, in denen ich bisher war. Es fällt mir schwer, von unserer eigenen Korruption zu berichten, die bei uns nicht Korruption heißt sondern Lobbyismus und eine noch viel perfidere Art von Manipulation und Vetternwirtschaft darstellt als die offene Korruption.

Meistens gelingt mir das dann doch anhand der Beispiele, die ich ja selbst kenne – schließlich arbeite ich in der Energiewirtschaft. Da gibt es einen ehemaligen Ministerpräsidenten, der plötzlich Vorstand bei einem großen Baukonzern ist. Da gibt es einen ehemaligen Bundeskanzler, der seine Verbindungen zu Putin nutzt, um in irgendwelchen Gremien und Vorständen russischer Energiefirmen zu sitzen, die er vorher bereits als Bundeskanzler „wohlwollend“ begleitet hat. Da gibt es einen ehemaligen grünen Außenminister, der lukrative Pöstchen bei BMW und Siemens hat. Da gibt es einen ehemaligen Kanzleramtsminister, der jetzt Bahnvorstand ist. Das alles ist abstoßend, diese Menschen erniedrigen sich letztlich selbst und machen sich und ihre ehemalige Sache klein.

Aber im Gegensatz zum honduranischen Volk hungert das deutsche Volk nicht und akzeptiert diese Maschen klaglos. Ein sattes Volk rebelliert eben nicht.

So kann ich diesen bewundernden, durch die eigene Situation verklärten Blick auf mein eigenes Land immer mal wieder klären und die moralische Differenz, die die Menschen hier gegenüber uns Deutschen fühlen, etwas verkleinern. Ich halte das für angemessen und zeige damit, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die politisch denken und nicht immer alles abnicken, was die Regierung und die Medien ihnen hinwerfen.

Margarita und ich verabreden uns für halb acht morgen zum Frühstück.

In der Nacht beißt mich eine dieser großen roten Ameisen tatsächlich genau in den Sack. Das tut höllisch weh, ich schrecke aus dem Schlaf und bin erstmal hellwach. Der Schmerz verfliegt schnell, aber die Sorge um eine Invasion der Riesenameisen begleitet mich in einen unruhigen Restschlaf.

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