Donnerstag, 19.2.2015: Von Masatepe nach Granada

Eigentlich will ich um sechs Uhr losfahren, aber mein Magen macht mir zu schaffen. Außerdem habe ich schlecht geschlafen, die Laster fahren fast durch’s Hotelzimmer. Und private Probleme aus der fernen Heimat sorgen für ein stetes Kopfkino.

Um sieben stehe ich dann doch auf, schmeiße eine Imodium ein und packe meine Sachen. Nützt ja nix, wie der Münsterländer so schön zu sagen pflegt.

Ich beschließe, heute nur rund 25 Kilometer bis Granada zu fahren und morgen dann weiter zur Isla Ometepe. Meine Nicaragua-Karte zeigt mir, dass ich von den Pueblos Blancos einfach auf die Hauptstraße abbiegen kann und dann direkt über einen kleinen Knick nach Granada gelange. Die Routingfunktion meines GPS schlägt mir allerdings einen Weg im Hinterland, direkt an der Laguna Apoyo entlang, vor. Ich bin skeptisch, schließlich hat mich bisher jede Routingfunktion irgendwann in eine Sackgasse, vor einen Bahndamm oder in militärisches Sperrgebiet gelotst. In Kuba endeten Lennart und ich schließlich im Gefängnis.

Aber warum nicht? Schließlich habe ich heute genügend Zeit für die paar Kilometer und selbst wenn ich 25 Kilometer schieben müsste, wäre ich in 5 Stunden in Granada.

Und siehe da: die Route ist zwar sehr holprig und staubig, aber es fahren weder Laster noch Autos hier. Hin und wieder kommt mir mal ein Tucktuck entgegen oder ein Ochsengespann oder Kinder auf ihren Farrädern. Ich habe stets wunderbare Blicke in die Lagune. Diese ist ein Kratersee, der rund 200 Meter unter mir die Sonne spiegelt. Leider ist es ziemlich diesig, so dass ich nicht so schöne Fotos schießen kann.

Und da ich gestern auf rund 500 Meter Höhe geklettert bin, geht es heute weitestgehend bergab. Also: Fahrradfahren kann ich auch. Aber das Material, die Arme, die Schultern und mein Kreuz werden ganz schön durchgerüttelt.

Gegen Mittag erreiche ich die älteste Kolonialstadt Zentralamerikas und suche mir ein Hostal in einem dieser alten Gebäude, das viele Zonen zum Chillen bietet. In einer Hängematte döse ich dann ziemlich schnell ein und werde erst am späten Nachmittag wieder wach.

In Granada selbst findet gerade eine Buchmesse statt. Ich schlendere auf die Plaza Central, stöbere ein wenig in den Regalen und bin überrascht, wie viele politische Bücher hier verlegt werden. Viele von ihnen setzen sich mit der gewalttätigen Vergangenheit dieses Landes auseinander. Nicaragua selbst hatte nie eine Chance, sich von den Interessen großen Mächte zu befreien. Beim Blättern in den Büchern erinnere ich mich wieder an viele Schlagworte aus den achtziger und neunziger Jahren. Die Geschichte der sandinistischen Bewegung, der Iran-Contra-Skandal unter Reagan, der Versuch der CIA, die nicaraguanischen Häfen zu verminen, die Somoza-Diktatur mit der Aneignung von Ländereien, so groß wie El Salvador. Aber auch die deutsche Geschichte wird beleuchtet: Wie konnte ein Familienmensch wie Himmler eine solch menschenverachtende Idee wie die „Endlösung“ entwickeln und zur Umsetzung anweisen?

Ich glaube, ich unterschätze dieses Land und sehe es „nur“ als Transit nach Costa Rica an. Nicaragua hat eine sehr lebendige Kunstszene, auch das zeigen die Bücher. Und es hat Natur, ist sehr dünn besiedelt. Die komplette Atlantikseite ist zum größten Teil unberührter Regenwald. Aber da kommt man nur per Schiff oder Flugzeug hin.

Vielleicht fahre ich dann nach dem Lago Nicaragua mal in Richtung Karibik, bevor ich nach Costa Rica einreise.

An meine kulturellen Eindrücken schließen sich noch einige soziale und kulinarische Eindrücke an. Ich habe Lust auf einen Kaffee und gehe ins Café de las Sonrisas, das Café der (verschiedenen Arten zu) Lächeln. Dieses Café wird von einer Organisation betrieben, die taubstummen Menschen eine Erwerbsarbeit ermöglicht. Hier wird neben dem Cafébetrieb auch produziert. Hängematten, Sitzkissen und Decken stellen die zumeist jungen Leute her. Im Café selbst sind die wichtigsten Gebärdensprach-Gesten an die Wand gemalt. Sie reichen aus, um zu zeigen, wie man aus der Speise- und Getränkekarte des Cafés bestellt, die Rechnung ordert und Höflichkeiten ausdrücken kann. Es wird ausdrücklich darum gebeten, sich vor der Bestellung mit der Gebärdensprache auseinanderzusetzen. Und die einfachste Geste ist ein Lächeln. Daher der Name des Cafés.

Ich versuche es mit einem normalen gebrühten Nicaragua-Kaffee in Gebärdensprache und bin gespannt, was ich nun kriege.

Es hat funktioniert, vor mir duftet eine Tasse schwarzen Kaffees mit wunderbar kräftigem Aroma.

In einer der selbst gemachten Hängematten liege ich nun und lese noch ein wenig im Reiseführer. Am liebsten würde ich gern ein wenig wegdösen, aber dazu ist es schon zu spät, das Café schließt gleich.

Auf dem Rückweg zum Hostal begegnet mir ein Trauerzug. Ohje, allein die Musik macht mich traurig – egal, wer da gestorben ist. Das nenne ich mal stilvolle Beerdigung. Eine Leichenkutsche mit Trauerzug hinten dran, angeführt von einer Kapelle mit Jungs, die so spielen, dass man nicht weiß, ob die Musik jetzt so gespielt werden muss, wie sie gespielt wird, damit sie traurig klingt oder ob sie so verzweifelt gespielt wird, dass sie so traurig klingt, wie sie eigentlich gar nicht klingen sollte, da das ganze eigentlich gar keine Trauermusik ist. Am Ende ist das unwichtig und einfach nur Trauer.

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