Freitag/Samstag, 20./21.2.2015: Von Granada zur Isla Ometepe und Ruhetag am Vulkan

Die ganze Stadt wird von einer Blasmusik-Kapelle geweckt. Fehlende Präzision beim Ansatz und beim Treffen der Töne machen die Spieler durch Engagement und Pustekraft wieder wett. Sie marschieren direkt unter dem Fenster meines Dormitorios entlang. Und Fenster haben hier in Granada keine Glasscheiben oder irgendeinen nennenswerten schallisolierenden Effekt.

Und durch dieses Fenster fällt kein einziger Lichtstrahl, das heißt: Es kann nicht mal halb sechs sein. Nach rund einer halben Stunde schlafe ich wieder ein. Vorher schalte ich noch den Wecker aus, Schlaf ist wichtiger als früh los kommen.

Zum Frühstück bestelle ich mir wieder einfach nur Toast, Butter und Marmelade. Und natürlich den obligatorischen Kaffee. Es ist soweit: Ich kann diese Bohnenpampe, Rühreier mit Schinken oder Fleisch und gebackene Bananen nicht mehr sehen.

Das frühe Granada mit seiner klaren Morgenluft lädt die Augen viel eher zum Schauen und Staunen ein als das diesige, heiße Nachmittags-Granada. So bleibe ich dann auch noch oft stehen und fotografiere ein wenig bevor ich die Stadt in Richtung Süden verlasse.

Stadtauswärts geht es zunächst bergauf. Um Kräfte zu sparen und meiner Orthopädie ein wenig Abwechslung zu gönnen, schiebe ich, und um im Schatten zu schieben, wechsel ich die Straßenseite. Mir kommt ein Amerikaner auf einem alten Mountainbike entgegen, der anhält. „Why are you walking?“ schlägt es mir in breitem texanischen Dialekt völlig naiv entgegen. „Because I’m long time travelling, not racing for a today’s goal.“ Seine Augen haben jetzt etwas von dieser Sanduhr, die bei Windows immer läuft, wenn der Computer denkt. „And why are you walking on this side of the street?“ kommt gleich der nächste Klopfer. Sesamstraße wirkt: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Ich anerkenne das ehrliche Interesse und antworte ernst: „Because the sun shines, it’s exhaustingly hot and the shadow is on this side!“ Diesmal läuft die Sanduhr nicht so lange. Ich warte auf die Standardfrage der Amis nach dem Grund, zu radeln, wo es doch Autos und Busse gibt. Die bleibt aus, vielleicht weil er selbst gerade radelt – aber selbst das ist für einen echten Ami kein Grund, Reiseradler zu verstehen. Der Typ hat was von Lance Armstrong in seiner Art und seinem Aussehen. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit die US-Amerikaner die Menschen hier einfach so auf englisch ansprechen, unterstellend, dass jeder englisch spricht. Aber auch ansonsten kommen die Cowboys und -girls aus dem stärksten Land der Welt überhaupt nicht gut weg bei mir, hier in Zentralamerika. Mir geht dieser Kaugummislang, der mir allerorten ins Ohr kriecht, langsam auf den Geist.

Der Transitverkehr ist auf der Straße, die ich heute nehme, sehr dicht. Die großen Trucks können einem schon Angst einflößen. Sie donnern mit hoher Geschwindigkeit und kaum nennenswertem Abstand an mir vorbei, es gibt nur eine Fahrspur pro Richtung und keinen Seitenstreifen. Wenn sich also zwei Laster auf meiner Höhe treffen, wird es eng für mich. Und bremsen oder Geschwindigkeit reduzieren will hier keiner. An einer Baustelle, die die Gegenfahrspur absperrt, kommt mir so ein großes Ding auf meiner Spur entgegen. Der Fahrer hupt nur mal kurz, nimmt ansonsten aber keine Rücksicht. Ich frage mich, warum hier so wenig passiert. Ich muss jedenfalls höchst aufmerksam bleiben, darf mir keine Ablenkung vom Verkehr erlauben.

Ich überlege ernsthaft, die Panamericana in Südamerika mit meiner alten 75/5 zu fahren – das ist wohl wesentlich sicherer als mit dem Fahrrad. Aber… Nee. Höchstens, wenn die Beine nicht mehr wollen.

In einer Bar will ich was Kühles trinken, treffe drei Reiseradler aus Montreal, Kanada. Vater, Mutter, Tochter. Die Eltern sind in etwa in meinem Alter, die Tochter ist irgendwo zwischen 20 und 25.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn sich nicht ein gutes Gespräch entwickeln würde. Die Alten sind trotz ihres jungen Alters bereits in Rente und erfreuen sich ihres Reichtums, den sie während ihres Berufslebens angehäuft haben. Sie wirken überhaupt nicht arrogant, machen das, was ich an ihrer Stelle vielleicht auch machen würde. Waren letztes Jahr für sechs Monate mit den Rädern unterwegs, von Istanbul bis Amsterdam.

Wir sprechen über die Skepsis, die sie selbst haben, da durch ihre freie Wahl, machen zu können, was sie wollen, die eigentliche Vorfreude fort ist. Es ist wie mit den Jahreszeiten: wenn man den Frühling und den Sommer mag, dann doch genau deshalb, weil man den Herbst und den Winter ebenfalls erlebt, vielleicht sogar erleidet. Wenn man permanent im Frühling oder Sommer lebt, verlieren diese besonderen Jahreszeiten irgendwann ihren Wert.

Das Besondere kann ohne das Gewöhnliche nun mal nicht sein.

Nach dem Gespräch denke ich noch weiter. Ich frage mich, was es mit mir machen würde, wenn ich für meinen Lebenserwerb nicht mehr arbeiten müsste. Würde ich dann wirklich nicht mehr arbeiten? Ich würde sicherlich arbeiten, vielleicht nicht für meinen Erwerb. Aber selbst das wäre ein gänzlich anderes Gefühl, als das, arbeiten zu müssen. Wenn ich all meine Obligationen aus meinem eigenen vorhandenen Kapital bedienen könnte, könnte ich mir dann freie Zeit nehmen, wenn ich sie bräuchte. Ich müsste nicht dafür kämpfen, ich müsste sie mir nicht einteilen, ich müsste nicht dafür bezahlen. Freie Zeit wäre kein knappes Gut mehr. Und Güter sind umso wertvoller, je knapper sie sind. Also hat freie Zeit, wenn sie denn im Überfluss vorhanden ist, keinen Wert. Ich müsste freie Zeit künstlich rationieren, um ihr wieder einen einigermaßen angemessenen Wert zu geben.

Außerdem wird, wer nicht mehr kämpfen muss oder sich nichts einteilen muss, schnell müde und dekadent. Auch das ist für mich kein erstrebenswerter Zustand.

Auf der Höhe der Isla Ometepe biege ich links ab, Richtung Fähre zur Insel. Diese erwische ich gerade noch so im letzten Moment.

Mein Fahrrad kommt einfach mit an Deck, ich lehne es zunächst an ein Geländer. Der Wind ist extrem heftig heute, der See aufgerauht wie die Ost- oder Nordsee. Das bringt die Fähre zum Schaukeln. Glücklicherweise habe ich keine Probleme mit der Seekrankheit.

Mein Fahrrad fällt um, ich lasse es liegen, da es wohl wieder umfallen würde, wenn ich es hinstellen würde. Der Kahn schaukelt extrem. Immer wieder spritzt uns die Gischt nass, einige Leute fangen bereits an zu frieren. Die näher kommende Insel gibt ein bedrohliches Bild ab. Die Gipfel der Vulkane sind in dunkle Wolken gehüllt, man könnte meinen, es sei Rauch und sie würden gleich beginnen Feuer zu spucken.

Immer wieder muss der Kapitän der Fähre beidrehen und seine Richtung verlassen, um den Rumpf senkrecht zur Fließrichtung der Wellen zu stellen. Das lässt uns zwar extrem längswärts schaukeln, verhindert aber das Kentern.

Auf der Insel suche ich mir ein Hostal gleich im nächsten Ort, es regnet ein wenig bei meiner Ankunft. Eigentlich wollte ich noch rund dreißig Kilometer fahren, um den Top-Spot des Lonely Planet anzusteuern. Aber das schenke ich mir, am Ende ist es mir egal, wo ich meinen Ruhetag verbringe. Mein Hostal wird von einer Kooperative indigener Nicaraguaner betrieben, die von dort aus auch ihrer Landwirtschaft und Imkerei nachgehen.

Ich belege ein Einzelzimmer und kann mein Fahrrad mit aufs Zimmer nehmen. Das passt mir gut.

Nach dem Waschen meiner Wäsche in der Waschküche döse ich noch ein wenig in einer Hängematte im Hostal-Garten und gehe dann auch bald ins Bett.

Der nächste Tag ist ein Ruhetag auf der Insel und er ist – entgegen meiner ursprünglichen Planung – ein echter Ruhetag. Ich hänge den ganzen Tag einfach nur ab, gehe nur abends mal kurz an den kaum vorhandenen Hafen, um zu schauen, wann meine Fähre morgen fährt.

Ich lerne ein wenig Spanisch und Epistemologie. Schließlich will ich ja wissen, was ich weiß und wie und warum.

So ist der Tag zumindest gefühlt alibimäßig produktiv. Und selbst wenn nicht: Mañana entonces, dann eben morgen.

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